Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1904-10-28 · Heft 42 (28.10.1904) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 42 (28.10.1904)
Date
1904-10-28
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3063212-3063255--03325-3070074
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 10. Die Wahrheit Nr. 42. Matrone aus sich lenkte? War es der Geist, der aus seinen Augen sprühte, war es der weiche, innige Ton, der aus seiner Stimme klang, welche einen so seltsamen anmutigen Kontrast zu der strammen Gestalt des jungen Mannes bildete und sich so einschmeichelnd an das Herz der alten Frau legte? Die des Beschleus gewohnte, herrische Frau fand nicht gleich die richtige Antwort für ihren Gast. Erst nach einer Pause sagte sie: „Wenn Ihnen das gemeinsame Speisen mit einer alten Frau nicht langweilig ist, so wird es mir ein Vergnügen sein, Sie an meinem Tische zu sehen. Heute zwar habe ich schon zu Mittag gespeist und müssen Sie mit den Ueberbleibseln unseres Tisches vorlieb nehmen, morgen werde ich es hoffentlich einbringen." „Dies ist nicht notwendig, gnädige Frau! Ich habe soeben meinen mitgenommenen Mundvorrat verzehrt und bin durchaus nicht hungrig." Der Soldat verbeugte sich, grüßte militärisch und verließ das Zimmer. Die Hausfrau blieb in höchster Unruhe zurück; es litt sie nicht mehr in ihrem weichen, bequemen Lehnstuhle, sie stand auf und ging mit großen Schritten im Zimmer herum. So weich, so sanst hatte einst ihr Seliger gesprochen. Diese milde einschmeichelnde Stimme hatte einstmals ihr Herz gewonnen. Der junge Mann, der sich ihr heute vorgestellt und der einige Zeit ihr Haus- und Tischgenosse sein wird, hatte doch gar keine Aehnlichkeit mit dem verstorbenen Gelehrten. Hier eine kräftige, robuste Männergestalt, jener ein zarter, vom emsigen Studieren und Stubenhocken gebeugter Körper. Und doch glaubte sie nicht anders, als wären die langen Jahre seither versunken, und der, dem einst ihre volle Liebe und Verehrung gehörte, spräche zu ihr die Worte von religiöser Erziehung in einem Tone, wie er zu ihr zu sprechen pflegte. Dieser Kontrast! Der schüchterne Talmudgelehrte und der selbstbewußt auftretende Soldat! Und doch verschmolzen ihr diese beiden Gestalten in eine einzige zusammen. Der Soldat hatte seinen Namen nicht genannt, sie mußte ihn um seinen Namen und seine Herkunft befragen, vielleicht ist er ein entfernter Verwandter von ihrem Gottseligen — nahe besaß er keine mehr, das wußte sie genau — daß dadurch diese sonderbare Aehnlichkeit in dem Klange der Stimme erklärt würde. Das tat sie auch, als sie anderen Tages beisammen zu Tische waren. Doch wurde sie nicht klüger daraus. Den Namen, den er ihr nannte, hatte sie nie zuvor gehört, die Familie war ihr gänzlich unbekannt, ebenso der Ort, woher er stammte, und doch hätte sie darauf schwören mögen, ihm schon irgendwo begegnet zu sein. Wo und bei welcher Gelegenheit, das konnte sie freilich aus ihrem alten Kopfe nicht herausbringen. V. Das Leben auf dem Goldbergschen Hofe ging seinen gewohnten Gang, nur daß die Anwesenheit der Soldaten einigermaßen eine Abwechslung in die Eintönigkeit des Landlebens brachte. Die Einquartierung war den ganzen Tag draußen beim Manöver, abends kamen die Soldaten schweißtriefend, staub- und schmutzbedeckt, müde, hungrig und durstig zurück. Der „Herr Führer", wie der Zugsführer benannt wurde, begab sich, kaum daß er seinen äußeren Menschen etwas in Stand gesetzt hatte, in das Wohnzimmer zur Madame, wo für ihn ein gutes Nachtmahl und allerlei Erfrischungen vorbereitet waren, und er den Abend im traulichen Gespräche mit der würdigen alten Frau verbrachte. Die anderen Soldaten, kaum daß sie sich mit Speise und Trank etwas gestärkt hatten, begannen ihre Waffen- und Monturstücke zu reinigen undzu putzen, damit sie am anderen Tag wieder frisch und reinlich ihren Dienst antreten können. Denn der Herr Hauptmann war in Punkto Reinlichkeit und Ordnung