Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 37 (16.9.1904)
- Date
- 1904-09-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Nr. 37. Badern (Aerzten) behandeln ließ, dieses verbot, um mit gutem Peispiele voranzugehen, da ließen die Juden ihre nötigen Handarbeiten lieber von auswärtigen als .den unduldsamen, einheimischen Handwerkern anfertigten, Der Fürst, welcher von diesem Gegenboykott Künde erhielt, befahl strenge, ihn in der Synagoge zu widerrufen. Dennoch wurde er im.Geheimen für, fortbesteyend erklärt. So wahrten sie ihr Recht, ihre Selbständigkeit, selbst dem Fürsten gegenüber. Dies sehen wir auch im folgenden Falle. .Die Selbstbesteuerung war eine Haupteinnahmsquelle des Fürsten. Jeder Jude mußte schwören, wieviel Vermögen (jesch) er besaß und wieviele dubiose Schulden (Jiusoh).er hatte, daß er bei der Angabe seines Besitzstandes ihn nicht übervorteile. Der Schwörende nahm die Thora in die Hund und. sagte: „ibä schwöre ich wohl wissend, daß im Augenblicke, als Gott das dritte Gebot erteilte, die ganze Welt erzitterte, und das, was Feuer und Wasser zu vernichten nicht imstande ist, das bewirkt ein falscher Schwur, der au Frau und Kinder bestraft wird ohne Hinterhalt und List, daß ich kein Gold und Silber, Perlen und Edelsteine besitze, die ich bei der Angabe meines Vermögens verheimlicht hätte; und ich habe nichts versteckt, niemand etwas alsSchenkung zugeschrieben, chaß er mir nach dem Schwure zurückgebe und niemandem geliehen. Alle Flüche sollen an mir in Erfüllung gehen, die in der Thora geschrieben sind, trenn ich den Berdon nicht recht angegeben habe." Der Fürst wollte, daß der Berdon verpachtet werde. Dagegen. war die Gemeinde aus bestimmten Gründen, — weil nämlich die Pächter durch plötzlich vorgenommene Hausdurchsuchungen oft Unruhe stifteten und viele durch'ihre Strenge und Rücksichtslosigkeit zu leichtsinnigen Schwüren veranlaßten, welchem Umstande man den Ausbruch einer Krankheit znschrieb.*) Und sie setzten es durch, daß der Vorstand den Berdon selbst durch fünf vertrauenswürdige Geschworene verwaltete, Der Vorsteher hatte es wahrlich nicht leicht, seinem verantwortungsvollen Berufe, dem Titel „Pfleger" (Parnes) der Gemeinde, wie man damals die. Vorsteher nannte, gerecht zu werden. Er war wirklich das in die Ferne blickende Auge, um fürsorglich jeden Schaden zu verhüten, jedes der Gemeinde drohende Geschick von ihr abzuwenden. Von diesem Gesichtspunkte sind die Vorsichtsmaßregeln zu betrachten, daß man keine Fremden (Hoffer). länger als zwei Monate duldete, daß jeder nach Ungarn Reisende für seine Schulden an den Einheimischen einen Bürgen stellen muß. Seine schwierigste Aufgabe aber war die Herbeischaffung von Geldmitteln für unvorhergesehene.Bedürfnisse, für Abgabe oder Zwangsänleihen, für welche er aufzukommen hatte. Für die Einfuhr von Tabak aus Ungarn zählte die Gemeinde 200 ff. jährlich und jeder Einzelne noch 10 Gulden. (Fortsetzung folgt.) Indische Kantoren in Deutschland «nd in Oesterreich-Ungarn. (Schluß.) Und nun zum Schluffe nur noch eine, aber überaus ivichüge Erörterung bezüglich der rationell-fachmännischen Ausbildung der jüdischen Kantoratskandidaten. Die vornehmste Kunst der alten Chasanim war das sogenannte ..Sagen," Rezitieren. Nicht Singen, denn das Zusammensingen . mit Meschorerim bildete das Ergebnis einer späteren Periode, gleichsam ein Uebergangsstadium zum modernen. Synagögen- Chorgesang. Auf dem Gebiete des „Sagens", d. h. des in heiliger Inspiration geschaffenen Moment-Rezitativs, waren unsere Altvordern Meister. Das sogenannte „Zuhalten" der Meschorerim bestand im streng harmonischen oder modulatorischen Eingehen auf die Intentionen des Meisters, ebenfalls eine MoMentfchöpfung von umfassendster Bedeutung; denn von dem mehr *) Die darauf bezügliche Stelle im Gemeindebuche lautet: i: nspn v'M.i p yer; -,2: n-,nn r.cno — -nrnv uru D'oiKp nnse .D'-inK e*;*e iry: n-snn r.