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Die Wahrheit · 1904-10-21 · Heft 41 (21.10.1904) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 41 (21.10.1904)
Date
1904-10-21
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Die Wahrheit Nr. 40. sonal im Hause waren lauter bezahlte Feinde. Seit sie von Leopold derart hintergangen worden, konnte sie niemand mehr volles Vertrauen schenken. In solchen traurigen einsamen Stunden, wie es eben die heutige war, entrang sich ihrem beklommenen Herzen das innige Gebet: „£> Du guter Gott, an den ich stets so fest glaube, sch icke ^mir einen Menschen an die Seite, der mir treu ist, daß ich in meinen alten Tagen nicht so einsam und verlassen dastehe. Für wen habe ich gearbeitet und gespart, wenn ich, wie Vater Abraham sagte, kinderlos durchs Leben gehe? Und nicht einmal ein treuer Diener steht mir znr Seite, wie dem Patriarchen sein Hausverwalter Elieser." Dieser Jdeengang wurde durch die alte Magd unterbrochen, welche die Türe leise öffnete, und durch den entstandenen Spalt den Kopf steckte. „Schlafen Sie, Madame?" „Nein, was gibts," sagte Frau Eva unwillig, ..Du weißt, Rösel, daß ich nachmittags nicht gestört sein will, das ist meine einzige freie Stunde nach dem Mittagstisch." „Ich weiß, Madame," sagte die Magd, indem sie ins Zimmer trat und die Türe hinter sich schloß, ..aber es sind Soldaten gekommen zur Einquartierung, ein großer Herr, ich weiß nicht, ob es ein General oder Korporal ist und sechs andere Soldaten, die vor dem Herrn einen großen Respekt haben. Was soll ich jetzt mit ihnen anfangen?" „Geh hinaus, Rösel, der Schaffer soll die Soldaten gut unterbringen und verpflegen; er soll jedem von ihnen gleich eine Flasche Bier geben und Brod mit Wurst, bevor er was anderes bereitet hat." Rösel eilte hinaus, um die Anordnung ihrer Gebieterin auszuführen. (Forts, folgt.) Gerueiudebote. Wien. Montag, den 17. d. M. fand im Sitzungssaale der Wiener Kultusgemeinde unter Vorsitz des Präsidenten der Kultusgemeinde, Dr. Alfred Stern, eine Sitzung des provisorischen Komitss zur Gründung eines österreichischen Kolonisationsvereines für Palästina statt, in der die von der Behörde bereits genehmigten Statuten zur Kenntnis gebracht wurden. In den der Sitzung vorausgegangenen zwanglosen Pourparlers, sowie in der an die Vorlesung der Statuten sich anknüpfenden Debatte wurde von mehreren Seiten der mit 10 K festgesetzte Mitgliedsbeitrag für zu hoch befunden, und die zukünftige Vereinsleitung wird, wenn sie weitere Schichten der jüdischen Bevölkerung Oesterreichs für diesen Verein interessieren will, gewiß gut tun, den nach dieser Richtung laut gewordenen Bedenken vollste Beachtung zu schenken Die Konstituierung des Vereines und die Wahl des Vorstandes wurde infolge der verhältnismäßig geringen Anzahl der Anwesenden, es fanden nämlich zu gleicher Zeit mehrere Sitzungen in der Knltusgemeinde statt, für einen der nächsten Tage vertagt. Wien. (Zu den bevorstehenden Wahlen in den Knltusvorstand.) Unter Vorsitz des Obmannes des Vereines „Machsike Hadath", Herrn Samuel Meisels, fand in den Lokalitäten des gedachten Kereines, H., Nestroygafse 4, am Sonntag, den 16. d. M., eine Versammlung von Vertretern orthodoxer Bethäuser und Vereine statt. Selbst Vereine, die an den äußersten Peripherien Wiens ihren Sitz haben, wie beispielsweise des 13. und 20. Bezirkes, hatten ihre Delegierten entsendet. Im Berlanfe einer angeregten Debatte, in der unter der geschickten Führung des ehrwürdigen Vorsitzenden fast alle Anwesenden zu Worte kamen, wurde eine allseitige Klärung der Ansichten erzielt. Man kam dahin überein, von allen zuweitgehenden Forderungen