Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1904-09-16 · Heft 37 (16.9.1904) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 37 (16.9.1904)
Date
1904-09-16
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3063212-3063250--03259-3070003
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 37. Die Wahrheit Seite 7. Die Befähigung des momentanen Selbstschaffens an I Heiliger Stelle, d. h. das freie Rezitativ des Kantors, ob I traditionell oder zeitgemäß, bildete, wie wir es am Anbeginn dieser Erörterung betonten, die vornehmste Kunst der einst Weltberühmten Chasanim, und muß auch ganz entschieden von unseren heutigen, selbst den ultra-modernsten Kantoren, als allererste künstlerische Bedingung erachtet werden. Bedeutsame oder minder bedeutsame Gesangskompositiouen können und müssen selbstredend nach den vorgezeichneten Noten abgesuugen werden, boch Rezitativs wie z. B. Nalollios, 8io1iroL08 und Lolrokdros, diese heilige Trilogie jüdisch-kantoralen Meistersanges, müssen der -freie Ausfluß der eigenen Empfindung und der eigenen Phantasie, nicht aber das erborgte Ergebnis fremder Andacht und fremden Seelenlebens sein. Der einstige Meschorer lernte, wie wir gesehen, von seinem Meister den Stil, die Form und verschmolz diese durch praktische Betätigung sich errungenen Fähigkeiten mit seiner eigenen Befähigung. Aus dieser ideellen Vereinigung von Erlerntem und der -eigenen Begabung gingen dann jene bedeutungsvollen Spezialitäten hervor, die uns ja als Dowidel Brod, Kanarik, Kaschtan re. rc. hinlänglich bekannt sind, die selbst einstens Meschorerim waren und sich nach und nach zu weltberühmten Chasanim entwickelten. Und nun drängt sich die Frage ans, wie sollen unsere heutigen Kantoratsjünger, die niemals Meschorerim waren, demnach auch keine Gelegenheit hatten, durch praktische Betätigung an dem Können unserer großen Männer die eigenen Fähigkeiten auszubilden, sür'den wichtigsten Teil der kantoralen Funktion, nämlich für das traditionelle und zeitgemäße Rezitativ, rationell ausgebildet werden? Wir wenden uns der besseren Annahme .zu, daß unsere Kantoratsjünger glänzend ausgebildete S t i m m e n, bedeutende musikalische und hebräisch sprachliche Kenntnisse ihr eigen nennen, auch bezüglich der allgemeinen Bildung eine bemerkenswerte Stufe erreichtengenügt es dann einfach, irgend ein von -einem Andern, wenngleich auch trefflich komponiertes Rezitativ n a ch z n s i n g e n — öder aber könnte auch hier durch pädagogische Nachhilfe an einer Kantoreubilduugsanstalt der göttliche Funke der eigenen Inspiration in der Seele des Kandidaten angefacht werden? Die Beantwortung dieser überaus wichtigen Frage bleibe einer späteren Erörterung in diesen Blättern Vorbehalten. Josef Singer. Uerschiedene Nachrichten. Wien. (M ä d ch e n - U n t e r st ü tz u n g s - V e r e i n.) An den Privatschulen dieses Humanitären Vereines werden die Einschreibungen für das neue Schuljahr am 20. September ihren Anfang nehmen. Zur Aufnahme zulässig sind arme israel. Mädchen, weiche das 14. für den Handels-Lehrkurs, und für die Fachschule für Schneiderei das 1ö. Lebensjahr bereits vollendet haben. Die Bewerberinnen können sich in Begleitung ihrer Eltern oder Obsorger unter Beibringung ihres Geburts- und Schulentlassungs-Zeugnisses am 20. September in der Schulkanzlei, II., Kaiser Josefstraße 32, melden. Wien. Die israelirische Religionsschule der „^.ckass Israel" hat am 14. September das fünfte Schuljahr begonnen. Die Frequenz hat im abgelaufenen Schuljahre die Zahl von 183 Schülern und Schülerinnen betragen. Der Unterricht findet statt: An jedem Sonntag von 8—12 Uhr vormittags, an jedem