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Die Wahrheit · 1904-09-30 · Heft 38 (30.9.1904) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 38 (30.9.1904)
Date
1904-09-30
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 38. Die Wahrheit Leite 5. vervollkommle. Beide, das Toleranz-Patent und die Judenordnung haben eine Mutter, die Ethik, huldigen der Humanität und Gerechtigkeit — allein sie behalten die mit ihren Grundlagen unvereinbaren Einschränkungen, oder es kommen solche nachträglich dazu. Diese Einschränkungen waren auf Konfession oder Ritual gerichtet, d. h. wegen beider waren sie erlassen. Mit der Judenordnung wurden die Juden als Staatsuntertanen mit anderen Staatsuntertanen, gegenwärtig Staatsbürger benannt, gleichgestellt, sie wurden in organisierte Gemeinverbände eingeteilt, die ihren Vorstand wählen dursten und ein Selbstbesteuerungsrecht erhielten. Diese Gemeinden waren zwar Kultusgemeinden benannt, allein dennoch wurden sie, obgleich sie in politischen, in Verwaltungs-Gemeinden lagen, als eigene Verwaltungsgemeinden behandelt, was insbesondere in Rekrutierungssachen sich als schmerzlich fühlbar erwies. Es wurde ihnen nämlich ein selbständiges Kontingent anrepartiert, welches sie mit ihrer Jugend decken sollten, und das deshalb den Grund zu verschiedenen Vexationen legte. Weitere Ausnahmen, beziehungsweise besondere Verpflichtungen, bestanden in Einschränkungen des Ansiedlungs- und Wohnungsrechtes, in Verkehrs- und Erwerbsbedingnngen, in spezieller Abhängigkeit vom Kreisrabbiner. Erstere erzeugten oder erhielten die früheren Ghetto, besonders in den Erscheinungen des Eigentums, wie z. B. die Zerstückelung eines Hauses in viele, oft absonderliche Anteile. Die Folge dieser Einschränkungen war, daß „der Jude immer mit Bargeld oder Arbeitsleistung zahlen mußte." Natürlich kamen dabei der Arme und zwar zumeist der Strenggläubige zum Handkuß. Es zeigte sich dabei, wie im besprochenen Falle, die zum Schutze der Christen erlassenen gesetzlichen, also allgemeinen, oder durch Verfügungen der Behörden eingeführten, zumeist lax ausgeführten lokalen Einschränkungen nicht der Allgemeinheit, auch nicht denjenigen, für welche sie bedacht waren, nützlich waren, sondern Dritten, durchaus nicht hiezu Berechtigen Vorteile brachten. Die überhaupt mit Ausnahmen gemachten Erfahrungen sollten vor "solchen warnen, wenigstens betreffs derselben die größte Vorsicht gebieten. Die meisten Judeugemeinden waren sogenannte Schutzgemeinden, d. i. Gemeinden, die unter dem Schutze der Grundherrschaften und unter der Jurisdiktion der Dominien standen. In diesen Gemeinden, überhaupt auf dem Lande in Dörfern, war die Handhabung der Einschränkungen der Juden eine sehr laxe, obgleich es auch in den Städten mit magistratischer Einrichtung nicht um vieles besser mit denselben war. Ueberall bewahrheitete sich der Spruch: „Der Jude muß zahlen." Er zahlte auch entweder persönlich, oder mittelst der Repartition durch den Gemeindevorstand, gleichsam Gemeindeleistung, welche auch nicht gestattete, ja verpönte Auslagen einschloß. (Schluß folgt.) Ans der Woche. Das antisemitische Wien rüstet zur Lueger-Feier, welcher der Präsident des internationalen Preßkongresses, Herr Wilhelm Singer, wahrscheinlich um seinen schon längst vollzogenen Abfall vom Judentum zu dokumentieren, in so geschmackvoller Weise präludiert hat. Zufällig ist aber Herr Wilhelm Singer nicht nur Präsident des internationalen Preßkongresses sondern 8 auch Chefredakteur eines sogenannten „liberalen" Blattes, des „Neuen Wiener Tagblattes", und die Tausenden jüdischen Abonnenten und Inserenten dieses Blattes dürften wohl ans der dicken Freundschaft des Herrn Singer mit Herrn Dr. Lueger, wie aus der konniventen Haltung des „Neuen Wiener Tagblattes" zur antisemitischen Partei die gebührenden Konsequenzen ziehen. Der 60. Geburtstag des Bürgermeisters soll in einer „noch nie dagewesenen" Weise gefeiert werden und die detaillierte Anführung der Programmnummern, die für das Fest vorbereitet