Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 42 (28.10.1904)
- Date
- 1904-10-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seile 4. Die Wahrheil Nr. 42. herziger gleicht dem Tiere, das bei den Leiden der Seinigen! gleichgiltig bleibt. Der größte Fehler ist Undankbarkeit und ist nicht einmal gegen ein Tier gestattet. Sei still, wenn man Dich schmäht. Neid und Haß tue ab von Dir. R. A scher b e n I e ch i e l, im 14. Jahrhundert lebend, ein hochberühmter Talmudist, legte in seinem trefflichen Siltenbuch, das er feinen Kindern als Testament hinterlassen hat, manche goldene Regel, wovon hier eine Probe: „Tue ab die Stützen, die Dir Menschen reichen, mache das Gold nicht zu deiner Lebenshoffnung; das ist zum Götzendienst der erste Schritt. Wandle in Demut vor Gott und gib den Armen, wie es sein Wille ist; den Ersatz kann er Dir gewähren. Gib leichter Geld als Worte von Dir. Lege das Wort auf die Wage des Verstandes, bevor Du es aussprichst. Siehe nicht auf den, der im Reichtum über Dich emporgestiegen, sondern auf die hinter Dir Zurückgebliebenen. Aber im Dienste und der Furcht Gottes, siehe auf den Größeren, nicht auf den Geringeren. Freue Dich mit den Zurechtweisungen, die Dich belehren; nimm Rat an und willig jede Belehrung. Sei nicht stolz, hebe die Hand nicht aus gegen deinen Nächsten; sei nicht eigensinnig und hartnäckig; verspotte und verleumde keinen Menschen und gib niemandem eine freche Antwort, auch wenn! er Unschickliches gesprochen. Schmeicheln und Falschheit halte fern von Dir. Strebe nicht nach eitlem Ruhm. Sei aufrichtig und wahr gegen jedermann, auch gegen Nichtjuden, grüße jeden zuerst, ohne Unterschied des Glaubens; erzürne keinen fremden Glaubensgenosse n." Mögen diese Auszüge denjenigen Nichtjuden, die noch nicht vom Gifte des Antisemitismus infiziert sind, genügen, um einiges Verständnis für Judentum und Judenheit zu gewinnen, und mögen unsere Stammesbrüder dem jüdischen Schrifttume stets die gebührende Aufmerksamkeit zumenden, zu ihrem eigenen Nutzen und Frommen, zur Selbstläuterung und zur Selbstveredelung, mit dem felsenfesten Vertrauen auf eine bessere Zukunft, wie es der zwar schneidige, aber zugleich trostreiche Prophet es verkündet und geraten: „Gehe mein Volk, ziehe Dich zurück in deine Kammern, verschließe deine Türen für Dich, warte ruhig auf den Augenblick bis die Wut vorüber sein wird. . . Wenn Du durch die Fluten wandern wirst, so bin ich mit Dir, und die Ströme werden Dich nicht wegschwemmen . . . Und wenn Berge werden weichen und Hügel werden sinken, wird meine Liebe von Dir nicht weichen — spricht dein Erb armer, der Ewige." Das walte Gott. Rabbiner Dr. Kodak. Aus der Woche. Die Lehrer, die durch ihren Anschluß an die Antisemiten mit Schuld daran tragen, daß die Christlich-Sozialen zur Herrschaft in Wien gelangten, haben schwer zu büßen. Von der großen Zahl der Ueberläufer sind allerdings nicht wenige auf dem Wege der Protektion zu rascher, unverdienter Karriere gelangt, aber auch die Mehrheit der reaktionären Lehrer dürfte längst erkannt haben, daß sie um geringer Vorteile willen den köstlichsten Besitz preisgegeben haben. Ueber die harten Züchtigungen, welche die liberalen Lehrer unter dem Regime Lueger- Geßmann zu erdulden haben, darf nicht übersehen werden, daß die gesamte Lehrerschaft Gefahr läuft, unter das tyrannische Joch einer von Brutalität und Willkür beseelten Partei zu geraten. Das Attentat, welches Dr. Geßmann in Form von Gesetzentwürfen auf die Lehrer verüben will, zielt dahin, die Freiheit und Unabhängigkeit der Lehrer völlig zu vernichten. Die gesamte Lehrerschaft in Niederösterreich soll dahin gebracht werden, vor dem Geßlerhut, fast hätten wir gesagt vor dem Geßmannhut, eines despotisch wirtschaftenden Mannes seine Reverenz zu machen. Die freisinnigen Lehrer würden dadurch, das steht außer Zweifel, am schwersten betroffen werden, wenn die Schule ganz dem Klerikalismus ausgeliefert. würde, aber ebenso sicher ist es, daß auch dem christlich-sozialen Lehrer mit der Zeit angst und bange