Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 40 (14.10.1904)
- Date
- 1904-10-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Ml H Seite 4. Die Wahrheit Nr. 40. Wie die Charaktere aussehen, die das Judentum schafft, dafür können wir, Dank einem pikanten Zufalle, ein interessantes Beispiel vorführen. Ein deutsches Blatt, das demnächst mit dem Abdrucke eines posthumen Werkes von Karl Emil Franzos beginnen wird, hat dieser Tage das Vorwort des Dichters zu diesem Buche veröffentlicht. Dasselbe schildert in geradezu ergreifender Weise, wie K. E. Franzos zu einem der idealsten und begeistertsten Kämpfer des Judentums wurde. „Es war ganz ausgeschlossen," sagt Franzos „daß ich meines Vaters Sohn und frühzeitig auch durch das Leben zum vollen Pflichtgefühl erzogen, jemals daran denken konnte, meinen Glauben zu wechseln. Aber ebensowenig dachte ich daran, daß das Judentum in meinem Leben eine bestimmende Rolle spielen, daß ich jemals innerhalb der engeren Genossenschaft meiner Glaubensbrüder bestimmte Ideen zur Anschauung bringen sollte. Ich wollte Jude bleiben, auch hier meine Pflicht tun, das ist Alles." Dieses anfänglich etwas kühle Verhältnis des Dichters zum Judentum änderte sich erst, als derselbe vor die Alternative gestellt wurde, für seinen Glauben ein schweres Opfer zu bringen, oder seinen Glauben selbst zu opfern. Franzos Lebensideal war ursprünglich, klassische Philosophie zu studieren, für die, eine eminente Begabung mitbrachte, und Professor zu werden. Da er arm war und eine Familie zu erhalten hatte, war er darauf angewiesen, ein Stipendium zu erlangen, das ihm, in Anbetracht seiner ausgezeichneten wissenschaftlichen Arbeiten, unmöglich entgehen konnte. „Die Entscheidung", so erzählt nun Franzos, „ließ lange aus sich warten. Endlich wurde ich eines Tages zum Landeschef (es war dies der Landesches der Bukowina, welcher das Gesuch Franzos' auf das Wärmste empfohlen hatte) berufen. Der gute Mann war in sichtlicher Verlegenheit: ..Ihre Eignung steht außer Zweifel, aber..." Der Gedankenstrich bedeutete das Taufbecken. Einem Juden wurde das Stipendium nicht gegeben, es hatte ja auch keinen rechten Sinn, denn ich wollte ja eme Universitütsprofessur erreichen, und die war ja dem Juden unmöglich. Es war im Sommer 1867 vor der liberalen Aera". Und nun in dem schweren Leid, in dem bitteren Unrecht, das der Dichter wegen seines Judentums erfahren mußte, ging in seinem Herzen die große Liebe zu demselben aus. Ihm erschien es als ein Ding der sittlichen Unmöglichkeit/ mit seiner religiösen Ueberzeugung Schacher zu treiben. Da er arm war, mußte er zu seinem grenzenlosen Schmerze aus das geliebte Studium verzichten und einen anderen Berus wählen. Nun hören wir den Dichrer, wie diese Resiguation auf ihn wirkte: „Derlei wirkt auf den Menschen verschieden, je nach seiner Anlage. Der eine kann das Opfer nicht bringen, ihm scheint der Glaubenswechsel das leichtere Opfer. Der Andere verzichtet zwar, beginnt aber innerlich sein Judentum als ein Unglück zu empfinden und zu— hassen. Den Dritten aber beginnt sein Glaube eben deshalb näher anzugehen, wärmer zu interessieren, weil er ihm ein solches Opfer hat bringen müssen. Das Letztere war bei mir der Fall. Ich wurde kein Frommer im Lande, aber mein Interesse für das Judentum, das Gefühl meiner Zusammengehörigkeit mit den armen Kaftanjuden in der Czernowitzer „Wassergasse" wurde ungleich stärker als bisher." Man sieht, Karl Emil Franzos repräsentiert einen jener Charaktere, den das Judentum schafft. Verliert er an Wert, wenn man ihn mit jenen vergleicht, die, wie wir an Dr. Lueger zeigten, durch den Antisemitismus gebildet und herangezogen werden? Indische Statistik.