Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 41 (21.10.1904)
- Date
- 1904-10-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 6. 9lr. 41, Die Wahrheit darauf zurückzuführen ist, daß die hohen Feiertage in diesem Jahre auf einen ungewöhnlich frühen Zeitpunkt fielen. Die Trauungstaxen ergaben — wie seit Jahren schon — eine Mindereinnahme, welche sich innerhalb der ersten 9 Monate mit X 2416.— beziffert, welches Minus in der Konkurrenz der Vereinsbethäuser seinen Grund har? '' Protestkundgebung. Hiermit wäre der Vierteljahresbericht, welchen Ihnen zu erstatten ich die Ehre habe, beendigt gewesen,, wenn nicht unmittelbar vor unserer heutigen Zusammenkunft gerade in den letzten Tagen Ereignisse eingetreten wären, welche mit Stillschweigen zu übergehen als arge Pflichtverletzung hier in diesem Saale und außerhalb desselben mit vollem Rechte uns zur Last gelegt würde. Auch wenn wir hier Versammelten nicht Mitglieder des Kultusvorstandes wären, wenn in irgend welcher jüdischen Vereinigung aus was immer für einem Anlässe eine Zusammentretung unserer Glaubensbrüder stattfände, so wäre sie moralisch verpflichtet, es wäre für sie ein Gebot der Ehre, laut und vernehmlich Proreft zu erheben, gegen jene widrigen, auch unserem Vaterlande nicht zur Ehre gereichenden, vielmehr dessen Ansehen im In- und Auslande tief schädigenden Szenen, welche sich in einer öffentlichen, gesetzgebenden Körperschaft abspielten. Daß dieselben vorbereitet waren, ergibt sich daraus, daß sie durch eure darauf berechnete Vorlage hervorgerufen wurde, welche verschiedene Stadien passiert haben mußte. Daß sie mit Haaren herbeigezogen waren, ergibt fick aus der Geringfügigkeit des Betrages, um den es sich handelte, und ergibt sich aus einer leider nur zu richttgen Bemerkung, welche einer der Redner machte, daß eine solche Vorlage überhaupt nicht nötig wäre, da ohnehin aus interkonfessionellen Stiftungen, Widmungen, Benefizien von der antisemitischen Majorität in Stadt und Land Juden, auch wenn noch so qualifiziert, ausgeschlossen werden. Daß aber die berufenen Faktoren zu allem dem schwiegen, daß keiner derselben — im allgemeinen, öffentlichen Interesse — ein Wort der Entgegnung fand, drängt uns die Frage auf, ob wir österreichische Juden rechtlos seien, ob die pöbelhafte Hetze gegen uns von regierungswegen sankttoniert werde, ob — wir wollen da gar nicht von feierlich beschworenen Staatsgrundgesetzen sprechen — das Sanktuarium der Gesetzgebung und der öffentlichen Verwaltung in der Residenz unseres heißgeliebten, allverehrten Monarchen dazu mißbraucht werden dürfe, die seit so lange gegen uns betriebene Hetze fort und fort zu propagieren. Dagegen erheben wir laut und öffentlich Protest und wollen wir ttotz allem und allem immer noch der Hoffnung Raum geben, daß derselbe an maßgebendem Orte nicht ungehört verhallen werde." (Allgemeine lebhafte Zustimmung.) Interpellation. Kultusvorsteher Hermann Eltbogen interpelliert in Angelegenheit der Beschwerde des Tempelvereines „Beth-Hachneteth," daß diesem Vereine die angeblich bereits längst bewilligte Subvention pro 1904 aus einem Grunde, welcher mit der Subventton in keinem Zusammenhänge stehe, nicht ausbezahlt werde. Der Präsident teilt in Beantwortung dieser Interpellation Folgendes mit: Das Subventionsansuchen des Tempelvereines wurde bereits am 20. März 1904 in einer Vertreter-Sitzung erledigt und für eine Plenarsitzung zur Beschlußfassung vorbereitet. Ehe es zu einer Beschlußfassung kam, zog der Tempelverein dieses Ansuchen zurück und brachte ein neues Gesuch um eine erhöhte Subventton ein. Dieses Gesuch mußte im Sinne der Geschäftsordnung neuerlich die verschiedenen Instanzen passieren, so daß es nicht möglich war, die Angelegenheit der am 26. Juni 1904 stattgehabten letzten Plenarsitzung zu unterbreiten. Es liegt dieses Ansuchen der heutigen Sitzung zur Beschlußfassung vor. Wie unbegründet die Angabe des Vereinsvorstandes sei, daß aus irgend einem Grunde mit der Auszahlung der Subventton gezögert werde, geht daraus hervor, daß ich dem Vereine bis zum 15. Juli 1904 über sein Ansuchen und ohne daß das Plenum es bewilligt hätte, einen Betrag in der Höhe der vorjährigen Subventton, das ist X 2000.