Mittwoch von 2—6 Uhr nachmittags. Aufnahme finden Kinder beiderlei Geschlechtes von 7—14 Jahren. Es wird ersucht, die Einschreibungen baldigst vorzunehmcn, da im Interesse des Unterrichts nach dem 5. Oktober keine Schüleraufnahme stattfinden kann. Der Vorstand. Wien. Am 3. September fand im XI. Bezirk die Barmizwa des Hansi Weiß, Sohn des allgemein geachteten und bekannten zweiten Vorstehers Herrn Leopold Weiß, unter großer Beteiligung statt. Anwesend waren der Obmann und Kultusvorsteher Herr Sigmund Kauders, der Kassier Herr Remschütz, der Brigittenauer Vorsteher Herr Goldner und zahlreiche Mitglieder aus Simmering und anderen Bezirken. Kantor Treuhaft hielt eine schwungvolle Rede an den Konfirmanden und fand auch durch seinen angenehmeu Vortrag beim Beten allgemeinen Beifall. Ung.-Brod. Am 4. d. M. fand hier die Einweihung unserer neuen Volksschule statt. Die Jndenstadt hatte vollen Festschmuck angelegt. Fast von allen Dächern wehten schwarzgelbe Fahnen, ein prächtiger Triumphbogen wölbte sich über den Eingang der Gaffe, in der sich das stattliche Gebäude befindet. Es war reich mit Guirlanden geziert. Für 2% Uhr nachmittags, war ein Festgottesdienst im Tempel angesagt. Lange vor der anberaumten Zeit füllte sich das Gotteshaus. Unter den Festgästen bemerkte, man vor allem den Bezirkshauptmann, den Sekretär, den Bürgermeister nebst den Räten. Die Feuerwehr und der Veteranen- Verein hatten eine Deputation entsendet. Nachdem das von Kantor und Chor vorgetragene Ma tauwo verklungen war, betrat Herr Rabbiner Dr. Jung die Kanzel. Er hob in seiner schwungvollen, von echtem Idealismus getragenen Rede hervor, daß die Schule aus Anlaß des fünfzigjährigen Regierungsjubiläums unseres erhabenen Monarchen errichtet worden sei, wies darauf hin, daß die neue Heimstätte des kindlichen Geistes den Kleinen nicht nur reiches Wissen sondern auch tiefe Veredelung des Gemütes und Erkenntnis höchster Sittlichkeit bringen möchte. Seinen begeisterten Worten folgte ein hübsches Halleluja des Kantors, worauf der Rabbiner abermals vortrat und vor der offenen Lade ein inniges Gebet für das Gedeihen der Tätigkeit in der neuen Anstalt verrichtete. Nun setzte sich der Festzug in musterhafter Ordnung in Bewegung. Der Bürgermeister unserer politischen Gemeinde, Herr Leopold Schön, begrüßte von der mittleren der drei Tribünen das nach Hunderten zählende Publikum, welches die Schule umstand Es lauschte in lautloser Stille Beethovens hohem Liede „Die Ehre Gottes", das unter Leitung des bewährten Dirigenten, Herrn Dr. L. Krebs, von einem gemischten Chore trefflich vorgetragen wurde. Herr Oberlehrer L. Riesenfeld ergriff jetzt das Wort Er warf einen Rückblick auf die Tätigkeit der Schule in Ung.-Brod, an der er in unermüdlichem Pflichteifer 37 Jahre gewirkt hatte, führte eine ganze Reihe hervorragender und tüchtiger Männer an, die hier den ersten Unterricht genossen hatten: Die Prediger Adolf Jellinek und Fritz Frankl, den Märtyrer der Freiheit Hermann Jellinek, der 1848 erschaffen wurde, Professor Zuckermandl in Breslau, Rabbiner Dr. Frankl-Grün in Kremsier, Regierungsrat Alois Schweiger u. a. m. Ein vielstimmiges „Bravo" unterbrach den Redner, als er den Namen unseres hochverehrten, weithin geschätzten und beliebten Arztes Dr. Hermann Spiegler naunte. Ein Schulmädchen hielt darauf eine Ansprache au den Bürgermeister und dankte ihm mit hübschen Worten und einem Blumensträuße für seine Mühe. Nachdem der Oberlehrer feierlich gelobt hatte, künftighin als Leiter der Schule in Treue zu walten und das dreimalige Hoch auf den Kaiser nebst der Volkshymne verhallt waren, wurden die Schlüssel dem Bezirks