Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 38 (30.9.1904)
- Date
- 1904-09-30
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 38. Die Wahrheit Seite 9. Nachdem eines der Kinder im Namen aller den in ein poetisches Kleid gefaßten Dank abgestattet hatte, wurde nach Absingung der ersten Strophe des Kaiserliedes ein von freundlicher Hand gespendetes warmes Abendessen gereicht und damit die Ansspeisung eröffnet. Außerdem werden in Zukunft jeden Mittwoch nachmittags die Kinder unter Aufsicht einiger Damen, die sich dazu bereit erklärten, Nachhilfe bei ihren Schularbeiten und eine Jause erhalten. Allen unseren Glaubensgenossen möchten wir diesen verein auf das allerherzlichste empfehlen. B. Wien. (E rster Wiener Jüdischer T u r n v e r e i».) Herrenturnen: Montag und Donnerstag von 9 ^hr abends; Damenturnen: Mittwoch und Samstag von 7—^9 Uhr abends; Kindertnrnen und Fechtriege ab Oktober Anmeldungen in den Turnzeiten im Turnlokale: I., Mölkerbastei 5. Separate Kurse durch staatlich geprüfte Lehrer. Unser treues Vereinsmitglied, Herr Heinrich L ö w, Chef der Firma Heinrich Löw & Co., ist am 15. d. M nach kurzer Krankheit in Vöslau gestorben. Das Leichenbegängnis fand Sonntag, den 18. d. M., in Baden statt. Namens der Vereinslcitung hielt der Obmann, Herr Dr. Ludwig Werner, dem Verblichenen am offenen Grabe einen warnten Nachruf. Am 20. d. M. widmete der Obmann im Turnlokale vor den versammelten Turnern dem Verstorbenen eine Gedenkrede, in welcher er die trefflichen turnerischen und allgemein menschlichen Eigenschaften des Verblichenen rühmte. Der Verein wird dem Verstorbenen ein treues Andenken bewahren. Wien. Am 20. September ist hier nach kurzem Leiden der Großindustrielle kais. Nat Jacques Ritter v. Leon im 42. Lebensjahre gestorben. Der Verblichene, der eine hervorragende Stellung in der heimischen Industrie einnahm, war auch ein äußerst guter Mensch und erfreute sich allgemeiner Sympathien in den weitesten Kreisen. Das Leichenbegängnis fand am 23. September unter überaus zahlreicher Teilnahme vom Trauer- Hause, I., Schottenring Nr. 17, nach dem Zentralfriedhose statt. Außer der Familie waren unter den Trauergästen zu sehen: Sektionschef Adolf Freiherr v. Odelga, der Gonverneurstellvertrcter der Bodenkreditanstalt Ritter v. Tanssig, Ministerialrat Dr. Freiherr v. Bauhaus, Hofrat Ritter v. Hahn, Hofrat Kareis, Sektionsrat Freiherr v. Clauer, Regierungsrat Dr. Sonndorfer, Oberbaurat Kaiser, Polizeirat Stukart, Landesgerichtsrat Dr. Löwner, Bizeprüsident der A -G. R. Ph. Waagner, Professor Engländer in Vertretung des in Paris weilenden Präsidenten Generaldirektors Palmer mit dem Direktor Richard Pollak, Direktor Lohnstein von der Länderbank, Direktor Erwin Philipp von der Dynamitgesellschaft, Direktor Bauer vom Bankverein, Generaldirektor der Alpinen Montangesellschaft Ritter v. Kerpely mit dem Direktor Mache, Direktorstellvertreter der Länderbank Rotter, Direktor Teichner, Reichsratsabgeordneter Doktor Pfaffinger, Bezirkskommissär Dr. Kowy rc. Nachdenr Oberkantor Singer unter Assistenz des Chores die üblichen Tranergesänge rezitiert hatte, hielt Oberrabbiner Dr. Güdemann dem Verblichenen einen' warmen Nachruf, worauf die Beisetzung in der Familiengruft erfolgte. Leipnik. (Gendarmerie in d e r S y n a g o g e.) Der Gottesdienst im hiesigen Tempel mußte am ersten Neujahrstage, gegen 1jz8 Uhr morgens, auf 15 Minuten unterbrochen werden und während der Pause forderte der Tempeldiener im Namen des Kultusvorstehers Dr. Rokotnitz den Tempelbesucher Josef Polak auf, das Gotteshaus zu verlassen. Als dieser der Aufforderung nicht nachkam, wurden die vor der Synagoge postierten zwei Gendarmen requiriert, von denen Herr Polak aus dem Tempel geschafft wurde. Derselbe war ein Jsraelite, wurde aber vor etwa drei Jahren wegen zu hoher Kultnssteuer konfessionslos. Seine Andacht verrichtete er trotzdem an den hohen Feiertagen währen dieser Jahre in Olmütz, wo man ihm einen Sitz verpachtete, weil man ihm für einen Israeliten hielt. Heuer aber wurde er. in Olmütz abgewiesen. Darum kaufte er von einer in Ostrau lebenden Leipnikerin einen Sitz im Leipniker Tempel und wollte ihn nunmehr benützen. Es ergab sich die auch juristisch interessante Frage, ob ein Nichtjude durch den Ankauf eines Tempelsitzes das Recht erwerbe, dem Gottesdienste beizuwohnen und hieran teilzunehmen. Der Kultnsvorsteher. Notar Rokotnitz bestritt dieses Recht, ließ überdies an dem äitßeren Tempeltore schriftlich verlautbaren, daß Konfessionslosen der Eintritt verboten sei und erbat sich endlich bei der Bezirkshauptmannschaft in Mähr.