Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 38 (30.9.1904)
- Date
- 1904-09-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 38. Herr Demel als Kommissär fungierte, fühlte sich — wohl schon mit Rücksicht auf seine zahlreichen jüdischen Mitglieder — veranlaßt, um die Versetzung dieses so radikal-antisemitischen Funktionärs zu ersuchen. Die Folge davon war, daß Dr. Lueger als oberster Chef des Magistrates böse Drohungen gegen das Gremium ausstieß. ... Auf die dringenden Interpellationen im Gemeinderate bequemte sich der Herr Bürgermeister endlich zu erklären, er werde die Angelegenheit genau studieren und dann mit der ihm eigenen Objektivität Vorgehen. Es scheint, daß Dr. Lueger die Sache studiert hat, denn die nunmehr bekannt gewordene Ernennung desHerrn Demel zum Leiter des Bezirksamtes Alsergrund ist ein vollgilt i g e r Beweis für die echt antisemitische Objektivität. Der famose Magistratssekretär wird nicht mehr im Gremium der Kaufmannschaft erscheinen, er wird nicht in Versuchung kommen, dem Präsidenten desselben und zahlreichen anderen Mitgliedern die Augen auszustechen, denn er hat — 35 Vordermänner übersprungen und wird nunmehr als selbstständiger Leiter eines Bezirksamtes wirken und schaffen! Und noch dazu in einem Bezirke, in welchem nicht nur die Elite der Freisinnigen in Wien, sondern auch die Inden zahlreich vertreten sind! Das ist die Objektivität Dr. Luegers. Hatten wir nicht recht, als wir nach der Gerichtsverhandlung, die das rabiate antisemitische Benehmen Demels über jeden Zweifel erhaben seststellte, schrieben: Das Avancement Demels ist gesichert. In der Tat, der Mann wäre auch würdig, nach einiger Zeit der Nachfolger Dr. Weiskirchners zu werden. Vsäsrenio . . . Die Stellung des Judentums innerhalb der Gntmillrlnngsgefchichte der Menschheit. Von Laudrabbiner Dr. Tänzer, Hohenems. (Schluß.) In unserem dreimal gesegneten Zeitalter wurden die Grenzen des Erkennens nicht nur nach obenhin bedeutend hinaussondern auch nach untenhin bedeutend zurückgcschoben, die wissenschaftliche Forschung unserer Tage hat nicht nur ihre Strahlen in die fernste Zukunft vorausgesendet, sondern auch die fernste Vergangenheit erhellt und so gewissermaßen die beiden äußersten Extreme einander gegenübergestellt: die absolute Einheit und die ausgedehnte Vielheit, den modernen Monismus und den babylonischen Polytheismus. Zwischen diesen beiden aber steht als unentbehrliches Vermittlungsglied des Judentums Monotheismus da, dessen Verdienste als solches auch dann unantastbar bleiben, wenn im alten Babylon der Name Jahve bekannt und eine übrigens noch sehr fragliche monotheistische Neigung vorhanden gewesen sein sollte. Allerdings hat, was selbstverständlich ist, der Inhalt des Begriffes Gott auch innerhalb des Judentums Wandlung und Entwicklung durchgemacht. Der Babylonier Abraham mußte eine beschränktere Vorstellung von Gott haben, als z. B. der Prophet Amos, weil zwischen beiden eine ganze Welt von Kultus lag und der Begriff Gott seinen Inhalt uns nach der jeweiligen Erkenntnishöhe des Menschen erhalten kann. Aber, und das ist das beachtenswerte, selbst der gehende und redende, selbst der Nationalgott Jahve war doch, und zwar in ältester Zeit nicht ein Gott, sondern der Gott, der Einzige, der alleinige Schöpfer und Herr der Welt. Und wenn er auch geht, redet und tut, was Menschen tun, so ward er doch niemals als „gigantischer Mensch" mit menschlicher Begrenztheit behaftet vorgestcllt, war sein eigentliches Wesen niemals Gegenstand der Forschung, galt dieses vielmehr als unfaßbar, wie aus der dem Moses erteilten Antwort zu entnehmen ist, daß der Mensch, so lange er lebt, Gottes wahres Wesen nicht erschauen könne (Exod. 33, 20). Denn der alles tun konnte, auch das, was Menschen tun, der ging, sprach n. s. w., aber doch nicht mit menschlicher Begrenztheit behaftet vorgestellt wurde. Und