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Die Wahrheit · 1904-09-30 · Heft 38 (30.9.1904) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 38 (30.9.1904)
Date
1904-09-30
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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'Seite 4. Die Wahrheit Nr. 38. neuerer Revolutionen und auch der Einfluß in Oesterreich,! welcher leider nur einen Markteffekt bietet, steigert das Selbstgefühl und nicht festbegründete, somit ephemere Hoffnungen. Das Schlimmste dabei ist aber die Kontinuität des Dranges zur Beherrschung der Mitbürger, besonders derjenigen, welche man nicht zulassen will zur Geltendmachung ihrer Rechte und zur Selbstbestimmung. Diese Bemerkung hat den Zustand im österreichischen Teile des gewesenen Königreiches (Republik) Polen im Auge. Dieses zerfiel in drei Teile, zwischen welchen jetzt eine Einheitlichkeit nur in der obgeschilderten Erinnerung besteht, insbesondere in der Erinnerung an die Vorherrschaft der Bevorzugten, richtiger der sich selbst den Vorzug Anmaßenden: Adel, Geistlichkeit, den Besitzern und Inhabern adeliger Güter und der als adelig sich fühlenden und auftretenden bürgerlichen Intelligenz. Das sind die selbstbestallten Wortsührer und Vertreter des Polentums, welche wohl in zu lebhafter Erinnerung an die Zeit ihrer Willkürlichkeiten, genannt Freiheit, sorÄeben, allein daran nicht denken wollen, wie sie ihrem Vaterlande das Grab gruben. Jetzt wollen sie eine Einheitlichkeit schaffen, indem sie dem Polentum, ihrem Polentum, das Territorium aus der Zeit der größten Machteutwickluug der Republik unterlegen, die Staatsangehörigkeit der verschiedenen im Territorium ansässigen Völkerschaften der Angehörigkeit zur polnischen Nationalüät, zum Polentum gleichstellen und das Aufwachen des Bewußtseins einzelner, früher eigene Staatsgebilde besitzender Völker, z. B. Ruthener, Lithauer u. a. unterdrücken möchten. So und durch Glaubenseinheit, mit Beihilfe der lateinischen Geistlichkeit durch Mißbrauch der Religion, möchten sie ein großes Polentum schaffen und dasselbe durch den Patriotismus, den Patriotismus nach ihrem Rezept, festigen, wobei der Ostrazismus mithelfen soll. Im österreichischen Teile haben die Vertreter des Polentums die Ber.valtung und Gerichtsbarkeit in ihrer Hand und wußten sich die Krone wohlgesinnt zu erhalten, die Zentralregierung zum Verhandeln zu bringen, indem sie den Marktplatz geschickt okkupierten. Eben las ich in einer jüdischen Wochenschrift einen Artikel: „Koerbers Reise nach Galizien", der auf Wahrheit beruht. Das ernste Nachdenken kommt mir schwer, viel schwieriger ist mir noch das Niederschreiben der Gedanken; ich wollte daher mich mit der einfachen Berufung auf den Artikel begnügen; allein während des Spazierengehens bedachte ich, ob dies nicht der Anlage meiner Ausführungen widersprechen, die Parallele des Judentums mit dem Polentum stören würde, so müssen Sie die nachfolgenden Bemerkungen auch mitnehmen. Der Verfasser ist mit dem Schicksale der galizischen Juden seit Jahrhunderten und der Gegenwart vertraut, allein was die Neuzeit anbelangt, befangen. Er verfällt in den jetzt allgemeinen Fehler, alles Ueble, Unangenehme Anderen als Schuld aufzuhalsen. Darin gleichen sich Judentum und Polentum. Beide wollen nicht anerkennen, daß jeder seines Geschickes Herr wäre, wenn er es fein wollte. Wen ich als Judentum, als Polentum verstehe, habe ich oben bezeichnet. Der Artikelschreiber betont ganz richtig, daß die Juden Galiziens, welche gegenwärtig an 900.000 Seelen zählen, im wirtschaftlichen Leben Jahrhunderte hindurch einen unentbehrlichen Faktor gebildet, dem Handel, der Industrie und dem Gewerbsfleiße sehr wertvolle Dienste geleistet hatten. Ich muß dieses dahin ergänzen, daß die Juden dieses gemeinsam mit den Deutschen in Städten mit Einrichtungen nach magdeburgischem Gesetze leisteten, als aber nach und nach die magdeburgischen Freiheiten eingingen, polonisierten sich die Deutschen und wurden zum Hauptfaktor in den erwähnten Beschäftigungen. Auch in der Gegenwart bleiben Juden nicht ohne Einfluß auf das bürgerliche Leben, ohne ihre Anteilnahme bleiben nicht wichtige Rechtsgeschäfte; im Handel und in der Industrie samt den Gewerben haben sie nicht einzelne Finger — ganze Hände. Keine Aktien-, oder