Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 42 (28.10.1904)
- Date
- 1904-10-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 42. Die Wahrheit Seite 9. Merunowiez und Dr. Engel, Statthaltereirath Ritter v. Zaleski, Polizei- | direktor Schachtel, zahlreiche polnische und rnthenische Reichsrats- und! Landtagsabgeordnete, die Mitglieder des Gemeinderats mit Bürgermeister Dr. Malachowski an der Spitze, die Mitglieder der Lembergec Handelskammer und die Delegierten der Krakauer und Brodyer Säiwesterkammer, die Repräsentanten der Kultusgemeinde, vieler Vereine und Korporationen. In den Straßen, welche der Trauerzug passierte, waren die Gaslaternen angezündet. An der Bahre widmeten dem Verschiedenen warme Nachrufe: Reichsratsabgeordneter Dr. Roszkowski (namens des Polenklubs und des Lemberger Gemeinderats), Landtagsabgeordneter Dr. Löwenstein, Gemeinderut Sklepinski, Rabbiner Dr. Caro und Andere. Budapests (D e r N a s e n a ch!,) In der sogenannten besseren Gesellschaft Budapests amüsiert man sich gegenwärtig über einen Vorfall, welcher sich kürzlich bei der Trauung eines Millionärssohues aus der Leopoldstadt zugetragen hat. Der junge B.kam nämlich vor einigen Wochen aus die Idee, eines schonen Sonntag Morgens nicht nur die Wäsche, sondern auch seine Religion zu wechseln. Er wurde Katholik, nachdem er eine Religion verließ, welche ihm von der Nase abzulesen war. Hierauf faßte er den Entschluß, zu heiraten. Die Danie, die sein Herz erwählt, lebte im vorigen Winter auch noch in ungeordneten Religionsverhältnissen. Die Trauung war auf einen Sonntag festgesetzt. Vor dem Palais der Brauteltern stand bereits eine lange Reihe nobler Equipagen. Man bestieg die Wagen und der arrangierende erste Kranzelherr gibt dem ersten Kutscher das Kommando magyarisch: ,,A templomba"! lBedeutet sowohl Tempel als auch Kirche. Red.) Der Kutscher lüftete den Hut, schwang die Peitsche und fuhr zur — Synagoge in der Tabaksgasse. Malitiös bemerkte ein aristokratischer Trauungszeuge, als er hörte, wie der Kutscher zusammengeschimpft wurde: „Er ist halt der Nase nach gefahren!" — Die von ihrem ersten Gatten, dem Freiherrn Richard Mattencloit, geschiedene Gräfin Helene Taaffe, Tochter des verstorbenen österreichischen Ministerpräsidenten, wurde am 17. d. M. auf dem Standesanite in Budapest mit dem praktischen Arzte Dr. Julius Temko, getraut, der sie einst während einer längeren Krankheit gepflegt hat. Dr. Demko ist Jude. Berlin. An der Synagoge des Westens, Passauerstraße, ist Herr Julius Schwarz zum ersten Kantor gewählt worden. Herr Schwarz hat seine gesamte Ausbildung bei dem Oberkantor Joseph Epstein Hierselbst genossen. Berlin. Jüdische Fideikommisse bestehen nach einer Entscheidung des Obcrlandesgerichtes zu Celle, das wegen der bevorstehenden Neuregelung des Fideikommißwesens von Interesse sein dürfte, im Deutschen Reiche zu Recht. In dem Testamente eines im Jahre 1756 verstorbenen jüdischen Erblassers, eines mit irdischen Gütern reich gesegneten Großkaufmannes, war bestimmt worden, daß die Hälfte des zum Nachlasse gehörenden Vermögens „zum beständigen Aufnehmen seiner Familie", „zu einem ewigen und unauflöslichen Fideikommiß-Kapital und Gut" gewidmet sein solle. Es war dann in dem Testament die Nachfolgeordnung bis ins kleinste, sogar über das Aussterben des Mannesstammes hinaus, geregelt; es waren „je- und allezeit" 300 Gulden für arme Verwandte ausgesetzt; es war verordnet, daß allezeit eine Anzahl jüdischer Gelehrter