-iyr.: mVnp no:i p"pa a*nan jo ober minder geeigneten. Ritor.neff (Kishoräh) .des, llkteschoxer hing .oftmals der weitere charakteristische Vorträg des. Chasen ab. Es gab auch güte und MiiiderüMeschoreriül.Wür. auch hiebei die. natürliche Begabungdes Jüngers-.' mätzgebeud, sö bildete immerhin däslebenüige Beispiel, oder besser gesagt, der Vortrag des zur Vollendung herangereiften Meisters, den künstlerischen Nährboden, für die Befruchtung .feiner Phantasie, bis auch er... der Meschorer, ällrnälig .jene Stufe erreichte,, .die ihn zum.Antritte eines selbständigen Kautorpostens befähigte und berechtigtes .. . . ..... ...... ... Wir sehen lütii, daß auch bei Heranbildung jener Käutor'en der älteren Periode, wenn., auch ittibewußt. weNn aÜch theorielos, immerhin. ein gewisser. Lehrgäuß Abwendung fand, und zwar das Lehrprinzip der Befruchtung .der unreifen Phantasie, des Meschörers durch die ansgereifte Phantasie, des Chasen, gleichsam, ein Anschäunngsnnterricht in der Behandlung der Tvnanswahl und Tonverbindung für die musikalische Illustration des Wortes und des Satzes. . . .... .. Was mögen das wohl sür Tonmalereien gewesen sein, die unsere Altvordern geschaffen, und gesungen? Nun, wir befinden uns ja gerade jetzt in. der ernst-schönen Zeit, da in den jüdischen Gotteshäusern der ganzen Welt jene mächtigen Töne erklingen, die den Inbegriff des menschlichen Lehens, mit seinen Leiden und Freuden, mit seinen Hoffnungen, Bitten und Wünschen in sich schließen. In den Gebettexten des Kosoh haschonoh und Jom Kippur ist alles ausgezeichnet, was das Herz an Wonnen und. Klagen durchglüht, was die Seele .mit Hoffnung und Verzweiflung erfüllt. Ist der stolze. Reiche im Bewußtsein seiner Schätze von der leichtfertigeü Zuversicht erfüllt, dem Machtspruche des Schöpfers Trotz bieten zu wollen, nun so schlage er im Unesane tokef das. Berosch haselionok auf, mit) er muß zur Ueberzeugnng gelangen, daß auch seiner frevlen Anschauung durch das Machtgebo.t Gottes eine. Grenze geschaffen sei. Sind deine Tränen versiegt ob zu vielen Weinens, und du sehnst dich wieder einwal darnach, diese heißen Tropfen der Linderung und.Beruhigung zu fühlen, so versenke deine Seele in das Gebet Eines ki ato hu jozerom, und du wirst es alsbald fühlen, daß heiße Zähren deine Wangen benetzen und gleichsam als Segensboten Gottes tröstend und lindernd dein Herz erfüllen. Kannst du dein Glück nicht bergen vor übergroßen Entzücken — du.vermagst ihm eine Sprache zu geben in den herrlichen Worten des großen Hällelujah, dessen poetischem 'Zauber sich alle Menschen, alle Konfessionen ünterordnen, indem sie einstimmen in den gewaltigen Schluß: Kol haneschoino tehallel joli. Man zeihe uns nicht der Ueberschwänglichkeit; durch.einen möglichst farbenprächtigen Hinweis auf die Mannigfaltigkeit und Allgewalt dieser Gebetspoesien beabsichtigen wir lediglich darauf rückzufolgern, welche umfassende touliche Ausdrucksfähigkeit unsere altvordern Chasonim ihr eigen nannten, um E diesen Herzens- und Seelenregungen die geeignete gesangliche Illustration zu verleihen, eine Illustration, die das Volk Israel bei seinen Wechsel- und leidensvollen Zügen von Stadt zu. Stadt und von Land zu Land wie ein segenspendender Talisman begleitete und seine Zaubermacht bis auf den heutigen Tag ungebrochen bewahrte. Ob in Kittel und Tallis gehüllt oder angetan in modernem Salongewande, wenn der Jude der Gegenwart an diesen furchtbaren Tagen das Gotteshaus aufsucht, um zu beten, so kann und will er jene altehrwürdigen Töne nicht entbehren, die schon seinen. Ahnen und Urahnen Erhebung und .Seelenruhe gewährten.. Es fragt sich , nur, ob der Vortragende Kantor seine Vorführungen mit der Glutwelle der eigenen Empfindung beseelt, jener Empfindung, die er durch jahrelange Uebung als Meschorer eines großen Chasen zur Eigenart gestaltete, oder aber die Gefühlsäußerungen anderer für die eigenen hinstellt. Unbestritten müssen wir alle höhe, tiefe, zarte und Mächtige Töne anwettden, ,.um die, erwünschten Erfolge., zu erzielen;. allein diese Töne dürfen keine Trüggestalten erborgten Schimmers, müssen vielmehr das Ergebnis der eigenen Empfindung, der Ausdruck des eigenen Seelenlebens sein.