Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 40 (14.10.1904)
- Date
- 1904-10-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Weun man die Wortführer des Antisemitismus in ähren Beziehungen zu jenen Fragen des öffentlichen Lebens betrachtet, die nichts mit den Juden zu tun haben, so fällt Einem unwillkürlich das wenig 'elegante aber sehr charakteristische Wort ein, das einmal ein König von seinen Feinden sprach: „Und mit diesem Gesindel muß M mich herumschlagen!" Man erinnert sich, in welchem Tone die Häuptlinge des Antisemitismus vor einiger Zeit im niederöstereichischen Landtage von den Größen der medizinischen Wissenschaft sprachen, wie dieselben Leute, denen die Verfolgung von Menschen Prinzip ist, unter dem Vorwände der Humanität gegen die Vivisektion Stellung nahmen, weil ihnen der Anlaß geeignet erschien, die hervorragendsten Männer der Wissenschaft mit rohen Insulten überschütten zu können. Dem Antisemitismus erscheint eben die Wissenschaft als der gefährlichste Feind, den er bekämpfen müsse, weil er ihn in seiner Existenz bedroht. Diese Animosität verrät sich bei jeder Gelegenheit und es bietet stets einen possierlichen Anblick, wenn die bornierteren, minder pfiffigen Elemente der christlich-sozialen Partei gegen die Wissenschaft vom Leder ziehen. Ein solches Schauspiel bot neulich Herr Biehlolawek, der gegen den Antialkoholismus loszog. Die berufensten Männer der medizinischen Wissenschaft haben kürzlich einmütig den Alkoholismus als eine Gefahr bezeichnet, die im Interesse der Menschheit nicht entschieden genug bekämpft werden könne. Biehlolawek ist anderer Meinung. Er ist für das Trinken, Aber er begnügt sich nicht etwa damit, dieser Ueberzeugung in jener bescheidenen Weise, Ausdruck zu verleihen, die sich dem Laien schließlich unter allen Umständen den Fachmännern gegenüber geziemt, nein, Herr Biehlolawek erklärt laut und nachdrücklich die Behauptung der Gelehrten für eine — Eselei! Kein Zweifel, der geschätzte, antisemitische Redner kann auf den vollen Dank des Mechanikers Schneider rechnen, denn dieser — so schwankend auch sonst seine Haltung sein mag — wird nicht schwanken, dem gesinnungsverwandten Kollegen begeistert zuzustimmen. Wie werden aber gebildete Menschen über die — Eselei: Biehlolawek urteilen? Wie der Antisemitismus bildung- und geschmacksördernd wirkt, zeigte auch der oberste Führer der Wiener Antisemiten, Dr. Lueger. Der durch seine seltsamen Erfolge in der jüngsten Zeit verwöhnte Bürgermeister kann es nicht verwinden, daß die Sozialdemokraten es mit ihrer Prinzipentreue unvereinbar finden, mit dem im Wechsel der Prinzipien grau gewordenen Antisemitenführer zu paktieren und daher unter allen Umständen in der strammen, ehrlichen und ehrenhaften Opposition verharren. Dr. Lueger, der sich zu seinem 60. Geburtstag zur Abwechslung einmal einen allerdings nur vorübergehenden, allgemeinen Versöhnungs-Rummel inszenieren möchte, ist erbittert darüber, daß die Sozial-Demokraten so gar keine Lust verraten, da ein wenig mitzutun und in seiner Erbitterung ließ er sich ebenso überflüssiigerals und unklugerweise die Aeußerung entschlüpfen, daß am l. Mai nur die Lumpen in den Prater ziehen. Diese Beschimpfung^ vieler tausender braver Arbeiter beweist wieder nur, wie verrohend der Antisemitismus wirkt. Es gibt keine Stadt der Welt, in welcher es einem Bürgermeister einsallen würde, ehrenhafte Arbeiter in solch pöbelhafter Weise zu überfallen. Freilich gibt es auch keine Stadt in der Welt mehr, in welcher der Bürgermeister so lange in der Verhetzung sein Metier erblickte, bis er überhaupt deu Maßstab für das verlor, was man sagen dürfe. * Charakteristisch, wenn auch in anderem Sinn, für den den Charakter corumpierenden Einfluß des Antisemitismus ist auch die Haltung, die Dr. Lueger urplötzlich den Ungarn gegenüber einzunehmen beliebt. Eines der Schlagworte, mit denen die christlich-soziale Partei die Bevölkerung aufstachelte, lautete: „Los von Ungarn!" „Gegen die Ungarn!" Die Hetze gegen die Ungarn bildete nebest dem „Hepp-Hepp" das wichtigste Zugmittel fiir Dr. Luegers Popularität, bevor er Bürgermeister wurde. Als aber Dr. Lueger das Ziel seines Ehrgeizes erreicht hatte, sah er rasch ein, daß in einer dualistischen Monarchie der Bürgermeister der einen Hauptstadt sich nicht unausgesetzt in dem Schimpfen auf einen Staat üben dürfe, dessen König der Kaiser von Oesterreich ist. Herr Dr. Lueger hielt es mit seinem politischen Charakter sofort für vereinbar, nicht nur Wasser in seine blutige Ungarnhetze zu schütten, er hat jüngst bei einem militärischen Banquett sogar begeistert die Notwendigkeit des innigen Zusammengehens zwischen Oesterreich und Ungarn gepriesen, und es hat nicht viel gefehlt, daß er sich direkt als einen enthusiastischen Magyarenfreund deklarierte, der leider nur contre coeur eine Zeitlang seine wahren Gefühle verheimlichen mußte. .. . Wahrhaftig, der Antisemitismus bildet die Charaktere, die er braucht. * 2-