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Die Wahrheit · 1904-10-21 · Heft 41 (21.10.1904) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 41 (21.10.1904)
Date
1904-10-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Die Wahrheit Redaktion u. Administration: | Wien, II/j Novaragasse 27.j Telephon 3h\ der Druckerei 15302. JuJ'urate 20 Hell, per Nonpareille-Zeile. Abonnementsn. Jnsertions-1 I betrage sind in Wie» zahlbar I und klagbar. | ^abhängige Heitschrift für jüöische Interessent Kr scheint jeden Kreilag. Uotto: „Das Ziegel Gottes ist Wahrheit!" Oexngsplxeis: j i Ganzjährig ... ft. 12.— , j Halbjährig ... ft. 6.-; Für Cilitnsveainte:;j Ganzjährig ... ft. 10—; Für Ausland: 1 jj Ganzjährig ... 3 Mark.! || 6 Jinbet oder 10 Fcs. Ur. 41. Wien, 21. Oktober 1904. Inhalt: Aus der Woche. — Aus der Wiener Kultusgemeinde. — Der Tier- und Affenmensch in der Bibel. — Aus der Vergangenheit und Gegenwart Ungarisch-Brods. — Eingesendet. — Gemeindebote. — Feuilleton. — Ein bescheidener Jubilar. — Verschiedene Nachrichten. Aus der Woche. Der niederösterreichische Landtag, oder sagen wir lieber, um der Gerechtigkeit und der Wahrheit zu entsprechen, die antisemitische Majorität dieses Landtages hat ein niederträchtiges Attentat auf die Staatsgrundgesetze verübt. Die Herrschaften haben das dringende Bedürfnis empfunden, klar und unzweideutig zu dokumentieren, daß die ..Versöhnungs"-Komödie, die kürzlich unter der Aegide des Dr. Lueger anläßlich des Journalistenkongresses aufgeführt wurde, eine bloße Komödie war und daß die Judenhetze weiterhin blutiger Ernst bleibt. Die Majorität des niederösterreichischen Landtages hat die erste beste, d. h. die erste schlechte Gelegenheit zu dieser Demonstration weidlich ausgenützt. Sie hat mit einer Schamlosigkeit, die keinerlei Skrupel kennt, den Staatsgrundgesetzen, welche die Gleichheit aller vor den Gesetzen dekretieren, ins Antlitz geschlagen, indem sie einen Antrag, welcher die Verleihung von Stipendien an der Exportakademie des Handelsmuseums an dieBedingung der arischen A b st a m m u n g knüpfte, a n n a h m. Ursprünglich hatte der Antrag in der Fassung des Mechanikers Schneider anders gelautet. Da war nur verlangt, daß die Bewerber der ch r i st lichen Konfession angehören müßte n. Der gute, biedere Mechanikus hatte offenbar einen Moment vergessen, daß nach seiner eigenen Theorie, der Antisemitismus mit der Rassentheorie steht und fällt, und daher derjenige, der die Judenhetze zum politischen Dogma erheben will, den getauften Juden ebensosehr, oder vielleicht noch mehr als den ungetauften hassen und verfolgen müsse. Das Versehen wurde rasch gut gemacht. Die Majorität des Landtages konnte die vollgiltige Probe auf die antisemitische Gesinnung ihrer Mitglieder machen. Der Antrag des Abgeordneten Sturm, wonach der Hinweis auf die christliche Konfession nicht genüge, sondern die arische Abstammung allein ausschlaggebend sei, wurde angenommen. Wenn das angesichts der Staatsgrundgesetze auch tückischem Wahnsinn gleichsieht, so liegt doch Methode darin. Nur konsequent sein! Die Söhne des Herrn Dr. P o r z er — dieser Leuchte der christlich-sozialen Partei - könnten um keinen Preis der Welt sich um diese Stipendien bewerben. Auch die Kinder und Enkel des Herrn Georg Schönerer müßten mit Hohn zurückgewiesen werden. Ja, wenn einem der Bewerber unglücklicherweise nachgesagt würde — bewiesen könnte es wohl schwerlich werden — daß er ein Abkömmling eines Apostels sei, der Arme wäre verloren. Die christlichsoziale Majorität des niederösterreichischen Landtages ist isich aber dessen bewußt, daß wer dem Judentum einen Faustschlag versetzen will, vorerst mit souverainer Verachtung über alle Rücksichten für das Evangelium und dessen erste Verkünder hinwegschreiten müsse. Wir hegen zu viel Ehrfurcht vor jeder Religion, als daß wir sie mit billigen Scherzen zu politischen Argumenten ausschroten wollten, aber es ist schwer, die Bemerkung zu unterdrücken, daß die Begründer des Christentums, wenn sie auf wunderbaren Wegen an der Bewerbung um ein Stipendium an der Exportakademie sich beteiligen wollten, hiebei wegen ihrer nichtarischen Abstammung jämmerlich scheitern müßten. Der Abgeordnete B i e l o h l a w e k, ein ungebildeter Mensch, der in anderen Zeitläufen wohl sein Brod als Greisler oder desgleichen verdienen würde, hat in dieser Debatte tiefsinnige Erörterungen über das Wesen des Judentums geboten und als Ursache des Antisemitismus das — Solidaritätsgefühl der Juden bezeichnet. Wir wünschten vom Herzen, daß wir Herrn Biehlolawek insoferne Recht geben könnten, daß auch wir dieses Solidaritätsgefühl als lebendig wirksam erkennen dürsten. Gewiß, die ungerechte, haßerfüllte Behandlung der Juden sollte und müßte naturgemäß ein solches Gefühl der Solidarität erwecken, sollte die gemeinsame Abwehr der fluchwürdigen Hetze als heilige Pflicht erscheinen lassen. Aber leider ist dies nicht der Fall. Der Antisemitismus in Le st er reich hätte nicht so mächtig werden können, wenn unsere Glaubensgenossen d u r ch d a s G e s ü h l desgemeinsam erduldeten Unrechtes sittllich gekräsligt und erstarkt, den Kampf gegen den Antisemitismus solidarisch geführt hätten. * Auch eines Verteidigers der Juden in dieser Debatte müssen wir mit einigen Worten besonders gedenken. Der Abgeordnete B l a ch hat sich der Juden angenommen, aber mehr vielleicht als die Angriffe auf die Juden, zeigte diese Verteidigung, wie schmählich und ungerecht die Juden beurteilt werden. Herr Blach hat es ja ganz gut gemeint, als er der Meinung Ausdruck gab, er wolle für die Juden sprechen, da er in einer Religion erzogen worden sei, welche Versöhnlichkeit, Duldsamkeit und Menschenliebe lehre. Er meinte, der Antisemitismus habe seine

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