Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 39 (7.10.1904)
- Date
- 1904-10-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 89. Die Wahrheit Leite 5. Man sah aus Feldern christlicher Eigentümer, besonders bei j der Erdäpfellese, israelitischeArbeiter, aber nicht auf Gmsgebieten I der Juden, welche Arbeiter sogar aus Kroatien einführten. Die! Herren, von welchen ich spreche, machen, nach alter Gewöhn-! heil, Geldgeschäfte in verschiedener Form, allein eine Initiative in der Industrie ergreifen sie nicht. Sie können nur über die Leichen früherer Fabriksbesitzer schreiten, und zwar mit einem Erfolge, welcher ihre reichen Glaubensgenossen aneifern sollte, unter die Industriellen zu gehen. Allein da sieht man, daß der Erfolg, wie z. B. in Sachsen, zum Fortschreiten vom Judeutllm wegführt. Ja, die Herren, die ich im Auge habe, die sich als Fortschrittliche, d. i. als vom Westwinde angeblasen ausspielen, haben ihre ethischen Gefühle jüdischen Ursprunges stark herabstimmen lassen, so daß es nicht mehr schön ästhetisch ist. Daß dabei die Logik schlecht wegkommr, ist natürlich. Diese Herren maßen sich das Vertretertum des galizischen Judentums an, dessen Masse sie dem Schnorrertum überlassen und als solches nach außen kompromittieren. Ans der Woche. Seit dem Ausbruche des russisch-japanischen Krieges hatte sich eine merkwürdige Konstellation ergeben: die Sympathien aller, die für europäische Gesittung begeistert sind, wendeten sich Japan zu, während die Antisemiten als Schwärmer für alle kulturfeindlichen Bestrebungen mit aller Leidenschaft Rußlands Sieg herbeisehnten. Nun scheint es nicht ausgeschlossen, daß eine Wandlung der Gesinnung insoserne eintreten werde, daß die Antisemiten von der bittersten Empörung gegen die russischen Machthaber erfüllt, für Japans Heil heiße Gebete zum Himmel senden werden. Kommt in Rußland wirklich unter Plehwe^s Nachfolger ein neuer Kurs zur Geltung, hört Rußland wirklich aus, ein Bollwerk desJudenhasses, das Eldorado der Judenverfolgungen zu sein, dann muß es aus d i e V er e hrun g und L ie b e d er Antisemiten verzichten. Und es scheint wirklich ein neuer Kurs in Rußland inauguriert zu werden. Man braucht zwar nie und nirgends die Programme eines neuen leitenden Ministers als heilige, unverbrüchliche Wahrheit zu akzeptieren, aber man kann, auch wenn man noch so pessimistisch denkt, die programmatischen Erklärungen des Fürsten Swiatopolski-Mirski unmöglich als bloße Phrasen, als leere, lügnerische Rederei ausfassen. Ein russischer Minister kann nur das sagen, was er mit Zustimmung seines Monarchen sagen darf und es muß daher als ungemein wichtig bezeichnet werden, daß der Fürst — nach früheren bedeutungsvollen Aeußerungen — nun auch dem Vertreter eines großen deutschen Blattes gegenüber u. a. folgendes erklärte: „Für mich gibt es keine Nationalitäten und Andersgläubige in unserem Vaterlande. Wie sehr sie alle gute Russen sind, hat der jetzige Krieg gezeigt. Lutheraner, Juden, Muselmänner, alle ziehen hin und haben ihr Leben für die Ehre des Vaterlandes eingesetzt. Soll man da noch von Juden und Armeniern reden? Ihnen allen soll und muß Gerechtigkeit werden, sind sie doch alle Russen. Nur a b w a r t e n und alles w ir d sich k l är en." * * Wie gesagt, auch der verknöchertste und verhärtetste Pessimismus vermag solchen verheißungsvollen Erklärungen eines mit dem Vertrauen des Czaren ausgerüsteten, also mit der höchsten Machtvollkommenheit ausgestatteten Ministers gegenüber nicht die Hoffnung abzuwehren, daß auch unseren armen Glaubensgenossen in Rußland endlich die Sonne der Freiheit, der Duldung, der Menschlichkeit, leuchten werde. Die Voraussetzungen, von welchen der