Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 40 (14.10.1904)
- Date
- 1904-10-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3063212-3063253--03294-3070041- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 40. Die Wahrheit Seite 5. wenn wir uns zusammentäten, um die parteiischen Folgerungen aus der allgemeinen Statistik seitens unserer Feinde hie und da ins richtige Licht zu stellen, aber dazu benötigen wir nicht diesen ungeheuren Apparat, der nur dazu dient, unseren Feinden die Mühe zu ersparen, ans der Allgemeinen Statistik die Statistik der Juden zusammenzustellen. Im ganzen Bande finden wir zwar hie und da gute Aussätze, aber keinen einzigen, der für uns Juden von Nutzen wäre und der nicht in den allgemeinen Fachzeituugen Ausnahnle finden könnte. Es ist ausrichtig zu bedauern, daß wir nicht wissen, was wir tun. Es wäre so viel Wichtiges für unser Volk in Angriff zu nehmen, und hie und da sehen wir auch, daß stille, bescheidene Männer, weil sie es, für notwendig erachten, einen kleinen Teil der Last auf sich nehmen, iit der Meinung, daß ihr Streben und ihre Arbeit an maßgebender Stelle Unterstützung finden und zum Ziele führen wird. Leider aber werden dieselben immer enttäuscht. Fast unsere ganze Literatur über die Wissenschaft des Judentums ist durch solche sich aufopfernde, arme Gelehrte entstanden, und bis heute ist es leider nicht besser geworden, trotzdem immer neue Vereine und Gesellschaften gegründet wurden. Die Ursache liegt darin, daß dieselben ihr Geld und ihre Zeit für unnütze Zwecke vergeuden, oder nur dem Schein zuliebe, als ob man, um sich einen Nimbus zu verschaffen, etwas wichtiges täte, weil diese Pläne gerade im Kopse eines Mannes entstehen, der zufällig zu beit. sogenannten offiziellen jüdischen Kreisen Zutritt hat oder der sich in seinen Fache ein berechtigtes Ansehen zu verschaffen mußte. Und darum müssen wir leider immer die Enttäuschung erleben, daß alle diese Aktionen zu nichts anderem führen, als zur Förderung der privaten Vorteile der hiebei Beschäftigten, aber nicht zum Nutzen des jüdischen Volkes, dem sie eigentlich dienen sollten. Es wäre einmal an der Zeit, daß, wenn schon alles nicht zum Ziele führt, man aufhörte, uns Juden mit den hochtönenden, wohltätigen und gelehrten Vereinen zu täuschen. Nur mit schwerem Herzen haben wir uns dies zu sagen entschlossen, aber endlich mußte ein freies offenes Wort nach dieser Richtung ausgesprochen werden. Vielleicht wird der eine oder der andere der betreffenden Kreise sich dadurch zum Nachdenken veranlaßt fühlen, was einzig und allein der Zweck dieser Zeilen ist. —t.— Oesterreichisch-IsraeUtische Union. Mit einer überaus aktuellen Frage hat die „O e st e r r e i ch i s ch- Israelitische Union" am 6. d. M. die diesjährige Versammlungssaison eröffnet, indem sie den systematisch betriebenen Boykott gegen jüdische Kaufleute und Gewerbetreibende zur öffentlichen Diskussion stellte. Die Versammlung fand im Wiener Geschäftsviertel, im großen Festsaale des „Hotel S a v o y" statt, der trotz des ungünstigen Wetters einen sehr zahlreichen Besuch aufwies. War ja das Thema ein solches, welches die wirtschaftlichen Interessen jedes einzelnen Glaubensgenossen auf das intensivste berührt. Nachstehend der Bericht: Präsident Sigmund Mayer begrüßt die Versammlung und fährt fort: „Es ist kein Zufall, daß es uns gegönnt ist, die Vereinssaison im sechsten und siebenten Wiener Bezirke zu eröffnen, sondern die Leitung der „Union" hat die Absicht, der immer wachsenden Bedeutung der Judenschaft außerhalb der beiden ersten Bezirke Rechnung zu tragen. Der Redner geht zur Tagesordnung über und konstatiert, daß der Boykott gegen die jüdischen Kaufleute und Gewerbetreibende immer ärgere und merkwürdigere Formen annehme, daß nicht nur von unten, sondern auch schon von oben boykottiert werde, wie die Affaire Demel beweise. Denn die Juden als Fälscher hinzustellen, sei ja eine indirekte Aufforderung, nichts bei ihnen zu kaufen. Sekretär Fleischer erstattet einen kurzen Bericht über die Vereinstätigkeit in der Sommersaison, in welcher die Mitgliederzahl um zirka 600 gestiegen sei, und verweist auf die Erfolge des Rechtsschutzbureaus in Angelegenheit der kleinen, jüdischen Salzhändler in Galizien und gegen den „Brnensky Drak", der wegen Verleumdung der Horicer Juden subjektiv verfolgt wurde. (Beifall.) Der Vorsitzende erteilt sodann Herrn Gemeinderat Doktor Lskar Hein das Wort zur Erstattung des Referates „der Kampf gegen die jüdischen Kaufleute und Gewerbetreibenden." Doktor Hein führt ans, daß die kommerzielle und