Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 41 (21.10.1904)
- Date
- 1904-10-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3063212-3063254--03306-3070054- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4. Die Wahrheit Nr. 41. Ursachen darin, daß die Juden gewisse Charakterzüge haben, „welche wir nicht goutieren können", und es sei an den Juden gelegen, diese Fehler abzulegen. Es wäre unsinnig und ungerecht zu behaupten, daß die Juden durchwegs aus idealen Menschen bestehen, aber es ist ebenso unsinnig und ungerecht, Leuten von dem moralischen Tiefstand der Schneider, Bergani, Gregorig rc. rc. das Recht einzuräumen, sich alsLehrmeister und Sittenrichter der Juden aufspielen zu dürfen. Gewiß, auch die Juden haben sittlich minderwertige Elemente in ihrer Mitte, aber diese werden nicht, wie bei den Antisemiten, zu geistigen Führern und Leitern erkoren. Die Antisemiten sollen erst vor ihrer Türe kehren und wenn ihnen das Menschenunmögliche gelungen, daß sie ihre Mistberge weggeräumt und ihre Kloaken ausgetrocknet haben, dann, aber nur dann er st, wollen wir ihnen das Recht e i n r ä u m e n. sich mit der Förderung und Hebung der jüdischen Moral zu beschäftigen. * Sollen wir zum Schlüsse noch ein Wort über den Herrn Grafen Kielmansegg sprechen, der dieser Debatte beiwohnte, ohne sich durch Ehre und Pflicht genötigt zu sehen, nicht für die Juden, nein, für die mißhandelten Staatsgrundgesetze mit einem Sterbenswörtchen einzutreten? Wir erinnern uns der Zeit, wo Graf Kielmansegg, der sich als freisinniger Staatsmann und pflchittreuer Beamter girierte, von den Antisemiten beschimpft und verhöhnt wurde. Heute hat sich das Blatt gewendet. Der Herr Graf hat mit den Herrschaften Frieden geschlossen. Sie haben sich einstens geschlagen und heute vertrugen sie sich. Das ist alles. # * * Ja wohl, die antisemitisch-klerikale Majorität im niederösterreichischen Landtage ist allmächtig, und die Regierung läßt sie ganz nach Belieben schalten und walten. Auch das Attentat auf die Volksschule, daS der Landtag mit den eben vorgelegten Gesetzentwürfen über das Volksschulwesen plant, scheint die Billigung der hohen Regierung zu finden. Nun denn, gar so widerspruchslos wird das nicht gehen, denn es gibt auch außer den Juden weite Kreise der Bevölkerung, denen die Freiheit der Schule ein Heiligtum ist, das sie mit allen Kräften zu verteidigen gedenken. Wie in den unseligen Konkordatszeiten soll die Schule unter die Oberaufsicht des Herrn Pfarrers kommen. Ein Pröbchen hievon zeigen unter anderem auch die Bestimmungen über die Zusammensetzung und den Wirkungskreis des Ortsschulrates. Da heißt es: Der katholischePfarrer, oder, wo ein solcher bestellt ist, Pfarrverweser, in dessen Pfarrsprengel die Schulgemeinde liegt, ist Mitglied des Ortsschulrates. Derselbe tritt, wenn sein Pfarrsprengel mehrere Schulgemeinden umfaßt, in den Ortsschulrat jeder Schulgemeinde als Mitglied ein. Wird eine Schule von Kindern besucht, die einem anderen gesetzlich anerkannten als dem katholischen Glaubensbekenntnisse angehören, so tritt, wenndieZahl der dem betreffenden Glaubensbekenntnisse ungehörigen Glaubensgenossen nach der letzten Volkszählung in einer Schulgemeinde außer Wien oder in einem Wiener Gemeindebezirke mehr als 100 beträgt, zur Wahrnehmung der religiösen Interessen der betreffenden Schulkinder ein von der bezüglichen konfessionellen Oberbehörde, beziehungsweise der israelitischen Kultusgemeinde bestimmter Vertreter des betreffenden Glaubensbekenntnisses in den Ortsschulrat ein. Derselbe nimmt jedoch an der Beratung und Abstimmung nur dann teil, wenn es sich um Gegenstände handelt, die den durch ihn vertretenen Jnteressenkreis berühren. Wenn diese Vorlage Gesetz wird, dann wird in sämtlichen Gemeinden Niederösterreichs, mit Ausnahme Wiens, kein einziger Vertreter der jüdischen Religion in den betreffenden Ortsschulrat entsendet werden. Und ähnlich mag es