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Die Wahrheit · 1904-10-14 · Heft 40 (14.10.1904) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 40 (14.10.1904)
Date
1904-10-14
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Ocherr.-ungar Kantoren-Zeitung. 25 jähriges Amtsjilbttimrn. In einer für den Jubilar überaus ehrenden Weise hat der I. Kantor der Wiener Kultusgemeinde, Herr Moritz Blatt, Samstag, den 8. d. M., sein 25jähriges Amtsjubiläum als Kantor am Leopoldstädter Tempel begangen. Die zahlreichen Beweise der Sympathie und Anerkennung, die ihm von Seite des Gemeindevorstandes, der Gemeindemitglieder und der Kollegenkreise zuteil wurden, geben Zeugnis von der hohen Wertschätzung, die seine 25jährige verdienstvolle und pflichttreue Amtstätigkeit in allen diesen Kreisen gefunden hat. Die Jubiläumsfeier kam schon im Gottesdienste selbst zum Ausdrucke, indem der Vorstand dem Jubilar die ersten Funktionen und das Mussafgebet verehrte, während Oberkantor Guttmann, in anerkennenswerter Betätigung besonderer kollegialer Achtung, die zweiten Funktionen übernahm und Kantor Rothwein die Thoraoorlesung versah. I. Kantor Blatt wurde als Rewii hoch aufgerufen und als nach Verlesung des Thoraabschnittes Oberkantor Gnttmann einen von ihm dem Jubilar gewidmeten Mischeberach vorgetragen und dieser wieder einen selbstverfaßten Mischeberach auf die Gemeinde rezitiert hatte, feierte Rabbiner Dr. Schmiedl den Jubilar in längerer geist- und gemütvoller Rede. Rach dem Gottesdienste, der das Gepräge erhebender Weihe trug und die noch immer schönen Stimmittel des Jubilars zu vollster Geltung brachte, sprachen zahlreiche Deputationen und einzelne Gratulanten in der Wohnung des Jubilars vor. Deu Reigen derselben eröffneten Rabbiner Dr. Schmiedl und der Präsident der Gemeinde, Dr. Alfred Stern, der an den dnbilar eine schöne Ansprache hielt, die dieser mit gemütvollen Dankesworten an den Vorstand und die Gemeinde erwiderte. Dann erschien eine fast aus sämtlichen Mitgliedern des Bethausvorstandes bestehende Deputation, geführt vom Bezirksschulrat Dr. Markus Spitzer, der mit Worten ehrender Anerkennung die Gratulation dieser Körperschaft und ein prachtvolles Geschenk (silberne Jardinisre mit eingravierter Widmung) übermittelte. Hierauf brachte Sekretär Braun das Gratulationsschreiben des Vorstandes zur Verlesung. Unter Führung des Chordirigenten I. Heimann gratulierten sodann das Chorpersonal und die Quartettmitglieder vom Leopoldstädter Tempel. Ein Chorknabe trug ein sinniges Gedicht vor, daun sang der gesammte Knabenchor ein schönes Festlied, worauf Chordirigent Heimann im eigenen Namen, sowie im Namen der Sängerschaar dem Jubilar gratulierte und die Ehrengeschenke (silberne Lyra und silbernen Becher) überreichte. Der Verein zur Unterstützung alter Männer, dessen langjähriges Mitglied der Jubilar ist, ließ gleichfalls durch den Vereinspräses, Herrn I. Schwarz, und den Schriftführer Kantor I. Löwit Glückwünsche und ein hübsches Geschenk übermitteln. Unter den Gratulanten erschienen auch Oberrabbiner Dr. Güdemann und Gemalin, der 1. Vizepräsident der Kultusgemeinde Dr. Gustav Kohn und viele Gemeindemitglieder, von denen auch zahlreiche Geschenke und Blumenspendeu kamen. Um 12 Uhr mittags sprach die Deputation des österr.-ungar. Kantoren-Vereines und der Wiener Kantoren vor, bestehend aus dem Präses Singer, dem Vizepräses Bauer, Kassier Schorr und den Vorstands- und Vereinsmitgliedern Guttmann, Schiller, Löwit, Regner, Dünmann, D. L. Rotter und Serebrenik. Präses Singer hielt eine Ansprache an den Jubilar, in welcher dessen hervorragende Verdienste um den Kantorenverein würdigte, dann brachte Sekretär Dr. Löwy die vom Vereine gewidmete, vom Kalligrafen Pick kunstvoll ausgeführte Adresse zur Verlesung, und zum Schlüsse überreichte Vizepräses Bauer einen von den Wiener Kantoren gewidmeten silbernen Kranz, indem er gleichzeitig auch die Glückwünsche der abwesenden, -durch Funktionen am Erscheinen verhinderten Kollegen übermittelte. Tiefgerührt dankte der Jubilar für die ihn so auszeichnenden Ehrungen. Es gratulierten weiters die Religionslehrer unter Führung des Inspektors Professor Kanitz, namens des Vereines „Esra" Religionslehrer Kantor A. Rotter und viele Andere. Zahllos waren die eingelangten schriftlichen Gratulationen und Telegramme von Gemeindemitgliedern, Freunden und auswärtigen Kollegen, und unter letzteren wollen wir das Glückwunschtelegramm des Mähr. Kantorenvereines, abgesendet durch den Präsidenten Oberkantor Heller, besonders hervorheben. Girre deutsche Keduscho.