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Die Wahrheit · 1904-10-21 · Heft 41 (21.10.1904) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 41 (21.10.1904)
Date
1904-10-21
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 41. Die Wahrheit Seite 9. Lerselben sehe ich mit umso größerer Zuversicht entgegen, als die folgenden, auf vollster Wahrheit beruhenden Mitteilungen zur Charakterisierung der Verwaltung eines öffentlichen Interesses nicht entbehren: Ich habe die verflossenen Feiertage bei meiner Familie in Stanislau zugebracht und als ich am Chol hamoed meinen alten Lehrer daselbst besuchte, fand ich denselben in größter Mißstimmung. Auf meine Frage, was ihn so sehr bedrücke, zeigte er mir eine Zuschrift, die er von seiner Wiener Behörde — wie er sagte — erhalten habe. Der Inhalt dieses Schriftstückes war ungefähr folgender: Der Lehrer solle sich. Gott behüte, nicht einsallen lassen, nach Wien .zu kommen, weil er doch dann leicht der Versuchung ausgesetzt sein könnte, den einen oder den andern der Herren Kuratoren oder gar der Beamten sprechen zu wollen, was ihm die größten Unannehmlichkeiteu bringen würde. Mein Lehrer fügte noch hinzu, daß er bei dieser Gelegenheit einen bestimmten Arzt wegen eines Leidens konsultieren wollte, aber zu seinem Schrecken ist derselbe, wie er soeben erfuhr, ein Kurator. Dies die Ursache seiner Mißstimmung. Ich beruhigte und tröstete den armen Mann damit, daß sich hoffentlich in Wien noch ein guter Arzt finden wird, der nicht Kurator ist und der auch die paar Gulden für die Konsulation von ihm zu nehmen geruhen wird. Als ich vor einigen Tagen nach Wien zurückgekehrt, ein Nachmittagsstündchen in meinem Stammkaffee zubrachre, allerdings nicht um wie die Herren Sekretäre, mit Bezirks und Gemeinderäten, oder gar mit Reichsratsabgeordneten, sondern mit ganz gewöhnlichen polnischen Inden, wie ich es bin, zu verkehren, kam das Gespräch auf die Demmission des -Herrn v. G. . . ., die durch die Mittheilung in Ihrem Blatte in die Oeffentlichkeit gedrungen war, und ich erzählte wie die Lehrer vomihrer Behörde behandelt werden. Da trat vom Nachbartische ein Mann auf uns zu, stellte sich als „Schnorrer" N. N. — auch in gewiffen Kreisen ein beliebter Titel für Petenten der Stiftung — vor und erzählte uns, daß er die Ehre hatte, bei der Stiftung zu „schnorren", nämlich um einen Erziehungsbeitrag für seine Kinder zu bitten. Zu seiner Verwunderung habe er aber die Erfahrung gemacht, daß hier alles nur von der Laune des Herrn Sekretärs, oder von zwei bis drei Kuratoren abhängt. Diese tun, was ihnen gefällt, trotzdem die Statuten wie auch der Stiftbrief die Plenarversammlung allein als zu derartigen Verfügungen berechtigt anerkennen, und nickt einzelne Kuratoren, wenn dieselben auch sich „Ausschuß" zu nennen be-! lieben. Wir beschlossen, der Sache nachzugehen und fanden, wie unglaublich; es auch klingen mag, daß der obige „Schnorrer" uns den Sachverhalt > ganz der Wahrheit entsprechend geschildert hat. Darum halte ich es auch! für meine Pflicht, dies der Oeffentlichkeit zu übergeben und danke Ihnen, j geehrter Herr Redakteur, im Vorhinein für die Aufnahme in Ihr gej schätztes Blatt. | hochachtungsvoll j der polnische Jude Jacob „sogen wir Jankel". Feuilleton. Der Aindling. Erzählung von Ballette Fried, Prag. (5. Fortsetzung.) Es gelang dem jungen Ehepaare, noch eine letzte Unterredung zu haben, deren Resultat war, daß Leopold sich unververzüglich nach Breslau begeben solle, wo er reiche Verwandte habe, bei denen er sich einquartiere und fleißig lerne, um sich die so notwendige allgemeine Bildung, sowie etwas kaufmännisches Fachwissen anzueignen. Er hatte im Laufe der Jahre, in welchen er bei Frau Goldberg in Stellung war, einige hübsche Ersparnisse gemacht. Selma drängte ihm auch die ihren auf, die er sich anfangs sträubte, anzunehmen. Selbstverständlich hatte diese es nicht notwendig, erst die schwarze Krone ihres Haares zu opfern, um ihrem Auserwählten die goldene Krone der Gelehrsamkeit zu verschaffen. Unter mehrmaligen Umarmungen und heißen Küssen und von dem Treueschwur, den sie sich gegenseitig leisteten, begleitet, schieden die Liebenden von einander. Ein in einem benachbarten Meierhofe als Wirtschafter bediensteter Freund Leopolds machte den Vermittler bei der Korrespondenz, welche von beiden