Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 39 (7.10.1904)
- Date
- 1904-10-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 39. bilden. Man wird sehen, ob Fürst Swiatopolsk-Mirsky, der doch nur im Namen des Zaren sprechen konnte, wie er sprach, den Glauben an Rußland dauernd Herstellen oder nur vorübergehend dessen — Kredit bessern wollte. q- $ An demselben Tage, an welchem die sensationellen Erklärungen des russischen Ministers in die Oeffentlichkeit gelangten, -ist das rumänische Königspaar über Wien nach Rumänien zurückgereist. Welche Gedanken, welche Gefühle mögen wohl den König von Rumänien bei der Lektüre dieser Erklärungen ergriffen haben? Rumänien hat sich bei seiner Judengesetzgebung, die nichts als eine Kette tückischer, böswilliger Rechtsbeugungen bedeutet, an Rußland ein Beispiel genommen. Wird Rumänien so viel Ehr- und Schamgefühl haben, auch der neuen russischen Rechtsauffassung zu folgen? Von einer Fiktion ausgehend, die jedes Gefühl verhöhnt, dekretieren die rumänischen Machthaber, daß Menschen, die im Lande geboren, Menschen, deren Väter- und Großväter schon auf den Schlachtfeldern ihr Blut für Rumänien vergossen, Fremde sind und als Fremde behandelt werden müssen. Der russische Minister hat durch seine Erklärungen dieser Fiktion für Rußland ein Ende gemacht. Wird Rumänien nuch diesmal in die russische Schule gehen? Zur Demission des Sektiouschef Kitter v. Gniewss;. Die in voriger Nummer unseres Blattes veröffentlichte Notiz über die Demission des Herrn Sektionschef Eduard Ritter von Gniewosz als Präsidentstellvertreter und Kurator der Galizifchen Baron Hirsch-Stiftung wollen wir heute durch ein Schreiben desselben, das an einen Mitarbeiter unseres Blattes gerichtet ist, sowie durch einige Auszüge aus Originalbriefen ergänzen. Aus diesen Publikationen ist ersichtlich, mit welcher Selbstsosigkeit dieser ausgezeichnete und seltene Mann an der Hirsch-Stiftung teilnahm, und sein Scheiden aus derselben dürfte darum mit um so größerem Bedauern in weiteren Kreisen ausgenommen werden. Sehr geehrter Herr Doktor! Aus Anlaß meiner Teilnahme an der Förderung der Gründung und Entwicklung der Baron Hirsch-Stiftung für Juden in Galizien und in der Bukowina mußte ich oft, und hauptsächlich aus Galizien, die Bemerkung vernehmen, daß meine Tätigkeit in der Stiftung nicht selbstlos wäre und mit materiellem Vorteil verbunden sei. Dieser Bemerkung gegenüber beobachtete ich ein verachtendes Schweigen, zumal ich nicht den Vorwurf einer Reklamsucht mich aussetzen wollte, welcher Umstand jetzt entfällt, nachdem die warm spendenden Hände des Baron Moriz Hirsch und der Frau Baronin Klara Hirsch erstarrten, ich aus dem öffentlichen Leben mich ganz zurückzog und auch auf die Teilnahme an der Verwaltung der Stiftung resignierte. Kein Gerede entsteht ohne jeden Anlaß, zu welchem oft ein Mißverständnis beiträgt, und ich glaube daher jetzt den Zeitpunkt für gekommen, in welchem ich daran denken darf, was ich mir schuldig bin, an die Aufklärung jenes Mißverständnisses zu schreiten, welches die obigen Bemerkungen veranlaßt haben dürfte. Diese Mißverständnisse dürften erzeugt worden sein durch das Einmengen in meine Verhältnisse, beziehungsweise durch Vermittlungsanträge, welche brieflich der Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Wechsberg und einige Jahre darauf, nach dem Tode des Baron Hirsch, mündlich der Kollege im Stiftungskuratorium Dr. Grünbaum mir machte. Die diesfällige Korrespondenz, Briefe und Entwürfe meiner Antwortschreiben, teile ich Ihnen, sehr geehrter Herr Doktor, zur entsprechenden Benützung mit. Mit Baron Hirsch hatte ich, mit Ausnahme in jenen Sitzungen, an