Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 39 (7.10.1904)
- Date
- 1904-10-07
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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B Seite 10. Die Wahrheit Nr. 38. 4 '; tember ablief. Es sind nun, wie uns mitgeteilt wird, im ganzen 130 Entwürfe eingereicht worden, eine Zahl, die bei der Größe und Schwierigkeit des Projekts erstaunlich ist. Das neue Gebqude wird 1600 Sitzplätze, Kleiderräume und alle sonstigen Einrichtungen enthalten, wird also weitaus der größte Bau dieser Art in Frankfurt werden. Amsterdam. Ende dieses Jahres wird die an Seltenheiten so reiche Hebraica und Judaica Bibliothek des bekannten Bibliographen N. H. Van Biema, in der jüdisch-literarischen Welt unter der Namenschiffre y'nr bekannt, durch die Buchhandlung L. I. Joachimsthal hier, zur Versteigerung kommen. Der Katalog umfaßt ungefähr 3700 Nummern, worunter zirka 50 Handschriften, 300 Responsen, Inkunabeln und Postinkunabeln, sowie Werke aus allen Zweigen der hebräischen und jüdischen Literatur. Ohne Zweifel wird diese Versteigerung für die vielen Sammler auf diesem Gebiete von großem Jntereffe sein. Petersburg. Der Minister des Innern hat gestattet, daß das im April sistierte jüdische Blatt „Moschod" wieder erscheinen darf. Ateratnr. Das Rätsel Jude. Von A. H a l b e r t, 1901. Verlag Priebe L Co. Berlin-Steglitz, 112 Seiten. Der Verfasser bezeichnet das Buch als den Roman eines modernen Juden. Viel treffender wäre die Bezeichnung „Ein Vorschlag zur Lösung der Judenfrage in Romanform". Wie will nun der Verfasser diese schwierige Mage lösen? „Nicht durch Verquickung, Assimilation, sondern durch Trennung, Sonderung-—" Der Verfasser ist dabei kein Konservativer im Sinne der Orthodoxen, sondern vielmehr ein Resormjude. „Der Charakter muß gehoben, konzentriert, meinetwegen modernisiert, kultiviert werden — die Grundlage, die Basis, das Jüdische bleibt." Der Vorschlag des Verfassers ist nicht neu, ebeuso wie die Vorschläge der Gegenseite, die Judenfrage gerade durch Verschmelzung mit den Nicht-, juden zu lösen. Wenn auch diese Frage in der Praxis von jedem einzelnen nach seiner individuellen Anlage und den gebotenen Verhältnissen unbekümmert um den Zwist der Meinungen gelöst werden wird, so können wir nicht umhin, jede ernste Diskuffion, die sich von pöbelhaften Angriffen auf den Gegner fern hält, als im Interesse des Judentums gelegen, aufs freundlichste zu begrüßen. Dem Verfasser ist es sehr ernst mit feinen Ausführungen. Stellenweise zeigt er eine feine Beobachtungsgabe. Insbesondere im Kapitel IX unter dem Motto: „Die Hartherzigkeit der anderen macht sie selbst engherzig", bebaudelt er in treffender Weise das Verhältnis der „jüdischen Akademiker deutscher Nation" zu seinen galizischen und jüdischen Kollegen. „Der Deutsche ist geraden Sinnes", läßt der Verfasser den deutschen Studenten sagen, „der Ausländer aber pfiffig, hinterlistig, unaufrichtig . .." Den Lesern der „Wahrheit" ist dieses Thema nicht fremd. Wir hatten erst jüngst Gelegenheit genommen im Aufsatze „Oestliche und westliche Ethik" dies ausführlicher zu behandeln. Die Frage der Mischehe wird vom Verfasser in eigentümlicherweise abgetan. Seine Heldin, welche sich einem ungeliebten Christen in die Arme werfen will, findet ihr jüdisches Herz wieder, sobald sich ein Jude, der ihr besser zu Gesicht steht, um ihre Hand bewirbt. Der Verfaffer scheint ein allzu großer Verehrer von Heine zu sein, denn wir finden manche Anlehnung an den großen Dichter, u. zw. öfters am unrichtigen Platze. Wir fassen im übrigen unser Urteil zusammen: Ein für uns Juden lesenswertes Buch. x. y. z. Jer Aindttng. Erzählung von Babette Fried, Prag. (3. Fortsetzung.) Ein orientalisches Sprichwort lautet: „Was die Frau sagt, das sagt Gott." Das war hier der Fall. Was der Rabbiner als höchste Unwahrschemlichkeit bezeichnet hatte, war tatsächlich eingetrossen. Der Waisenknabe hatte an seiner Barmizwoh, welche man auf den Sabbat Parschas Pinchas festgesetzt hatte, nachdem . man doch den eigentlichen Geburtstag nicht wissen konnte, Mastir gesagt und eine kurze Rede gehalten, welche natürlich sein Pflegevater aufgesetzt hatte, worin er der Gemeinde-Korporation und jedem seiner Wohltäter besonders den Dank für alle ihm erwiesenen Wohltaten aussprach, gleichzeitig mit bewegter Stimme versprechend, durch Frömmigkeit und