-Weißkirchen die Assistenz der Gendarmerie. Krakau. In der für christliche Kinder bestimmten Kinderbewahranstalt der Fürstin Oginska in Bobrek bei Oswiecim befinden sich seit einiger Zeit 110 jüdische nach Galizien zuständige und in der niederösterreichische Findelanstalt geborene Kinder, die der obgenannten Anstalt vom Galizischen Landesausschusse zur Erziehung übergeben wurden. Dieselben werden dort entgegen den Bestimmungen des Gesetzes in der christlichen Religion erzogen. Der Krakauer Oberrabbiner Horowitz hat soeben einen Aufruf erlassen, in dem er auf diesen Sachverhalt hinweist und die Kultusgemeinden zur Einleitung einer Aktion auffordert. Die nötigen Schritte zur Sanierung dieses Zustandes hat der Krakauer Advokat Dr. Raphael Landau unternommen. Mittlerweile hat der Großvater eines dieser Kinder, der auch vom Gerichte zum Vormunde desselben bestellt wurde, die genannte Anstalt um Ausfolgung seines Enkels ersucht. Es wurde ihm die Herausgabe des Kindes von der Anstalt verweigert und vorerst die Bezahlung der bisherigen Erziehungskosten, die dieser zu bezahlen nicht in der Lage ist und wozu er gesetzlich nicht verpflichtet werden kann, verlangt. Dr. Landau hat vom Vormnndschaftsgerichte Dabrowa die zwangsweise Ausfolgung des Kindes verlangt, doch ist bis nun die diesbezügliche Eingabe nicht erledigt worden. Lemberg. Nach kurzem, schwerem Leiden ist hier der wegen seiner Tüchtigkeit, seines ausdauernden Fleißes und überaus biederen, leutseligen Wesens von Vorgesetzten, Kameraden und Untergebenen sehr geschätzte Hauptmann-Rechnungsführer I. Klaffe David Spunberg des 11. Korps- Artillerie-Regimentes gestorben. Das Leichenbegängnis fatid am 23. d. M. unter großer Beteiligung der Militär- und Zivilkreise statt. Als Kondukt waren drei Züge zu Fuß und eine Geschützbatterie mit der Musikkapelle des Infanterie-Regimentes Nr. 30 ausgerückt. Vor dem Trauerhause hatten sich das Offizierskorps des Korps-Artillerie-Regimentes Nr. 11 und des Divisions-Artillerie-Regimentes Nr. 32 mit dem Regimentskommandanten Oberst Durski, ferner der Artillerie-Brigadier Generalmajor Hngets. Abordnungen sämtlicher Truppenkörper und Anstalten, Vertreter der Intendanz und viele Andere eingefunden. Unter Trauergesängen wurde der mit reichen Kranzspenden geschmückte Sarg auf den vierspännigen Leichenwagen gehoben, worauf sich der imposante Zug nach dem jüdischen Friedhofe in Bewegung setzte. In der Zeremonienhalle brachte zunächst Oberkantor Holpern mit dem Tempelchore die rituellen Trauergesänge zum Vortrage, worauf Rabbiner Dr. Caro dem Verewigten einen sehr ehrenden und tiefempfundenen Nachruf widmete. Als die irdische Hülle zur ewigen Ruhe gebettet wurde, gaben vor dem Friedhofe postierte Geschütze die Ehrenschüsse ab. Brody. Das Los der russischen Flüchtlinge, unserer armen, heimgesuchten Glaubensbrüder, ist selbst hier auf österreichischem Boden ein höchst beklagenswertes. Nach den überstandenen großen Gefahren beim Ueberschreiten der Grenze glauben d:e Armen freier anfatmen zu können; allein getäuscht in ihren fehlgeschlagenen Erwartungen, sind sie oft gezwungen, eine herbe Leidensschule dnrchzumachen, ehe sie ihre Weiterreise antreten können. Unberufene, herzlose Schmarotzer lauern auf die Ankömmlinge. betören sie durch gleißnerische Reden, werfen sich ihnen als Ratgeber und Agenten auf, prellen dieselben auf die schändlichste Weise, flößen ihnen unbegründete Furcht vor der hiesigen Obrigkeit ein und entlocken ihnen unter dem Vorwände, sie