Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 40 (14.10.1904)
- Date
- 1904-10-14
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 40. Die Wahrheit Seite 9. Sonntag, den 16. d. M., nachniittags 3 Uhr, eingeladen. Es soll sich dabei in erster Linie um eine gemeinschaftliche Stellungnahme zu den bevorstehenden Wahlen in den Kultusvorstand handeln, damit auch deren Interessen im Kultusvorstande die gebührende Vertretung finden. Wien. Montag, den 17. d M., Uhr abends, veranstaltet der Verband „Zion" im Festsaale des Hotel „Bayerischer Hof". II., Taborstraße 39, eine Wählerversammlnng mit nachstehender Tagesordnung: 1. Die bevorstehenden Knltuswahlen in Wien. 2. Diskussion. Referent: Herr Architekt Oskar M a r m o r e k. Wien. (Gewerbliche Exkursion.) Am Montag, den 17. d. M., findet eine Exkursion des Vereines zur Hebung der Gewerbe unter Führung seines Präsidenten S. B r o d nach dem neuerbauten Warenhause des Vereinsmitgliedes Herrn A. Gerngroß, VI., Mariahilferstraße 46—48, statt, an welcher auch Damen und Gäste teilnehmen können Zusammenkunft: 1I2B Uhr nachmittags, Cafs Elektra, VI., Mariahilferstraße 79. Wien. (Literarischer Geselligkeits-Verein jüdischer Mädchen „M o r i a".) Sonntag, den 16. d. M., findet um 3^2 Uhr nachmittags, im Kongreßsaale, IX.. Türkenstraße 9, eine Vorlesung des bekannten Schriftstellers Herrn H. Work Steiner: „Eine neue Novelle", statt. Gäste herzlich willkommen. Wien. Sonntag, den 9. d. M. fand im Stadttempel die Trauung des Fräulein Franziska Herzl, Tochter des in weiteren Kreisen bekannten Edelsteinhändlers, Herrn Salomon Herzl, mit Herrn Ignaz Tisch statt. Unter den zahlreichen Trauungsgästen befanden sich die Knltusvorsteher Baurat Stiaßny und Dr. Markus Spitzer, Bethansvorsteher Lemberger, eine Abordnung des „Vereines zur Bekleidung armer alter Männer" mit dem Obmanne Isidor Schwarz, Obmannstellvertreter Carl Boskowitz und Schriftführer Isidor Löwit u. v. A. Den Trauungsakt vollzogen Oberrabbiner Dr. Güdemann und Oberkantor Singer. Wien. Ja besonders solenner Weise wurde am Sonntag die Tochter des Kancor Roman mit Herrn Bauer im Brigittenauer Tempel getraut. Der Vorstand war vollzählig erschienen und ließ es auch sonst an Zeichen der Anerkennung ihres langjährigen, verdienstvollen Funktionärs nicht fehlen. Herr Rabbiner Dr. Bach betonte in der begeisterten, schwungvollen Ansprache an das Brautpaar die hervorragenden Leistungen des Brautvaters auf dem Gebiete des geregelten Gottesdienstes und auch Herr Oberkantor Basier bot sein Bestes bei der so ausgezeichneten, meisterhaften Funktion. Die Beliebtheit des Herrn Roman zeigte sich besonders nach Schluß der Funktion, als sich Alles, Bekannte von nah und fern, herandrängte, um ihm vonl Herzen zu gratulieren. Baden. (S i m ch a s - T h o r a f e st.) Wie die Feste, so die Kreise, welche sie feiern. Tort, wo es lärmend unter Trinkgelagen zugeht, wo Selbstberäucherung und Erniedrigung Andersgesinnter der Tenor der Reden und Toaste ist, dort ist das Ideal des menschlichen Edelsinns gewiß nicht zu suchen; wo aber ein Fest nur im Geiste der Heiligkeit, der hehren Gottes- und Volksidee abgehalten wird, wo der Wein nur als Symbol des seelischen Frohgesühls gereicht wird, dort chlagen die Herzen mit ungeteilter Liebe der ganzen Menschheit entgegen und kein Trug und keine Falschheit ist in solchem Kreise zu finden. Und ein solches erhebendes und stimmungsvolles Fest wurde am verflossenen Simchas-Thora-Nachmittag vom Vorstände der