welchen er teilnahm, keine unmittelbaren Beziehungen. Wegen meiner Teilnahme bei der Gründung der Stif-! tung verhandelten mit mir seine Vertrauenspersonen, der Ober-1 rabbiner der Wiener israelitischen Kultusgemeinde Dr. Jellinek und der Reichsratsabgeordnete, nachmalige Präsident des Stiftungskuratoriums, Ritter v. Fürth. Die Protokolle der Sitzungen des Präsidiums und des Plenums des Kuratoriums geben ein Bild meiner Tätigkeit mit Baron Hirsch, und die Briefe, welche ich mit Dr. Grünbaum und Baronin Hirsch wechselte, geben Aufschluß über mein Verhältnis zur letzteren. Umer einem übermittle ich Sr. Exzellenz dem Herrn Kultus- und Unterrichtsminister die Resignation auf meine Stelle eines von der k. k. Regierung ernannten Kurators der Stiftung, wobei ich Ihnen bemerke, daß ich bereits schon früher, im Jahre 1900, resignierte, jedoch die Resignation zurücknahm. Wie, unter welchen Bedingungen diese Zurücknahme erfolgte, werden Sie aus der anliegenden Zusammenstellung der obigen Korrespondenz entnehmen. Zum Schluffe noch die Bemerkung, daß die obbenannten Vertrauenspersonen des Baron Hirsch mir keine wie immer gearteten Vorteile in Aussicht stellten. Sehr geehrter Herr Doktor! Ihr ergebener Wien, im Oktober 1904. Eduard R. v. Gniewosz. Auszug aus einem Schreiben des Herrn Dr. Wechsberg: Wien, den 7. Februar 1891. Mein Schwiegervater ist entschlossen, wenn Sie darauf reflektieren, seinen Einfluß sowohl bei den Glaubensgenossen in Galizien als hier in Wien aufzubieten, daß Sie siegreich aus der Reichsratswahl hervorgehen. Bei den reichen Glaubensgenossen wird er versuchen, die notwendige materielle Unterstützung für die Agitation zu erzielen, und ist er der Ansicht, daß sein Ansehen auch bei den orthodoxen Juden in Galizien nicht gering ist, so daß er immerhin einen gewissen Einfluß auszuüben imstande ist. Mit dem Ausdrucke vorzüglicher Hochachtung zeichne Euer Hochwohlgeboren stets ergebener Dr. W. Antwort. Wien, den 7. Februar 1891. Euer Wohlgeboren! Hochgeehrter Herr Doktor! Danke für die Mitteilung und beeile mich, zu ersuchen, Ihrem Schwiegervater für die Bereitwilligkeit, meine Kandidatur mit seinem moralischen Einflüsse unterstützen zu wollen, meinen verbindlichsten Dank auszusprechen. Ich muß jedoch auf das entschiedenste gegen jedes materielle Eingreifen mich aussprechen. Meine bisher streng gewahrte Unabhängigkeit gab meiner auf Ueberzeugung gestützten Tätigkeit jene feste Grundlage, welche mir gestattete, frank und frei gegen Jeden aufzutreten, dessen Anfeindung mir hemmend entgegentrat. Es ist unbestreitbar nur im Interesse Ihrer Glaubensgenossen, wenn sie mit ihren Geldmitteln fernvleiben. Die Unabhängigkeit, das Bewußtsein, für eine gute Sache nur mit seinem Ich und seiner Ueberzeugung eintreten zu können, gibt eine Stärke, die mit keinen Mitteln gehoben werden kann, vielmehr durch dieselben geschwächt wird. Sollte Ihr Schwiegervater bereits welche Schritte wegen Beschaffung von Geldmitteln unternommen haben, so beschwöre ich ihn bei der Achtung, welche ich für ihn im hohen Grade hege, dieselben im Sinne dieses Schreibens rückgängig zu machen. Mit Hochachtung Ihr ergebener E. G. Rückantwort. Euer Hochwohlgeboren! Es ist in bewußter Sache noch nichts geschehen und wäre niemals etwas geschehen, bevor Sie hievon in Kenntnis gesetzt und Ihre ausdrückliche Genehmigung hiezu erteilt hätten. Ich trage an der an Sie gestellten Anfrage das alleinige Verschulden, da ich glaubte, daß einer Agitation, welche gegen Sie mit Geld arbeitet, teilweise durch Geld begegnet werden könnte. Ich bitte vielmals um Verzeihung, meine Absicht war gut. Mit ausgezeichneter Hochachtung Ihr Dr. W.