gesellschaftliche Handels- oder Geldunternehmung entbehrt der Beihilfe der Juden, denen hervorragende Rechtskundige, Handels- und Finanzkapazitäten angehören, ja selbst aus dem Lande haben nicht nur Gutshöfedes Adels, sondern auch Pfarrhöfe ihre jüdischen Vermittler, Faktoren benannt. Hier muß ich nebenbei erwähnen, daß auch in der Politik die Juden, wie z. B. im Polenklub Dr. Byk und Dr. Kolischer nicht zu den Abgeordneten minderen Wertes gehören und daß ebenfalls Juden bei Wahlen und verschiedenen politischen Aktionen unmittelbar und mittelbar den Organen der Regierung wesentliche Dienste leisten. Wie ich Ihnen erwähnte, gibt es unter den Juden zahlreiche wohlhabende. Einwohner, auch Millionäre oder über bedeutenden Kredit Verfügende. Juden sind Eigentümer oder Pächter von Gutsgebieten, oder Vermittler bei Durchführung der jetzt modernen Parzellierung, wie geklagt wird, der Ausschrottung des Vaterlandes. Aerzte und Advokaten haben ausgebreitete Praxis und gerade unter denen, über welche der Artikelschreiber klagt. Magnaten, obgleich nicht alle der Geburt nach, aber vermöge großer Latifundien und Güterkomplexe, haben von den so geschimpften, jüdischen Tarnopoler Ethikern das Handwerk übernommen. So haben die „Baden nie" auch keine reinen Hände, über welche, um diese zu verdecken, Funktionshandschuhe gezogen werden. Jeder Herr, ob geistlichen oder weltlichen Standes, einfacher Schlachzize oder Magnat, muß in Galizien seinen Inden haben. In den preußischen Teilen sind Juden deutsche, in den russischen Provinzen Polens Plehweffche (?) Versuchskaninchen, und dennoch in dem ehemaligen Polen, im Kongreßpolen, die Erwecker und Erhalter der Industrie, wie ihre Glaubensgenossen zur Regieritugszeit Kaiserin Maria Theresias und Kaiser Josef H. die jetzt bestehende Industrie in den früher zum deutschen Bunde gehörigen Ländern schufen inld jüdische Stämmlinge meistens jetzt in Ungarn das industrielle und Handelsleben wecken und kräftigen. Wie kommt es, daß gerade in Galizien die Juden, trotz des hunderte Jahre langen Besitzes, aus diesem im Handel und Gewerbe heraus gedrängt werden konnten, die jüdische Gemeinschaft in Not und Elend verfiel? Eine eingehende Würdigung und gründliche Beantwortung dieser Frage würde der Kulturgeschichte des Landes einen reichen Inhalt geben, auch auf die Tätigkeit der Zentralregierung in früherer und gegenwärtiger Zeit ein Licht werfen. Die Antwort würde umfangreich sein, weil sie in die mannigfaltigen öffentlichen und Privatverhältnisse eingreisen müßte. Es würde eine Vermessenheit von meiner Seite sein, wenn ich versuchen wollte, mich an derlei Aufgaben heranzuwagen, da ich jetzt keine Behelfe besitze und nur über Erinnerungen verfüge, welche ich mir durch Selbsterfahrung und frühes Studium erworben, von denen jedoch bei dem durch Alter geschwächten Gedächtnisse viele an Frische imb Jntensivitä't verloren haben. Ich vermag nur in der freundschaftlichen Korrespondenz lose Ansichten und Bemerkungen mitzuteilen, oder richtiger die beobachteten Geschehnisse anzudeuten. Wollen Sie darnach meine Mitteilung beurteilen. Man muß vor allem die Zeit v o r, von jener nach der Kundmachung der Staatsgrundgesetze auseinanderhalten, denn je weiter man in der Vergangenheit zurückgeht, desto greller tritt die Aenderung hervor, welche im Judentum nach und nach in der zweiten Zeitperiode eintritt und sich entwickelt. Ich gehe nur auf den Zeitpunkt zurück, in welchem die Vereinigung Galiziens mit den österreichischen Erbländern stattfand und die österreichische Gesetzgebung die Verhältnisse der Judenschaft zu ordnen anfing. Wenn man die Zustände Galiziens mit jenen in andereit Landern, insbesondere der übrigen, außer den Ländern der böhmischen Krone, bestandenen Provinzen vergleicht, muß man anerkennen, daß in Galizien ein freiheitlicher, mehr bürgerlicher, toleranter Geist gegenüber den Juden vorherrschte. Ich sehe ab von dem auch auf andere Konfessionen und die übrigen Länder anwendbaren Toleranz-Patente, muß jedoch die vom Kaiser Franz I. den früher verfolgten Chassidim in den 30er Jahren gewährte Gewissensfreiheit betonen. Kaiser Josef erließ die galizische Judenordnung, welche die von seiner Mutter erlassene in freiheitlicher Richtung ergänzte und

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