abzusehen, dagegen für das Erreichbare, d. i. für eine der Bevölkerungsziffer konservativer Richtung entsprechende Vertretung im Knltusvorstande mit aller Kraft sich einzusetzen. Zu diesem Zwecke wurde die Einsetzung eines Wahlkomitös, in welchem möglichst alle Bezirke vertreten sein sollen, beschlossen, und in dasselbe die Herren: S. Meisels, S. Deiches, W. Morgenstern, Osias Jner, Hermann Kohner, Dr. T. Fink, Jacob März und Dickstein berufen. Dem gedachten Konnte wurde zur Aufgabe gemacht, in einem Wahlprogramm die Wünsche der orthodoxen Bevölkerung aufzustellen, auf Grund dessen dann Vereinbarungen mit verwandten Parteien getroffen werden sollen. Wien. (Das Gremium der Wiener Kaufmannschaft und der 60. G eburtstag D r. Luegers.) In der letzten Sitzung des Gremiums der Wiener Kaufmannschaft wurde der Antrag gestellt, der Vorstand solle dem Bürgermeister Dr. Lueger anläßlich seines 60. Geburtstages die Glückwünsche des Gremiums übermitteln. Der Präsident des Gremiums, Kommerzialrat Leopold v. P o l l a ck, erklärte, daß cs seiner Ansicht nach nicht angehe, dem Dr. Lueger, der als Chef des Wiener Magistrats das Gremium in der bekannten Affaire des Magistratssekretärs Demel in so brüsker Weise behandelt habe, die Glückwünsche der Wiener Kaufmannschaft auszusprechen. Das Gremium und die Wiener Kaufleute seien zum großen Teile Liberale und Juden und es wäre wohl eine Charakterlosigkeit dieser Herren, sich an einer Ovation für jenen Mann zu beteiligen, der sie seit Jahren auf das heftigste bekämpft. Auch das wirtschaftliche Moment müsse in Betracht gezogen werden, und Redner könne als Vertreter der gesamten Kaufmannschaft nicht den Führer einer Partei beglückwünschen, welche die liberalen und jüdischen Kaufleute, wenn sie auch beste Qualitäten offerieren, lediglich aus dem Grunde von den Lieferungen für die Stadt Wien und Niederösterreich ausschließen, weil sie Liberale oder Juden sind. Herr y. Pollack äußerte seinen festen Entschluß, seine Präsidentenstelle niederzulegen, wenn das Gremium diesen Antrag zum Beschlüsse erhebe oder wenn sich auch nur eine ansehnliche Minorität^ für denselben fände. Nach kurzer Debatte wurde hierauf der Antrag von dem Antragsteller zurückgezogen, ohne daß es zu einer Abstimmung gekommen wäre. Brody. Am 12. d. M. fand die Ersatzwahl der acht ausgelosten Kultusräte statt. Sieben derselben wurden wiedergewählt, und zwar die Herren: Lasar Bloch, Dr. Jakob Byk, Abr. Kluger, Jsr. Kaminer, Jakob Os. Horwitz, Adolf Mann und Elias Rosenthal. Als achter kam diesmal aus der Wahlurne Herr Dr. Bernhard Groß hervor, ein tatkräftiger Mann, der so manches auf dem Gebiete der Humanität geleistet hat und auch als Schulinspektor schöne Verdienste ausweisen kann. Herr Hirsch Kapelusch wurde bei dieser Wahl um sein Mandat gebracht, wodurch ihm ein großes Unrecht zugefügt wurde; er ist doch ein Len Ir, ein Mann von hoher Bildung, reich an Erfahrung und von Gtücksgüteru gesegnet, die ihm eine unabhängige, jedem seine freie Stirn bietende Stellung verleihen, was meist Ursache zu Anfeindungen gibt. Solche Männer, die nur die Zierde einer Korporation sein können, werden meist verkannt und verdrängt, wie es bei der jetzigen Wahl leider der Fall war. M. Budapest. Montag, den 17. d. M., abends, veranstaltete das Theresienstädter Kasino eine dem Andenken Franz D e a k s gewidmete Feier, an welcher fast die gesamte Regierung, mit dem Ministerpräsidenten Grafen Stephan Tis za, die Vertreter der Kommune und die hervorragendsten Persönlichkeiten der liberalen Partei teilnahinen. Minister- 'präsident Graf Tisza hielt eine mit stürmischem Beifall aufgenommene Tischrede über die innerpolitische Lage