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Die Wahrheit · 1904-10-07 · Heft 39 (7.10.1904) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 39 (7.10.1904)
Date
1904-10-07
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Morilr Klatt. | I. Kantor der israelitischen Kultusgemeinde in Wien. Zu seinem 25jährigen Amtsjubiläum am 8. Oktober 1904. Ein Vierteljahrhundert ist dahingegangen, seitdem Moritz Blatt vom Vorstande der Wiener Kultusgemeinde als Kantor an den Leopoldstädter Tempel berufen wurde, um daselbst an der Seite Goldsteins den Gottesdienst zu versehen. Diese Berufung war für Kantor Blatt eine umso ehrenvollere, als zu jener Zeit Altmeister Sulzer noch im Amte war, Goldstein auf der Höhe seiner glänzenden Leistungen stand, die Gemeinde in Fischer einen Kantor von seltener Begabung und hervorragendem Wissen besaß und gewohnt war, an ihre kantoralen Funktionäre die höchsten Anforderungen zu stellen. Wenn es nun Kantor Blatt, trotz der ihn umgebenden Sterne ersten Ranges, gelungen ist, im Laufe seiner 25jährigen Amtstätigkeit die Anerkennung seiner Gemeinde zu erringen und sich einen achtunggebietenden Namen in der Kantorenwelt zu erwerben, so hatte er dies seiner tüchtigen Vorbildung, seinem seltenen Pflichteifer, seinem ernsten, rastlosen Streben und seiner hohen Auffassung von den Aufgaben eines Scheliach Zibbur zu danken, der nicht nur mit äußeren, glänzenden Mitteln entzücken, sondern auch mit tiefer Inbrunst, die nur dem wahrhaft gläubigen Sinne und dem vollen Verständnis der vorzutragenden Gebete entspringt, die Gemeinde zu weihevoller Andacht führen soll. Gerade diese schöne Aufgabe des kantoralen Berufes, bei welcher ohne den oft täuschenden Schmuck der choralen Mitwirkung das eigene Können in den Vordergrund tritt, hat Kantor Blatt ausgezeichnet zu lösen gewußt und darin für nachstrebende Jünger in richtunggebender Weise Schule gemacht. Aber nicht nur in dem beschränkten Wirkungskreise des zweiten Kantors hat der Jubilar Vollgültiges geleistet, sondern auch, wenn er, wie er öfters Gelegenheit hatte, in Stellvertretung Goldsteins oder nach dessen Ableben, die ersten Funktionen versah, den Beweis erbracht, daß seine sympathische, den großen Raum beherrschende Baritonstimme, sein feines musikalisches Verständnis und sein abgerundeter Vortrag ihn befähigen, den höchsten Anforderungen, die an einen modernen Kantor in einer großen Gemeinde gestellt werden, vollauf zu entsprechen. Das bisherige Lebensbild des Jubilars wäre aber lückenhaft gezeichnet, wollten wir nur seine Bedeutung als Kantor würdigen, und darum muß zum vollen Verständnis desselben an dieser Stelle auch erwähnt werden, wie er sich als Kollege seinen Berufsgenossen gegenüber bewährt hat. Als kurz nach seinem Amtsantritte von Wien aus der Ruf zur Organisation des Kantorenstandes erging, stand Moritz Blatt in der vordersten Reihe und durch seine hervorragende Anteilnahme an der Gründung der .. Oesterr.-ungar. Kantorenzeitung" und des „Oesterr.- nngar. Kantoren-Vereines" sowie durch seine vieljährige, opferwillige Tätigkeit in der beruflichen Organisation hat er sich hohe Verdienste um den Kantorenstand erworben. Dies werden ihm die Kollegen nah und fern besonders dankbar gedenken und an seinem heutigen Jubeltage mit uns in den Wunsch einstimmen, daß es ihm gegönnt sein möge, noch viele Jahre jugendstark und lebensfrisch zu wirken und auch, wenn der Silberglanz des Lebens geschwunden und sich allmälig zu vergolden beginnt, immer noch rüstig den Dienst am Altäre des Herrn zu versehen. Gin Kernfsveleran. Als ein Veteran der Kantorengilde, der heutigen Generation wohl wenig bekannt, aber vor Jahrzehnten als tüchtiger und strebsamer Berufsgenosse geachtet, ist