Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1904-10-28 · Heft 42 (28.10.1904) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 42 (28.10.1904)
Date
1904-10-28
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3063212-3063255--03326-3070075
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Ungar. Kantoren ♦ |)uol’ilntioHen lies öfteri'.-img.Jiantorai-lereiues. | Die Veröffentlichung der gesammelten spenden und eingezahlten Ulitgliederbeiträge erfolgt in nächster Nunnner. Gleichzeitig ergeht an sämtliche Vereinsmitglieder die Bitte, die rückständigen und laufenden Blitgliederbeiträge (2 Aronen pro Quartal) an den Vereinskassier, Herrn Oberantor Bc. Schorr, Wien, II., Ob. Donaustraße 47, einzuschicken. Moses' Denkmal. Von Dr. M. H. Friedländer. Im letzten Abschnitte der Thora wird uns über das Hinscheiden unseres großen Lehrers Moses folgendes berichtet: „Moses war hundertundzwanzig Jahre alt, als er starb, sein Auge war nicht dunkel und seine Lebenskräfte hatten nicht abgenommen. Die Kinder Israels weinten um Moses in der Ebene Moabs dreißig Tage, ^vajitmu, sodann war die Trauer um Moses für immer zu Ende." Bei keinem der großen Männer der Borzeit, deren Leben und Streben, Wirken und Schaffen, Kommen und Scheiden die heilige Schrift uns schildert, finden wir den Ausdruck wajitmu, die Trauer war nach dreißig Tagen für immer zu Ende; denn das menschliche Herz läßt sich betreffs der Liebe, Treue und Anhänglichkeit keine Grenzen setzen. Man kann doch einem Menschen, der durch das Hinscheiden eines Angehörigen einen herben unersetzlichen Verlust erlitten, nicht sagen: Du mußt bis zu diesem oder jenem Tage trauern, sodann aber muß jede Trauer aus deinem Herzen für immer schwinden. Nur bei Moses finden wir ausnahmsweise das Wort wajitmu, die Trauer war nach dreißig Tagen zu Ende. Muß sich uns nicht da die Frage aufdrängen: Wie ist es möglich, ist es denkbar, daß Israel, dieses große edle Volk, das erkoren und berufen wurde, als Reich von Priestern in der Geschichte zu figurieren, daß Israel, das Jahrtausende lang für seine Religion, für seinen Glauben wacker gekämpft, Stürmen aller Zeiten getrotzt, so daß er heute noch aufrecht dasteht unter den Völkern, seinen größten, edelsten und uneigennützigsten Wohltäter mit schnödem Undanke belohnt hatte? Ist es denkbar, daß Israel seinen Moses, der seine Zeit, seine Kraft, seine Fähigkeit und Begabung, ja sein ganzes Leben mit Hintansetzung aller Privatinteressen seinem Volke geweiht, gewidmet und geopfert, dreißig Tage nach seinem Hinscheiden vergessen konnte? Die modernen Superklugen finden wohl dieses Vorgehen Israels gerechtfertigt, indem sie behaupten, daß Moses trotz seiner Größe sich unmöglich der allgemeinen Beliebtheit erfreuen konnte, da er das Volk unausgesetzt moralisiert, zurechtgewiesen, dessen Fehler, Schwächen, Mangel und Gebrechen schonungslos getadelt hatte. — Törichter Wahn! Welch vernünftiger, rechtlich denkender Mensch wird einem berufstreuen Lehrer grollen, wenn er seine Pflicht gewissenhaft erfüllen, die Fehler seiner ihm anvertrauten Schüler nicht beschönigen und bemänteln — um sich deren Liebe zu erwerben — sondern schonungslos tadeln lvird, um Charaktere, aber nicht Heuchler und Frömmler heranzubilden? Abgesehen davon aber, ist ja die Behauptung, daß Moses sich nicht der allgemeinen Beliebtheit zu erfreuen hatte, eine falsche. Allerdings hatte es an einzelnen Mißvergnügten und Unzufriedenen nicht gefehlt, die ihm bittere Stunden bereitet haben, so daß er einmal ausgerufen: „Es fehlt nicht mehr viel und sie werden mich steinigen, ein andersmal wieder: „Ich habe von niemandem Geschenke angenommen, niemanden persönlich beleidigt, gekränkt und dennoch verbittern und vergällen sie mir das Leben und suchen mir die Bürde des Amtes unerträglich zu machen. Es waren dies aber nur einzelne Menschen, zumeist Streber, Krakehler und Parteiführer, die dem großen Lehrer grollten, weil er nicht mit den Parteien ging, sondern über den Parteien stand, um unparteiisch seines Amtes walten zu können. Das Volk in seiner Gesammtheit aber verehrte, schützte und liebte Moses über alle Maßen. „Als Israel in Egypten die Allmacht Gottes erkannte, da ehrfürchtete das Volk den Ewigen, und glaubte an Gott und an seinen Diener Moses." (II B. M. 14. 