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Die Wahrheit · 1904-09-30 · Heft 38 (30.9.1904) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 38 (30.9.1904)
Date
1904-09-30
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. 3ir. 88; empfing Minister des Innern Fürst Swiatopolk-Mirsky auch eine Abordnung der israelitischen Gemeinde. Er hielt an diese eine Ansprache, in der er sagte, ganz bekannt mit den Bedürfnissen der israelitischen Gemeinde, sei er in der Lage, bei der demnächst bevorstehenden Behandlung des ernsten israelitischen Frage mit voller Würdigung an sie heranzutreten. Er erwarte von Seite der Israeliten, daß sie den Regierungsmaßregeln voller Vertrauen entgegenbringen. Die Israeliten können völlig beruhigt sein, daß er, an die Quelle der Gerechtigkeit, an die Seite des Kaisers, berufen, darüber wachen werde, daß ihnen immer Gerechtigkeit widerfahre. Literatnr. Die vor Kurzem erschienene Nummer 9 (September 1904) von „Altueuland", Monatsschrift für die wirtschaftliche Erschließung Palästinas, bringt an erster Stelle einen Aufsatz von Dr. jur. Bruno Blau über „die administrarive Autonomie der Insel Samos". Der Aufsatz ist insofern von Bedeutung, als er die Möglichkeit gewährt, über die Staatsform klar zu werden, die von der zionistischen Partei als erreichbares Ziel angestrebr werden dürfte. Der kurze Aufsatz bringt im Wortlaut die Note der hohen Pforte an die Vertreter von Frankreich, Großbritannien und Rußland vom 10. Dezember 1832, in welcher die administrative Autonomie der Insel Samos festgelegt wird. Prof. Dr. E. Schönfeld liefert im weiteren Verlaufe seiner Schilderung der Halbinsel Sinai Angaben über die Flora, Fauna, Bevölkerung des von ihm behandelten Gebietes. Aus seinen Angaben läßt sich die Schlußfolgerung ziehen, daß die Halbinsel auch gegenwärtig bei richtiger Kultur eine größere Bevölkerung ernähren könnte. Zum Schlüsse macht Verfasser wertvolle Mitteilungen über die Art und Weise des Reifens in diesem Gebiete. Pros. Dr. O. Marburg beschließt seinen großen Aufsatz über die Kolonisation in Nordsyrien auf Grundlage der Baumwollenkultur nn Gebiete der Bagdadbahn. In der vorliegenden Nummer verweist er auf die Aussichten der Baumwollenknltur in Nordsyrien auf Grund von Angaben von verschiedenen Fachleuten und geht zum Schluß auf die Organisation der Kolonisation ein. Marburg schlägt zum Schluß die Gründung von zwei Gesellschaften vor. Eine auf rem geschäftlicher Basis aufgebaute Baumwoll-Erwerbsgesellschast, die aus ihren Gütern jüdische Arbeiter beschäftigt und sie auf diese Weise praktisch in der Baumwollkultur unterweist. Die zweite, die jüdische Kolouisationsgesellschaft, hätte die Kosten zur Kolonisation der besseren Arbeiter längs der Bagdadbahn und im weiteren Umkreise um dieselbe zu liefern. Ans diese Weise würde es gelingen, die Interessen der verschiedenen in diesem Gebiete wirkenden Faktoren zu fördern. Die türkische Regierung gewänne eineproduktive, zahlungsfähige Bevölkerung, die Bagdadbahn erhielte ausreichende Frachten und könnte ihrem Endziele Baffora schneller entgegensehen, die deutsche Baumwollindustrie würde eine Zufuhr von dem für sie so wertvollen Rohstoff bekommen, und last not Isast wir Juden wären im Stande, eine rasche Besiedelung diesem Palästina so nahe gelegenem Gebiet durch Juden herbeizuführen. Zugleich würden wir hier auch ein im Baumwollbau erfahrenes Element erziehen, das uns bei der wahrscheinlichen Entwicklung der Baumwollenkultur in Palästina von großem Werte sein würde. Der Imdtiug. Erzählung von Babette Fried, Prag. (2. Fortsetzung.) H. Der Rabbiner von Hlinov lebte mit seiner jungen Frau in glücklicher, wenn auch kinderloser Ehe, obwohl beide an der Sehnsucht krankten, ein Kind zu haben. Teils aus Scham, teils aus Schonung sür den anderen Teil, suchten sie diese Sehnsucht zu unterdrücken. Reb Schlome suchte oftmals sür seinen Unmut einen äußeren Vorwand, so auch heute, wo er auf den blöden Pinchas wetterte, der sich die ganze Woche bei ihm im Hause nicht hatte blicken lassen. „Laß doch das arme Kind gehen," sagte begütigend Frau Esther, „er ist ohnehin ein Rachmones." „Eben deswegen muß er lernen, damit er nicht sein Leben lang ein Rachmones bleibt. In der Schule lernt er nichts, er ist so wenig geistig veranlagt, um mit den anderen gleichen Schritt halten zu können, und extra abgeben kann