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Die Wahrheit · 1904-09-30 · Heft 38 (30.9.1904) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 38 (30.9.1904)
Date
1904-09-30
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Sette 8. Die Wahrheit Nr. 38. des Olmützer Konsistoriums (1686) erbaute Synagoge in Aussee nicht niedergerissen werde. Der Verfasser des Werkes, welches diese Angelegenheit behandelt, nennt den Statthalter in Mähren und Vorsitzenden des Tribunals in Brünn, M. U. Kaunitz, einen frommen, rechtliebenden Mann, einen wahrhaften Freund der Inden (Megilath Sedarim, S. 21). Hingegen vermissen wir seinen Namen unter den Fürsprechern (Kinsky, Dietrichstein), welche die Kaiserin Maria Theresia zur Zurücknahme des Edikts der Judenausweisung (1745) bewegen wollten. Warum versagte damals, zur Zeit des Redens, ihm, dem Freisinnigen, die Stimme? Oder liegt der Sage, daß eine jüdische Deputation, welche nur ein Wort an dem Minister sich erbat und von diesem „Schweigen" forderte, ein geschichtlicher Kern zu Grunde? Tatsächlich wird im genannten Gemeindebuche eine Ausgabe um diese Zeit nur andeutungsweise damit motiviert, „um dem Fürsten schweigen zu machen". _ (Fortsetzung folgt.) Goethe als Erzieher?) Wir hören unsere Leser fragen: „Was hat der große Heide mit einer jüdischen Zeitschrift zu tun?" Es ist daher gut, wenn wir gleich am Anfang zur Beantwortung dieser auf den ersten Blick berechtigten Frage schreiten. Für uns Juden hat es nie einen wissenschaftlichen Stillstand gegeben. Wir haben uns durch das Gebot: „Du sollst Tag und Nacht darin lernen", daran gewöhnt, uns in unseren Schulen und Lehrhäusern mit allen Fragen, mit denen sich unsere Thora befaßt, zu beschäftigen nnd jede einzelne Frage allseitig zu beleuchten. Und da unsere Thora im Anfang schon sich mit den höchsten Fragen befaßt, nämlich mit der Gottheit und der Schöpfung, haben unsere Gelehrten Gelegenheit gehabt, dieselben mit den großen Heiden, die diese Fragen als Philosophen behandelten, zu erörtern. Und so sehen wir, daß im Mittelalter unsere besten Geister die Philosophie Sokrates' und Aristoteles' sich zu eigen machen und dieselbe, die sie für wahr hielten, in unsere Thora hineindeuteten. Unseren Gelehrten rst es also vollkommen gleichgiltig gewesen, woher die Philosophie kam, und wenn die Lehre richtig war, haben sie getrachtet, sich dieselbe anzueignen und dem Judentum anzureihen. In der Jetztzeit haben wir freie Hand. Wir achten nicht darauf, ob ein philosophisches System, das jetzt blüht, sich aus der Bibel herauslesen ließe, aber nichtsdestoweniger eignen wir uns dieses System an, wenn wir ' es als wahr anerkennen. So gibt es für uns Juden keine konfessionelle Grenze, um die Wahrheit in der Geisteswelt zu eruieren. Und mit Freude sehen wir, daß sehr viele Juden sich gerade mit dem Leben und Wirken des großen Heiden befassen und daß auch jüdische Zeitschriften Gelegenheit nehmen, hie und da diese Forschungen ihren Lesern bekanntzugeben. Beim vorliegenden Buche brauchen wir aber nicht einmal diese Entschuldigung, denn es bietet sehr viele Momente, die uns Juden für dieses Buch interessieren. Erstens ist es unsere Bibel, die Goethe als Grundlage für die Erziehung empfiehlt. Und da in letzter Zeit über die Bibel als Erzieherin in der Schule sehr Biele hergcfallen sind, wie es aus dem Babel- und Bibelstreit zur Genüge bekannt ist, tut es einem sehr wohl, die Meinung Goethes über diesen Gegenstand zu vernehmen. (Die „Wahrheit" hat das diesbezügliche Kapitel aus diesem Buche in Nr. 27 (1904) zum Abdrucke gebracht.) Auch ist in dieser Schrift der Einfluß Spinozas, der ganz aus unserem Fleische und Blute entstanden ist, auf Goethe sehr geschickt