Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 42 (28.10.1904)
- Date
- 1904-10-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3063212-3063255--03318-3070067- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
akrchsit Redaktion u. Administration: Wien, II/j Novaragasse 27. Telephon Nr. der Druckerei 15302. InseralL 20 Hell, per Nonpareille-Zeile.j! Abonnementsn. Jnsertions-?! j betrage sind in Wie» zahlbar!! nnd klagbar. Unabhängige Heitfchrift für Mische Interessent tzrscheinl jeden IreiLag. Uoilo: ,,I)n.ü ZieZsl Oott68 ist Wahrheit!" i ' j Vezugspireis: i| Ganzjährig . . . K. 12. jj Halbjährig . . . K. 6.!>! Für Cnltusbeaiilte: Ganzjährig . . K. >0 — | | Für Ausland: Ganzjährig ... 8 Mark. Ü Rubel oder io FcS. Ur. 42. Wien, 28. Oktober 1904. Inhalt: Zur jüdischen Moralliteratur des Mittelalters. — Aus der Woche. — Jüdisch-soziale Fragen. — Ueber die ökonomische Lage der Juden in Rußland. — Der Tier- und Affenmensch in der Bibel. — Verschiedene Nachrichten. — Literatur. — Feuilleton - Moies' Denkmal. Zur jüdischen Moralliterntnr des Mittelalters. In unserer unerquicklichen Zeit, in welcher die Wogen der Judenfeindseligkeit sich mächtig austürmen, in welcher auf dem großen weiten Erdenrund fast überall das Judentum verunglimpft wird und den Bekennern des Einigeinzigen alle möglichen Vergehen und Verbrechen, ja die Jmmoralität überhaupt angedichtet werden, und infolgedessen die Judenheit bald durch List, bald durch rohe Gewalt ununterbrochen bedrückt und verfolgt wird, ist es gewiß nicht überflüssig, aus den jüdischen Moralbüchern des Mittelalters einige Proben zu veröffentlichen, woraus zu ersehen ist, was die Lehrer des Gesetzes von jedem einzelnen Juden als wirkliche, be'.vnßte sittliche Tat verlangten, und was auch die zeitgenössischen Dichter ihren Stammesbrüdern als ideale Anforderung hinstellten. Es geschah dies — das verdient nachdrücklichst betont zu werden — als unsere Vorfahren nicht nur ohne Gerechtigkeit und Billigkeit, ohne Teilnahme und Mitleid, ohne Schutz und Stütze von Seiten der menschlichen Gesellschaft erniedrigt und gequält wurden und fortwährend unsägliche Leiden und Marter zu bestehen hatten, sondern auch, als sie von den Bekennern der sogenannten Religion der Liebe, von den Dienern ihrer Kirche, stets gehetzt, in großen Horden mit grausamer Wildheit und Roheit zu tausenden ausgeplündert und durch Schwert, Feuer und Wassergräßlich hingemordet wurden. Es geschah dies in jener Zeit, als Israel nirgends eine dauernde Heimat hatte, als es wie das Wild im Walde, von Ort zu Ort gehetzt, am Morgen nicht wußte, wo es am Abend sein Haupt zur Ruhe wird legen können. Und in dieser Zeit — ~ was ganz besonders hervorgehoben werden muß — ermahnten die Rabbiner, diese Stocktalmudisten, die ihr ganzes Leben und Wirken nach den traditionellen Lehren des Talmud regelten, ihre Volksgenossen, fest und unerschütterlich in sittlicher Lebensführung zu verharren und auch Andersgläubigen gegenüber strenges Recht und opsersähige Billigkeit zu üben. Rabbi Elieser ben Jsak aus Worms schrieb im Jahre 1050 in seinem Werke „L e b e n s p f a d e" folgende Lehrsätze: „Gib, mein Sohn, Gott die Ehre und zolle ihm den Dank fürfeine Wohltaten; denn Du bedarfst seiner, er aber nicht Deiner. Vertraue nicht deinem leiblichen Wohlergehen hienieden. Mancher hat sich niedergelegt und ist nicht wieder ausgestanden, mancher ging fröhlich zu Bette, gesund und wohlgemut, und erwachte unter Schmerzen und Schrecken. Von einem bösen Nachbar, von einem übel berüchtigten Menschen, halte Dich fern; verweile nicht unter Leuten, die von ihren Nebenmenschen Böses reden. Sei nicht wie die Fliege, die stets die kranken Stellen aussucht. Erzähle von dem Nächsten nicht die Fehler. Frohlocke nicht, wenn dein Feind füllt; gib ihm zu essen, wenn er hungert. Hüte Dich, Waisen und Witwen zu kränken; sei nicht Zeuge und Richter in eigener Person. Tue ab den Zorn, das Erbteil der Toren, liebe die Weisen und strebe nach Erkenntnis." Rabbi Inda ben Samuel, der Fromme, schrieb im 13. Jahrhundert in Regensburg das „Buch der Frommen" Wir lesen darin unter anderem: „Wenn zwischen Juden und Nichtjuden ein Vertrag zu" gegenseitigem Beistände abgeschlossen worden ist, müssen erstere Beistand leisten, wenn letztere ihrer Verpflichtung Nachkommen. Will ein Jude einen Nichtjuden töten, dieser aber nicht jenen, so müssen wir dem Nichtjnden beistehen. Man soll niemandem Unrecht tun, auch nicht Andersgläubigen. An dem Vermögen derjenigen, die die Arbeiter drücken, oder gestohlene Sachen kaufen und zu ihrem Hausgerät heidnische Zierraten halten, ist kein Segen. In dem Verkehre mit Nichtjuden befleißige Dich derselben Redlichkeit wie mit Juden; mache den Nichtjuden auf seinen Irrtum aufmerksam, und es fft besser, Du lebst von Almosen, als daß Du zur Schmach des Judentumes und des jüdischen Stammes mit fremdem Golde davonläufst. Holt der Nichtjude sich bei Dir Rat, so sage ihm, wer redlich ist und wer ein Betrüger. Siehst Du einen fremden Glaubensgenossen eine Sünde begehen, so hindere sie, wenn Du die Macht dazu hast. Flieht ein Mörder zu Dir, so gewähre ihm keinen Schutz, auch wenn er ein Jude ist. Begegnet Dir aus schmalem, schlechtem Wege ein Lasttragender, so mache ihm Platz, auch wenn er kein Jude ist. Einem frommen Nichtjuden gib zurück, was er verloren hat, halte ihn mehr in Ehren, als den Israeliten, der die göttliche Lehre vernachlässigt. Auf Amulette vertraue nicht, sondern nur aus Gott. Kannst Du mit dem Wenigen, was Du besitzt. Dich ernähren, so nimm nicht von anderen. An dem Gelde von Leuten, die die Münzen beschneiden, oder Wuchergeschäf.'e machen, oder unredlich Maß und Gewicht handhaben und im Handel nicht ehrlich sind, ist kein Segen. Mancher wird dadurch arm, daß er Arme verspottet und mit barten Worten znrückstößt. Jeder soll den Armen zukommen lassen, was er für unnütze, eitle Dinge ausgeben möchte. Ein Unbarm-