Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 42 (28.10.1904)
- Date
- 1904-10-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 6. Die Wahrheit Nr. 42. Der Vorsitzende erteilt nun Herrn Dr. Stransky das Wort zu dem zweiten Punkte: „Der Kampf gegen die jüdische Berufsintelligen z", den Redner in einem ausführlichen Referate darlegt, das sich namentlich mit der schweren Lage des jüdischen Arztes in Wien beschäftigt Die Diskussion beider Referate wird unter Einem geführt und erhälr zunächst Reichsralsabgeordnerer Dr. Ofner das Wort, der nach Besprechung der im niederösterr Landtage eingebrachten Schulvorlagen auf die traurige Situation der provisorischen jüdischen Unterlehrer und der jüdischen Beamten der Stadt Wien hinweist. Viel schlimmer als der Antisemitismus der Gemeinde sei aber derjenige des Staates, welcher es zu verhindern weis;, daß jüdische Rechtspraktikanten ausgenommen werden. Wenn sich die Spitzen der Justiz rühmen, modern zu sein, so müssen sie vorerst die Verletzungen, welche die verfassungsmäßig gewährleistete Rechtsgleichheit der Konfessionen erfahren, beseitigen. Die Theoretik der Politik hat verkündet, das; die Majorität stets Vorteile bringe, doch auch die Minorität bringt soiche, indem sie ihre Mitglieder zwingt, an innerer Kraft zu ersetzen, was an äußerer fehlt. Es wird den Juden immer zum Vorteile gereichen, wenn sie durch ihr tadelloses Verhalten mit der Bevölkerung, hervorragendes Wissen und Charakterstärke ihre Ueberlegenheit beweisen. Wenn eine Woge des öffentlichen Lebens eine Partei emporträgt, so darf man nicht glauben, daß diese Woge stand hält, daß nicht wieder ein Rückgang folgt, der fast so tief führt, als man hoch gestanden ist. Wir brauchen zwar nicht zu fürchten, daß die Zeit vor dem Jahre 1848 wiederkehren werde, aber wenn wir wieder in die Höhe kommen, müssen wir Vorsicht und Besonnenheit bewahren. Die Juden müssen ihre Feinde zwingen anzuerkennen, daß trotz des ihnen entgegengebrachten Hasses ihr Charakter und ihr Wissen nicht zu bemängeln seien. (Beifall). Cand. jur. Nassau bemerkt, daß zwar die Frage des Intelligenz- Proletariats nicht spezifisch jüdisch sei, daß aber unter dem allgemeinen Elend die Juden am meisten ieiden, auch wenn sie durch Wissen und Charakter ihre arischen Konkurrenten weit übertreffen. Redner sieht eine Lösung der Frage nur im Wege der nationalen und moralischen Erziehung des jüdischen Volkes. Dr. Paul Weisen grün tritt für den Selbstschutz der Juden ein. Herr Lucian Brunner beantragt folgende Resolution: Die heute ins Restaurant Guth einberufene' Generalversammlung der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" erblickt in dem am 14. d. M. anläßlich der Beratung des Landesbudgets für das Jahr 1904 gefaßten Beschlüße des niederösterreichischen Landtages, gemäß welchem zwei Stipendien für Hörer arischer Abkunft an der Wiener Exportakademie kreiert werden, eine grobe Verletzung der Bestimmungen des Staatsgrundgesetzes vom 21. Dezember 1867, gemäß welchem alle Staatsbürger gleich und alle Volksstämme gleichberechtigt sein sollen; dieselbe protestiert dagegen, daß Gesetze beschlossen, sanktioniert und promulgiert werden, gemäß welchen aus Steuergeldern, zu denen alle Staatsbürger gleichmäßig beigetragen haben, nur Staatsbürgern einer bestimmten, übrigens gar nicht nachweisbaren Abstammung Benefizien zukommen sollten. Dieselbe bedauert auf das lebhafteste, daß gegen das Zustandekommen eines solchen aegen das Reichsgesetz verstoßenden Landesgesetzes seitens des berufenen Vertreters der Regierung im Landtage keine Einsprache erhoben wurde, und beauftragt den Vorstand der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" nach Tuniichkeit geeignete Maßnahmen zu treffen, damit die Durchführung eines solchen Beschlußes unterbleibe. Vizepräsident kaiserl. Rat Wilhelm A n n i n g e r übernimmt den Vorsitz und erteilt Herrn Ortsschurat Fuchs das Wort, der folgenden Antrag zur Annahme vorschlägt: „Der Vorstand der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" wird aufgefordert, gegen die Zurücksetzung der Vertreter der jüdischen Konfession im Ortschulrate gegenüber den Vertretern der katholischen Religionsgenoffenschaft, die in den neuen Schulgesetzvorlagen des Landesausschusses für das Land Niederösterreich statuiert ist, an kompetenter Stelle Einspache zu erheben und für den Fall, als diese Bestimmnng vom Landtage beschlossen werden sollte, die Regierung aufzufordern, daß sie diesen Gesetzentwurf der kaiserlichen Sanktion nicht unterbreite." Max Zimonowicz bespricht die wohltätige Wirkung des Zionismus auf die nationale Erziehung des jüdischen Volkes und betont die Notwendigkeit der Einigkeit. Er bemängelt