Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 43 (4.11.1904)
- Date
- 1904-11-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Lene 4. Die Wahrheit Nr. 43. noch als Lieger hervorgehen sollte, würde sie keineswegs dadurch die Allmacht der hilfreichen Gottheit, sondern die Zuchtrute der über die ganze sündige Menschheit erzürnten Gottheit offenbaren. Das Prestige, das sich hier aber in der grauenhaften Belenchrung des ostasiatischen Kriegsbrandes so erschreckend hervortut, spuckt leider allzusehr auch noch in anderen europäischen Landen. Warum treiben die Czechen schon so viele Jahre hindurch die reichszerstörende Obstruktion? Für das Prestige, wie die czechischen Führer nunmehr so ohne Scham eingestehen. Man soll erfahren, dass die Czechen den Wohlstand Oesterreichs eben so wie die Deutschen gefährden können. Woher kommen die judenfeindlichen Gesinnungen der Konservativen und Klerikalen? Sie kämpfen um das Prestige der Kirche, welches Wohlstand, Geist, Tüchtigkeit der Juden ausschließt. Wofür kämpfte die Majorität des Landtages in dieser Saison? Für das Prestige der christlich-sozialen Partei und ihres Führers Dr. Karl Lueger. Ihre Macht, ihr Einfluß, ihr Erfolg soll bei Verleihung von Stipendien kund werden. Denn den Juden kann es doch wesentlich keine Einbuße machen, wenn sie zu den vielen Stipendien, die sie sonst auch nicht erhalten, noch die zwei verlieren. Es wird wohl viele Gemeinden gegen die Partei erbittern, wenn die um die Zukunft ihrer Kinder besorgten Väter jeden Einfluß auf die Wahl der Lehrer verlieren, aber es wird das Prestige der Partei erhöhen, wenn der von ihr erwählte Landesausschuß Zuchtmeister des freistrebenden Geistes in die Pflanzstätten der Jugend als Erzieher entsendet. Warum gehen russisch und christlich-sozial gesinnte Juden zur Taufe? Sie streben nach dem Prestige, da ihnen ihr Ansehen als Juden zu geringe erscheint. Von allen diesen Kriegshelden um das Prestige gilt noch heute das beherzigenswerte Wort der alten jüdischen Weisen: Kol liarodepH acliar hakabod. hakabod boreach mimenu! Alle, die dem Prestige, der Gaukelei, der Täuschung nachlaufen, verlieren unfehlbar ihr besseres menschliches Prestige, wer aber unbekümmert um das Prestige den Weg der Gerechtigkeit wandelt, dem Siege der Gerechtigkeit vertraut, der gewinnt das Prestige, das er nicht gesucht. Darf ich mirs nun erlauben, nach solcher Ueberschau über unsere Zeitereignisse einen Blick auf unseren uralten Wochenabschnitt hinzulenken? Abraham kümmert sich nicht um sein Prestige. Er baut auf die Gerechtigkeit. Von ihm rühmt der Prophet, daß er der erste Mensch auf dieses Prinzip hingewiesen hat: Wer war es, der im Osten das Gerechtigkeitsgefühl erweckte, es zuin treuen Begleiter im Leben berief? Er weiß seinen Söhnen nur einen Lebensweg zu raten, daß sie treu den Weg des Ewigen befolgen — Gerechtigkeit zu üben. Im Rathause der Söhne Cheth verzichtet er mit schlichten geraden Worten auf jedes Prestige. Ihr nennet mich einen Fremden, einen Inwohner, ich sei es, gebet mir als Menschenbrüder eine friedliche Grabstätte für meinen Toten! Da fahren sie alle beschämt von ihren kurulischen Stühlen auf und rufen: Du ein Fremder? Du ein Inwohner? Ein Fürst von Gott bist du in unserer Mitte! Du vertraust auf das edelste Prinzip der Menschheit. Du bist ein Gerechter! So ist ihm das Prestige, das er nicht gesucht, für das er keinen Krieg geführt, sich nie getauft hat, von selbst zugeflogen. Wir Juden wollen nun zusehen, ob und daß es auch uns schließlich so ergehe! Aus der Woche. Die Kohorte des Dr. Lueger kann sich noch immer nicht von ihrer geheuchelten oder wirklichen Empörung über den verbotenen Fackelzug erholen. Nun gehen sie sogar mit ihren Demonstrationen gegen die Regierung in die Versammlungen hausieren und schreien sich heiser mit Jubelrufen auf den nicht beleuchteten Bürgermeister. Bei diesen Ovationen passiert dem Dr. Lueger aber mitunter das seltsame Malheur, daß ihm seine Getreuen Komplimente machen, die genau an