dargelegt. Goethes pädagogisches System, wie wir aus Münz' Buch entnehmen, gleicht unseren Cheder- und Talmudschulen mehr als den modernen Schulen. Goethe will die Entwicklung der Kinder nicht hemmen, sondern derselben freien Lauf lassen, damit sie ihre Gedanken schärfen und sich individuell entwickeln. Dies war nur in den Talmudschulen möglich. Und darum wäre es zu empfehlen, daß jede jüdische Lehrerbibliothek und jede jüdische Familie dieses Büchlein von Münz, der sehr geschickt und methodisch die pädagogische Seite aus Goethes Schriften uns vor Augen führt, sich anschaffe. Und so soll Goethe nicht blos der Erzieher seines Volkes, sondern auch der Erzieher unseres Volkes zur Kunst und Wiffenschaft und, was das Wichtigste ist, zum Denken und zum Idealismus werden, was auch Dr. Münz zu bezwecken beabsichtigt. Wünschenswert wäre, daß bei der zweiten Auflage, die wahrscheinlich bald nötig sein dürfte, die hie und da vorkommenden, den Leser störenden allzulangen Sätze vermieden würden. Verschiedene Nachrichten. Wien. Der Morgengottesdienst an Samstagen und Feiertagen, der bisher in den Tempeln der Wiener Kultusgemeinde um 8 Uhr morgens anfing, beginnt von nun ab um '/z9 Uhr. Durch diese halbstündige Verschiebung, welche, abgesehen von einigen alten, in ihrer vieljährigen Gewohnheit irritierten Tempelbesuchern, allgemein ziemlich gleichgiltig auf- *) Goethe als Erzieher. Von Dr. Bernhard Münz. Wien 1904. Braumüller. 115 Seiten. genommen wird, hofft man einen regeren Tcmpelbesuch zu erzielen. Wiewohl wir gerne zugeben, daß dadurch vielleicht älteren Leuten oder Frauen, denen das frühe Ausgehen aus dem Hause besonders zur Winterszeit unmöglich ist, der Tempelbesuch erleichtert wird, erwarten wir von dieser Neuerung im allgemeinen nicht viel. Wenn der tief darniederliegende religiöse Sinn in der Gemeinde nicht auf andere Weise wirksani gehoben wird, werden die leerstehenden Gotteshäuser auch durch derartige Mittelchen nicht gefüllt werden. Und daß der Tempelbesuch wirklich sehr viel zu wünschen übrig läßt, das zeigte sich auch wieder an den letzten Feiertagen. So mußten wir leider konstatieren, daß z. B. selbst am zweiten Tage Roschhaschonoh, trotz des Sonntags oder vielleicht wegen des Sonntags, und trotz der gebotenen besonderen „Kunstgenüsse" im Tempel in der Seitenstettengaffe nicht nur einzelne Bankreihen, sondern auch die linksseitige Loge der Herren Kultusvorsteher eine fast erschreckende Leere aufwiesen. Wie sich die Zeiten wohl ändern! Früher war die Borstandsloee zumeist zu klein, und jetzt ist sie, wiewohl der Kultnsvorstand bedeutend mehr Mitglieder zählt, fast immer zu groß. Das Beispiel der Herren Kultusvorsteher kann gewiß nicht ohne Einfluß auf die Gemeindemitglieder bleiben, nnd aus der Mitte der letzteren hörten wir in den letzten Tagen die unwillige Aeußerung: „Die Herren können leicht den Gottesdienst verschieben, sic gehen ohnehin nicht in den Tempel." Wien. Der Vorstand der Kultusgemeinde hat die Verfügung getroffen, daß zur Entlastung des Oberkantors Josef Singer der 1. Kantor Don Fuchs einen Teil der gottesdienstlichen Funktionen an den eben verflossenen Feiertagen zu versehen habe, und so ward demselben auch der Mnssaph am Jom-Kippur zugedacht, während Oberkantor Singer Kvlnidre und Neilah beten sollte. Da jedoch I. Kantor Don Fuchs plötzlich heiser wurde, mußte Oberkantor Singer -auch den Mussaph übernehmen und trotzdem ihm dies im letzten Augenblicke mitgcteilt wurde, führte er die gewiß schwierige Aufgabe niit gewohnter Präzision und Weibe durch, was ihm zahlreiche „llegasoder Kocbacho" eintrug. Am ersten Tage Snkkoth fungierte Oberkantor Singer, am zweiten Tage 1. Kantor Don Fuchs. Die anderen Funktionen versah an beiden Tagen