Seiten aufs eifrigste geführt wurde. Nach der Abreise des von ihr so gehaßten Leopold, wiegte sich Frau Eva allmählich in ein Gefühl der Sicherheit ein, da Selma scheinbar ruhig die Trennung von dem Gelieben ertrug. Die kurzsichtige Mutter fing an, diese ganze Liebschaft als eine törichte Tändelei des körperlich und geistig unbeschäftigten, sich selber überlassenen Mädchens zu betrachten, freute sich daher ungemein, als Selma anfing, sich recht tätig im Hause und in der Wirtschaft zu zeigen, und dabei einen ungewöhnlichen Lerneifer an den Tag legte. Die Arbeit, welche Frau Eva als den größten Segen des Menschen zu betrachten pflegte, sowie gänzliche Trennung von dem Verführer, sollten dazu beitragen, dem unerfahrenen Dinge alles vergessen zu machen. Jäh wurde die unglückliche Mutter aus ihrer Ruhe aufgeschreckt, als eines Morgens Selma verschwunden war, einen Brief zurücklassend des Inhaltes, daß sie zu ihrem Gatten reise, um bei ihm ihre Niederkunft zu erwarten. Die stolze Frau war von diesem Schlage bis ins Mark getroffen. Doch anstatt, wie es sicherlich jede andere Mutter getan hätte, nach ihrer verschwundenen Tochter zu forschen, und alles zu ihrer Auffindung aufzubieten, wurde Frau Eva noch starrköpfiger, als sie es früher war. Der Name, ihrer Tochter kam nicht mehr über ihre Lippen, und sie gab sich vor den Hausleuten bas Ansehen, als ob Selma mit ihrem Willen und Wissen das Haus verlassen hätte. Indessen war es der unerfahrenen jungen Frau auf ihrer Flucht gar übel ergangen. Sie reiste nicht auf der Eisenbahn, weil sie annahm, daß sie auf dieser von der sie suchenden Mutter am ehesten aufgesunden werde, sondern wühlte Landwege, auf denen sie später, aber desto sicherer ans Ziel zu kommen hoffte. Auch wählte sie zu ihrem Nachtausenthalte lieber kleinere Ortschaften, die selbst von dem Landwege abseits gelegen waren. Mit einem ziemlichen Geldvorräte und ihrem sehr wertvollen Schmuck versehen, kam sie auch auf dieser Reise gut vorwärts, nachdem sie eine scheinbar vertrauenswürdige Reisebegleiterin ausgenommen hatte. Doch diese war eines Tages unter Mitnahme alles Bargeldes sowie des Schmuckes Selmas verschwunden und trotz emsiger Nachsorschung der braven Wirtsleute, bei denen die beiden ihr Nachtquartier aufgeschlagen hatten, war keine Spur von ihr zu finden. Die Wirtin erbarmte sich der verzweifelnden jungen Frau und gab ihr Beschäftigung, indem sie ihr alte fürs Haus notwendige Näherei übertrug, wofür sie ihr ganze Verpflegung gab. Denn an ein Weiterkommen unter diesen Umständen war für Selma nicht zu denken, und um eine Unterstützung an ihren Gatten, oder an ihre Mutter zu schreiben, konnte sich die Arme nicht entschließen. Ein kleines Darlehen von der mitleidigen Frau in der Tasche und ein Knüblein im Arm, machte sich nach einigen Monaten Selma auf, zu Fuß den Wohnort ihres Mannes aufzusuchen. Doch die von Jugend an Verwöhnte war solchen Strapazen nicht gewachsen. Zudem war ihr das Kind ein Hemmnis. Schwach und krank, wie sie auf ihrer Wanderung wurde, konnte sie ihrem Lieblinge keine Nahrung bieten. Ihr Geld ging zu Ende, und so entschloß sich die Verzweifelnde eines Tages, ihr hinsiechendes Kind der jüdischen Barmherzigkeit anzuvertrauen, in der sesten Hoffnung, es dann abzuholen, wenn es ihr bei ihrem Gatten besser erginge und seinen Wohltätern dann reichlichen Ersatz für alle durch Aufnahme des Kindes entstandenen Auslagen zu bieten. Gleich Mirjam stand sie unbemerkt abseits, um das Schicksal des teuren Ausgesetzten zu erspähen. Als die unglückliche Mutter ihr Kind in den Händen der jüdischen Männer erblickte, entfernte sie sich unbemerkt. Das Uebrige wissen wir. IV. Frau Eva saß noch immer in schmerzlichen Gedanken versunken; das Alter hatte sie zwar seither etwas milder gemacht, aber nicht ihren Starrsinn derart gebrochen, daß sie irgend welche Schritte zur Auffindung ihrer Tochter, deren Gatten oder des Kindes unternommen hätte. In Stunden des Alleinseins drängte sich ihr besseres Gefühl immer ivieder hervor und führte in der Seele der alten Frau einen aufreibenden Kampf mit ihrer angeborenen Starrköpfigkeit und ihren angewöhnten Vorurteilen. Sie war so allein im Leben, diese alte Frau, hatte keine treue Seele um sich, außer einer alten Magd. Das übrige Per-

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