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Die Wahrheit · 1904-10-14 · Heft 40 (14.10.1904) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 40 (14.10.1904)
Date
1904-10-14
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Die Wahrheit Nr. 40. welche das reizende Köpfchen ihres Kindes durchfuhren. Vereinsamt, wie sich unter diesen Umständen die kleine Waise fühlte, konnte sie dem Bedürfnisse nicht widerstehen, in Ermangelung anderer, besserer Gesellschaft unter das Hofgesinde zu gehen und sich mit einzelnen ins Gespräch einzulassen. Das kleine Fräulein war wohl hie und da den Arbeitern im Wege, hielt auch durch ihr anmutiges Geplauder, ihre oft sonderbaren Kreuz- und Querfragen die Leute von ihrer Arbeit ab, aber böse wurde ihr darüber niemand, höchstens, daß die strenge Mama darüber wetterte, daß Selma, anstatt wie andere Mädchen ihres Alters, selbst tätig mit Hand anzulegen, den anderen noch hinderlich in der Arbeit war. In diesen Verhältnissen war Selma aufgewachsen. Die jugendliche .Haustochter wurde von dem zahlreichen Personal förmlich vergöttert. Namentlich war es Leopold, der Branntweinbrenner, welcher für sie schwärmte. So ein Branntweinbrenner nimmt in einer mit einer Spiritusbrennerei verbundenen Landwirtschaft eine bevorzugte, ziemlich selbständige Stellung ein. Er muß sich einer staatlichen Befähigungsprüfung unterzogen haben, muß für die Sicherheit der bei dem Betriebe beschäftigten Personen haften, ebenso für Qualität und Quantität der erzeugten Ware u. s. w. Es war Frau Eva nicht sonderlich lieb, wenn Selma stundenlang im „Apparate", so wird die Spiritusbrennerei kurzweg benannt, beim Brenner weilte, wo sie seinen Hantierungen mit größtem Interesse zusah, um dann ganz aufgeregt mit vor Freude gerötetem Antlitze in ihr Giebelzimmerchen zurückzukehren. Doch mußte sich Frau Eva hüten, den Brenner in etwas zu zu beleidigen, denn Leopold hätte in diesem Falle ohne weiteres seinen Dienst gekündigt. Was lag denn ihm daran? Er, ein geschickter, staatlich geprüfter Werkführer, bekam sofort einen anderen, vielleicht besseren Posten; woher sollte sie so bald Ersatz finden? Und von dem Ertrage der Brennerei hing ja der ganze Bestand der Wirtschaft ab. So mußte Frau Eva notgedrungen gegen den Brenner ein Auge zudrücken und lieber Vorstellungen bei ihrer Tochter versuchen, was eigentlich das Richtige war. „Du, Selma," begann sie eines Tages, als sie dieselbe wieder nach längerer Anwesenheit im Apparate in den Hof hinaustreten sah, „schickt sich das für ein so großes Mädchen, beständig bei dem Leopold zu sein?" „Warum denn nicht, was ist denn Uebles daran? ' ..Das verstehst Du nicht, liebes Kind! Du bist leider in dieser Einsamkeit aufgewachsen, fern von jedem passenden Verkehr. Doch solltest Du bedenken, daß Du aus gutem Hause bist." ..Er, der Leopold, ist auch aus gutem Hause," antwortete keck das junge Mädchen. „Ja, warum ist er denn ein Branntweinbrenner geworden?" „Ist es denn etwas Schlechtes, Mutter?" „Bewahre, Schlechtes nicht, aber doch zeigt es von keiner feinen Herkunft. Indessen will ich mit Dir, Du unbedachtes Kind, nicht darüber streiten, sondern verbiete Dir einfür allemal diesen häufigen Verkehr mit dem Werkführer; denn, selbst wenn er Deinesgleichen wäre, müßte ich strenge darauf sehen, daß Du Deinen Rus nicht in Gefahr bringst durch vertrauten Vertreter mit einem im Hause lebenden jungen Manne." Selma, ihre strenge Mutter mehr fürchtend als liebend, gehorchte zum Scheine. Im geheimen suchte sie den ihr liebgewordenen Leopold auf, und die Macht der Gewohnheit fesselte die beiden jungen Leute so fest aneinander, daß sie, dem Zürnen der stolzen Mutter Trotz bietend, einen Liebesbund schlossen. Dabei sollte es aber nicht bleiben. Der ältere und gereifte, aus Polen stammende Leopold wußte das ihm blindlings vertrauende Mädchen dazu zu überreden, daß es in geheimer Ehe ganz die Seine wurde. Durch einen unvorhergesehenen Zufall erfuhr Frau Goldberg von dem Liebesverhältnis ihrer Tochter mit dem Brenner. Sie wütete. Doch Selma hielt ihren Vorwürfen tapfer stand. „Wie konntest Du, die Tochter eines so großen Lamden, eines Morenu, der jeden Tag hätte