Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 40 (14.10.1904)
- Date
- 1904-10-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Leite 8. Die Wahrheit Nr. 39. scheu, diejenigen, welche nach der Oberpfalz übersiedeln wollten, bis zur böhmischen Grenze. 2. Den Altersschwachen und Kranken sollten Wagen, je einer für 10 Personen, bereit gehalten werden. 3. An der Grenze sollten sie von den Behörden der betreffenden Länder übernommen und weiterbegleitet werden. — Schon wurden Häuser und Geräte um einen Spottpreis verkauft. Man rüstete sich zur Abreise. Allein angesichts der herannahenden Katastrophe traten die Gesandten freisinniger Mächte mannhaft für die Juden ein. Auch die tonangebenden Räte Dietrichstein und Kinsky faßten den Mut, der Kaiserin Vorstellung über ihr Vorhaben zu machen. Sie erweckten in ihr Zweifel an der Glaubwürdigkeit der angeblichen triftigen Ursachen zur Austreibung. Der Gras von Berthold machte gegen die Ausweisung der Juden geltend, daß man nicht wegen des Vergehens einzelner alle ins Elend stürzen dürste. Auch würden infolge der Auswanderung des jüdischen Elementes nicht nur die Herrschaften um einen bedeutenden Teil ihrer Einkünfte kommen, sondern auch der Handel im Lande viel leiden. Dieser Grund bestimmte auch die Landesstände, bei der Kaiserin für die Juden ein gutes Wort einzulegen. Endlich bewilligte sie den Juden einen weiteren Aufenthalt in diesen Ländern, aber nur unter der Bedingung, daß die Juden Mährens 80.000 fl. Toleranzsteuer zahlen. Wie ungern sie das Duldungsdekret herausgab, beweist die Klausel „bis auf weitere Ordre", durch welche sie sich das Recht der Kündigung vorbehielt, von dem sie auch bald den weitesten Gebrauch machte. Schon im August 1746 wurden die Behörden Mährens ausgefordert, einen Modus anzugeben, wie die gesamte Judenschaft des Markgrafentums in sechs Jahren ausgewiesen werden könnte. Was in sechs Monaten nicht gelang, könnte vielleicht in ebensovielen Jahren erreicht werden. Dies sollte besonders durch Beschränkungen und unmenschliche Quälereien erzielt werden. Auf Grund des Reskriptes vom 25. Dezember 1751 und dem jüdischen Steuerpatente vom 2. Dezember 1752 erließ sie „eineNorma, laut welcher Jeder 4 Denar vom Gulden als Kontributionsbeitrag unter dem großen Bann zu zahlen hat". Auch die jüdische General-, Polizei-, Prozeß- und Kommerzialordnung vom Jahre 1754 enthält manche erschwerende Bestimmungen. Der schrecklichste Fluch aber, den der Erbsolgekrieg den Juden hinterlassen hat, war jene entsetzliche Familienverordnung, laut welcher in Mähren, wo diese am strengsten gehandhabt wurde, blos 5400 Familien existieren durften, wovon 160 auf Brod entfielen. Waren diese.auf die Erstgeborenen übertragenen Familiennummern besetzt, so mußte der Heiratsbewerber warten, bis ein Familiant starb. Es mehrten sich die blos nach mosaischem Gesetze im geheimen geschlossenen Ehen; die aus diesen hervorgegangenen Kinder mußten nach dem Namen der Mutter eingetragen werden. Daran änderte selbst das von Kaiser Joses (1787) erlassene Gesetz nichts, „daß Israeliten von Geschlecht zu Geschlecht eigene Familiennamen führen sollten". Nun trugen Kinder mehrerer Brüder, wenn diese Emigranten waren, verschiedene Familiennamen, was auch zu endlosen Erbschaftsprozessen Anlaß gab. Auch sonst hatte diese pharaonische Maßregel Haß und Zwistigkeit in die Judengasse getragen. Wieviel Streit entstand in Angelegenheit der Familie, mit der ein förmlicher Handel getrieben wurde. Die freie Wahl war beschränkt. Der Vorsteher bestimmte, wen und wann man heiraten dürfe; er ließ sich von einem Bewerber den Revers ausstellen, daß er, falls er nicht binnen einer bestimmten Frist diese oder jene heirate, aus die „Familie" zugunsten eines anderen Kandidaten verzichte. Za, für unzählige Familien bedeutete dieses Gesetz, diese Ausgeburt des Erbsolgekrieges, welches zu endlosen Erbschafts- Prozessen Anlaß gab, einen 100jährigen Erbsolgekrig (1748 bis 1848). Als hätte der äußere Druck, die Verarmung und das nahe Nebeneinanderwohnen nicht Reibungen genug in der Gasse hervorgerusen, wurde noch ein neuer Quell geschaffen, der das moralische Leben der Familie vergiften sollte und auch vergiftet hätte, wenn nicht das