Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 42 (28.10.1904)
- Date
- 1904-10-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 42. Die Wahrheit : eit e o. man darf die Juden als verabscheuungswürdige Wüstlinge be-! sudeln, aber es ist eine frevelhafte Verwegenheit, anzudeuten, daß möglicherweise auch Pfarrerköchinnen zur Vermehrung unehelicher Kinder beisteuerten, ohne die Bekanntschaft von Juden gemacht zu haben, „die mit Equipagen und Marmorpalästen an sie herantraten". Wir haben vor einiger Zeit mit schmerzlichem Bedauern die konziliante Haltung gekennzeichnet, die seitens des Gremiums der Wiener Kaufmannschaft gegenüber christlich-sozialen Lehrern eingenommen wurde. Umso erfreulicher und befriedigender ist der Eindruck, den die Stellungnahme des Herrn v. P o l l a ck, des Präsidenten dieser Körperschaft, gegenüber dem Antrag, dem Dr. Lueger anläßlich seines 60. Geburtstages eine Ovation zu bereiten, hervorries. Herr v. Pollack hat mit Mannhaftigkeit und sittlicher Energie erklärt, daß er es unvereinbar mit seiner Ausfassung von Würde und Gesinnung sinde, einem antisemitischen Bürgermeister die Glückwünsche einer Körperschaft auszusprechen, in deren Mitte sich zahlreiche Mitglieder befinden, die wegen ihrer Konfession den häßlichsten Beschimpfungen seitens der christlich-sozialen Partei und ihrer Führer ausgesetzt waren und ausgesetzt sind. Herr v. Pollack hat eigentlich damit das einzig Selbstverständliche gesagt. Aber in unseren Tagen gehört es beinahe zu den Ausnahmsfällen, wenn das Selbstverständliche geschieht. * * Der Fackelzug zu Ehren des Dr. Lueger ist verboten worden. Der Herr Bürgermeister sollte der Regierung nur dankbar für dieses Verbot sein. Sein politisches Leben verträgt keine helle Beleuchtung. Dr. Lueger und die Seinen '.vollen aber offenbar in dem Verbote des Fackelzuges keinen ihnen geleisteten, zur Dankbarkeit verpflichtenden Akt der Regierung -erblicken. Der Größenwahn Luegers verzichtet schwer auf diese Ovation und seine Knappen geberdeien sich bei ihren Angriffen auf die Regierung, als ob diese ein orivaen laesae majestatis begangen hätte. Uebrigens braucht man gar nicht darüber zu staunen, daß Lueger und die Seinen bei dieser Gelegenheit eine so anmaßende, freche, beinahe aufwieglerische Sprache führten. Ihre Losung war von Beginn: Und der König absolut, wenn er unfern Willen tut. Als Lueger aus seine Bestätigung zum Bürgermeister vergebens warten mußte, führten seine Leute keine andere Sprache und die Herrschaften blieben sich nur konsequent, wenn sie jetzt in gleicher Weise demonstrieren. * Unter den Gratulanten, die dem „Herren von Wien" anläßlich seines 60. Geburtstages ihre Huldigung darbrachten, hat natürlich auch der Chefredakteur des ..Reuen Wiener Tagblatt", Herr Wilhelm Singer, nicht gefehlt und damit das Urteil, das wir seinerzeit über die sonderbare Haltung des Präsidenten des internationalen Preßkongresses gegenüber Dr. Lueger und die wahren Beziehungen dieses von jüdischen Abonnenten und Inserenten so reich unterstützten Blattes zur antisemitischen Partei fällten, vollauf bestätigt. Die Wahlverwandtschaft ist schließlich leicht zu erklären. Das „Reue Wiener Tagblatt" nennt sich ein „demokratisches Organ", und Dr. Lueger war ja auch einmal ein Demokrat. Wie sich das „Reue Wiener Tagblatt" diesbezüglich mit ihren