werden, würde einen ungebührlich großen Raum des Blattes in Anspruch nehmen. Auch ein Fackelzug soll zu Ehren des Mannes veranstaltet werden, der als Freund und Mitstreiter des Juden Mandel, als begeisterter Verehrer des Juden Fischhof begonnen und allmühlig bis zum Bundesgenossen der Schneider und Gregorig herabgesunken ist, dessen politischer Lebensgang also eigentlich eine besonders Helle Beleuchtung kaum verträgt. Aber schließlich, die Christlich-Sozialen wollen ihren Chef bei Fackelbeleuchtung sehen, das Vergnügen sei ihnen herzlich gegönnt. * * r Es wird aber auch an der Schaffung eines Lueger- Fonds gearbeitet, zu welchem Projekte speziell auch vom jüdischen Standpunkte einiges umsomehr bemerkt werden muß, weil verschiedentliche Versuche itnternommen wurden, aitch Juden zur Kräftigung und Unterstützung dieses Mondes heranzuziehen. Dagegen muß auf das entschiedenste protestiert werden. Unter der Aegide des Dr. Lueger ist so viel an den Juden gesündigt worden, ist deren Beschimpfung und Zurückdrängung so systematisch betrieben worden, daß unsere Glaubensgenossen durch das primitivste Gefühl von Würde davon abgehalten werden müßten, mit ihrem Gelde ein Unternehmen zu fördern, welches lauernd mit dem Namen Lueger verbunden bleiben soll. Selbst wenn es hieße, daß der Lueger-Fonds wohltätigen Zwecken ohne Unterschied der Konfession dienen soll, so wüßte man doch im vorhinein, was von diesen schönen platonischen Versprechungen in der Praxis zu halten wäre. In der Lueger-Aera wurden jüdische Bewerber systematisch beinahe vollständig um den Genuß aller Benefizien von Stiftungen gebracht, an denen zu partizipieren, sie nach der ausdrücklichen Willenserklärung der Stifterberechtigt gewesen wären. Die famose, jedem Rechtsgefühl und jeder Achtung vor dem Geiste des Gesetzes hohnsprechende Luegerische Kommentierung der Staatsgrnndgesetze, die die Juden einfach um ihre Rechte prellt, ist längst auf humanitärem Gebiete geübt lvorden. Die alberu-rabulistische Deutung, daß Juden in öffentlichen Aemtern angestellt werden können, aber nicht angestellt werden müssen, hat auf dem Humanitären Gebiete, soweit Stadtrat und Magistrat zu entscheiden haben, längst Triumphe gefeiert. Juden können sich um Stipendien, Unterstützungen ’C. 20. bewerben, aber sie m ü s s e n sie nicht bekommen, auch wenn die Stifter bei der Verleihung keinen Unterschied der Konfession anerkennen wollten. Ja, es ist sogar die empörende, geradezu aufreizende Tatsache bekannt, daß R e i s e st i p e n d i e n, die v o n I u d e n f ü r L e h r e r gestiftet wurden, k o n s e q u e n t und ausschließlich nicht etwa n n r christlichen Lehrern, sondern direkt christlich-sozialen Hetzern verliehen wurden.... Diese Vorurteillosigkeit war sicherlich den edlen jüdischen Stiftern ferne gelegen. .. . £ * * Die Christlich-Sozialen mögen den Lueger-Fonds stiften; die Juden haben damit unter keinen Umständen etwas zu schaffen. Freilich, die Idee wäre nicht übel, daß die humanen und opferbereiten Juden diesen Anlaß benutzten, um eineu Fonds zu griinden, aus dessen Mitteln jene armen Juden unterstützt würden, die infolge der antisemitischen A e r a geschädigt werden. Das wäre ein wahrhaft idealer — Lueger-Fond. * Wie Dr. Lueger Objektivität und Gerechtigkeit gegenüber den Juden auffaßt und übt, zeigt die neueste Wendung in der Demel-Affaire. Der Magistratssekretär Demel hat bekanntlich seinerzeit in der Spirituosenausstellung, ohne sich durch den übermäßigen Genuß von Spirituosen entschuldigen zu können, alle Juden als Gauner und Fälscher beschimpft, die man erschlagen soll, nachdem man ihnen die Augen ausgestochen. Tie Richtigkeit der gegen den Magistratssekretär aus diesem Anlässe erhobenen Beschuldigungen wurde im Gerichtssaal erwiesen; die Folge davon war, daß der Magistratsdirektor Dr. Weiskirchner öffentlich eine Lanze für seinen gesinnungsverwandten Sekretär einlegte. Das Gremium der Wiener Kaufmannschaft, bei welchem fin stammsmmasmm

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