Kreisrabbiner werden können, Dich so weit vergessen, Dich mit einem Amhoorez (Unwissenden) abzugeben?" „Mutter," entgegnete ruhig, aber entschieden die Gescholtene, „der selige Vater konnte nur darum seinen Geist weiter ausbilden und sein Leben der Wissenschaft weihen, weil er an Dir, der tüchtigen, verständigen Frau, eine Leiterin seines Anwesens fand. Was sollte aber ein Gelehrter mit mir anfangen? Müßten wir nicht gänzlich zugrunde gehen, ja verhungern, da ich absolut einer Wirtschaft nicht vorstehen kann. Dem vorzubeugen, muß ein tätiger, praktischer Mann an meiner Seite sein, wie es Leopold ist." „Gut, Du sollst Recht haben, Kind; muß es aber darum ein Branntweinbrenner sein, ein Mann, aus dem niederen Volke stammend?" höhnte ihre Mutter. „Wofür habe ich mich denn mein Lebenlang abgeplagt, wenn nicht, um Dir eine ehrenvolle Zukunft zu sichern. Gott, wenn das Dein seliger Vater erlebt hätte, der wäre erst vor Gram über Deine schlechte Aufführung gestorben. Er pflegte ja den talmudischen Ausspruch im Munde zu führen: „Wer seine Tochter einem Amhoorez zur Gattin gibt, handelt an ihr so, als wenn er sie den wilden Tieren zum Fräße vorwerfen würde." Und sein eigen Fleisch und Blut hat sich so verworfen. Der Zadik wird sich gewiß im Grabe umdrehen." ..Und weiter hast Du an dem Leopold nichts auszusetzen, als daß er kein Gelehrter ist?' „Weiter nichts? Ist Dir das nicht genug?" polterte die Mutter. „Dies läßt sich doch ändern. Rabbi Akiba war bis zu seinem 40. Jahre ein vollständiger Ignorant. Als solcher verliebte er sich in die einzige Tochter seines Brodherrn und begann ein mehrjähriges Studium, welches ihn zu den größten Gesetzesauslegern des Judentums machte. Auch bei Leopold wäre es nicht zu spät, zu lernen." „Das ist Dein Unglück, daß Dir der Vater so viel Gelehrsamkeit in den Kopf setzte; Du kannst ja auch, um das Gleichnis zu vollenden, Deine schwarze Haarkrone opfern und daraus Ketten und Ringe flechten, wie die Tochter Kalba Swuas, um wie diese, mit dem Erlöse davon Deinen Auserwählten lernen zu lassen, denn das sage ich Dir einfür allemal: eher lasse ich Dich graue Zöpfe tragen, ehe ich in Deine Heirat mit dem frechen Amhoorez willige; denn daß er nicht das Zeug dazu hat, ein Akiba zu werden, das gebe ich Dir schriftlich." Die nächste Folge dieses erregten Gespräches Evas mit ihrer Tochter war, daß Leopold nicht erst seine Stellung gekündigt wurde, sondern daß er sofort mit Schimpf und Spott vom Hause gejagt wurde. (Fortsetzung folgt.) Dr. Jakob Goldenthal’scbe Stiftung. Vom Vorstande der israelitischen Kultusgemeinde Wien wird hiemit bekanntgegeben, dass aus den Zinsen obiger Stiftung K 100 an einen Rabbinats- und Lehramtskanuidaten, welcher sich an der hiesigen kk. Universität wissenschaftlich ausbildet, für das Schuljahr 19U4/05 zur Verleihung gelangen werden. Bewerber um dieses Stipendium haben die Gesuche bis 31. Oktober 1904 im Einreichungsprotokolle der israelitischen Kultusgemeinde Wien, I., Seitenstettengasse 4, I. Stock, woselbst auch während der Amtsstunden zwischen 9 und 12 Uhr vormittags Gesuchsblankette unentgeltlich behoben werden können, zu überreichen. In dem Gesuche ist anzugeben, ob der Bewerber im Bezüge eines Stipendiums steht, bezw. auf welchen Betrag dieses Stipendium sich beläuft. Als Gesuchsbel^ge sind erforderlich: 1. der Nachweis der österreichischen oder ungarischen Staatsangehörigkeit. 2. Ein Zeugnis von einem bei einer israelitischen Gemeinde Oesterreichs oder Ungarns wirklich fungierenden Rabbiner über den moralischen Lebenswandel des Bewerbers, wie über dessen tüchtiges Bewandertsein in der hebräischen und rabbinischen Literatur. 8. Ein Armutszeugnis. 4. Der Index oder der Matrikenscheiu über die Inskription als ordentlicher oder ausserordentlicher Hörer der philosophischen Fakultät an der k. k. Universität Wien. 5. Die Bestätigung dreier Professoren dieser Fakultät über den fleissigen Besuch der Vorlesungen durch den Einschreiter. Nicht entsprechend belegte oder verspätet überreichte Gesuche werden nicht berücksichtigt. Wien, 1. Oktober 1904. Der Vorstand der Israel. Kultusgemeinde Wien.

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