Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 43 (4.11.1904)
- Date
- 1904-11-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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atzrcheit Nedakliou u. Administration: Wien, 11/, Novaragasse 27. Trlephvn 3ir. der Druckerei 15302. Inlrrnte 20 Hell, per Iionpareille-Zeiie. Aboniieineillsn. Jnserlionsl! betrage sind in Wie» zahlbarj! und klagbar.!' ^abhängige Heiischrift für Mische Interessen. Krscheinl jeden Kreilag. Uoito: „Das Ziegel Gottes ist Wahrheit!“ | Verngspveis-: || Ganzjährig . . . K. i*.— . Halbjährig . . K. 6.— :[ | Für Cilltnsbeaince: ' ji Ganzjährig . . . st. io — j || Für Ausland:! Ganzjährig . . . s Mark. ji 6 Rubel oder 16 §e- Uv. 43. Wien, 4. Uovemder 1904. Inhalt: Das Prestige. — Aus der Woche. — Ueber die ökonomische Lage der Juden in Rußland. — Der Tier- und Affenmensch in der Bibel. — Aus der Vergangenheit und Gegenwart Ungarisch-Brods. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton. — Moses' Denkmal. Die geehrten Herren Abonnenten werden um freundliche Einsendung der restlichen Abonnementsbeträge ersucht. Die Administration. Das Prestige. Bon Dr. M. L. Stern. Für sein Prestige führt Rußland den grauenhaften Krieg in der Mandschurei. Für sein Prestige läßt die russische Regierung durch den rasenden Kriegsstürm die Reichsblüte vom Lebensbaume hinwegfegeu und in fremde Gebiete wehen, wo sie im unwegsamen Kote eingestampft wird. Für das Prestige des Zarenreiches werden soviele tausende Jünglinge hingeschlachtet, läßt Väterchen seine kräftigsten Söhne Millionen Seufzer, schauerliches Aechzen und Stöhnen auf den rauhen Schlachtgefilden in den erbarmungslosen Winterfrost Hinausklagen. Für das Prestige schaukeln Rußlands Schiffkolosse auf dem Meere, jeden Augenblick des Unterganges gewärtig. Und, o wunderbare Fügung! Vielleicht nur für das Prestige seiner jüdischen Abstammung läßt General' Stößel die ganze Besatzung von Port- Arthur qualvoll bis ans den letzten Mann zugrunde gehen. Was ist Prestige? In meinem Fremdwörterbuch heißt es dafür einfach — Gaukelspiel, Blendwerk. In Rußland bedeutet es einfach: Imponierende Machtfülle, einschüchterndes Ansehen, lähmender Druck auf alle äußern und innern Feinde! Bedeute es nun was immer, durch den Krieg erleidet es jedenfalls auch bei Erfolg und Sieg nur Einbuße. Seit Pyrrhus ist es ein überzeugender Weltruf geblieben: Noch ein solcher Sieg und ich bin verloren! Die ganze Geschichte der Menschheit bezeugt es, daß jeder uneingehaltene Siegeslauf mit dem Zusammenbruche, dem Debacle endet, weil dabei die Urquelle der Macht versiegt, das übermäßig angeregte Herz des Reiches erlahmt und mit tätlichem Herzschlag zusammenbricht. Weder Krieg noch Sieg haben von jeher Völkern und Reichen ein Prestige erworben, sondern die Mäßigung in unvermeidlichen Kriegen, im Siegesglücke und die stärkenden, nährenden Staatseinrichtungen für lebensvolle Weiterentwicklung nach Sieg oder auch Niederlage. Rußlands Prestige wäre wahrlich besser gewahrt geblieben und vielleicht noch erhöht worden, wenn es hoheitsvoll erklärt hätte, daß es eher gewillt sei, die eingegangenen Verträge einzuhalten, als einen solchen abenteuerlichen Krieg zu unternehmen. Das verlorene Prestige Rußlands wäre noch zu retten, wenn es beherzt die Erfolglosigkeit seiner bisherigen blutigen Kämpfe eingestehen wollte und den Würgengel von den Söhnen seines Reiches durch einen wenn auch noch so teuer erkauften Frieden verscheuchen würde. €, wo sind die edlen Wortführer des Friedens, die mächtigen Worte der begeisterten Berta von Suttner? Jetzt wäre es an der Zeit, die menschlichen Gewissen aufzurütteln, um sich nicht an die Kriegsparteien, sondern direkt an das um fein Prestige ringende Rußland um Frieden zu wenden. Doch wozu braucht ein Reich, braucht Rußland das Prestige? Das Prestige ist das Surrogat der Gerechtigkeit und Liebe. Die Gerechtigkeit ist das Fundament der Staaten, ihre Sicherheit und die Sicherheit aller Throne auf Erden. Fast alle Staaten, außer Rußland, bekennen sich wenigstens auf dem Papiere schon zu diesem Weltprinzip, wenn es auch in der nichtsnutzigen, von Torheit noch übervollen Wirklichkeit allenthalben verhöhnt erscheint. Fast alle Staaten scheuen bereits vor der prinzipiellen Verlüngnung der Gleichberechtigung, der Gewissensfreiheit und dergleichen Grnndelemente der Gerechtigkeit zurück, wenn auch scheußliche Worterfindungen, nationaler, phylogenetischer, moralischer und wirtschaftlicher Lügengewebe das Walten der Gerechtigkeit verwirren und so überaus traurig und wehevoll gestalten. Nur Rußland empört sich verwegen und offen zugunsten seiner Autokratie und abergläubischen Religionsauffassung unter dem Beifalle gleichgesinnter europäischer Völkerteile und Fürsten gegen das heilige Prinzip der Gerechtigkeit. Darum braucht es das Prestige. Es soll weltbeherrschend, England und Amerika noch überragend von der Ostsee bis zum großen östlichen Meere reichen und weithin den Triumph der Autokratie über die Gerechtigkeit aller Welt verkünden und gerechtfertigt fein, daß es nicht gerecht sein will. Man irrt sich gewaltig, wenn man der russischen Autokratie das Streben imputiert, die Handelswege seines Reiches auszudehnen; wollte es dieses, so müßte es allererst den Verkehr im Reiche von den lästigen Schranken und die freistrebenden Geister von dem unseligen Drucke befreien. Sein Reichtum würde dadurch größer, als es der zehnfache Besitz der Mandschurei bewirken kann. Aber Rußland hegt die boshafte und bösartige Zuversicht, mustergebend für die Wiederkehr der verruchten Autokratie auf der ganzen Erde zu werden. Wie könnte darum ein für Gott erglühendes Menschenherz durch Teilnahme für solche unheilvolle Weltenpläne das Mitleid mit den vielen Tausenden der in den Tod getriebenen Russen, mit den um ihre verlorenen Söhne jammernden Müttern verdrängen lassen. Wenn Rußland hier