Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1904-09-30 · Heft 38 (30.9.1904) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 38 (30.9.1904)
Date
1904-09-30
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3062972-3063212-3063251--03274-3070019
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Oestkrr.-uiMr. Kantoren-Zeitung Die geehrten Herren Kantoren werden ersucht, l den Abonnementsbetrag umgehend einzusenden. I In der Laubhütte. Zu M. Oppenheims gleichnamigem Bilde. „Du sollst Dich freuen vor dem Ewigen, Deinem Gotte!" ... (5. B. M., 16, 11.) Die höchste Wonne birgt das Fest, Für das wir bauen Hütten; Die Vögelchen in ihrem Nest, Sie weilen froh inmitten: Rechts sitzt das gute Mütterlein, Beim Vater sind die Kinder, Das gute Mahl schmeckt ihnen fein, Dem Gaste auch nicht minder. Lieb Büblein denkt: „Was ist heut los? Sonst speisen wir im Zimmer, Da sitz ich ans des Vaters Schoß, Bekomm was Gutes immer?" Den Säugling sieht man, herzig klein, Empor die Händchen strecken, Ihm leuchten bunt und hell und fein Die Früchte ans den Ecken. Die Fefttagssuppe dampfend bringt Die holde, junge Muhme, Doch vor dem Essen laut erklingt, Ein Lied zu Gottes Ruhme. Zwei fremde Knaben geh'n vorbei Und seh'n die schmucke Hütte, Sie wären gerne auch dabei In dieser Runde Mitte. „Jedweden Gast heut fromm bedenkt Der Vater spricht: „Laßt teilen!" Und beide Kleinen reich beschenkt Voll Lust nach Hause eilen. — * * So blüht noch immer wahres Glück In unsrer Hütte drinnen, Wir lenken, alle, weit zurück Des Herzens sroinmes Sinnen, Da Israel viel Jahre lang In schwachen Zelten wohnte, Ihm war vor Feinden niemals bang, Da Gott inmitten thronte. Voll Lust drum jetzt noch weilen wir In Hütten laubgeschmücket, Und danken unsrem Gott dafür, Daß er uns stets beglücket. Wir f r e u 'n u n s h e u t' u n d rufen laut: „A l l v a t e r i n d e n H ö h e n, Laß jeden, der Dir fromm vertraut, Nur Heil und Glück st e t s sehen!" „B e w a h r e H e r r u n s allezeit — Gewähre unsre Bitte — Vor Feindes Hand, vor Herzeleid, Zur Bu-rg sei uns die Hütte!" _ Moritz Antscherl. Semitische Bühnenkünstler. Von Oberkantor Magnus Davidsohn, Gleiwitz. In dem Artikel' ..Bayreuther Streitfragen" des Herrn Hofkapellmeisters Dr. Georg Göhler, Altenburg, den derselbe kürzlich in einer Berliner Zeitschrift veröffentlichte, finden wir folgenden Passus: „Nach den Erfahrungen, die ich gemacht habe, würde ich bei gewissen Naturen, besonders bei Juden, jeden Versuch der Bildung ausgeben; alles, was nicht angeboren ist, für unerreichbar erklären. Das sagt sich nicht, lehrt sich nicht. Durch alle Tünche scheint die Urfarbe durch." Also Herr Dr. Göhler. Trotz der gerechten Entrüstung, die nicht nur mich, auch nicht'meine Glaubensgenossen allein, sondern jeden vernünftig und logisch denkenden Menschen bei einer solch — sagen wir, | kühnen Behauptung ergreifen muß, will ich mich daraus beschränken, in kurzer, sachlicher Ausführung dem Herrn Altenburger Hofkapellmeister eutgegeuzutreten. Der Herr liebt die Juden nicht, ich gestatte mir sogar das Gegenteil zu behaupten, das beweist auch der Passus hinsichtlich der Konzertagenten, in dem Herr Göhler sich bemüht, mit dramatischer Lebendigkeit ein Zwiegespräch zwischen einem Agenten und einem Künstler zu schildern, wobei er sich eines wirkungsvoll sein sollenden Hilfsmittels bedient, indem er nämlich den Agenten in dem