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Die Wahrheit · 1904-10-07 · Heft 39 (7.10.1904) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 39 (7.10.1904)
Date
1904-10-07
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 39. Der Unterschied zwischen diesen Hauptteilen der Bevölkerung trat aber am grellsten in der Gemeindeverwaltung resp. in der Teilnahme an derselben hervor. Diese gab den Ehrgeizigen, den Selbstsüchtigen einen weiten Spielraum, welcher seine Grundlage auf die Wahl stützte. Die Wahl in die Vorstehung und in die Hilssorgane derselben war der Mittelpunkt der Bewegung unter den Gemeindemitgliedern, die Quelle von Parteibildungen, wobei andererseits der Einfluß des Rabbiners in diese Bewegung einen religiösen, somit auch einen sektischen Einschlag machte. Auch bei der Wahl — man sagte die freie Wahl, allein frei war nur die Fesselung der Wähler — betätigte sich der bereits zitierte Spruch: Der Jude muß zahlen, jedoch mit der Modifikation, daß er den armen, den strenggläubigen Juden traf, welcher aus den Fesseln der Propination, Fleischlieferung, Koscher- und Ostermehl, oder der Auslagen verschiedener Bruderschaften und Miniansgenossenschasten, der Banne rc. sich nicht losmachen konnte, welche ihm die Unternehmer, meistens Mitglieder der Vorstehung oder ihre Affilierten anlegten, obgleich Winkelsynagogen, Minianim, Bruderschaften, Bannflüche strenge verboten waren. Allein diese Verbote blieben nur aus dem Papier, selten, äußerst selten kam die Strafianktion in Anwendung. Das Warum'? möge jeder sich beantworten. Aus dem Obangesiihrten kann der Schluß gezogen werden, wer der Führer, der eigentlich Maßgebende im Judentum war, ferner daß dieses keine Einheitlichkeit, keine Einheit bildete, sondern je nach den einzelnen Judengemeinden, und da nach der Entwicklungsstufe innerhalb derselben, in religiöser, kultureller und wirtschaftlicher Beziehung besondere Gruppen bildete. Wie in alter Zeit blieben die Juden in Sekten, Fortschrittler und Orthodoxe, Reiche und Arme, zerklüftet, wobei die letzteren zumeist zu den Strenggläubigen in Galizien, zu den Chassidim gehörten, die zu der Bevölkerung, d. i. zu dem christlichen Landvolke näher standen, überhaupt auch mehr geachtet und geschätzt wurden, während die umgekleideten, das sind Juden, welche sich des Kaftans entledigten und die Locken abschnitten, als „deutsche Jude n" aus Mißtrauen und Verachtung stießen. Das Jahr 1848 brachte einen Umschwung in der Stellung'der Juden im Lande und zur Bevölkerung. Welche Beweggründe tätig waren, wollen wir nicht untersuchen, allein hauptsächlich waren es Christen, politische Führer, welche die Frage der Gleichberechtigung, die Aufhebung der verschiedenen Einschränkungen der Juden, zunächst bezüglich der Erwerbung von Realitäten, des Aufenthaltes, Pacht- und Mietverhältnisse zur Verhandlung brachten. Diese Frage brachte auch in das nationale und in das Lager der konfessionellen und wirtschaftlichen Parteien, in die Reihen der Patrioten Scheidewege und Kämpfe, bis dieselben in den Staatsgrundgesetzen einen zeitlichen Stillstand erhielten, um in dem Antisemitismus neu aufzuleben. Bemerkenswert ist der Versuch, auch dem Realbesitze, insbesondere dem Grundbesitze, nach dem Aufheben des Patrimonialverhältnisses, zunächst den bäuerlichen Grundstücken, dem sogenannten Rustikalbesitztum einen konfessionellen Charakter beizubringen. Dieses Bestreben wurde jedoch durch die Auswanderungsbewegung paralisiert, indem das Streben, Reisegeld nach Amerika zu erlangen einerseits vorherrschte, anderseits sich Spekulationslustige fanden, welche die Gelegenheit billigen Grunderwerbes ausnützten. Unstreitig waren dabei Juden unmittelbar tätig, allein ob durch eigenen Vorteil geleitet, oder nur als Vermittler für Hintermänner, welche ihren Grundbesitz zu erweitern und zu verändern bestrebt waren, dies wird erst nach eingetretener Ruhe in der Bewegung, welcher auch die Parzellierungsspekulation beizuzählen sind, klarer werden. Die autochtonen Nationalitäten waren bestrebt, die Juden zu sich zu ziehen, sie zu assimilieren. Ob der Beweggrund hievon hehre Gefühle, Humanität, Gerechtigkeit, christliche Nächstenliebe, oder politische Rücksichten in ihren verschiedenen Richtungen, z. B. der Antisemitismus, waren, will ich nicht untersuchen, allein das erwähnte Bestreben nach