leitende, russische Minister ausgeht, sind wahr, warum soll man nicht an die Möglichkeit denken dürfen, daß j es ihm ernst mit den Schlüssen sein könnte, zu welchen er ge- I langt? Gewiß, die russischen Juden haben auch dem Vaterlande j gegenüber, welches sie als Stiefkinder behandelte, ganz und voll I ihre Pflichten erfüllt, sie haben Gut und Blut für dasselbe geopfert. Warum soll man denken müssen, daß die russischen Machthaber auch angesichts dieser Tatsachen unerschüttert in ihrer gottverlassenen, tyrannischen und böswilligen Verstocktheit gegenüber Menschen verharren werden, deren Verbrechen einzig und allein in i h rer R e l ig i o n li e gt, d ie ihnen Trene und Hingebung für das Land, in dem sie leben und für dessen Monarchen zur unverbrüchlichen Pflicht macht? Die Juden bilden überall ein loyales, patriotisches, für ihre Befreier und Wohltäter von tiefster Dankbarkeit erfülltes Volkselemeut. Warum soll man nicht in Rußland auch einmal ans den Gedanken kommen dürfen, diesen Inden durch Gerechtigkeit und Humanität zu lohnen, was sie dem Vaterlande leisten und sie dadurch in ihrer Treue, Hingabe und Opserwilligkeit zu bestärken? * * * Allerdings gibt es noch viele Zweifler, die nach den traurigen Erfahrungen der letzten Jahre an eine wirklich gerechte und menschliche Behandlung der Juden in Rußland noch immer nicht glauben können und zu diesen Zweiflern scheint auch die Münchner „Jugend" zu zählen, welche die letzten Erlässe der russischen Regierung in folgender Weise ironisiert: N e u e st e r Erlaß f ü r ru ssische Jude n. I. Erlaß für K o m m e r z i e n r ä t e. Jüdische Kommerzienräte haben das Recht, in allen Gouvernements Steuern zu zahlen. Sie unterscheiden sich von den christlichen Kommerzienräten nur dadurch, daß sie einige Jahre später getauft sind. II. Für Aerzte. Jüdische Aerzte dürfen in allen Gebieten kurieren, in denen die Pest epidemisch auftritt. Der Redakteur des betreffenden antisemitischen Kreisblattes entscheidet, ob der Tod eines Patienten als Ritualmord zu betrachten ist. III. Für K a u s l e n t e. Jüdische Kausleute dürfen handeln: 1. in Sibirien mit Orangen und Papageisedern; 2. in Moskau mit dort gezogenem Tabak und selbstgeschlachteten Mammutsleisch. Läßt sich ein christlicher Konkurrent im Orte nieder, so muß das Geschäft geschlossen werden. Schulden von christlichen Käufern sind nicht einklagbar. IV. Für Arbeiter und arme Juden. Jüdische Arbeiter und arme Juden haben in ganz Rußland das Recht, auszuwandern. Znrückbleibende dürfen sich von jedem Beliebigen erschlagen lassen. V. S ch l u ß b e st i m m u n g. Dieser Erlaß wird durch die früheren Judenerlüsse aufgehoben. * * * Auch die antisemitischen Blätter können oder wollen nicht an die Möglichkeit einer solchen Kursänderung in Rußland glauben. Nicht etwa aus dem Grunde, weil sie ehrlich genug wären, zu sagen: die russischen Juden haben auch früher aus den Schlachtfeldern ihr Leben für ihr Vaterland geopfert, weshalb haben nicht schon früher die russischen Staatsmänner die Folgerungen gezogen, zu denen Fürst Mirsky gelangt? Nein, die antisemitischen Blätter kalkulieren mit der ihnen eigenen Auffassung menschlicher Niedertracht: Rußland braucht jetzt Geld, darum will der Minister durch seine judensreundlichen Aeußerungen die großen jüdischen Finanzmänner kaptivieren. Daß sie durch die Unterschiebung dieses Gedankens eigentlich zugeben: wahre Judenfeinde sind zu jeder Schändlichkeit und zu jeder Heuchelei fähig, geniert d i e H e r r s ch a s t e n n i ch t... Nun die nächsten Zeiten werden schon lehren, ob die schönen Worte des russischen Ministers nur schöne Worte sind, oder ob sie den Keim zu beglückenden, erhebenden und befreienden Taten