Judentum eine unverwüstbare Widerstandskraft besessen hätte. Wie überall, bewegte sich auch hier das ganze vormärzliche Gemeindewesen innerhalb kleinlicher Streitigkeiten um die Verleihung der Geschlechts- oder Familienstelle, welche oft durch Schliche und Protektion den Berechtigten entzogen wurden. Es begann die Periode der Paschawirtschaft des allmächtigen Vorstehers, der den Heiratskandidaten bei der Prüfung im Religionsbuche Bene Zion durch den Rabbiner reprobieren lassen konnte. Die Autorität der Gelehrsamkeit beugte sich vor der Aristokratie des Geldes, durch welches auch das höchste Amt käuflich war. Nur der Gelderwerb beschäftigte daher die besten Köpfe, während das Gebiet der wissenschaftlichen Tätigkeit und geistigen Arbeit brach darniederlag. Die Sorge um Geldgewinn nahm alle Denkkraft in Anspruch und drückte wie ein Hemmschuh jeden höheren idealen Aufschwung der Seele nieder. Es trat ein geistiger Stillstand in der Gemeinde ein. Auf die Worte der Ränkeschmiede: „Laßt uns ihnen mit List beikommen, daß sie sich nicht vermehren", antwortete die Geschichte: „Je mehr man sie unterdrückt, desto mehr nehmen sie an Zahl zu." Nur ihre ethische Qualität wurde minderwertig. Daß sie zu diesem Kampfe um ihre Selbsterhaltung nicht immer einwandfreie Mittel wählten, wer wollte ihnen daraus einen Vorwurf machen? Die Willkür der Gesetzgebung, die sophistische Auslegung und Anwendung der Gesetze zwang sie zu manchen Unaufrichtigkeiten und Unredlichkeiten. Das tragische Geschick des Stammvaters Jakob, der sich vor Es au zu „Laban dem Aramiten" flüchtete, war das traurige Los seiner Nachkommen. Die Gesetzgebung selbst hat ihnen Schlupfwinkel gezeigt und sie auf Schleichwege gedrängt, um harte, grausame Maßregeln zu umgehen. Sie selbst hat aus ihnen kriechende Wesen gemacht und die aufrechte Stellung, Gradheit uud Rechtschaffenheit ihnen genommen. Kaum hat ihnen ein erleuchteter Regent sein Wohlwollen zugewendet, so haben sie die Knechtschaft abgestreift und ihr Haupt aufgerichtet. Diese Umwandlung vollzog sich so augenscheinlich im Broder Ghetto. Die hohen, breitschulterigen Männer ragten nicht blos durch ihr äußeres Wesen, den aufrechten Gang und die vornehme Haltung, sondern auch durch ihre Weltklugheit und Intelligenz hervor. Die Juden waren beim Anbruche der neuen Zeit an geistiger Mündigkeit und politischer Reife den christlichen Mitbürgern,-wenn nicht überlegen, so zumindestens ebenbürtig. Erst das Jahr 1846, welches den Juden Natur- und Menschenrechte verlieh, schaffte auch die „Familie" ab. Alle einengenden Fesseln der Tyrannei wurden gesprengt. An Stelle der eisernen Ringe traten die goldenen Reife der Ehe. Verlobte, die lange Jahre vergebens auf die Bewilligung warteten, Emigranten, die ungesetzlich heirateten, eilten zum Traualtar, als trauten sie der neuen Ordnung nicht recht. Im Jahre 1849 fanden 30 (1850 19) Trauungen statt. (Fortsetzung folgt.) Verschiedene Nachrichten. Wien. (I s r a e l i t i s ch e K u l t u s g e m e i u d e.) Sonntag, den 16. Oktober, 10 Uhr vormittags, findet eine öffentliche Plenarsitzung des Vorstandes der israelitischen Kultusgemeinde, I., Seitenstettengasse Nr. 4, 2. Stock, statt. Wien. Von Freitag Abend, den 14. Oktober angefangen, findet jede zweite Woche im Tempel zu Fünfhaus eine Predigt statt. Wien. Sonntag, den 9. Oktober fand im Kongreßburean, IX., Türkenstraße 9, die vorkonstituierende Versammlung des „.Wirtschaftlichen Hilfsvereines Arbeitsheim" statt. Wien. (O e st e r r e i ch i s ch - I s r a e l i t i s ch e U n i o n.) Samstag, , den . 22. Oktober. ^8 Uhr abends, findet im großen Saale des „Hotel Guth", II., Stefaniestraße 14, eine öffentliche Vereinsversammlung mit folgender Tagesordnung statt: 1. Mitteilungen des Vorsitzenden. 2. Der Kampf gegen die jüdische B e ru fs i n t e l l i g e n z. Referent Herr Dr. Max Stransky. 3. Diskussion. 4. Anträge und Interpellationen. Wien. (Zu den bevor st ehe n d e n K u l t u s w a h len.) Der Verein linäntli", II., Nestroygaffe 4. unter Leitung seines greisen, aber nichtsdestoweniger äußerst rührigen Obmannes Herrn S. Meise ls, hat die ihm befreundeten und dergleichen religiösen Richtung angehörenden Vereine und Bethäuser zu einer Versammlung auf