nationaler Assimilation mußte anfangs bei einzelnen denkenden Juden Erinnerungen an die Vergangenheit, das Bewußtsein einer selbständigen Abstammung, einer eigenen Nationalität, erwecken. Als die Nationalitätenfrage zum Weltlosungsworte wurde und selbst Stämme, die mau für begraben, tot hielt, in Bewegung (ob zu Leben, wird die Zukunft zeigen) brachte, die Staatsgrundgesetze nicht nur die Konfessionen — bei Juden bilden ja die Konfessionen ein nationales Unterscheidungsmerkmal— sondern auch dieiVolksslämme— und die Juden sind jedenfalls ein Volksstamm — gleichberechtigten, so wuchs besonders unter der Jugend die Zahl derjenigen, welche über die Vergangenheit Nachdenken und mit Rücksicht auf die Gegenwart die Konsequenzen ziehen. Der angeborene Drang zu Mitteilungen treibt zur Proselytenmacherei, zumal ernste, gereifte Männer die Tätigkeit aufnahmen und gleichsam die alten Propheten ersetzten. Dieser Stimmung im allgemeinen, den Nationalitätenbestrebungen mit dem Einschläge der Lehre „von den Kindern des Einen Vaters" entspricht der Zionismus, als weitere veredelte Blüte des Kampfes gegen Willkür und Despotismus, dieser Haupteigenschaften des Arismus, die sich insbesondere und grell an den Juden manifestieren. Doch kein Licht ohne Schatten, welcher ein Produkt des Lichtes ist und zugleich das Licht hervorhebt, zur Geltung bringt. So hat die Gleichberechtigung gerade bei Juden Uebelstände erzeugt, z. B. die Freiheit, nicht Jude zu sein, nur Jude nicht zu bleiben und oarin noch andere zu überbieteu. Unter dem Deckmantel des Fortschrittes wurden das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit und. die gegen die Gegner und verschiedenartigen Verfolger schwer geschaffene und erhaltene Solidarität so sehr gelocktert, daß nur der cynische Egoismus, Byzantinismus und die sklavische Unterwürfigkeit bis zum Bediententum, selbst solcher, die sonst gegen Schwächere steifen Nacken machen, vorherrschten, und das Volk, welches sich ein von Gott auserwähltes nennt, zu einem an Wert niedereren herabsank. Doch ich ließ mich zu sehr in das Schwarze hineinreißen. Die „Wahrheit" muß mir heraushelfen. Die „Wahrheit" stellte den Unterschied zwischen Westen und Osten fest, allein es sind auch im Osten „Westliche", und diese verdunkeln das wahre Verhältnis. Wenn die autochtonen Oestlichen verdunkelt erscheinen, so sind das die Schatten, welche die Schreckensgestalten des nach und nach ins Riesenhafte gewachsenen Elendes und der Not auf die in streng, jüdischer Ethik Verbliebenen, die Kaftangestalten mit Peies, werfen. Die hängenden Tuchröcke mit verschiedenem Schnitt, mit langen. Schößen, mit bunten Kravatien, mit Hüten, welche keine Sammtkäppchen bedecken, zeigen wohl eine Minderung der Ethik, aber ohne Gewinn in der Aesthetik, auch ist kein Fortschritt in der Logik zu konstatieren; denn nicht nur, daß sie das „Nichtige und Wahre" nicht erkannten, sondern sie wollten auch dasselbe nicht erkennen. Sie machten die hohe Errungenschaft der Gleichberechtigung zum Schlagwort und Schlachtruf in einem fingierten Kampfe, denn es handelte sich nur um eine Besitzergreifung des Platzes an der für Alle mit staatsbürgerlichen Rechten gezeckten Tafel, jedoch in einer normalen, auch Anderer Rechte anerkennenden Weise. Allein die Gleichberechtigung als Schlagwort wird benützt als Deckmantel für das Vordrängen, respektive Zurückdrängen; denn Rechte wollen die von mir oben angeführten,^ sogenannten besseren Klassen der Juden. nicht durch Charakterfestigkeit, Selbstlosigkeit und wirkliche Volkstümlichkeit erarbeiten. Das jüdische arme Volk bleibt misera contribuens xleds, das „polnische Juden" geschimpfte Volk. Doch die sich besser Dünkenden, Graduierte und Nichtgraduierte, Betitelte, oder Besitzer von landtäslichen Gutsgebieten, Duzbrüder der Magnaten und der Schlachta, werden auch von diesen gesellschaftlich als polnische Ind en behandelt. Der „Zyd" bleibt ihnen haften und dennoch sind sie für die übrigen Zydy 51t Opfern oder Leistungen nicht bereit. Die Selbsthilfe ist ihnen fremd, sonst würden sie, statt Almosen von deutschen Glaubensgenossen von Wien und Sammlungen zuzulassen, selbst helfend einschreiten; denn Verdienstgelegenheit zu geben, wäre ihuen leicht, allein sie ziehen den Bauernarbeiter wegen des geringen Lohnes vor.

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