Lesern abfindet, mag uns ziemlich kalt lassen; aber da in den letzten Landtagsdebatten wieder von dem „Juden" Singer soviel die Rede war, der mit Dr. Lueger den Brnderkuß lauschte, möge hier neuerdings konstatiert sein, daß Wilhelm Singer schon längst aus dem Judentum ausgetreten ist und seine Gesinnungs—festigtest nicht diesem zur Last gelegt werden kann. Indisch-soziale Fragen. Zur Besprechung der jüngsten Vorgänge im niederösterreichischen Landtage, sowie der Mittel, mit welchen der zunehmenden Hetze gegen die jüdische Berufsintelligenz entgegengetreten werden kann und soll, hat die „Oesterreichisch-Jsraelitische Union" für Samstag den 22. d. M. eine frei zugängliche Bereinsversammlung in den großen Saal des Hotel Guth! einberufen, welche massenhaft besucht war. Unter den Anwesenden befanden sich Angehörige aller Stände, zahlreiche Aerzte, Advokaren, Konzipienten Lehrer und Studierende. Nach Begrüßung der Versammlung durch den Präsidenten, Herrn Sigmund Mayer, verweist dieser zunächst auf die letzte Plenarversammlung und fährt dann in folgender Weise fort: „Von den seitherigen Vorfällen haben wir Ihnen zu berichten, daß die „Union" vor dem Tage der Verhandlung im Landtage über die Stiftung konfessioneller Stipendien an der Exportakadcmie aus öffentlichen Mitteln beim Statthalter interveniert und ihn a u fgefordert hat, eine die verfassungsmäßige G l e i ch b erechtigung wahrende Erklärung abzugeben. Wie Sie wissen, hat sich der Herr Statthalter nicht bewogen gefunden, gegen diese Stipendien vom Standpunkte der Regierung aus Einsprache zu erheben. Wir haben inzwischen die Gewißheit gewonnen, daß dieses Stillschweigen ganz und gar auf alleinige Rechnung des Herrn Starthalters zu setzen ist. Des Weiteren teilen wir Ihnen mit, daß wir am verflossenen Donnerstag in einer Audienz beim Herrn Ministerpräsidenten gegen die im Landtage eingebrachten S ch u l v o r l a g e n, resp. gegen die darin enthaltene Zurücksetzung des Vertreters der indischen Religion gegen die Vertreter der katholischen, entschieden Verwahrung eingelegt haben. Es entspann sich eine längere Diskussion, über die wir jetzt keine Mitteilung machen können, da sie Fragen berührt, deren Lösung durch eine vorzeitige Publikation ungünstig beeinflußt werden könnte." Redner geht hierauf zur Tagesordnung über: „Tie beiden Gegenstände derselben gehören wohl zu den für die gesamte Judenschaft aktuellsten; sie sind förmlich aus der Not des Tages heraus geboren. Die anliseminsche Bewegung hat ihren rein theoretischen Charakter, den sie anfangs besessen, längst abgeworfen, ist ein praktischer, d. h. ein angewandter Antisemitismus geworden. Dieser hat gegen die wirtschaftliche Existenz der Juden einen wütenden Kampf eröffnet und zwar nach und nach auf der ganzen Linie. Anfänglich sind blvs die jüdische:: kleinen Geschäftsleute boykottiert worden, heule geschieht dies auch schon bei den jüdischen Aerzten. Advokaten, Lehrern, Ingenieuren u. s. m. Dieser Boykott nimmt nach und nach die äußersten Formen an. Wenn ein Magistratssekretär Demel alle jüdischen Geschäftsleute für Betrüger erklärt, so ist das nichts anderes als der allerärgste Boykott. Wenn der Landtag jüdische Studenten der Exportakademie von seinen Stipendien ausschließt, so ist dies gleichfalls ein Boykott, und zwar der allerärgste, der sich denken läßt, er ist