die zarte Art erinnern, wie der Elephant einst seinem Herrn die Fliegen vertrieb. Im Wiedener Wählerverein pries z. B. der Gemeinderat Breuer die — Integrität des Bürgermeisters, indem er darauf hinwies, daß derselbe nicht Hunderttausende, sondern Millionen sein eigen nennen könnte, doch stehe der Mann heute unbefleckt und rein da. Aber, aber, Herr Breuer, wieso könnte denn der Herr Bürgermeister Dr. Lueger in seiner Stellung auf ehrliche, honorige Weise in den Besitz von Millionen gelangen? Soll man an dem Bürgermeister von Wien vielleicht bewundern, daß er nicht in lumpiger Nichtswürdigkeit Mißbrauch mit seinem Amte getrieben, daß er nicht den Eid gebrochen, mit dem er feierlich beschworen, gewissenhaft seine Pflichten zu erfüllen? Die Integrität des Bürgermeisters, seine reinen, von schmutzigem, verbrecherischem Gelderwerb reinen Hände anzustaunen, das mag den Christlich-Sozialen passen. Die Anderen werden das so selbstverständlich finden, daß sie es als eine Beleidigung für den Bürgermeister erachten würden, wenn sie es verwundert oder bewundernd hervorheben wollten. Das ist ein Kompliment, wie wenn man einem Richter schmeichelnd sagen würde, er könnte viel Geld haben, aber er sei, wie edel und schön! der — Bestechung nicht zugänglich gewesen. 2- '<■ Wie die primitivsten Begriffe von Recht und Gerechtigkeit ins Schwanken geraten, wenn sie von antisemitischem Standpunkte aus beurteilt werden, zeigte der Verlauf der Affaire Hervay. Die antisemitische Presse hat diese Angelegenheit vom ersten Momente an nicht als einen Kriminalfall, wie er alle Tage in der Gerichtssaalrubrik vorkommt, betrachtet, sondern als einen Anlaß, die Judenhetze zu betreiben. Die Frage, ob eine Frau der Bigamie schuldig sich gemacht habe oder nicht, ist doch wirklich keine so außerordentlich seltene Sache, daß sie die Oeffentlichkeit in ungeheuerem Maße zu echauffieren brauchte, und auch der Fall, daß eine kühne, verlogene, listige Frau einen Manu, den sie zu betören wußte, ins Verderben stürzte, gehört wohl auch nicht zu den beispiellosen Ereignissen. Wer nicht blödsinnig verlogen oder antisemitisch borniert ist, wird zugeben müssen, daß derlei Vorkommnisse zu den Alltäglichkeiten des Lebens und des Gerichtssaallebens insbesondere zählen,- und ein kurzer Rückblick wird überdies jeden daran erinnern, daß die meisten Heldinnen solcher Affairen, die wir vor kurzem erst kennen lernten, durchwegs Christinnen und Arierinnen waren. Die antisemitische Presse hatte nichtsdestoweniger die freche Schamlosigkeit, Frau v. Hervay nicht als eine einfache Abenteuerin sondern als den Typus der Jüdin zu bezeichnen, und um die Infamie voll zu machen, log diese Presse, daß das Judentum mit Bewunderung zu dieser Frau emporschaue, die soviele christliche Männer ins Unglück und ihren letzten Gatten in den Tod getrieben hatte. Von dieser nichtswürdigen, verlogenen Insinuation ausgehend, konnte schon ein Erkleckliches gegen alle Jüdinnen und gegen das ganze Judentum geschimpft werden; für die bewiesenen und die unbewiesenen Handlungen der Frau von Hervay wurde, obgleich selbst die jüdische Abstammung dieser Frau nicht zweifellos klar gelegt ist, die gesummte Judenheit in Schmutz und Kot gezerrt. Das ist die antisemitische Gerechtigkeit. Aber wenn das Judentum für Frau v. Hervay verantwortlich gemacht wurde, so mußte auch andererseits diese Frau wegen der Konfession, in der sie angeblich geboren wurde, hart leiden. Die Frau, die unter der Anklage der Bigamie vor Gericht stand, erfuhr in der antisemitischen Presse eine Behandlung, die einer Massenmörderin entsprochen hätte. Die Reflexe dieser Auffassung fielen auch in den Gerichtssaal von Leoben, denn mehr als eine Aussage gegen diese Frau schien von dem Gedanken durchtränkt zu sein: Die Jüdin verdient keine Schonung. Sie wurde auch nicht geschont! Sie mußte furchtbar dafür büßen, daß sie eine Lügnerin und Heuchlerin war, aber als das Unverzeihlichste schien denn doch der Umstand, daß sie angeblich eine — Jüdin war.