*) Jüdische Statistik! In den jüdischen Zeitschriften und Büchern finden wir, besonders in der letzten Zeit, häufig den Ausdruck „Jüdische Wissenschaft". Als ob die internationale, *) Obwohl wir nicht den vollkommen abweisenden Standpunkt gegenüber der jüdischen Statistik einnehmen, wie der geschätzte Autor, müssen wir dennoch den überaus beachtenswerten Ausführungen desselben zum großen Teile beipflichten. Die Redaktion. interkonfessionelle Republik der Wissenschaft sich in eine nationale umgewandelt hätte! Es ist merkwürdig, daß der talmudische Satz, nach welchen wir Juden uns rascher die schlechten Sitten der Völker statt der guten aneignen, bis heute zutrifft. Und da gegenwärtig in den nationalen Kämpfen hie und da von den Unwissenden von deutscher, polnischer, czechischer Wissenschaft gefaselt wird, ist es selbstverständlich, daß auch wir Juden mit unserer jüdischen Wissenschaft hervortreten zu müssen glauben, obzwar wir wissen sollten, daß es höchstens eine „Wissenschaft des Judentums" gibt. Wie gesagt, diese epidemische Krankheit wäre verständlich, und deshalb haben wir uns bis jetzt nicht veranlaßt gesehen, dagegen Einsprache zu erheben. Da aber auch hier unsere Neigung zu Extremen platzzugreifen scheint und wir uns nicht blos mit der allgemeinen Benennung „Jüdische Wissenschaft" begnügen, sondern schon anfangen, auch die Spezialwissenschaften in nationale Gewänder zu kleiden, glauben wir, daß es jetzt Pflicht sei, Halt zu gebieten, weil sonst zu befürchten wäre, daß nicht nur Vereine für „Jüdische Statistik", sondern auch Vereine für ..Jüdische Physik", für „Jüdische Physiologie" u. dgl. gegründet werden könnten. Ob die Statistik überhaupt zur Wissenschaft gehört, ist noch nicht festgestellt, und viele Gelehrte bestreiten dies mit Recht, da die Menschen dadurch zu Ziffern.herabgedrückt werden und es eigentlich nicht bewiesen ist, daß. wenn einige in einer bestimmten Lage dasselbe tun, auch andere in derselben Lage ebenso handeln müssen. Davon, daß jede Partei aus derselben Statistik andere Resultate zu Gunsten ihrer Partei zieht, wollen wir, da es zu weitläufig wäre, hier gar nicht sprechen. Wir Juden haben von jeher gegen Statistik und Zahlen eine gewisse Antipathie. Es ist zur Genüge bekannt, daß als David die Größe seiner Macht wissen wollte und durch eine allgemeine Volkszählung sestzustellen suchte, dies sowohl bei dem Propheten als bei Gott Mißfallen erregte und er dafür von der gerechten Strafe ereilt wurde. Auch finden wir im Talmud, daß die Juden wenn sie ethisch niedrig stehen, zu Ziffern herabgedrückt werden können, aber nicht wenn sie fromm' sind; denn dann sind sie unzählbar, weil der Einzelne mehr wiegt als Nationen. So meint ein Gelehrter der talmudischen Zeit im Spaß, daß eine Frau bei den Juden mehr als 600.000 Menschen auf einmal gebar, und zwar ist diese Frau Jochebet, Mosis Mutter, da Moses höher als alle Juden zusammen geschätzt werden müsse. Nur Gott kommt das Lob zu, daß er die Zahl aller Menschen kenne, weil er auch den inneren Werl und den Geist jedes einzelnen kennt. Wie wir also aus alldem entnehmen, gehört die Statistik bei uns Juden nicht zu den beliebtesten wissenschaftlichen Zweigen, und nur wenn ein König die Macht seines Staates kennen wollte, griff er hie und da, gegen den Willen der Propheten — zu diesem unbeliebten Mittel, zum Zählen. Auch als die Juden ihren Staat gegründet hatten, veranstalteten sie eine Zählung, um festzustellen, wie viel jedem bei der Teilung an Land zufalle. Da wir aber doch nicht glauben können, daß selbst die eifrigsten Zionisten schon jetzt ihren Anteil an Grund und Boden iu Palästina kennen wollen, ist es uns daher auch unbegreiflich, wozu die „Jüd. Statistik" führen soll. Höchstens dazu, daß wir für unsere Feinde, die gottlob nicht spärlich sind, Materialien sammeln und ihnen Waffen gegen uns reichen. So erfahren wir z. B. aus dem vorliegenden Bande der „Jüdischen Statistik" *), daß die meisten Juden sich nur in den großen Städten aufhalten, daß die Mehrzahl Mädchenhändler Juden sind u. dgl. Wir wissen sehr gut, daß an alldem nur unsere gedrückte Lage schuld trägt, begreifen aber nicht, warum gerade wir dem Monsignore Sch.. . die Materialien zu Angriffen im Correspondenzblatte für den Clerus" (S. Correspondenzblatt vom 10. und 25. April 1904) liefern sollen. Haben wir doch unsere Zeit und unser Geld für wichtigere, nützlichere und edlere nationale Zwecke zu verwenden! Es wäre begreiflich, *) Herausgegeben vom „Verein für Jüdische Statistik", Berlin 1903. Jüdischer Verlag. 452 Seiten. lAl