auch den Protestanten ergehen. Dagegen muß energischer Protest erhoben und mit allen gesetzlichen Mitteln angekämpft werden. Den betroffenen Kultusgemeinden bieten die Bestimmungen des Reichs-Volksschulgesetzes, die durch ein Landesgesetz nicht ausgehoben werden können, eine sichere Handhabe zur Vertretung ihrer Rechte. Und wenn die einzelnen Gemeinden sich im Kampfe gegen Unrecht und Willkür als zu schwach erweisen sollten, dann wäre es Aufgabe des allgemeinen österreichisch-israelitischen Bundes, dieser höchst wichtigen Angelegenheit seine vollste Aufmerksamkeit zuzuwenden. Aus der Wiener Knltnsgemeinde. Nach längerer Pause fand Sonntag, den 16. d. M. unter dem Vorsitze des Präsidenten Dr. Alfred Stern eine öffentliche Plenarsitzung des Kultusvorstandes statt. Der ausführliche Präsidialbericht über die wesentlichen Vorkommniße in der Gemeinde tönte zum Schlüße in einen flammenden Protest gegen die letzten Vorgänge im niederösterreichischen Landtage aus, der von der Versammlung, die diesmal auch seitens der Gemeinde- Mitglieder stärker besucht war, mit allgemeiner Zustimmung ausgenommen wurde. Von einer Wirkung des Protestes auf die Regierung, oder die antisemitsche Partei versprechen wir uns wol sehr wenig, desto lauter sollte er aber unseren reichen Glaubensgenossen in die Ohren tonen, die noch immer in unbegreiflicher Verblendung, wie es sich erst in jüngster Zeit wieder zeigte,^namhafte Legate, „ohne Unterschied der Konfession" stiften, trotzdem sie ganz gut wissen, daß, wenigstens in Wien und Niederösterreich, aus solchen Legalen einem jüdischen Petenten kein Kreuzer zugewendet wird. Nur jüdischen Zwecken zu spenden, wäre die einzig wirksame Antwort unserer reichen Glaubensgenossen auf die antisemitische Brüskierung. Im Nachstedenden der Bericht über den Verlauf der Sitzung: Vor Uebergang zur Tagesordnung erstattet der Vorsitzende folgenden Präsidialbericht: Nachdem die letzte Plenarsitzung am 26. Jnni 1904 stattgefunden hat, erachte ich es heute als meine Pflicht, Ihnen von den wesentlichen Vorkommnissen in dem äbgelaufenen Quartal Kenntnis zu geben. Bevor ich jedoch zu dieser Berichterstattung schreite, geziemt es sich, einiger Männer zu gedenken, durch deren Hinscheiden die Wiener Kultusgemeinde schmerzliche Verluste erlitten hat. Am 3. Juli d. I. starb der Führer der zionistischen Partei Dr. Theodor Herzl. Ihnen Allen, meine Herren, ist bekannt, mit welchem Feuereifer, mit welcher Liebe für seine Stammesgenossen, mit welch hoher Begabung in Wort und Schrift Herzl für jene Ideale eintrat, die er als glückbringend für uns erachtete. Ich habe in einer unmittelbar nach dem Leichenbegängnisse stattgehaben Sitzung des Vertreterkollegiums der Trauer des Kultusvorftandes durch eine Ansprache Ausdruck gegeben, welche Ihnen wohl durch die Zeitungen bekannt geworden sein dürfte. Alle zu jener Zeit in Wien anwesenden Vorstandsmitglieder haben sich an dem Leichenbegängnisse beteiligt und weiters fand am 14. Juli 1904 im Leopoldstädter Tempel eine vom Vorstande veranstaltete Trauerfeier statt. Wir haben durch diese Kundgebungen dem Andenken des Verewigten den gebührenden vollen Dank gezollt. Am 20. August 1904 verschied Herr Moriz Ritter von Borkenau, ehemaliger Präsident der Kultusgemeinde. Er wurde im Jahre 1864 in den Kultusvorstand gewählt, welchem er durch 24 Jahre in hervorragender Stellung, zuletzt im Jahre 1885 als Präses, angehörte. Unter seiner Mitwirkung wurde das Spital der Kultusgemeinde errichtet, die israelitische Abteilung am Zentralftiedhof erworben und bei diesem Anlasse die Uebertragung der Friedhofsagenden von der Chewra-Kadischa an die Kultusgemeinde durchgeführt. Der Verewigte hat auch nach seinem Scheiden aus dem Kultusvorstande das lebhafteste Interesse für alle sie betreffenden Angelegenheiten bekundet. An die Witwe des Dahingeschiedenen wurde ein Beileidsschreiben gerichtet und werden wir durch Anbringung des Bildes des