und die formvollendete Festrede hielt der hauptstädtische Advokat Dr. Bela F e l e k i. Köln. Herrn Kantor I. Blumenthal ist anläßlich seines fünfzigjährigen Amtsjubiläums der Kronenorden IV. Klasse verliehen worden. Berlin. (Eine Beschwerde gegen den preußischen Kriegsminister.) Der Stabsarzt der Reserve, Dr. Lachmann, in Berlin hat im Mai dieses Jahres nachstehende Beschwerdeschrift bei dem königlichen Bezirkskommando eingereicht: „Am 7. März dieses Jahres haben im Reichstage die Abgeordneten Liebermann v. Sonnenburg und Böckler gegen die jüdischen Soldaten, Offiziere, ja selbst gegen die jüdischen Veteranen der letzten Feldzüge, die im Besitze der höchsten Kriegsehrenzeichru sind, Schmähungen der gröblichsten Art gerichtet. Die Abgeordneten haben die jüdischen Soldaten der Kriegsuntüchtigkeit, Feigheit und Unlust am Heeresdienste geziehen und dieselben vor dem Reichstage und dem deutschen Volke der Lächerlichkeit preisgegeben. Se. Exzellenz der Kriegsminister v. Einem hat zu diesen schmählichen Angriffen, die bei ihrer Haltlosigkeit und Unwahrheit leicht zurückzuweisen waren, geschwiegen. Ich fühle mich als Stabsarzt der Reserve und der mosaischen Religion angehörend durch dieses Schweigen des Kriegsministers in meiner Ehre gekränkt und erhebe Beschwerde darüber, daß ich als Angehöriger der Armee bei diesen schmachvollen Angriffen von dem Vertreter der Armee im Reichstage nicht in Schutz genommen worden bin, trotzdem ich fast 18 Jahre dem Heere aktiv und in der Reserve angehöre und weder mein Mut noch meine Liebe zum Vaterlande angezweifelt werden können. Ich habe, wie die dortigen Akten ergeben, im Jahre 1892 mit eigener Lebensgefahr ein Kind vom Tode des Ertrinkens gerettet, habe mich im Jahre 1892 freiwillig nach China gemeldet. Das Verhalten des Herrn Kriegsnnnisters ist für mich der Grund dafür gewesen, jetzt meinen Abschied zu erbitten. Wenn ich die Ehre habe, Sanitätsoffizier des Heeres zu sein, so glanbe ich auch, ein Anrecht darauf zn haben, bei so maßlosen Angriffen an einem Orte, an dem ich mich nicht selbst verteidigen kann, von dem berufenen Vertreter der Armee verteidig! zu werden. Ich erhebe aus diesem Grunde Beschwerde gegen Se. Exzelleuz den Kriegsminister v. Einem und bitte ganz ergebenst, diese meine Beschwerde höheren Orts zu unterbreiten und unterstützen zu wollen. Dr. Lachmann Stabsartz der Reserve." Gleichzeitig erbat Dr. Lachmann seinen Abschied. Der Abschiedwurde ihm durch kaiserliche Kabinetsordre vom 20. Juli bewilligt. Auf seine Beschwerde ist ihm ein Bescheid nicht zuteil geworden. London. Bekanntlich hat vor einiger Zeit die britische Regierung den Führern der Zionistenbewegung angeboten, die geplante gemeinsame Ansiedelung der jüdischen Stammesangehörigen in Britisch-Ostafrrka ins Leben zu rufen. In der Londoner „Jewish World" wird nunmehr ein Brief von Sir H. H. Johnston veröffentlicht, in dem dieser, um seine Meinung über das Niederlassungsland befragt, bekundet, daß kein geeigneterer Punkt in Ostafrika gefunden werden könne als das in Vorschlag gebrachte Plateau von Gwas Ngishu. Es sei einer der schönsten und gesündesten Teile des englischen ostafrikanischen Schutzgebietes, sehr fruchtbar und das ganze Jahr hindurch gut bewässert. Sir H. H. Johnston hält es für wünschenswert, daß die Siedelung auch in ihrer Verwaltung den nationalen Charakter rein bewahrt und daß sie als von einem jüdischen Unterkommissär verwaltete Provinz nur der Oberhoheit des Statthalters unterstehe. Eine Kommission der Zionistenvereinigung wird zur Prüfung, der bisher gemachten Vorschläge demnächst nach Ostafrika reisen.

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