moralischen Lebenswandel der Gemeinde, welche sich so liebevoll seiner angenommen hatte, Ehre zu machen. Als Text nahm er die Stelle in der Haftora dieser Woche, wo ein Engel Gottes den Propheten Elias aus dem Schlafe weckte und mit Speise und Trank stärkte. Ein solcher Engel sei für ihn die jüdische Barmherzigkeit gewesen, welche ihm nicht nur die Befriedigung aller irdischen Bedürfnisse gewährte, sondern auch seine Seelenkräfte aus dem tiefen Schlafe, von dem sie umfangen waren, erweckte. Daß die Rede des armen verwaisten Knaben aus allen Augen Tränen lockte, ist nur natürlich. Nach der Barmizwoh kam Pinchas zu einem wackeren Schneider in die Lehre. III. Die alte Frau, welche in dem großen, niederen, mit altmodischen Möbeln angefüllten Zimmer Siesta hielt, war von jener Sorte Frauen, wie sie heute immer seltener werden. Strenge gegen sich selber, sowie gegen andere, lebte sie nur ihrer Tätigkeit, indem sie ein Unternehmen leitete, zu dessen Instandhaltung es sonst der festen Hand eines Mannes bedurft hätte. Aber Frau Goldberger ließ eine solche Hand nicht vermissen. Mit Energie und Umsicht waltete sie auf dem mit einer Brennerei verbundenen Hose, auf dem schon ihre Eltern als Pächter gewirtschaftet hatten, und zwar so gut gewirtschaftet, daß sie das ganze Gut käuflich an sich brachten, als das Gesetz den Juden den Erwerb von Grund und Boden gestattet hatte. Diese Wirtschaft nun hatte Frau Eva als Heiratsgut bekommen, als sie, die einzige Tochter, einen armen, aber feinen Talmudgelehrten geheiratet hatte, der wohl ein großer Talmudist, aber keine Idee von einer Oekonomie oder Spiritusbrennerei hatte. Dadurch fiel die ganze Last des Wirtschaftens und Gebietens auf die Schultern Frau Evüs, welche in dem Maße praktischer würde, als ihr Gatte idealer und gelehrter. Goldberg, der Gatte Evüs, wurde im Alter von kaum 45 Jahren das Opfer einer religiösen Funktion. Er hatte Schofar geblasen, und unglücklicherweise hatte er einen Schofar, welcher gerade bei der Tekia Gedola versagte. Goldberg, als guter Bal Tokea berühmt, wollte mit Aufgebot aller Kräfte dem versagenden Instrumente dennoch einen Ton entlocken, wurde aber noch im Bethause von einem Blutsturz befallen, von dem er sich nicht mehr erholte, sondern noch in demselben Winter, welcher auf jenen verhängnisvollen Roschhaschonoh folgte, die Augen zum ewigen Schlummer schloß. Seitdem waren viele Jahre vergangen. Frau Goldberg war äußerlich sehr gealtert, wenn ihr Geist auch noch die frühere Elastizität und Energie bewahrt hatte. Müde von den Anstrengungen des trotz der vorgerückten Jahreszeit noch sehr schwülen Vormittags, hatte sie sich in ihr stilles, kühles Zimmer zurückgezogen, um daselbst ein Stündchen lang der so notwendigen Ruhe zu Pflegen. Ruhe! Ja, wenn sie ruhen könnte! Ihre Gedanken arbeiteten mit einem Ungestüm, als sollten sie die furchige Stirne, welche von einem schwarzen Seidenband eingerahmt war, sprengen. Und einsam war die Matrone auch nicht in ihrem großen Zimmer. Da kamen all die Geister der Vergangenheit an sie geschlichen: Die Erinnerung an den edlen, selbstlosen Gatten, an das liebliche, ihr aus immer verlorene Kind, da kam die Reue geschlichen und zauberte ihr fratzenhafte Gesichter vor, daß sie von ihrem Sitze aufsprang und in höchster Erregung ausrief: „Weicht von mir, ihr Phantome, ich habe doch keine Pflicht verletzt, sondern getan, was ich nicht lassen konnte." Und da sagte ihr wieder die Reue: „Des Weibes Pflicht ist zu lieben, der Mutter Pflicht zu vergeben." „Kann, ich dafür," sagte sie zu ihrer eigenen Rechtfertigung, „daß ich von Jugend an auf einen Platz gestellt wurde, wo die zarte Weiblichkeit in den Hintergrund gestellt wurde, wo jede weichere Regung verschwinden mußte, weil die harten Forderungen des Lebens sich gebieterisch verdrängten?" — „Nein, nein!" tönte es ihr zurück, „du hast lieblos gehandelt, und zur Strafe dafür mußt du auch liebeleer und verlassen durchs Leben gehen und fremde Hände werden dir einst die Augen zudrücken." Die Frau, welche mit fast männlichem Geiste und aller dazu notwendigen Energie ein großes, verzweigtes Unternehmen leitete, saß wie gebrochen in ihrem Lehnstuhte. Was war es, das so furchtbar auf diese Frau einwirkte, daß sie in solchen Momenten der Einkehr in sich selbst um Jahre gealtert zu sein schien? O, das ist eine gar traurige Geschichte. (Fortsetzung folgt.) J