vor dem Gedanken werden muß, daß er allmählig dem Pfarrer gegenüber in eine Stellung gedrängt werden wird, die nicht viel besser und verlockender als die des Meßner sein dürfte. Wenn es einmal soweit sein wird, dann werden die christlich-sozialen Lehrer in dem „ixse feci“ nur geringen Trost finden. Wie kann man übrigens von den antisemitischen Lehrern soviel Voraussicht erwarten, wenn selbst die Regierung die Gefährlichkeit dieser Vorlagen nicht sehen will und sogar die Konfiskation ihrer Rechte bei Ausübung der Schulaufsicht lautlos hinnimmt. Das absolute Schweigen des Grafen Kielmannsegg ist ein trauriges Zeichen der Zeit. In der Debatte über die Reform der Findlingspflege haben die Antisemiten wieder eine unpassende Gelegenheit ausgebeutet, um die Juden zu beschimpfen. Wir wollen hier nicht die Frage erörtern, ob es mit den Prinzipien der christlichen Religion vereinbar ist, daß der Abgeordnete Bauchinger, der katholischer Geistlicher und Antisemit zugleich ist, Himmel und Hölle in Bewegung setzen will, damit die Schande der armen gefallenen Mädchen ja nur um jeden Preis in ihrer Heimatsgemeinde bekannt werde. Schließlich könnte man es ja begreiflich finden, wenn ein Fanatiker der Sittlichkeit, in dem Bestreben, Bollwerke zu ihrem Schutze aufzuführen, sentimentale Regungen unterdrückt. Was soll man aber dazu sagen, wenn dieser Priester und Antisemit durch seine plumpe Ungeschicklichkeit sofort verrät, daß ihn bei seiner Stellungnahme zu dieser Angelegenheit auch nur die alberne und böswillige Neigung beherrscht, wieder etwas zur Judeuhetze beitragen zu können. Kein normal denkender Mensch wird an einen Konnex zwischen Judentum und Findelanstalt denken; dem Antisemiten liegt er auf der Hand. Der hochwürdige Herr Bauchinger vermag sich die interessanten Zustände, in welche die armen Mädchen vom Lande in der Stadt geraten, ohne die Juden nicht vorzustellen. Nur sie, so erklärt er, seien die Wüstlinge, welche die Unschuld verführen. Von Herrn Biehlolawek durch echt antisemitische und unverfälscht blödsinnige Zwischenrufe unterstützt, entrollt der hochwürdige Judenfresser ein schauerliches Bild der moralischen Verwüstungen, an denen fast ausschließlich die Juden schuld seien! „Manches Kind," so rief er schmerzlich aus, „geht als Arierkind herum und die Hälfte seines Blutes ist Semitenblut. Wenn dieses halbsemitische Kind wieder einem Semiten zum Opfer fällt, dann kommen Dreiviertel-Semiten heraus re. re." Herr Bauchinger konstatiert somit eine ungeheuere Verjudung und schimpft über die reichen Juden, ..die mit Equipagen und Marmorpalästen an die armen Mädchen vom Lande herantreten" was Zeug hält. Wenn man nicht längst wüßte, daß die Antisemiten seit jeher die Juden für alles verantwortlich machen, so könnte man beinahe geneigt sein, anzunehmen, daß nur eine Krankheit des Denkvermögens zu solchen unsinnigen Beschuldigungen führen kann. Wir wollen gar nicht dabei verweilen, daß eine Partei, die so eng mit dem Spittelberg verknüpft ist, eine Partei, die Leute wie Purscht und.Gregorig zu ihren Leuchten zählt, das Recht, über Moral zu sprechen, überhaupt verwirkt hat. Aber etwas anderes möchten wir Herrn Bauchinger fragen: Weiß er nicht, daß i n v ers ch i e d en en, v o n h ö ch st klerikalem Gei st e beseelten Provinzen, die fast gänzlich judenfrei sind, dieZahlder unehelichen Kinder perzentuell die größte ist? Kein Zweifel, Herr Bauchinger weiß dies ganz genau, aber er erfrecht sich doch, die Juden als die Wüstlinge kat exocken an den Pranger zu stellen. Dafür ist er ja Antisemit. Im übrigen muß Herr Bauchinger allerdings zugestimmt werden, daß es ganz in Ordnung wäre, wenn man den Namen des Kindesvaters eruieren wollte, um ihn im Falle der Zahlungsfähigkeit nach Maßgabe seiner Vermögensverhältnisse zum Ersätze der Pflegekosten heranzuziehen. Sehr richtig bemerkte hiezu der Abgeordnete Seitz, daß es in solchen Fällen ganz gleich fei, ob es sich um Pfarrer oder Juden handle. Herr Bauchinger war allerdings über diese Bemerkung sehr verstimmt. Natürlich,