Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 42 (28.10.1904)
- Date
- 1904-10-28
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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von 26%, auf. Darnach könnte man wohl berechnen, wieviel Juden während der 17 Jahre Rußland verlassen haben. Welche enorme Verwüstung die Emigration unter den russischen Juden bereits angerichtet hat, beweist der unverhältnismäßig hohe Prozentsatz der Frauen sowie der Männer in noch nicht erwerbsfähigem Alter von unter 20 Jahren. Es kamen 100 Frauen im Gouvernement Wilna auf je 92-2, im Gouvernement Witebsk gar aus je 90 Männer, während bei den Nichtjuden die gleiche Anzahl Frauen auf je 99-4 respektive 99-1 Männer kamen. Im Alter von unter 20 Jahren bilden die Juden in den Städten des Gouvernements Wilna 58-3, des Gouvernements Witebsk 60-4% der Bevölkerung gleichen Alters, während der durchschnittliche Prozentsatz der Bevölkerung 53-4 resp. 48-5% beträgt. Die Juden im minderjährigen Alter sind in den Städten wenigstens verhältnismäßig zahlreicher als die nichtjüdischen Altersgenossen. Umgekehrt ist dagegen der Prozentsatz für erwerbsfähige Altersklassen von 20—40 Jahren. In diesem Alter bilden die Juden nur 38-6 respektive 44-5% der gesamten städtischen Bevölkerung. Die starken und erwerbsfähigen Männer verlassen in großen Scharen die Heimat, während die Frauen und die Minderjährigen zu Hause bleiben. So führt die Emigration die Verschlechterung der ökonomischen Lage der russischen Juden im allgemeinen herbei. Eine eigenartige Zuchtwahl, die dem in Rußland verbleibenden Reste der jüdischen Bevölkerung eine sehr trübe Zukunft in Aussicht stellt. Nebst der großen und sehr folgenschweren Auswanderung findet fortwährend eine starke Verschiebung der jüdischen Bevölkerung auch innerhalb des Ansiedlungsrayons selber statt. Ein Vergleich mit früheren Volkszählungen ergibt nämlich die hochinteressante Tatsache, daß die Zahl der Juden innerhalb siebzehn Jahren in den westlichen Gouvernements nur um 7-5, in den mittleren Gouvernements dagegen um 29-3 und in den östlichen Gouvernements gar um 46.8°/0 gestiegen ist. Es findet also fortwährend eine innere Emigration statt, wobei sich die jüdische Bevölkerung allmählich von Nordwesten nach Südosten vorschiebt. (Schluß folgt.) Verschiedene Nachrichten. Wien. (Bibliothekskommission.) Vor einigen Monaten hat der Vorstand der Wiener Kultusgemeinde für die Gemeindebibliothtk eine aus Fachmännern bestehende Bibliothekskommission ernannt, die vor kurzem unter dem Vorsitze des Vertreters, Herrn Dr. Maximilian Steiner, ihre Konstituierung vollzog. Zum Obmann der Kommission wurde der Kustos der Wiener Universitätsbibliothek, Herr Dr. S. Frankfurter, und zum Schriftführer Herr Rabbiner Dr. A. K a m i n k a gewählt. Wie uns mitgeteilt wird, wurde seitens der Beamten der Bibliothek an den Kultusvorstand das Ersuchen gestellt, zur Ergänzung des Kataloges eine Hilfskraft aufzunehmen. Mit Rücksicht auf den verhältnismäßig geringen Bücherstand der Bibliothek und das Mißverhältnis, das ohnehin zwischen den Ausgaben für das Beamtenpersonale und dem geringfügigen für Neuanschaffungen jährlich zur Verfügung gestellten Betrage besteht, scheint uns dieses Ansuchen keineswegs gerechtfertigt. Wien. (Zur K o f ch e r f l e if ch - F r a g e.) Seit zwei Jahren ungefähr beschäftigt sich das Rabbinat, resp. Herr Rabbiner Mayersohn, mit der Regelung der Koscherfleisch-Frage. Daß letzterer trotz der namhaften Kosten, die der Kultusgemeinde hieraus erwuchsen, keine