vor derselben zu schützen, den letzten Rubel. Die armen Opfer der Willkür des Zarenreiches, die täglich massenhaft hier Schutz suchen, sind auf diese Weise auch hier zumeist einem unbeschreiblichen Elende preisgegeben. Dank der Initiative der hiesigen Akademiker und Zionisten hat sich nun nach Einberufung einer Versammlung von tatkräftigen Männern am ersten Tage des Laubhüttenfestes ein Komitee gebildet, das deschloffen hat, diesen himmelschreienden Greueltaten ein Ende zu machen, den Ausbenrern ihr räuberisches Handwerk zu legen und sie mit aller Strenge zu verfolgen. Die russischen Emigranten werden daher von nun an schon an der Grenze gastfreundlich empfangen, beherbergt, mit Karten zu mäßigen Preisen für die Weitersahrt, die meist nach Amerika geht, versehen, auf den Bahnhof begleitet, die Unbemittelten werden zudem unterstützt, und mit fürsorglichen Verhaltungsmaßregeln für die fernere Reise ausgestattet. Es sei mir darum an dieser Stelle gegönnt, den hiesigen Akademikern und Zionisten ein herzliches Jaschar koach zuzurufen und in die Worte der heiligen Schrift einzustimmen: „Hine lo jonum. welo jischon schomer Israel! M. Markstei n. Budapest. Die Budapest-Franzstädter Gemeinde hat einen Konkurs auf einen geschulten Kantor für die hohen Feiertage ausgeschrieben und mit Rücksicht auf das bedeutende Honorar waren zahlreiche Anmeldungen eingelaufen. Nach den abgehaltenen Probevorträgen gab es jedoch eine allgemeine Enttäuschung, indem keiner der Probekandidaten, sondern ein ganz anderer die Stelle erhielt. Und das kam so. Am Tage der Entscheidung war der Funktionär, der abends vorbeten sollte, abwesend und da keiner der Kandidaten sich zu seiner Vertretung herbeilaffen wollte, erklärte sich ein junger Mann, der in den Tempel gekommen war, um sein Abendgebet zu verrichten, bereit, Maariw zu beten. Aber schon die ersten Sätze belehrten die Zuhörer, daß ein wirklich Kundiger, der über eine schöne Tenorstimme und tüchtige hebräische Kenntnisse verfügt, vor dem Omed stehe, und als man ihm nach Beendigung des Gottesdienstes zu seiner ausgezeichneten Funktion gratulierte, erfuhr man, daß der Unbekannte der Kantor Max Bromberg aus Wilna sei. Der Vorstand bot dem jungen Manne sofort den Posten an, und daß er sich in seinen Erwartungen nicht getäuscht hat, das bewies Kantor Bromberg durch seine ausgezeichneten Leistungen während der abgelaufenen Feiertage. Brezowa lKom. Neutra.) Am Tage nach Roschhaschonoh beim Morgengebete verschied plötzlich in der Synagoge der rühmlichst bekannte, durch seine innige, aufrichtige Frömmigkeit und durch seine edelmütige, hochherzige Wohltätigkeit allbeliebte und hochgeachtete Herr Daniel Diamant in Alter von 74 Jahren. Durch sein Hinscheiden wurden die Herren Oberrabbiner Dr. Rosenfeld - Czernowitz, Dr. Gustav Löwy-Löcse, die Schwiegersöhne des Verblichenen, in tiefe Trauer versetzt. Aus verschiedenen Gründen konnten die Schwiegersöhne zum Leichenbegängnisse, das sich zu einer imposanten Trauerkundgebung für den Verblichenen gestaltete, nicht kommen, insbesondere da man vermeiden wollte, daß die Gattinnen der beiden Herren Rabbiner vom Ableben ihres heißgeliebten Vaters Kenntnis erhalten. Die Herren Rabbiner L. Marmorstein-Szenicz, Dnschinsky-Galantha, Broda-Miava hielten ergreifende Trauerreden und schilderten in beredten Worten die Verdienste dieses hervorragenden Mannes. Berlin. Oberkantor I. Singers^„Tonarten des traditionellen Synagogen-Gesanges" wurden sowohl vom Berliner Kantorenbildungs- Seminar als vom Badenschen Kantoren-Fortbildungskurs als Leitfaden für den Unterricht eingeführt. Wilna. (Der neue russische Minister des Innern.) Minister des Innern, Fürst S w i a t o p o l k - M i r s k y, der frühere Generalgouverneur von Wilna, hat sich am 26. d. M. offiziell von den hiesigen Behörden, den Vertretern des Adels sowie der Bevölkerung verabschiedet. Die dem Minister bei diesem Anlässe bereiteten Kundgebungen trugen den Charakter großer Herzlichkeit. Anläßlich seiner Verabschiedung 1 I I 1 1 1 i i i ■ i sanumaiBHi