ich mich in der Schule mit ihm nicht. Du kennst ja die Eifersüchteleien bei den Leuten. Da würde es heißen, daß ich durch den Findling, der umsonst die Schule besucht, ihre eigenen Kinder vernachlässige, sür welche sie mir schweres Schulgeld zahlen. Aus diesem Grunde muß ich ihm zu Hause eine Lektion geben. Ich bin das Gott und meinem eigenen Gewissen schuldig, daß ich mich des geistig zurückgebliebenen Waisenkindes annehme und mich bestrebe, es zu einem rechten Menschen zu machen." „Ich kann es nicht begreifen, daß auch Du, ein so erfahrener Pädagoge, den Buben stets als halben Idioten betrachtest. Ich kann dies nicht tun. Seine Augen verraten mir, trotz seines scheuen Wesens, eine gewisse Intelligenz, welche nur durch Mangel an Erziehung unterdrückt wurde. Der gute Schammes hat seine eigenen Kinder wild aufwachsen, lassen, ww könnte er den fremden Knaben erziehen? Ich wollte Dir einen Vorschlag machen, lieber Teinitz, aber ich befürchte, Du möchtest mich auslachen, wenn nicht Dich gar über mich ärgern." „Das werde ich nicht tun. Heraus mit Deinem Vorschlag. Du bist ja ein kluges, überlegtes Weib. Sags nur frei heraus, ich bin ja nicht gezwungen, darauf einzugehen, wenn esmir nicht gefällt." „Unter dieser Bedingung werde ich reden. Ich dachte mir, weil wir eben keine Kinder haben —" bei diesen Worten wurde Esther feuerrot und fing zu stottern au, ..wie wäre es, wemr wir Pinchas zu uns ins Haus nähmen und uns Beide bestreben werden, ihn wie ein eigenes Kind zu erziehen?" „Wie elektrisiert sprang Schlome von seinem Sitze auf. „Wer hat Dir meine Gedanken und Wünsche verraten, Du kluges Weib? Doch Du bist noch mehr gut als klug, Du bist ein Biederweib." Und so geschah es. Die Aufnahme des kleinen Waisenknaben in die Familie des Teinitzschen Ehepaares hat demselben Segen gebracht. Der sehnsüchtigste Wunsch der beiden Ehegatten war in Erfüllung gegangen. Kaum ein Jahr war nach der Aufnahme des Knaben verstrichen, als ein Töchterchen seinen Einzug in das Haus hielt. Von da an war mit Pinchas eine merkwürdige Veränderung vorgegangen. Die Schüchternheit, welche diesem Kinde ein fast idiotenhaftes Aussehen gegeben, war dem Eifer gewichen, womit er sich im Dienste des kleinen Schwesterchens Hingabe Fähigkeiten, die niemand an dem Knaben geahnt, wurden von dem Bestreben geweckt, dem Kinde in der Wiege ein Lächeln zu entlocken. Nie vorher war es Pinchas eingefallen, sich im. Singen zu versuchen, aber seitdem er als Gesellschafter, bezw. Pfleger der kleinen Sophie fungierte, sang er so manches kleine Liedchen, wenn er sich alleine im Zimmer wußte, denn in Gegenwart anderer behielt er beharrlich seine Schüchternheit. Sobald sich Pinchas beobachtet wußte, war er das reinste Rachmones. Indes dem von wahrhaft mütterlichen Interesse geschärften Scharfblicke Esthers entging es nicht, daß die immer mehr sich entwickelnden Geisteskräfte ihres Töchterchens answunderbare streifenden Einfluß auf die bisher zurückgebliebenem ihres Pflegesohnes ausübten. Sie sagte auch einst zu ihrem Gatten: „Unsere Sophie war nicht nur die Erfüllung unserer Beider Herzenswunsch, sondern auch ein wahres Glück für Pinchas. Denn ohne den aufmunternden Verkehr mit unserem Kinde wären seine Geisteskräfte zurückgeblieben, trotz der redlichen Mühe, die Du Dir in der Schule und zu Hause mit ihm gegeben hast. Ich wette darauf, Pinchas wird an seiner Barmizwoh eine Drösche halten, wie nur irgend ein anderer Knabe." Teinitz lächelte ungläubig dazu, gleichsam, als wollte er sagen: „da müßte gerade ein Wunder geschehen, wenn ich so was bei ihm zu Stande brächte." „Apropos, da wir grade von der Barmizwoh reden,"' fuhr die wackere Frau fort, was soll eigentlich aus dem Buben werden? Wohin wird er nach seiner Barmizwoh gehen?" ..Die einfachste Antwort auf Deine Frage wäre die: Nach der Barmizwoh wird er in das vierzehnte Jahr gehen! Aber mit einem alten abgedroschenen Witze will ich Deine ernste Frage nicht beantworten, sondern Dir das Ergebnis meines öfteren Nachdenkens über diesen schwierigen Punkt Mitteilen. Ich halte es unter den gegebenen Verhältnissen als das Vernünftigste, wenn der Junge ein gutes Handwerk lernt. Zum Weiterlernen taugt er absolut nicht, und Handwerk hat einen goldenem Boden." (Fortsetzung folgt.) ■m'i ' ' fl "hhmhiiiiiii'H in i n ~i TTniminrnTTnrl-,—

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