die Tatsache, daß gerade die wohlhabenden jüdischen Kreise sich schämen, jüdische Hilfskräfte zu engagieren. Dr. Lifczicz wünscht, die jüdischen Parteien mögen sich, wenn es sich um den Kampfnach außen handelt, einigen, auch wenn sie in internen Fragen getrennt Vorgehen. Dr. Bloch wendet sich gegen den nationalen Chauvinismus, hebt die Notwendigkeit einer einheitlichen Organisation hervor und betont, daß gerade für die Juden hervorragende Intelligenz und Charakterstärke ein verläßliches Kampfmittel seien. Es sprachen noch die Herren Dr. Schalit, Bezirksrat Brill, Markus, Dr. Hausmann und Dr.' Zins, worauf Sekretär Fleischer an Stelle des Referenten das Schlußwort erhielt. Redner führt aus, daß, wenn man auch den zionistischen Bestrebungen mit Sympathie gegenüberstehe, die Verwirklichung derselben noch einige Zeit in Anspruch nehmen werde. Solange aber das jüdische Volk verurteilt ist, im Golus zu leben, sei es notwendig, daß man den Rechtsschutz mit allen zur Verfügung stehenden gesetzlichen Mitteln übe, daß man Schritt für Schritt den Boden verteidige, aus dem man uns hinausdrängen will. Redner betont schließlich, das; die „Union" keiner politischen Strömung in den Weg trete, sie will auf dem Boden des Rechtsschutzes alle Juden vereinigen, und richtet an die Anwesenden die Aufforderung, dem Vereine beizutreten und auch weitere Mitglieder zu werben. Es werden hieraus die beiden von den Herren Lucian Brunner und Ortsschulrat Josef Fuchs eingebrachten Resolutionen zur Abstimmung gebracht und einstimmig angenommen, worauf der Vorsitzende die Versammlung in der Mitternachts stunde schließt. Der Tiermrd Affenmensch in der Distel. Von I. Lanz-Lieberrfels (Entdecker des Anthropozoons). (Fortsetzung.) Der bekannte Baseler Anthropologe Kollmann schreibt in seiner höchst beachtenswerten Abhandlung, „Die Pygmäen und ihre systematische Stellung innerhalb des Menschengeschlechtes"*): „Mac Iver hat seinen Abhandlungen mehrere photographische Tafeln beigegeben, auf denen die Schädel in drei verschiedenen Ansichten mit peinlicher Sorgfalt wiedergegeben sind. Aus diesen Tafeln läßt sich mit aller nur wünschenswerten Sicherheit entnehmen, daß die Bevölkerung von A b y d o s (in Egypten schon 6000 v. Ehr.) aus Abkömmlingen der großen Rassen Afrikas und aus Abkömmlingen von Pygmäen zusammengesetzt war, und zwar kamen Pygmäen vor im Verhältnis von zirka 20%.» „Angesichts dieser unbestreitbaren Beweise über das Vorkommen von Pygmäen in Oberegypten zwischen 4000 bis 6000 v. Ehr. ist es im hohen Grade wahrscheinlich, ja fast gewiß, daß Aristoteles, Homer, Herodot und andere Schriftsteller des Altertums (vor allen die Bibel!) eine zutreffende Nachricht von dem Vorkommen dieser Rassenzwerge erhallen hatten.. . Da wir die Schädel der Zwerge noch heute mit eigenen Augen sehen können, so ist an deren Existenz, sowie au die Existenz der Baziati nicht mehr zu zweifeln. Ein ebenso wertvolles archälogisches und anthropologisches Monument wie der schwarze Obelisk, ist das Relief von Nimrud (aus der Regierungszeit Assurnassirbals, 930 bis 905). Dasselbe bringt ein noch viel interessanteres Tier, als der schwarze Obelisk. Das Tier, das nach der Beischrift papu heißt, geht gleichfalls nach Menschenart aufrecht und dürfte nicht höher als 1 Meter gewesen sein. Auffallend kurz, fast flossenartig sind die Arme, der ganze Körper ist mit einer Schuppenhaut überzogen und endet in einen sehr langen Schweif. Die Ohren des Tieres sind mit Ringen geschmückt. Entweder war das Tier selbst so klug, daß es sich dieselben in die Ohrläppchen einzog, oder es wurde von den Menschen mit den Ohrringen geschmückt. (Siehe Abbildung.)**) Das Tier stammt aus derselben Gegend wie die baziati und udumi, nämlich aus der Landschaft Musri. Auch diese Darstellung ist ein historisches Monument, nicht etwa eine künstlerische Erfindung, es ist wieder eine nüchterne Tributliste, in der das merkwürdige Tier verzeichnet wirb.***) Die Inschriften berichten von zwei Arten paputu. von großen paputu (paputu rabitu) und kleinen paputu (paputu sihirtu). Schon nach dem Aeußeren des Tieres könnte man auf den Gedanken kommen, daß man ein Waffertier vor sich habe. Diese Annahme wird durch die historischen Texte bestätigt. Denn von den paputu rabitu heißt es in den Texten, daß sie amil nari, d. h. Flußmenschen sind! Aus dieser Bezeichnung entnehmen wir zweierlei. Erstens haben wir in diesem Tier „Menschen" oder menschenähnliche Wesen vor uns, denn die Urkunde nennt sie amil, d. i. Menschen. Zweitens *) Verhandl. d. naturforsch. Gesellsch. in Basel, Bd. XVI. **) Aus Hommel: Gesch. Bab. u. Aff. 1885,583. ***) I. Rawlinson: cuneiform. inscr. (1861), 28, 30 a und V. Ra wl. 1. c. 69.