bekannten Witzblatt-Mauscheljargon sprechen läßt. Nun wohl, Ihr urgermauiichen, sagen wir lieber, urberliuerischen Agenten Sanstleben, Drenker, Ledner, Fernow und wie Ihr alle heißet, wehrt Euch Eurer Haut, zeigt dem Herrn Dr. Göhler Euer Taufzeugnis vor und erbringt ihm den Beweis, daß neunzig Prozent der gesamten Theater- und Konzertagenten Christen sind. Ich aber, ein Jude, habe für meine Glaubensgenossen, die an der Bühne tätig sind, einzutreten. Wie in vielen Berusszweigen, macht sich auch leider in letzterer Zeit an der Bühne der sogenannte stille Antisemitismus bemerkbar. Pourcjuoi? Rasseneigentümlichkeit ist das Schlagwort! Will man streiten, heißt es: „Lesen Sie Wagners Judentum in der Musik." Soll ich hier berichten, von den Schwächen, die jener gewaltige Geistesheros als Mensch besessen, soll ich erzählen von der gerechten Entrüstung, die den genialen Meister erfaßte, da er flüchtig von Land zu Land zog und mit anhören mußte, wie man von den süßlichen Melodien Meyerbeers begeistert schwärmte, und wie lediglich aus diesem Motive heraus, jene berüchtigte Schrift entstanden ist? Dazu ist der Raum, der mir in liebenswürdiger Weise in dieser Zeitschrift zur Verfügung gestellt wurde, zu klein. Aber nur die Namen einzelner Männer möchte ich Herrn Dr. Göhler zurusen, die gar bald geeignet sind, seine Theorien zunichte zu machen. Hat er einmal die hoheitsvollen Bewegungen Sonnenthals als Lear aus der Bühne gesehen und spricht er noch von jüdischen Gesten? Hat er Ludwig Barnay in seiner Größe gekannt, hat er Ernst von Possart in seinen Glanzrollen gesehen, hat er den Mime eines Lieban gehört? So könnte ich noch hunderte von Juden, oder die es einstmals waren, auszählen, die leuchtende Sterne am Himmel der dramatischen Kunst sind. Macht denn der Parteien Haß nicht einmal vor der Kunst halt? Müssen denn diejenigen Menschen, die deutsch denken und fühlen und die mit ganzer Seele an ihrem Vaterlande hängen, aber jüdischen Glaubens sind, selbst als Prügelknaben in der dramatischen Kunst gelten? Traurig ist die Tatsache, daß eine große Menge Bühnenkünstler sich vor Beginn ihrer Karriere taufen lassen und üngstlichst bemüht sind, ihre jüdische Abstammung aus Furcht vor dem Antisemitismus zu verheimlichen. Dann bewundert man den urgermanischen Wotan, den deutschen Tannhäuser u. v. a. m. Ein unglücklicher Zufall, fügte es, daß ein Alberich, der in diesem Jahre in Bayreuth versagte, ein, wenn ich nicht irre, russischer Semit ist, und deshalb Pest über die Juden, sie taugen zu nichts! Allerdings möchte ich gerne wissen, was für Erfahrungen der Herr Hofkapellmeister in Altenburg gesammelt hat und welche von namhaften jüdischen Bühnenkünstlern dort seine Versuchsobjekte gewesen sind. Wie ein Kind muß der Anfänger auf der Bühne stehen und gehen lernen. Ist er dann für die Bühne prädestiniert, hindern ihn weder Glaube noch Konfession künstlerisch hervorragend zu wirken. Aber gewisse Bewegungseigentümlichkeiten, die vielleicht manchem Glaubensgenossen in Warschau oder Tarnow anhasten, deutschen Bühnenkünstlern jüdischer Abstammung auszuoktroyieren und sie damit von jeder deutschen Bühne verbannen zu wollen, dazu gehört eben jener Grad von Antisemitismus, der die Juden zu allen Teufeln wünscht. Was würde wohl Hermann Levi sagen, läse er die famose Theorie seines Altenburger Kollegen?

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.