ein gar strenger Herr. Bei ihren Hantierungen hatten die jungen Marssöhne einen ganzen Kreis neugieriger Zuschauer um sich herum stehen. Denn nicht nur die ganze Jugend des Hofes von 14 Jahren abwärts fand Wohlgefallen an den in dem einsamen Meierhofe so seltenen, interessanten Gästen, sondern auch diejenigen von den männlichen Dienstboten, welche entweder beim Militär gedient oder noch zu dienen hatten, sahen mit größtem Interesse den Hantierungen ihrer gewesenen oder zukünftigen Kameraden zu. Als das Vieh versorgt und das Geflügel eingesperrt war, gesellten sich auch die Mägde des Hofes diesem Kreise zu. Natürlich bewegte sich alsdann das Gespräch auf einem anderen Boden. Die fremden jungen Leute begannen mit den Dirnen zu liebäugeln und es hätte nicht viel gefehlt, daß ein ernster Streit mit einem der Heimischen ausgebrochen wäre, welcher ältere Rechte auf die Zuneigung der betreffenden Schönen geltend machte. Die an Jahren ziemlich vorgerückte Großmagd machte nicht nur die Vermittlerin in dem ausbrechenden Streite, sondern wußte auch auf geschickte Weise das Gespräch auf ein anderes Gebiet hinüberzuspielen, ein Gebiet, welches ihr selbst viel bekannter, weil gewohnter war, als Liebesblicke und Worte — dem Klatsch nämlich. In erster Linie kam da die Herrschaft an die Reihe. Was war natürlicher, als dies? Und um nun ein Thema zu verhandeln, welches allen Beteiligten gleich interessant war, begann sie das eigentümliche Verhältnis zu besprechen, welches sich in den wenigen Tagen, seitdem die Einquartierung im Hause war, zwischen der „Frau" und dem Herrn „Führer" entwickelt hatte. Ganz besonders auffallend schien es der Magd, daß so ein schmucker junger Herr, wie der Herr „Führer" es ist, seine ganze Feierstunde bei der alten Frau zubringt und ihr so zärtlich die Hand küßt. Aber so eine alte Jüdin, deren Stirnfalten so tief sind, daß man darin ganz gut wie in Ackerfurchen Kartoffeln pflanzen könnte, und deren Hände so welk sind, wie eine vorjährige Futterrübe — so eine alte häßliche Jüdin könne doch auf den feschen jungen Manu keine solche Anziehungskraft ausüben. Da müsse was anderes dahinterstecken. Vielleicht spekuliert er auf ihr Geld, die Juden haben doch alle viel von dem Zeug, und die Alte scharrt schon viele Jahre davon zusammen, was Zeug hält; da verlohnt es sich schon für einen so jungen Habenichts, der alten Jüdin etwas schön zu tun. ..Etwas steckt dahinter," so schloß die würdige Jungfer Lene ihren Klatsch. ..Ei, was soll dahinterstecken," sagte einer der Soldaten darauf. ..Sie sind halt beide Juden, und die halten zusammen wie die Kletten." „Das ist wahr," sagte bedächtig der alte Kutscher. „Aber bei den zwei Leuten muß noch etwas anders dazwischen sein. Ich bin schon lange im Hause und kenne die Madame so gut, wie meine eigenen Stiefel. Die hat noch aus Niemand so ein Wesen gemacht, wie aus dem jungen Juden. Es sind doch oft schon Juden in den Hof gekommen. Waren es arme Leute, so hat man ihnen zu essen gegeben, und die Frau gab gewiß etwas Geld, wieviel weiß ich nicht, unsereins sagt man das nicht; waren es Vermögende, so hat man sie fein bewirtet und hat ihnen die Kalesche einspannen lassen, wenn sie wegfahren wollten, aber gesprochen hat die Madame mit keinem von den Allen soviel, wie mit dem. Sie war halt immer so mürrisch, nur gegen den da ist sie freundlich, da steckt richtig was dahinter, die Lene hat schon recht." Lene war ganz stolz darüber, daß ihre Ansicht bei dem als Autorität im Hofe geltenden Kutscher die verdiente Anerkennung fand, und hörte mit den andern aufmerksam zu, als der alte Kutscher fortfuhr: „Ich bin mit der Alten unzählige Male in der Stadt gewesen, beim Doktor oder Kaufmann, aber sie hat niemals ein übriges Wort gesprochen, und lächeln habe ich sie niemals gesehen, wie jetzt, wenn sie aus den jungen Menschen schaut und mit ihm spricht." (Forts, folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.