gewerbliche Gesetzgebung der letzten Dezennien im Zeichen des Antisemitismus stand, wenn auch in den betreffenden Gesetzen nicht ausdrücklich das Wort Jude erwähnt wird. Alle diese Gesetze, wie die Einführung des Befähigungsnachweises, die Abänderung der §§ 59 und 60 der Gewerbeordnung, die beabsichtigte Aufhebung des Hausierhandels, bringen niemandem einen echten Nutzen, schädigen aber die Allgemeinheit und die Juden auf das schwerste. Referent kommt auf die Petition der marktbesuchenden Kaufleute zu sprechen, welche vor kurzem im niederösterreichischen Landtage eingebracht wurde. Diese Petition regt die Trennung der christlichen von den jüdischen Marktbesuchern an. Man sehe also, wie die gesetzgebenden Körperschaften mehr oder minder offen oder versteckt von antisemitischem Geiste erfüllt seien, er nennt ferner unter den Gesetzen, welche niemandem nützen, die einseitige Abschaffung des Terminhandels, die den Geschäftsverkehr der Wiener Börse für landwirtschaftliche Produkte schwer beeinträchtigt, ohne daß selbst die agrarischen Kreise irgend einen Vorreil davon hätten. Dr. Hein bespricht sodann die Boykottagitation in Wort und Schrift und verweist auf die außerordentlich wichtige oberstgerichtliche Entscheidung, welche auf Betreiben der „Union" in dem Falle des Pfarrers Wojz in Trzebinia, der in der Kirche gegen Juden gerichtete Pamphlete verbreitete, gefällt wurde. Auf Grund desselben sei der „Union" tatsächlich gelungen, mehrfache Erfolge gegen die antisemitische Zeitungshetze zu erzielen. Der Referent geht schließlich zur Frage des Antisemitismus in der Verwaltung und speziell in der Kommune Wien über. Man könne nicht verlangen, daß dieselben Beamten, deren Beförderung von dem antisemitischen Stadtrate abhängt, sich von dem antisemitischen Geiste freihalten. Derselbe beeinflußt vielmehr die Entscheidungen im übertragenen Wirkungskreise, ohne daß dies vielleicht den einzelnen Beamten so recht zum Bewußtsein komme. Da der Magistrat Gewerbebehörde erster Instanz ist, bedeutet dies eine schwere Schädigung der jüdischen Interessenten. Daß der Antisemitismus im selbständigen Wirkungskreise der Gemeinde mit aller Rücksichtslosigkeit zur Geltung gelangt, ist unter diesen Umständen nicht zu verwundern. Der Redner betonte schließlich, daß die Juden auf ihren Rechten bestehen müssen, auf dieselbe» keinen Verzicht leisten dürfen, daß es nicht angeht, Berietzungen derselben stillschweigend hinzunehmen, weil Stillschweigen Zustimmung bedeutet, und diese Verletzungen sich zu einer Art Gewohnheitsrecht herausbilden würden. Rudolf Jhering habe in seinem bekannten Buche „Der Kampf ums Recht" dargetan, daß der Einzelne, der sein Recht nicht wahrt, nicht nur sein Recht, sondern dasjenige aller schädigt. Wie in der Schlacht, nach der Flucht einiger Regimenter der Rest einen viel schwierigeren Standpunkt habe, so ist es auch bei uns Juden. Alle ohne Ausnahme müssen kämpfen, denn ein Recht, welches genommen wurde, kann man wieder erringen, ein Recht, auf welches man verzichtet, ist unwiederbringlich verloren. iLanganhaltender Beifall.) An der hierauf folgenden Diskussion beteiligen sich Sekretär Fleischer, der die Ausschreitungen des wirtschaftlichen Antisemitismus und die gegen dieselben seitens der „Union" bei den Zentralbehörden eingeleiteten und oft erfolgreichen Schritte bespricht, ferner die Herren Eduard Beer, Rosenzweig, Redakteur Kraus, Tewele, Braun und Dr. Lifczicz, der auf die Tyrannei der Kommune in der Handhabung der Gewerbe-Strafrechtspflege hinweist Nach dem Schlußworte des Referenten spricht Herr Sonnenschein der Vereinsleitung Dank und Anerkennung aus und hierauf wird die Versammlung vom Vorsitzenden in vorgerückter Stunde geschlossen. Der Tiernnd Affenmensch in der Kibel. Von I. Lanz-Liebenfels (Entdecker des Anthropozoons).*) „Ich sah ein Weib, sitzend auf der rosinfarbigen Bestie ... an ihrer Slirne stand geschrieben: Mysterium: großes Babylon, Mutter der Unzucht und Schändung der Erde. Und ich sah das Weib trunken von dem Blute der Heiligen nnd von dem Blute der Zeugen des Heilands." So Johannes in seiner Geheimen Offenbarung, Kap. XVII, Vers 3 ff. Was ist das für ein grauenhaftes Mysterium? Anscheinend enthält die Bibel nirgends die Lösung dieses Rätsels. Dieses „rosinsarbige" Tier ist das große Mysterium der Bibel, es ist der — Tier- und Affenmensch. Ja wir können dieses Tier noch heute sehen aus dem schwarzen Obelisken Salmanassars II. (905—870k (Siehe Abbildung 1). *) Vergl. „Aiithropoxoon bibii-rumiit „Vierteljahrschrift für Bibelkunde". Berlin lCalvary) 1903, 3. Hesr.