Herr Lazar Gutfeld am 2. Oktober in Wien im 88. Lebensjahre verschieden. Einige Wochen vor seinem Ableben sandte uns der alte, an seinem ehemaligen Berufe mit aller Liebe hängende Kollege seine selbstgeschriebene Biographie mit der Bitte, dieselbe nach seinem Ableben zu veröffentlichen. Diese Bitte sei in pietätvoller Wertschätzung des Verblichenen im Nachfolgenden erfüllt: „Der vergängliche Mensch vermag nicht die Stunde seines Lebens vorherzusehen. — bbia» px» -paa Des Morgens blüht er frisch wie eine Blume und des Abends ist sein Auge welk und matt. Da mich der liebe Gott mit dem selten hohen Alter von 87 Jahren begnadigte und mein Dasein ein ziemlich wechselvolles war, so ist es für mich ein angenehmer und beruhigender Trost, einen kurzen Inhalt meines Lebenswandels eigenhändig niederzuschreiben. In meinem elterlichen Hause erhielt ich eine strenge, religiös-sittliche Erziehung und Bildung, und mein seliger Vater, der ein bedeutender Talmudist war, unterrichtete mich selbst in Bibel und Talmud, dessen Studium ich sehr eifrig oblag. Da ich mich dem Lehrsache widmen wollte, absolvierte ich in Znaim die Lehrmethode und in Nikolsburg die Realschule, woselbst ich auch zum Religionslehrer approbiert wurde. Nach diesem Studiengange wurde ich in der israelitischen Gemeinde Jamnitz als öffentlicher Lehrer angestellt. Zu jener Zeit, d. i. vor mehr als 60 Jahren, beschloß diese höchst intelligente Gemeinde, einen neuen Tempel zu bauen und daselbst den geregelten Gottesdienst mit Sulzer'schen Gesängen einzuführen. Den Chor unterrichtete der christliche Lehrer, der Vater des berühmten Opernsängers Ander in Wien. Ich war schon seit meiner Jugend stimmbegabt und hatte daher jetzt besonderes Verlangen, mich dem kantoralen Berufe znzuwenden. Ich schloß mich dem Chore an, und unter dem Kantor Deutsch, dem Bruder des berühmten Kantors in Breslau, bildete ich mich zum Kantor aus. Bon Jamnitz wurde ich nach meinem Geburtsorte Kromau als Kantor berufen, organisierte daselbst einen geregelten Chor, fungierte dort sechs Jahre zu allgemeinem Beifalle und wurde von jedem einzelnen geliebt und geachtet. Sodann wurde ich nach der Gemeinde Kanitz berufen, wo ich volle 18 Jahre fungierte. In der Zwischenzeit erhielt ich eine Berufung nach der weit bedeutenderen Gemeinde Prerau, allein die Gemeinde Kanitz übte eine moralische Pression auf mein Verbleiben, besserte mein Einkommen, und so verblieb ich daselbst. Auch die Gemeinden Boskowitz und Sassin reflektierten auf meine Person. Ich muß bemerken, daß damals in Mähren meist selbständige politische Gemeinden bestanden und ich auch als Sekretär Verwendung fand. Im Jahre 1868 übersiedelte ich nach Wien und im selben Jahre fungierte ich an den hohen Feiertagen in der Kinderbewahranstalt. Sechs Jahre fungierte ich im israelitischen Taubstummen-Jnstitute unter dem Direktor Deutsch, vertrat auch öfters den seligen Kantor Fischer im Seitenstetten-Tempel, und' im Leopoldstädter-Tempel fungierte ich zwei Jahre als 2. Kantor an der Seite des Oberkantor Goldstein. Zweimal habe ich auch an den hohen Feiertagen im Musikvereinssaale vorgebetet. Seit 37 Jahren wohne ich bereits in Wien. Der liebe Gott hat mich mit einem wackeren Weibe und guten Kindern gesegnet und mir die Gnade erwiesen, daß ich frei von materiellen Sorgen im Kreise meiner Lieben meinen Lebensabend verbringe, bis es ihm gefallen wird, mich von meiner irdischen Laufbahn -abzuberufen." Am 4. Oktober wurde Lazar Gutfeld zur ewigen Ruhe bestattet. Rabbiner Dr. Schmied! rühmte die Biederkeit und das hohe Fachwissen des Verblichenen und I. Kantor Blatt sang mit vieler Wärme dem Heimgegangenen Kollegen den Grabgesang.

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