gegen die zukünftige Existenz unserer Jugend gerichtet. Und neben diesem Boykott geht noch der allerärgste Hohn her. Der Herr Bürgermeister, der sich der antisemitischen Bewegung bemächtigt har, einzig und allein um sich von ihr an die Spitze der Stadt tragen zu lassen, welcher also heute an der Spitze dieses Kampfes gegen die wirtschaftliche Existenz der Juden steht, har jüngst im Gemeinderate verlangt, die Juden mögen ihn mit ihren Judenangelegenheiten in Ruhe lassen. Das ist wohl politisch die keckste Zumutung, die uns gestellt werden kann. Selbstverständlich werden wir dieser freundlichen Aufforderung keine Folge leisten, sondern im Gegenteile werden wir Juden diesen Kampf um unsere Existenz auf das a l ler en e r g if ch e st e bis zu einer A e n d e run g der Situation führen müssen. (Lebhafter Beifall.) Zu unserem lebhaften Bedauern ist der für den ersten Gegenstand bestimmte Referent, Herr Dr. A s ch e r, wegen Heiserkeit verhindert zu sprechen. Lassen Sie mich darum selbst die Bedeutung desselben mit einigen Worten skizzieren. Diese Bedeutung ist eine doppelte. Vorerst eine allgemeine für die ganze Bevölkerung. Sie legt die ganze Gewalt über die Schule in die Hände des klerikalen Landesausschusses. Wir Juden müssen erwarten, daß nach dieser Richtung sich die vernünftigen Elemente in der ganzen Bevölkerung des Reichsvolksschulgesetzes, das für Niederösterreich durch diese Vorlagen durchbrochen wird, annehmen werden. Speziell für uns Juden hat eine Bestimmung in diesen Vorlagen eine große prinzipielle Bedeutung. Sie verfügt, daß im Ortsschulrate wohl der katholische Pfarrer selbstverständlich Mitglied des Ortsschulrates ist, daß aber die Vertreter der anderen Konfessionen nur dann und bei jenen Gegenständen mitzusprechen und mitzustimmen haben, in denen es sich um Entscheidungen von Gegenständen ihrer Konfession handelt. Nun ist das vor Allem ein sehr dehnbarer Begriff. Es ist ganz natürlich, daß, wenn es sich um spezifische Gegenstände der jüdischen Religion handeln wird, dies in den Kreis jener Gegenstände fällt, über welche der Vertreter der jüdischen Religion mitzustimmen hat. Aber gesetzt der Fall, daß beispielsweise ein Geschichtsbuch ni den Schulen eingeführr werden soll, in welchem eine gehässige Darstellung der Geschichte der Juden enthalten ist, dann hätte der jüdische Vertreter hiebei nicht mitzusprechen, weil der Geschichtsunterricht keine Religionssache ist. Aber dieses einzelne Bedenken verschwindet ganz und gar gegen die grundsätzliche Bedeutung, die diese Bestimmung für uns Juden hat. Wenn der Landtag aus öffentlichen Mitteln Stipendien stiftet, welche nach konfessionellen Motiven verteilt werden sollen, so ist das ganz gewiß gegen die Verfassung. Aber immerhin ist dies nur eine gegen das Gesetz verstoßende Praxis. In der Schulvorlage wird zum er st en Mal seit Aufhebung des Konkordats durch ein Gesetz eine verschiedene Behandlung der Katholiken und aller Akatholiken eingeführt. Es ist nur der erste Schritt, aber wir können mit Bestimmtheit rechnen, daß, wenn den Klerikalen dieser erste Schritt gelingt, die weiteren auf sich nicht warten lassen werden, und wir laufen Gefahr, in Zustände zurückgeworfen zu werden, wie sie die Alten unter uns noch vor dem Jahre 1848 gekannt haben. Dagegen heißt es, sich mit aller Kraft wehren." (Lebhafter Beifall.)