besonders glückliche Hand dabei gezeigt hat, beweisen die mannigfachen Klagen und Beschwerden, die in letzter Zeit in Versammlungen und Zeitungsberichten laut wurden. Wiewohl wir anerkennen müssen, daß bei Regelung der Kofcherfleisch-Frage in erster Reihe das Ritualgesetz Beachtung finden muß, können wir uns dennoch nicht verhehlen, daß auch andere, aus dem praktischen Bedürfnisse entstehende Rücksichten zur Geltung kommen müssen, um eine endliche befriedigende Lösung herbeizuführen. Zu diesem Behufe erschiene es uns zweckdienlich, wenn der Kultusvorstand selbst die Angelegenheit in die Hand nehmen und eine Enquete aller beteiligten Kreise veranstalten würde, um auf Grnnd der hiebei gewonnenen Erfahrungen die zutage getretenen Mißstände zu beheben. Wien. Anläßlich des Geburtstages Sr. Majestät deS Sultan Abdul Hamid fand im Tempel der türkischen Gemeinde Dienstag, den 25. d. M. ein Festgottesdienst statt, an welchem seitens der türkischen Botschaft Botschaftsrat Mustapha Assin Bey samt Gefolge, General-Konsul von Dirsztay und Konsul Bondi teilnahmen. Die Herren von der Botschaft wurden vom Vizepräses Licco Adutt in den festlich beleuchteten Tempel geleitet, in welchem zahlreiche Festgäste versammelt waren. Unter den Anwesenden bemerften wir: Bezirksvorsteher Niebauer, Polizeirat Kende, Gemeinderat Ritter v. Goldschmidt, kais. Rat Dr. Lieben, Vorsteher Dr. H. Löwi, Oberkantor Guttmann, Oberkantor Kwartin, die Kantoren Regner, Weiß u. A. Die Feier begann mit einem Orgel- und Harfenpräludium^ ausgeführt von Professor Moser und Willy Löwit (Sohn des Dirigenten Löwit), worauf ein Ma-Towu (komponiert von Elias) von Oberkantor Bauer mit Chor-, Orgel- und Harfenbegleitung wirkungsvoll aufgeführt wurde. Ebenso exakt wurde der darauffolgende Psalm zu Gehör gebracht. Nach einer kurzen Rede des Rabbiner Papo rezitierte Oberkantor Bauer das Gebet für den Sultan. Mit Absingung der türkischen Hymne schloß die erhebende Feier. Der Chor stand unter der tüchtigen Leitung des Dirigenten Kantor Löwit. Wien. Samstag, den 22. d. M. beging der durch sein warmes Interesse für alle jüdischen Institutionen in weitesten Kreisen bekannte und beliebte Fabrikant, Herr Julius Wolf, im Stadttempel die Konfirmation seines Sohnes Hermann. Der Konfirmand, dem Oberrabbiner Dr. Güdemann den üblichen Segen erteilte, rezitierte die Haftora mit vielem Verständnis. Herr Julius Wolf spendete aus diesem Anlasse einen größeren Betrag zu wohltätigen Zwecken. Wien. (V e r e i n z u r H e b u n g d e r G e w e r b e i n W i e n). Am Montag den 31 Oktober um 1jz8 Uhr abends findet im großen Saale des Hotel Guth, II., Stefaniestraße 14, eine Versammlung des Vereins mit folgender Tagesordnung statt: 1. Bericht des Vorstandes. 2. Stellungnahme zu der bevorstehenden Kultuswahl, eingeleitet von dem Präsidenten des Vereines. 3. Freie Diskussion. Die Kandidaten für den Kultusvorstand werden, um ihr Erscheinen freundlichst ersucht. Damen und Gäste willkommen. Wien. Der seit vier Jahren bestehende humanitäre Kranken- und Unterstützungsverein „Treue Brüder", der sich bisher ans die alleinige Unterstützung seiner Mitglieder beschränkte, Hai sich in Anbetracht der in Wien derzeit herrschenden, abnormen ökonomischen Lage der Juden entschlossen, seine Tätigkeit zur Linderung des allgemeinen Elends zu erweitern. Verschämte Armut soll in erster Linie berücksichtigt und besonders in Fällen von Erkrankung, großer Notlage und drohender Delogierung nach Tunlichkeir geholfen werden. Die edlen Intentionen dieses Vereines, an dessen Spitze Herr Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Sigmund Kopfstein steht, verdient die weitestgehende Fördernng, damit es demselben gelinge, nach der von ihm angestrebten Richtung ersprießlich zu wirken. Der Sitz des Vereines ist II., Taborstraße 36. Wien. Die am 20. d. M. stattgehabte Wahl des Ausschusses des „Theologischen Vereines der Hörer an der isr.