gehalten werden sollten; und es waren endlich als „Anhang des Geld- oder Geschäftsfideikommisses," welches somit die Hauptsache sein sollte, auch Häuser und Gärten dem Fideikommiß gewidmet, so daß sie mit solcher Qualität auf ewige Zeiten behaftet sein sollten. Da, wie das Gericht feststellt, auch Juden um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts von der Errichtung von Fideikommissen nach den aus dem Gewohnheitsrecht zum allgemeinen Privatrecht gewordenen Normen nicht ausgeschlossen waren, konnte es nach den wiedergegebenen Anordnungen keinem Zweifel unterliegen, daß es sich um ein deutschrechtliches Familienfideikommiß von ewiger Dauer handelte. Dem stand auch die etwaige Unfähigkeit der jüdischen Geschlechtsfolger des Stifters, Grundeigentum zu erwerben, nicht im Wege, und es widersprach dem ebensowenig die mit dem Fideikommiß verbundene Verpflichtung, das Geschäft weiterzuführen, da irgendwelche Verpflichtungen, die Bewirtschaftung eines Grundstückes u. dergl. stets an ein Fideikommiß geknüpft sind. Jassy. Der Besuch der königlichen Familie hat auch die jüdische Bevölkerung in Atem gehalten. Leider wurde keine jüdische Institution besucht. Ein freudiges Ereignis war es aber, daß unser Rabbiner Dr. Niemirower zur Hoftafel geladen wurde. In seiner Unterredung mit König und Kronprinzen lenkte der Rabbiner das Gespräch auf die Emigrationssrage und betonte auch die Notwendigkeit eines Gemeindegesetzes. Auch eine jüdische Delegation, der Audienz bewilligt wurde, hat durch ihre Sprecher, Dr. Burstin und Schnürer, ein Kommunalgesetz verlangt. Der König sprach von einem Projekt, das alle nichtorthodoxen Kirchengemeinden regeln würde. Im Theater wurde ein Stück der Königin gespielt, das unser Glaubensgenosse, der gefeierte Dichter Dr. Steuermann, ins Rumänische übersetzte. Die Königin dankte ihm und dem jüdischen Maler M. Finkelstein, der die Dekoration geleitet, huldvoll. Zum Hofball wurden einige Juden, Bankiers, Industrielle, Literaten, wie Rabbiner Doktor Niemirower und Frau geladen. Sollen die Juden nun die Besserung der Verhältnisse erwarten? Jsraelowitz. Ateratrrr. Der alte Prager Jndenfriedhof! Ein europäisches Unikum! So lautet das einmütige Urteil auch der erfahrensten und weitgereisten Touristen, welche auf ihren Kreuz- und Querzügen durch Europa, inmitten des Prager Getthos den altehrwürdigen Boden dieses Friedhofes betreten. Und wirklich, wie ein Stück Orient, wie ein Stück längstvergangener Welten wirkt dieser seltene mystische Ort inmitten des Lärmes der modernen Stadt. Es ist dies aber nicht nur ein ganz außergewöhnliches, in seiner Art einziges Denkmal von allgemeinem kulturellem und historischem Werte, sondern diese Stätte har namentlich für den gebildeten Israeliten besonders großes Interesse. Wem es je vergönnt war, auf diesem altertümlichen Todtenfelde namentlich im Mai zu verweilen, wenn der ganze Friedhof grünt und blüht, wenn das dichte Laub und die weißen Blüten der Flredersträucher die gleich Greisen sich neigenden und sinkenden Steine umhüllen, der wird sich eines nachhaltigen tiefen Eindruckes nicht erwehren können und Zeit seines Lebens verbleibt ihm die eigenartige Erinnerung an sein Verweilen in diesem poetischen, ergreifend stimmungsvollen Torengarten. Gott sei es geklagt, daß die „Moderne Assanation der Stadt" auch auf dieses unersetzliche teuere Denkmal ihre vernichtende Tätigkeit ausdehme. Ein ganz ansehnliches Stück dieses uralten Begrübniso r t e s fiel der modernen