*) Jede Art von musikalischer Komposition erheischt ihre eigene Behandlung, sozusagen ihren eigenen Stil, und der Komponist muß genau wissen, welche Art seinem Naturell zusagt, falls er nicht eine gewisse universelle Art von Begabung hat und der jeweiligen Gattung, in der er schafft, genau ihr Eigenwesen ablauschen kann. Es nimmt gleich anfänglich für ein Werk ein, wenn der Komponist den Stil getroffen hat, während ein in anderer Beziehung oft ganz wertvolles Werk im Nachteile bleibt, falls die Erfordernisse, die der Stil an dasselbe stellt, nicht prägnant zum Ausdrucke kommen. Herr Oberkantor Henle (der jüngst in Hamburg vielgeseierte) har uns bereits glänzende Proben eines individuellen Stiles von Synagogenmusik geliefert; ich erinnere hier nur an die „sechs hebräischen Gesänge" (Lord Byron), als auch ganz besonders an den „Holoch wekorosso“ (genau gearbeitet nach dem von meinem Vater in Wien normierten Mögen - Omans - Steiger) für Chor, Solo und Orgel. Das neueste Opus nun, „die deutsche Keduscho", hat Herr Henle mit keinerlei Erläuterung versehen, im Hinblick auf das Titelblatt kann jedoch bestimmt angenommen werden, daß dies Werk solchen Gemeinden zugedacht ist, die die Keduscho mit deutschem Texte ihrem Gottesdienst eingefügt haben. Wie den früheren Werken Henles kann man auch diesem, seinem neuesten Opus nachrühmen, daß es bei aller, für diesen Stil notwendigen Einfachheit den Stempel gediegenen musikalischen Könnens trägt; das unmittelbar empfundene, daher sehr eindringlich melodische Element wird durch eine harmonisch interessante, doch dem Wesen eines solchen religiösen Ergusses entsprechend einfache Orgelbegleitung gehoben. Die Art von Henles Arbeit besteht vorzugsweise in der geschickten Zerlegung seiner Themen und in der Erfindung gefälliger, doch bedeutender kontrapunklicher Gegensätze. Die polyphone Arbeit ist glatt, sauber und gewandt, wenngleich ab und zu einer Harmoniefolge oder Modulationswendung etwas absichtlich Gesuchtes beigemischt erscheint; z. B. dem Uebergang nach D-dur bei der an sich sehr trefflichen Steigerung vor dem „am. adonoi“. Der darauffolgende Chor ist wohl die beste Nummer der Partitur. Hier atmen sämtliche Themen, bald der Orgel allein, bald einer einzelnen Stimme, bald beiden vereint zugewiesen, eine prächtige Frische und Zwanglosigkeit; in diesem Satze, wie auch im Schluß-Hallelujoh, weiß der Komponist seine Gedanken empfindungsreich in kunstvollen Satz, leicht fließendem Kontrapunkt und scharf abhebende Charakteristik zu kleiden. Letztere Eigenschaft bewundern wir noch mehr in dem vierstimmigen Sopran- und Alt-Satz „Ob der Morgen uns leuchtet", wo uns plötzlich zu Mute ist, als ob hellstes Sonnenlicht durch alle Erdennebel bräche, während alsbald im Baßsolo diese Lichtstimmung dem Texte entsprechend verdüstert wird. Die seltene Vereinigung des musikalisch Einfachen und Natürlichen mit dem originell Kunstvollen wirkt in diesen Gesängen so überzeugend, daß sie die Aussicht wie das Recht größerer Verbreitung haben; die für den Synagogengesang in puncto „originell" nicht überreiche Literatur erscheint durch Henles neuestes Opus auf das schätzbarste bereichert. Kattovitz. Oberkantor Singer. *) Für gemischten Chor, Gemeindegesang. Kantor-Solo und Orgel, von M. Henle, Kantor am israelitischen Tempel in Hamburg. (Verlag von A. I. Benjamin.)

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