31). Und an einer anderen Stelle heißt es: „Siehe ich werde zu dir kommen in der Dichtheit des Gewölkes, damit das Volk höre, wenn ich mit dir rede, und sie werden auch dir ewig vertrauen." (II. B. M. 19. 9.) Ja Moses hatte sich wie kein zweiter hienieden einer ungewöhlichen Popularität zu erfreuen. Warum aber bemerkte dennoch die Thora, daß dreißig Tage nach seinem Hinscheiden die Trauer zu Ende war? Während selbst die Heiden ihre großen Männer nach deren Tode noch verehrt, verherrlicht, verewigt, ihnen Monumente errichtet und ihre Geburts- und Sterbetage auf die weihevollste Weise gefeiert hatten, wird uns von Moses berichtet: welau joda isch es kewurosau, daß niemand bis auf den heutigen Tag weiß, wo die Grabstätte Moses sich befindet. Diese Frage wollen wir hier zu beleuchten versuchen. In Bezug auf den Vers: „Jakob zog aus Beer Schowa und ging nach Charan", bemerken unsere Weisen: „Wenn der fromme, tugendhafte, wohltätig wirkende Mann die Stätte seines Wirkungskreises verläßt, läßt er ein Merkmal zurück. So lange er seinen Posten innehat und eine segensreiche Tätigkeit entfaltet, bildet er gleichsam den Glanz, die Zierde, den Schmuck und den Schutzgeist der Stadt; verläßt er aber den Schauplatz seiner Tätigkeit, wird die Stadt ihres Nymbus entkleidet, ihres Glanzes, ihres Schmuckes und ihrer Zierde verlustig, poiio hodo, pono siwo, pono hadoro." Nicht der Crt ist es, der den Mann verherrlicht und seinen Ruf verbreitet, heißt es an einer anderen Stelle, sondern der Mann, wenn er eine hervorragende, verdienstvolle, achtunggebietende Persönlichkeit ist, ziert und schmückt, ehrt und verherrlicht den Trt seines Wohnsitzes, die Stätte seines Wirkungskreises. (Taanit 21 b.) Verläßt er aber seinen Aufenthaltsort, fo läßt er eine Lücke zurück, die oft lange Zeit fühlbar ist und nicht so leicht ersetzt werden kann. So z. B. heißt es in der Mischna: Als R. Meir das Zeitliche gesegnet, sind die Gleichnisdichter aus Israel geschwunden; mit Ben Soma sind die Schrifterklärer zu Grabe getragen worden; als R. Josua seine irdische Laufbahn vollendet hatte, schwand die von der Welt; nach dem Hinscheiden des R. Simon b. Gamliel wurde die Welt von furchtbaren Leiden und Plagen heimgesucht; mit dem Tode R. Elasar b. Asaria schwand der Reichtum von den Gesetzeslehrern; mit dem Tode des Märtyrers R. Akiba wurde die Thora ihrer Herrlichkeit verlustig; mit R. Chanina b. Dosa wurden die Männer der Tatkraft zu Grabe getragen; mit dem Tode R. Jochanan bei Sakais wurde der Glanz der Gelehrsamkeit erloschen; mit dem Tode Rabbi Jehuda Manasis hörte die Bescheidenheit und wahre Gottesfurcht aus" rc. (Sota 9.) Mit einem Worte, das Volk hatte, fo oft einer feiner Großen aus seiner Mitte schied, lange Zeit Ursache, den erlittenen schweren Verlust zu betrauern. Eine rühmliche Ausnahme hatte hierin Moses gemacht. Als er starb, hatte das Volk keinen Verlust erlitten, welau joda iscli es kewurosau, keiner im Volke hatte einen Verlust empfunden. Moses gelang es, mir der göttlichen Hilfe ein großes, unübertroffenes Werk für die Ewigkeit zu schaffen. Das größte und vollkommenste Werk, das die Menschheit im allgemeinen und Israel insbesondere besitzt, ist die Thora. „Die Lehre Gottes ist vollkommen, erquickt die Seele, erfreut das Herz, entzückt den Geist, labt und erfrischt den Geist." Und so lange dieses Werk besteht — und es wird wohl ewig bestehen — lebt Moses fort im Volke. ..Die Thora, die Moses uns gebot, ist ein ewiges Erbgut der Gemeinde Jakobs" und zugleich das unzerstörbare Denkmal, das Moses sich selbst für ewige Zeiten errichtet hatte. (Schluß folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.