Badener israelitischen Knltusgemeinde anläßlich des Schlußfestes und zu Ehren der zur Thora gerufenen- „Chasianim" — Seine Ehrwürden Rabbiner Wilhelm Reich als „Chasian-Thora," Herr Präses Moriz Lettner als „Chassan-Bereschit" und Herr Albert Deutsch als „Chassan-Maftir" — allen Tempelbesuchern gegeben. Nach dem Minchagebete, das ausnahmsweise um ^3 Uhr stattfand, begab sich die ganze Versammlung, ansehnlich durch Persönlichkeiten und Zahl, in den Sitzungssaal der Kultusgemeinde, wo eine mit Obst und Karmelwein geschmückte Tafel stand. Als besondere Zierde aber diente dieser Tafel der Präsident der Wiener israelitischen Knltusgemeinde, Herr Dr. Alfred Stern, der mit seinem Erscheinen dem Vorstände und Rabbiner seine Anerkennung für den weihe- und würdevollen Gottesdienst im Gemeindetempel, dem er an sämtlichen Feiertagen anwohnte, zum Ausdrucke bringen wollte. Dieser illustre Gast eröffnete auch den Reigen der Toaste mit einer Ansprache, die von seiner religiösen Gesinnung und seinem tiefen Empfinden für seine Glaubensgenossen lautes Zeugnis ablegte. Diese warmen Herzensworte gaben Herrn Rabbiner Wilhelm Reich zu zwei glänzenden Reden Anlaß, welche großen Eindruck auf die Festgäste machten, der durch die hierauf erfolgte Erwiderung des Präses Herrn Moriz Lettner noch nachhaltiger wurde. Intensiver gestaltete sich die festliche Stimmung durch die gesanglichen Produktionen des Herrn Oberkantor M. Seifert mit dem Tempelchore, welcher überhaupt an den Feiertagen Großartiges in seinem Fache geleistet hat. Den Schluß dieses echt jüdischen Festes bildete eine mit Ueberzeugungstreue ausgeführte Apostrophierung seitens des Präses, Herrn Moriz Leitner, an sämtliche Mitglieder der Kultus gemeinde, ihn in demneueingeführten Gottesdienst, der einen herzerfreuenden und zugleich frommen Fortschritt bildet, auss kräftigste zu unterstützen, worauf ihm von allen Seiten ein donnernder Bravoruf entgegenschallte. Schließlich ist noch zu erwähnen, daß am Sabbat-Schuwo der Enkel des kaiserl. Rates Heinrich Klinger, Franz, Sohn des Herrn Ernst Klinger, im Tempel als Bar- Mizwah zur Thora gerufen wurde und das Maftir ausdrucksvoll und mit gründlichem Verständnis vorgetragen hat. Brody. Seit zwei Jahren sind die hiesigen Akademiker bemüht, einen Verein zur Gründung eines Schulheims für arme jüdische Gymnasialschüler ins Leben zu rufen, aber leider war ihre Mühe bis nun vergebens. Am 3. d M. gelang es ihnen, eine zahlreiche Versammlung einzuberufen und tatkräftige Männer mit der Ausführung und Realisierung dieses schönen Werkes zu betrauen. Trotz der richtigen Bemerkung eines Teilnehmers der Versammlung, daß nicht alle unbemittelten, jüdischen, weniger begabten Schüler der Mittelschule zugeführt werden sollten, um nach verschiedenen harten Kämpfen den Doktorgrad erlangend, dann einen noch härteren Kampf ums Dasein zu bestehen, und trotz der Erkenntnis, daß eine solche Institution hier unerschwingliche Geldopfer erheischt, die unsere verarmte Stadt keineswegs zu leisten vermag, wird das gewählte Aktionskomitee daran gehen, diesen Verein ins Leben zu rufen. Ob es ihn aber lebensfähig wird erhalten können, das wird sich erst nach einiger Zeit zeigen. — Endlich ist es doch gelungen, die Auslieferung der russischen Flüchtlinge einzustellen, die auf hiesigem, freiem Boden Schutz suchten. Mehrere derselben wurden trotz einflußreicher Verwendung auf Befehl der politischen Behörden zur Grenze zurückgeschoben und auf diese Weise der unvermeidlichen