hauptmann übergeben, der seiner Anerkennung Ausdruck verlieh und den Wunsch aussprach, die mit sovielen Opfern errichtete Lehranstalt möchte dem Staate tüchtige, loyale Bürger, Sr. Majestät ergebene, rechtschaffene Untertanen liefern. Mit Besichtigung des Neubaues schloß die gelungene Feier, der später Platzmusik und am Abend Konzert im Hotel Smetana folgten. Lemberg. Der hiesige Advokat Dr. Tobias Aschkenaze wurde zur Teilnahme an dem demokratischen Komitee eingeladen, das unter dem Vorsitze des Bizestadtpräsidenten Ciuchcinski für die Landtagswahl in Lemberg die Kandidatur des Professors Glombinski fördert. Aschkenaze refüsierte jedoch die Einladung mit folgender Begründung: Die Juden in Lemberg hätten nach Gerechtigkeit und Tradition das Recht, zu verlangen, daß von den sechs Lemberger Landtagsabgeordneten wenigstens einer ein Jude sein solle. Unter den 40.000 Juden Lembergs werde sich doch zum mindesten einer finden, der dieser Auszeichnung würdig sei. „Wenn wir auf Grund der Gleichberechtigung von den Juden Pflichterfüllung verlangen, so soll nian nicht vergessen, daß diesen Pflichten auch Rechte entsprechen. Wir haben ein Recht, dies von jenen zu verlangen, die sich Vertreter der demokratischen Idee nennen. Da jedoch in der Wahlaktion des Komitees die Juden sehr ignoriert werden und über sie zur Tagesordnung übergegangen wird, als ob sie gar nicht existieren würden, was für mich als Jude demütigend ist, kann ich mich an dieser Aktion natürlich nicht beteiligen." Arad. Unserem allverehrten Oberkantor David Kohn, der am ersten Rosch-haschonoh-Tage feinen 70. Geburtstag beging, wurden aus diesem Anlässe mannigfache Ovationen dargebracht. Besonders feierlich und erhebend gestaltete sich der Gottesdienst und der Tempel war zum Erdrücken voll. Als der Jubilar zu Mastir ansstieg, wurde er mit einem prachtvollen voll Meister Adolf Grüuzweig komponierten Chorgesang begrüßt. Nach Verlesung des Abschnittes hielt Herr Oberrabbiuer Dr. Alexander Rosenberg eine geist- und gemütvolle Ansprache, die den Jubilar und alle Anwesenden zu Thränen rührte. Nach Schluß des Gottesdienstes erschien in der Wohnung des Jubilars eine Deputation der Gemeinde, geführt vom Präsidenten, Herrn Bernhard Deutsch, und dem Vizepräsidenten Abgeordneten Dr. Sigmund Nemes. Beide Herren beglückwünschten Herrn Oberkantor Kohn mit überaus herzlichen Worten. Herr Dr. Nemes feierte in seiner Ansprache auch die Familie des Jubilars, wobei er betonte, daß die ganze Gemeinde sich zur Familie rechne. Weitere Gratulationen und Glückwunschdepeschen liefen in Massen ein, unter anderen auch ein Telegramm des Oesterr.-ungar. Kantorenvereines in Wien, das dem Jubilar besondere Freude bereitete. Berlin. Der Vorstand der hiesigen israelitischen Gemeinde hat den Gemeiudebibliothekar Dr. Frommer, den Verfasser des in der „Zukunft" veröffentlichten, auch in unserem Blatte besprochenen Aufsatzes „Das Wesen des Judentums" von seinem Amte suspendiert. Denr Verdienste seine Krone! Frankfurt. (Israelitisches R e l i g i o n s s ch u l w e s e n in Hessen.) Es wurde bereits gemeldet, daß das hessische Ministerium beabsichtige, die israelitischen Religionslehrcr in Hessen mit den Rechten der Volksschullehrer definitiv anzustellen. In Oderheffen ist bereits der Anfang gemacht worden. Der Provinzialdirektor Dr. Breidert hielt mit den Kreisräten, den beiden Rabbinern und Vorständen größerer Gemeinden Sitzungen ab, in denen die Gemeinden in Bezirkssprengel eingeteilt wurden. Der erste israelitische Lehrer, der kürzlich definitiv angestellt wurde, ist « «a». --yrefc"1nti-iii-ngWI

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.