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Die Wahrheit · 1904-10-14 · Heft 40 (14.10.1904) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 40 (14.10.1904)
Date
1904-10-14
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 40. Der Obelisk enthält in der Beischrift ein historisches, nüchternes Tributsverzeichnis und erwähnt darunter die dargestellten Tiermenschen als „baziati ud' umi“,*) die aus dem Lande Musri dem Assyrerkönig als Geschenk abgeliefert wurden. Unter den udunii sind offenbar die beiden großen Monstra aus dem rechten Teil der Abbildung verstanden. Beide werden von ihren Wächtern an Ketten gehalten. Das eine der udumi, eine ganz gewaltige Bestie, ist eine merkwürdige Mischung von Affe und Mensch/ Der große Schädel zeigt entwickeltere Formen, als sie bei den jetzigen Menschenaffen beobachtet worden sind. Dieses Ungeheuer kauert auf dem Boden, mährend das zweite udumu auf den Hinterfüßen nach Menschenart geht, was gleichfalls bei den jetzigen Anthropoiden noch nicht erwiesen wurde. Dieser Tiermensch ist an Brust und (Extremitäten mit einem zottigen Fell bedeckt, während die Kopfbehaarung auffallend an die egyptischen Sphinxen erinnert. Beide udumi haben kurze Schwanzstummel. Beachten wir nun, daß die beiden Monstra aus der Landschaft Musri stammen, aus einer Gegend, die an das biblische Eden angrenzt, beachten wir ferner, daß das assyrische udumu die genaue Umschrift des hebräischen 'Adam ist, so liegt der Schluß wohl nahe, daß Adam und red umu identisch seien. Nun aber muß ich eine prinzipielle Bemerkung machen, erstens, um nicht mißverstanden zu werden, zweitens einen Vorwurf abzuweisen, den man bisher ganz ungerechterweise der Bibel machte. Es ist heute Mode geworden, dort, wo man eine Bibelstelle nicht übersetzen kann, flugs eine „Textkorruption ' anzunehmen. Dann wird eine „Emendation" gemacht, und kommt dann trotz der „Emendation" ein Widerspruch mit anderen Stellen heraus, so schließt man sofort aus dem Widerspruch auf verschiedene Quellen und Schreiber. Dank dieser Methode ist die Bibel in Fragmente - Fetzen zerrissen worden, die unter einander keinerlei Zusammenhang haben. Das Resultat dieser Forschung ist, daß die Bibel als ein höchst konfuses Buch und eine Zusammenstoppelung von Ungereimtheiten anzusehen sei. Es ist begreiflich, daß die Bibel dadurch an theologischem Wert ungemein verloren hat. Die Naturwissenschaften haben, ohne zu prüfen, die Resultate der texckritischen Methode als ..wissenschaftliche Tatsache" zur Kenntnis genommen und betrachten daher die Schrift nur als Mythen- und Märchenbuch, das höchstens literarischen Wert habe. Ich will damit den Forschern, die nach dieser Methode arbeiteten und dafür staunenswerten Fleiß aufwendeten, keinen Vorwurf machen, denn es fehlte ihnen der Schlüssel zum Bibelmysterium, nämlich die Kenntnis der biblischen Tier- und Affenmenschen. Andererseits gestehe ich zu, daß die Bibel aus verschiedenen Quellen zusammengearbeitet sei, aber sie ist einheitlich und planvoll redigiert und nicht kopflos zusammengeschweißt. Bekanntlich enthält die Genesis eine zweimalige Menschenschöpfung, das einemal Kapitel I, 27 und das zweitemal Kapital II, 7. Im Kapitel I wird das hebräische 'Adam in der Vulgata mit bomo, in der Septuaginta mit antbropos übersetzt. In Kapitel H dagegen wird der Mensch im weiteren Verlauf, sowohl in der Vulgata, als auch in der Septuaginta, „Adam" genannt. Der im Kapitel I erschaffene Mensch wird, wie der Talmud, der jerusalemitische Targum und einige Väter annehmen, mannweiblich geschaffen. Uebrigens spricht auch der masoretische Text von I. 27: zakar ve-ngebab und das griechische arsen kai thely ganz ungezwungen gedeutet für die Übersetzung: m a n n w e i b l i ch, da es zudem im vorausgehenden Satz heißt: nach dem Ebenbilde Gottes schuf er ihn (nicht sie). Gerade dieser vorausgehende Satz, der durch „als mannweiblich erschuf er sie", begründet werden soll, spricht zwingend für die Annahme einer andropynen