I. Kantor I. Schiller. Auch an der Leopoldstädter Synagoge war an den beiden ersten Sukkothtagen infolge Erkrankung des Oberkantors Gnttmann eine Substitution desselben durch I. Kantor Blatt notwendig, der sämtliche Funktionen in ausgezeichneter Weise versah. Wien. (Aus d er B aron Hirsch-Stiftung.) Wie mir erfahren, soll sich die in einer der vorigen Nummern von uns gebrachte Nachricht, daß im Kuratoriiun der Baron Hirsch-Stiftunng eine Krise bevorstcht, leider bewahrheiten. Der Präsidentstellvertreter, Sektionsches Eduard Ritter v. Gniewosz. der schon bei der Gründung der Stiftung sich. große Verdienste um dieselbe erworben, hat nicht nur seine Würde als Präsidentstellvertreter niedergelegt, sondern auch sein Mandat als Kurator dieser Stiftung in die Hände des Ministers für Kultus und Unterricht zurückgelegt. Nachdem seine Beschwerden gegen die gegenwärtige Wirtschaft in der Verwaltung der Barou Hirsch-Stiftung, besonders aber seine schwerwiegenden Bedenken gegen das geplante Schulanlehen inr Kuratorium keinerlei Beachtung gefunden haben, kann es nicht Wunder nehmen, daß ein Mann, wie Herr v. Gniewosz, sich nicht dazu hergeberr will. Dinge gutzuheißen, die ihm als dem Zwecke und dem Geiste der Stiftung zuwiderlaufend erscheinen. Für uns Inden ist es aber leider sehr traurig, daß wir durch eigene Schuld einen Mann von der Bedeutung des Herrn v. Gniewosz verlieren. Ueber die hohen Verdienste desselben um die Hebung der jüdischen Kultur in Galizien, sowie über seine- Beobachtungen in der Verwaltung der Baron Hirsch-Stiftung wollen wir demnächst ausführlicher berichten. Wien. (Die O e st e r r e i ch i s ch - I s r a e l i t i s ch e U n i o n") veranstaltet Donnerstag, den 6. Oktober, präzise 1/28 Uhr abends im Festsaale des „Hotel Savoy", VI., Mariahilferstraße 81, eine öffentliche Vereinsversammlung mit der Tagesordnung: „D e r K a m p f gegen die jüdischen Kaufleute und Gewerbetreibenden." Die Diskussion wird von Herrn Gemeinderat Dr. Oskar Hein eingeleitet.. Gäste — auch Damen — haben zu dieser Versammlung Zutritt. Mit Rücksicht auf die Bedeutung des Themas, welches ja eine Existenzfrage der überwiegenden Mehrzahl unserer Wiener Glaubensgenossen berührt,, darf wohl auf zahlreichen Besuch dieser Versammlung gerechnet werden. Wien. (Verein zur A u s s p e i s u n g armer jüdischer Schulkinder in den westlichen Bezirken.) Dieser vor zirka 2y2 Jahren mit Unterstützung verschiedener Wohltätigkeitsvereine der westlichen Bezirke ins Leben gerufene Verein hat eine neue Etappe zu verzeichnen. Am Vorabende vor dem Laubhüttenfeste wurde im Hause Mariahilferstraße Nr. 177 ein eigenes Ausspeisungslokal eröffnet. Zu der Feier konnten wegen der beschränkten Räumlichkeiten nur die Vorstandsmitglieder, sowie diejenigen des Tempels in der Turnergasse und die Vorstände der humanitären Vereine eingeladen werden. In der Ansprache rühmte Herr Rabbiner Dr. Max Grunwald das segensreiche Wirken des Vereines und legte es den Kindern ans Herz, durch sittliches Betragen ihren Wohltätern sich dankbar zu erweisen. Aus dem demnächst erscheinenden Rechenschaftsberichte des Vereines möchten wir nur wenige Ziffern hervorheben, die mehr sagen, als spaltenlange Lobeserhebungen. Der Verein speiste während der 10 Schulmonate täglich zwischen 50 bis 60 Kinder. Nach Abzug aller Ausgaben für Speise und Bekleidung, sowie der vollständigen Einrichtung des Ausspeisungslokales verbleibt ein Kapital von fast K 10.000. Wahrlich ein Resultat auf das das Werbegenie der rührigen Präsidentin, Frau Regine Land eis, und die übrigen ihr zur Seite stehenden Damen und Herren des Vereines mit größter Befriedigung zurückblicken können!

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