Todesstrafe preisgegeben. Die Ursache dieses grausamen Verfahrens ist bisher nicht bekannt. Am 3. d. M. endlich begaben sich die Herren Dr. Groß und Moriz Landau in dieser Angelegenheit nach Lemberg, wo die Herren Landtagsabgeordneten, Dr. Löwenstein und Doktor Rapoport, beim Statthalter über dieses Verfahren Beschwerde führten, welchem auch gleich relegraphisch Einhalt geboten wurde. M. M a r k st e i n. Szenicz. Am 18. Oktober findet in Dubnicz die Trauung des Fräulein Cäcilie Schlesinger aus Dubnicz mit Herrn Adolf Schönmann aus Szenicz statt. Breslau. (Jubiläumsfeier des Rabbiner-Semi-! na rs.) Am 29. und 30. Oktober d. I. findet die 50jähr. Jubiläumsfeier , des hiesigen Rabbinerseminars statt. Am 29. Oktober soll eine gottes- > dienstliche Feier in der Seminarspnagoge begangen werden, bei welcher der Lehrer der Homiletik, Dozent Dr. Horowitz, die Festpredigt halten wird. Am Abend desselben Tages beabsichtigt das Kuratorium, die Fest- I teilnehmer und Gäste zu einem Bierabend einznladen. Am 30. Oktober j soll der Festaktus im großen Saal der Lessingloge stattfinden, wobei ein j Mitglied des Kuratoriums und der derzeitige Vorsitzende des Lehrer-! kollegiums, Herr Seminarrabbiner Dr. Levy. die Festreden halten werden.! Ein Ausschuß des Festkomitees gedenkt eine Ehrengabe, die von den; Gönnern und, früheren Schülern der Anstalt gespendet worden ist, zu; überreichen. Über die Art ihrer Verwendung wird das Kuratorium im; Verein mit dem Lehrerkollegium bestimmen. Anr selben Tage findet ein i Festessen für alle Teilnehmer am Feste in der Loge statt. Als Festschrift - kommt die Geschichte des Seminars, dargestellt vom Dozenten Dr. j M. Braun, zur Verteilung. Für Montag, den 31. Oktober ist von den > gegenwärtigen Hörern der Anstalt ein Kommers in Aussicht genommen. Feuilleton. Z>er MndNng.; Erzählung von Babette Fried, Prag.; (4. Fortsetzung.) j Sie hatte an der Seite ihres gelehrten, aber für die Land! Wirtschaft ganz untauglichen Gatten ein zufriedenes, ja glückliches j Leben geführt. Eine einzige Tochter war die Frucht der Ehe, j in welcher die Frau die Zügel in der Hand hielt und das ganze! Werk nach eigenem Gutachten leitete, während der Mann ein | beschauliches, den Wissenschaften geweihtes Leben führte. Die! kleine Selda, oder wie sie auf deutsch genannt wurde, Selma, j glich in ihrem Aenßeren wohl der schöngestalteten Mutter, besaß! aber das weiche Gemüt und den Hang zum Studium des Vaters.! Während die Mutter unter den Dienstboten auf dem Hofe,! der Scheune, in den Stallungen, aus dem Felde umherging und l ihre Anordnungen traf, saß Selma in dem Zimmer ihres Vaters auf einem niederen Schemel zu dessen Füßen, das zierliche Lockenköpfchen an seine Knie gelehnt, und in dieser anmutigen Stellung lauschte sie stundenlang mit glänzenden Augen und! glühenden Wangen den Geschichten, die er ihr da erzählte, ent-! weder aus der Bibel, oder dem Talmud, gemischt mit Sitten-! sprüchen und Ermahnungen. : Goldbergers frühzeitiger Tod hatte in dem Hauswesen '• keine Lücke zurückgelassen; alles ging wie früher seinen Gang, j wie am Schnürchen, nur daß Frau Eva noch ernster und tätiger j wurde, wie bisher.! Aber in dem Herzen seiner Tochter war eine Leere entstanden, welche durch nichts in der Welt auszusüllen war, umsomehr, als sie von ihrer frühesten Kindheit an der Mutter immer ferner gestanden, als dem Vater. Die Mutter hatte niemals Zeit für ihre Tochter gehabt, hatte auch kaum das nötige Verständnis für die zarten Ideen,