Schöpfung. Ist denn Gott geteilt in Mann und Weib? Gerade das entgegengesetzte nehmen die *) L a y a r d: Jnskript., 98, HL Alten von der Gottheit an. Die Gottheit als das vollkommenste vereinigt in sich das männliche und weibliche Geschlecht. Der Mensch im I. Kapitel wird nach dem Ebenbilde Gottes geschaffen und über die Lebewesen, es sind die vier Arten der Tiermenschen, als Herr gesetzt; davon weiß Kapitel II nichts, im Gegenteil heißt es in Vers 22, daß der ..Adam aus dem Erdenkloß" durch.den Sündenfall gottähnlicher geworden ist. Wir haben mit einem Wort in Kapitel 1 und Kapitel H zwei verschiedene Adam vor uns. Der A d a m in Kapitel I ist der engelgleiche, gottgleiche bomo sapiens, der Adam in Kapitel H ist der irdische Adam, ist der Affenmensch, das assyrische, aus der Landschaft Eden stammende nd umu. Von dem Udmnu stammt Kain und die Kainiten, von dem „gottgleichen Adam" — so heißt es ausdrücklich in Kapital V — stammen die Sethiten, Noah, Sem, Cham und Japhet, kurz die weißen Menschenrassen ab. Der bomo sapiens ist in der Bibel der ben-ba-'eiobym, der „Gottessohn". Der Gottessohn spielt auch im Neuen Testament eine große Rolle, und wenn Christus dort behauptet, er sei ein „Gottessohn", so ist dieser Ausdruck nicht theologisch, sondern anthropologisch al^ identisch mit bomo sapiens, Edelmensch, oder eventuell im Nietzsche schen Sinn als Uebermensch zu fassen. Es könnte nun eingewendet werden, diese Auffassung von ..Gottessohn" bomo sapiens, Edelmensch im anthropologischen Sinn, sei von mir erst in die Bibel hineininterpretiert worden. In dieser Ansicht habe ich einen Gesinnungsgenossen, der vor 1500 Jahren lebte, nämlich den Gotenbischof Ulfilas. Während nämlich Vulgata und Graeca beim Stammbaume Christi in Lucas III, 38 unklar und vorsichtig von Adam sagen, „er sei Gottes", übersetzt Ulfilas klar und deutlich ,,snnus guttes“. Diesezwei k u,r z e n W ö r t ch e n werfen alles, was sich heute fälschlich Christentum nennt, über den Haufen! Hier steht's, hier haben mir die Urkunde unseres Menschenadels; Adam ist eiu Sohn Gottes, Seth ist es, Noah ist es, Sem ist es, David ist es, Jesus ist es. überhaupt jeder Mensch, der von bomo sapiens abstammt! Was hätte überhaupt die ganze Stammtafel für einen Sinn. Lucas wollte offenbar durch die lange Reihe menschlicher Ahnen die Gottessohnschaft Christi gleichsam urkundenmäßig erweisen. Daß die Gottessöhne irdische Wesen waren, das geht klar aus Kapitel VI der Genesis hervor, wo es heißt, daß die Gottessöhne zu den Adamstöchtern (d. i. udurnus-Weibchen) eingingen und sie beschliefen. Aus dieser Vermischung gingen die vorzeitlichen Menschenungetüme und Monstra hervor. In diesem Berichte ist gar nichts Theologisches enthalten, er ist rein anthropologisch anfzufassen. Diese Auffassung ist durchaus nicht neu, vielmehr die ursprünglichere, ungezwungenere und ältere. So schreibt schon Georg ins Cedrenus*), eompend. bist., pag. 7—9, über Seth, daß er Gott genannt wurde, wegen des Glanzes seines Antlitzes. Ferners: ..Die aus dem Geschlechte des Seth stammenden ..Wächter" stiegen .. . verirrten Sinnes herab und nahmen sich Weiber aus den „Töchtern der Menschen" (Udumus-Weibchen), nämlich des Kain, und erzeugten die berühmten Riesen. Diese waren wegen des gerechten Seth stark, sehr groß und von hochragender Leibesgestalt, m o n st r ö s und verabscheut, wegen des unreinen Kain, aber streitbar, gewalttätig und hartknochig, von Charakter mörderisch, gottlos und ausschweifend." Es treten sich demnach nach diesem Berichte zwei vollständig getrennte Menschengeschlechter entgegen. Bei dieser Auslegung der ersten Kapitel der Genesis verschwinden alle Widersprüche, im Gegenteil, es erscheint der ganze Bericht gleichsam als die Exposition zu dem gewaltigen Drama der Menschengeschichte, das die Bibel in ihrem Gesamtinhalt uns vorführt. .*) ed. 33 eff er, Bonnae (1888—1839). G eorgius Cedrenus gehört dem IX. Jahrhundert n. Chr. au! «I

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