-theolog. Lehranstalt in Wien" ergab folgendes Resultat: Dr. Victor Kurrein, Präses; A. Frankfurter, Vize-Präses; I. Alkalay, Kassier; H. Schwenger, I. Schriftführer; M. Levp, II. Schriftführer. Wien. Bei der am 9. d. M. stattgefundenen Generalversammlung des Mädchen- und Frauenvereines „Bikur-Chaulim" wurden in den Vorstand gewählt: I. Präsidentin: Frau Rosa Stransky; II. Präsidentin: Frl. Mimi Berliner; I. Schriftführerin: Frl. Emma Frommer; II. Schriftführerin: Frl. Gisela Feld; I. Kassierin: Frau Frieda Wittmann; H. Kassierin: Frl Jenny Bremer. Ausschuß: Frl. Lea Bondi, Frl. Helene Halberthal, Frau Salomea Kohn, Frau Erna Brück, Frau Anna Wollner, Frau Julie Schwarz. Ergänzungskomitee: Frl. Valerie Fränkl, Frl. Elisabet Stern, Frau Viktoria Porges, Frau Netti Weiß, Frau Klara Lawetzky, Fr. Johanna Spitzer. Revisoren: Herr Wilhelm Morgenstern, Herr Sigmund Kornmehl. Da die Tätigkeit des Vereines umfangreich und oft schwierig ist, mußte eine Verstärkung der Arbeitskräfte angestrebt werden. Wien. (Literarischer Geselligkeitsverein jüd. Mädchen „Moria".) Sonntag den 30. d. wird ein Vortrag des Herrn Dr. Carl Lifczis über das Thema „Das Geld und die Juden" stattfinden.- Beginn präzise 3*/2 Uhr nachmittags im Kongreßbureau IX., Türkenstraße Nr. 9. Gäste herzlich willkommen. Wien. Dienstag, den 1. November findet hier im Saale des „Hotel Guth" die Trauung des Herrn Rabbiner D. Rudolfer aus Amstetten mit Fräulein Sidonie P 0 l l a k statt. Brünn. Zur Rabbinerwahl, über welche wir vor kurzem berichteten, wird noch mitgeteilt, daß Herr Dr. Ludwig Levy zum Rabbiner und nicht als „zweiter" Rabbiner gewählt worden ist. Er wurde auch verpflichtet, den jüdischen Religionsunterricht in sämtlichen Mittelschulen Brünns zu inspizieren und alle Kanzelreden zu halten. So oft aber Dr. Placzek zu predigen willens sein wird, wird er Herrn Dr. Levy acht Tage vorher davon verständigen. Selbstverständlich bleibt Dr. Placzek nach wie vor Landesrabbiner von Mähren und Schlesien. Andrychau. Am jüngsten Sabbath-Bereschit feierte unser derzeitiger Kultusvorsteher, Herr Ferdinand Starnberger, sein 25jähriges Jubiläum als Tempelvorsteher. Aus diesem Anlasse wurde dem hierorts allseits beliebten und um die Gemeinde sehr verdienten Manne seitens des Kultus- Vorstandes eine überaus würdige Ovation gebracht. Nach dem Gottesdienste begaben sich sämtliche Mitglieder des Vorstandes in die Wohnung des Jubilars, woselbst ihm eine schön ausgestattete Dankadresse überreicht wurde. Hiebei hielt Herr Vorsteher-Stellvertreter Samuel Schnitzer eine Ansprache, in welcher er die Verdienste des Gefeierten hervorhob. Herr Stamberger dankte für diese herzliche Kundgebung in bewegten Worten. Da Herr Stamberger sich auch um die Renovierung unseres Tempels sehr verdient gemacht hat, beschloß der Vorstand, in der Vorhalle des Tempels eine Botivtafel mit dem Namen des Jubilars anbringen zu lassen. Lemberg. An dem Leichenbegängnisse des Handelskammerpräsidenten und Abgeordneten Piepes-Poratynski haben mehrere tausend Personen teilgenommen. Man sah den Landmarschall Grafen Stanislaus Badem, Finanzlandesdirektor Ritter v. Korytowski, die Hofräte Mautner,