— anwies, wofür ich mir die Indemnität erbitte. Die Jnterpellationsbeantwortung wird zur Kenntnis genommen. Auslosung. Nach Verlesung der Spenden und Legate wird die Auslosung von vier Vorstandsmitgliedern aus der Kurie der Höherbesteuerten, welche zum Austtitte zu gelangen haben, vorgenommen, und werden hierbei folgende Namen gezogen: David Ritter von Guttmann, Moriz Edler von Kuffner, Wilhelm Kuffner, Leopold von Lieben. Subventionen. Sekretär kais. Rat Dr. Lieben referiert namens des Vertreter-Kollegiums über die Subventionierung von Vereinen. Es werden bewilligt: Dem Belhausvereine „Gemilas-Chesed" eine Subvention von X 100.—; dem Belhausvereine „Beth-Hachneteth" eine ordentliche Subvention von X 1000.—, eine außerordentliche Subvention von X 1400.— und als Beitrag zu größeren Adaptierungs-Arbeiten KL 600.—; dem Vereine „Kin derfreunde" in Ottakring behufs Beteilung armer jüdischer Schulkinder mit Schuhen eine Subvention von KL 400.—; dem Kindergarten in der Brigittenau wie im Vorjahre eine Subvention von KL 2000.— mit der Bedingung, daß jederzeit mindestens 50 arme jüdische Kinder den Kindergarten srequentteren; dem Vereine ..H e i l st ät t e f ü r L u p u tzkranke" eine Subvention von KL 100.—. Schluß der öffentlichen Sitzung. In der hierauf folgenden vertraulichen Sitzung wurden folgende Stiftungen verliehen: die L. G. Goldstein-Witwen- Stiftung (3 Plätze ä KL 400. — ) an drei mittellose Witwen; die Moriz Goldberger-Stiftung im Betrage von KL 590.— an einen zur Anstellung vollkommen befähigten Rabbinats-Kandidaten; die Therese Wertheim-Ausstattungs-Stiftung im Betrage von K 300.— an ein armes mutterloses Mädchen. Für die Prüfungskommission für allgemeine Volks- und Bürgerschulen in Wien wird das Vorstandsmitglied Herr Dr. Maximilian Steiner als Kommissär und Herr Professor Dr. Heinrich Pollak als Examinator für die nächste dreijährige Funktionsperiode berufen. Dem Bethausvorstande der Bezirke XII—XY wird der Beitrag für die Beteilung Armer der Bezirke XII—XV mit Geld und Mazzoth von X 3200.— auf K 4000. — erhöht, und weiters für die am 2. Dezember 1904 stattsindende Kinderbeteilung ein Bettag von X 1500.— bewilligt. Nach Erledigung von Personalien und Steuer-Angelegenheiten wird die Sitzung um 1 Uhr mittags geschlossen. Der Tier- und Affenmensch m der Met. Bon I. Lauz-Liebenfels (Entdecker des Anthropozoons). (Fortsetzung.) „Kain stammt vom Bösen", „Kain war ein Sohn des Teufels", so ist im ersten Brief Johannis, m. Kapitel, 12. Vers, zu lesen. Das ist wieder durchaus nicht theologisch gesagt, sondern anthropologisch; denn nunmehr wird uns die Geschichte Kains erst verständlich. Ist nach der jetzt üblichen Auffassung nicht Gott Schuld an dem Morde Abels? Warum sieht Gott nicht auf das Opfer Kains, warum diese theologisch nicht zu begründende Bevorzugung Abels? Kain war ein Teufelssohn, der Sohn eines Tiermenschen, deswegen hat ihn Gott gehaßt. Diese Tatsache gibt uns nunmehr auch den Schlüssel zum Verständnis der viel und viel untersuchten Paradiesesgeschichte. Was war die Sünde Adams und Evas? Daß sie eine verbotene Baumfrucht gegessen hätten, und diese Sündenschuld sich auf die Menschheit vererbt hätte, das wird niemand annehmen £ÜB