wenn er als Nationalgott Israels erscheint, so war er doch Gott und Herr des ganzen Universums, der Israel nur feinen Erstgeborenen nannte, auserwählt zu mehr Pflichten als Rechten denn die übrige Menschheit. Diese Lehre von der Einheit Gottes ist Ureigentum des Judentums von seinem Beginnen an, und auch die Vorstellung von Gott hat innerhalb des Judentums und zwar — sieht man voii allen mystischen Erklärungsversuchen ab — lange, ehe das Christentum erstand, seine volle, seither durch kein Religionssystem überbotene Entwicklungshöhe erlangt in der Lehre vom einig-einzigen, unteilbaren, unkörperlichen, die höchste Vollkommenheit auf allen Gebieten in sich vereinenden, jedem menschlichen Erfassen absolute entrückten Gott, der der Urheber des Universums und somit Vater aller Menschen ist. Diese Lehre gehört zum eigentlichen Wesen des Judentums, durch dieses wird es von allen anderen Religionen getrennt und mit diesem hat es die geistige Entwicklung der Menschheit in hervorragender Weise beeinflußt. Nicht minder klar erkennbar ist der Einfluß des Judentums auf die sittliche Entwicklung der Menschheit. Für den modernen bis zur vollen geistigen Höhe unserer Zeit emporemwickelien Menschen ist das Moralgesetz autonom, d. h. er erzeugt es aus sich selbst heraus, weil in ihm seine Menschenhoheit enthalten ist und er beobachtet es auch, weil eine Uebertretung desselben eine Rückentwickluug für ihn bedeuten würde. Die Menschheit in ihrer Kindheitsperiode aber war dieser bewußt sittlichen Tat des eigenen Willens keineswegs fähig und bedurfte in diesem Kampfe des Menschen im Menschen gegen das Tier im Menschen — wie die Sittlichkeit füglich umschrieben werden kann — eine Stütze für den eigenen schwachen Willen in einer außerhalb des Menschen liegenden Triebkraft. Und als solche stellte sich schon in alter Zeit das in der Regel von einsichtsvollen Volksführern anfgestellte Moralgesetz ein, .das.aber einem oder mehreren Göttern zugeschrieben wurde, die dessen Befolgung durch Verheißung von Lohn oder Androhung von Strafe erzwingen konnten. Mit dem Heteronomen Moralgesetze aber verhält es sich wie mit der Vorstellung von Gott. In beiden spiegelt sich uns die Menschheit eines Zeitalters wieder. Die Menschen ließen — sieht man von jeder übernatürlichen Offenbarung ab — ihren Gott oder ihre Götter nur das als Moralgesetz künden, was ihnen selbst als sittliches Erfordernis erschien. Aber in diesem jeweiligen sittlichen Erfordernis eben offenbart sich die jeweilige Entwicklungshöhe eines Volkes. Zweifellos waren die ersten sittlichen Bestimmungen aus den Bedürfnissen des gesellschaftlichen Zusammenlebens heraus entstanden, wie denn auch tatsächlich die älteren Heteronomen Moralgesetzgebungen nur mehr oder weniger spezialisierte Bestimmungen zum Schutze von Leben, Eigeutum u. s. w. enthalten. Als Denkmal dieser Art ist wohl der Kodex Hammurabi anzusehen, dessen Verfasser sich bekanntlich im Epilog in dem Sinne auch ausspricht. Diese primitive, an der damaligen Erkenntnisreise gemessene, aber immerhin so zu nennende Sittlichkeit hatte nicht nur ihr treibendes Motiv außerhalb ihrer selbst, im lohnenden oder strafenden Gotte, sondern sie stand auch ganz und gar im Dienste eines außerhalb ihrer selbst gelegenen Zweckes, dem der gesellschaftlichen Ordnung. Damit aber war eine individuelle Veredlung des Menschen eigentlich noch kaum angebahnt worden, weil mit dem Zwecke ja auch die Moral fiel und Tugend ans äußeren Gründen diesen Namen überhaupt nicht verdient. Eine solche individuelle Veredlung und sittliche Emporentwicklung konnte erst ein Moralgesetz anbahnen, das zwar ebenfalls als heteronom, als von einem Lohn und Strafe handhabenden Gott gegeben sich hinstellt, in dem aber als göttliche Befehle bereits solche Vorschriften enthalten find, die keinen anderen Zweck hatten und haben konnten als den, das Em-