Umgestaltungssucht zum Opfer. Dieser unersetzliche Schaden wird zum Glück wenigstens teilweise gemildert durch Herausgabe einer künstlerischen Publikation über diesen Friedhof, welche in eleganter, reich mit Bildern ansgestatteter Form eben im Kunstverlage B. Koöi in Prag erschienen ist und den ganzen Friedhof in seiner ursprünglichen unverkürzten Schönheit wiedergibt, so wie er war, bevor die neuzeitige Stadtregulation an seine Mauern klopfte. So wie der Friedhof selbst ein Unikum ist, so gilt dasselbe in unvermindertem Maße auch von diesem schönen Buche. Das Werk ist von Dr. L. Jerübak (übersetzt von A. Major und Dor. Sp. Wukadinoviö) und repräsentiert sich in seiner einfachen, aber ebenso vornehmen Ausstattung höchst vorteilhaft. Der peinlich saubere Druck auf feinem Büttenpapier, in schöner klarer Antiqua macht der k. u. k. Hofbuchdruckerei A. Haase alle Ehre. Das Buch wird eingeleitet durch die Aquarellreproduktion einer Studie von B. Jansa, die wir schon aus dem Werke Alt-Prag desselben Künstlers kennen. Außerdem zieren 22 graphisch hervorragend ausgesührte Tafeln, die bedeutendsten Grabmäler darstellend, die 47 großformatige Seiten starke Monographie. Diese Darstellungen, die doch alle das gleiche Motiv wiedergeben, die hohen flachen Grabsteine sind sehr verständig ausgemählt und überraschen durch die Verschiedenheit in der Gleichartigkeit. Es sind neben einigen Gesamtansichten uud Totalansichten die bedeutendsten unter den zahllosen Steinen im Bilde wiedergegeben, namentlich die Grabsteine des gefeierten gelehrten Rabbi Bezalel Löw, ferner des großen Bibliophilen Rabbi David Oppenheim re. Textlich ist das Buch ausgezeichnet. Die Darstellungen Jerabek sind stimmungsvoll und wissenschaftlich bedeutend. Ein reichhaltiges zuverlässiges Quellenmaterial hat ihm zu Gebote gestanden, so daß in diesen 47 Seiten ein interessantes Stück hebräischer Geschichte niedergelegt ist. Die Fußnoten von Dr. Pollak sind wertvolle Ergänzungen. Der Preis dieser originellen Publikation, die wir der Aufmerksamkeit unserer Leser würuistens empfehlen ist X 5 — Mk. 4-25. Feuilleton. Per Aindling. Erzählung von Babette Fried, Prag. (6. Fortsetzung.) Nach einer Weile kam sie ganz bestürzt zurück. „Verzeihen Sie mir, Madame, aber der Soldat, wissen Sie, der Korporal oder General hat gesagt, daß er mit der Madame sprechen muß. Gott im Himmel! Es soll nur kein Gesere herauskommen!" Trotz ihres Mißmutes konnte sich Frau Eva bei diesen Worten ihrer Magd eines Lächelns nicht erwehren. „Keine Furcht, Rösel! Wir haben em gutes Gewissen, da kann uns kein General, nicht einmal ein Korporal was anhaben. Sage dem Soldaten, er möge hereiukommen und mir sein Anliegen Vorbringen." Bald daraus trat der Soldat ein; es war eine hohe, stramme Gestalt, dem die Uniform sehr gut zu Gesichte stand. „Entschuldigen Sie, gnädige Frau!" begann er nach kurzem militärischen Gruße, ..daß ich Ihre Ruhe störe. Ich bin ein Glaubensgenosse von Ihnen und bin mit sechs Mann hierher ins Quartier gelegt, wo wir bis nach dem Manöver zu bleiben haben. Da mich ein glücklicher Zufall in ein Judenhaus geführt hat, so möchte ich sehr bitten, mir eine koschere Kost zu geben. Sie brauchen mit mir keinerlei Umstände zu machen, ich bin mit den frugalsten Speisen zufrieden, wenn sie nur koscher zubereitet sind, da ich eine streng-religiöse Erziehung genossen habe." Was war an der Erscheinung des fremden Mannes so auffallend, daß sie in so hohem Grade die Aufmerksamkeit der