Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 37 (16.9.1904)
- Date
- 1904-09-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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»Seite 4. Die Wahrheit Nr. 37. seinen Reden sich die Ohren zuhalten. Julius Bauer aber hat! in einem Gedichte u. a. dem Bürgermeister folgendes gesagt: „Sie sehen, wir Zeitungsleute Sind bessere Menschen doch; Und wenn Sie trinken heute Aus Ihre Gäste noch, Dann wird vielleicht sich erheben Der Ruf bei diesem Fest: „Man soll es nicht erleben, Daß er uns leben läßt." Julius Bauer wird schon recht haben. % 2- Die Blätter berichteten kürzlich, daß gegen den Redakteur des in Triest erscheinenden antisemitischen Blattes „II 8o1v" die Anklage wegen Erpressung erhoben wurde. Eine gleiche Anklage wurde einige Tage später gegen den antisemitischen Redakteur des Krakauer „Glos Narodu" erhoben. Auch dieser Ehrenmann wird beschuldigt, fortgesetzt Erpressungen an Juden verübt zu haben. Die Antisemiten bekennen seit jeher offen, daß sie das „jüdische" Kapital bekämpfen. Man wird zugeben müssen, daß Erpressung ein sehr radikales Mittel ist, um das „jüdische" Kapital in „antisemitisches" Kapital nmzuwandeln. In Rußland ist nach Plehwes unfreiwilliger Luftfahrt ein neuer Mann zur Lenkung des Staatsruders berufen lvorden, und mit banger Erwartung sehen alle, die unter Plehwes grausamer Herrschaft schmachteten, dem Programm des neuen Mannes, oderrichtiger dessen Taten entgegen. Russen, Deutsche, Finnen und Juden dürften die Mitteilungen eines französischerr Blattes, welches ein Interview mit dem ' Fürsten Swiatopolk- Mirski veröftentlichte, wie einen Hoffnungsstrahl begrüßt haben. Hienach hätte der Fürst u. a. gesagt: Unsere innere Lage ist, ohne außergewöhnlich ernst zu sein, doch verworren. Weshalb sollte ich es leugnen? Aber durch eine gute Einrichtung der Semstwos werden wir die Schäden des Parlamentarismus vermeiden,die in Frankreich so offen zutage liegen. Für den Parlamentarismus ist Rußland nicht reif. WasdieReligion an geht, so bin ich ein Feind der religiösen Verfolgungen und Anhäng er d er gr ö ßtmö g li ch en G ew is s e n S fr ei h ei t, aber unter gewissen Vorbehalten. Ich werde, unseren besten Forffchritten folgend, fortfahren, den verschiedenen Konfessionen ein friedliches Nebeneinanderleben zu verbürgen. Ich bin kein Feind der Juden, aber wenn wir ihnen dieselbe Freiheit geben wollten, wie den Orthodoxen, würden sie s ch n e l l e i n e große Rolle spielen. Ich bin entschlossen, ihnen gegenüber wohlwollend zu verfahren und ihre L a g e z u verbessern. Mit Güte werden wir zu den wünschenswerten Ergebnissen gelangen." Der Fürst erklärte, daß ihm keineswegs ein besonderer Mut dazu zu gehören scheine, den Posten als Minister des Innern anzunehmen. Je gefährlicher es sei, desto mehr reize es ihn, ihn anzunehmen, um im Maße des Möglichen die Gründe.der Unzufriedenheit zu verringern, welche die bekannten Verbrechen hervorgerufen hätten. Wir sind gezwungen, sagte der Fürst, uns gegen die Terroristen zu verteidigen, aber persönlich neige ich dahin, keine übertriebene Strenge gegen die Jugend an den Tag zu legen, deren Verirrungen so häufig die Reue folgt. Der Minister schloß, dem Fortschritt dienen und namentlich im Einverständnis mit dem Kultusminister die Schulen vermehren zu wollen. Diese Worte des russischen Ministers sind Hoffnungs¬ und trostvolle. Es fragt sich aber, ob er auch den guten Willen und die Macht haben wird, sie zu verwirklichen. Gelingt ihm dies, dann wäre nicht nur den Bedrängten und Verfolgten in Rußland — ohne Unterschied der Konfession — zu gratulieren, auch den Bedrängern und Verfolgern. Denn schließlich befinden diese sich — wie die vielen grauenhaften Attentate beweisen — auch nicht in der besten Haut. Die Stellung des Judentums inner' halb der Entwicklungsgeschichte der Menschheit.*) Bon Landrabbiner Dr. Tänzer, Hohenems. Hochansehnliche Versammlung! In unserem naturwissenschaftlichen Zeitalter mit seiner Erkenntnis des einheitlichen Grundgesetzes der Entwicklung sieht sich, gleich so vielen anderen wissenschaftlichen Disziplinen, auch die religionsgesctnchtliche Forschung vor erweiterte Aufgaben gestellt. Sie hat nunmehr nicht nur die Geschichte einer Religion, sondern mehr noch die Stellung dieser Religion in der Geschichte zu erforschen; sie hat nicht nur die Quellen, den Lehrgehalt, die Vorstellungen, Gebräuche u. s w. einer Religion klarzulegen,'sondern mehr noch den aus dem eigentlichen Wesen einer Religion sich ergebenden Einfluß derselben auf die Entwicklung der Menschheit, indem sie sich die Frage vorlegt, ob und in welchem Maße ein Religionssystem hemmend öder fördernd in die geistige und sittliche Entwicklung der Menschheit eingegriffen hat. Diese Frage aber in Bezug auf das Judentum zu beantworten, ist die mir vorschwebende Aufgabe. Hat das Judentum die, geistige und sittliche Entwicklung der Menschheit hemmend oder fördernd beeinflußt? > Ich fasse hiebei das Judentum als Ganzes ins Auge, unbekümmert um die sonst übliche und auch notwendige Scheidung in Mosaismus, Prophetismus, Talmndismus und Rabbinismus. Denn, während die Scheidung dieser und noch weiterer Perioden wohl geboten erscheint, wo es sich um die Geschichte des Judentums handelt, stellen sie sich dagegen da, wo die Beziehungen des Judentums zur allgemeinen Menschheitsgeschichte klargelegt werden sollen, nur als Stufen einer über Jahrtausende sich erstreckenden Entwicklung dar, einer Entwicklung, deren einheitlich erfaßtes Gesamtbild sowohl das eigentliche Wesen des Judentums wie auch dessen Einfluß auf die Entwicklung der Menschheit umfaßt. In dieser Tatsache der Entwicklung des Judentums aber, einer Entwicklung, die mit Abraham und dem vielleicht aus Babylon mitgebrachten Namen Jahve anhebt und heute noch nicht abgeschlossen ist, in dieser Tatsache ist zunächst schon die Beantwortung der allgemeinen Grundfrage gelegen, ob das Judentum überhaupt befähigt war, auf die Entwicklung der Menschheit Einfluß zu üben. Ein Religionssystem, das keinerlei unbedingte Stabilität für sich in Anspruch nahm, vielmehr sich selbst, seinen Lehrgehalt, seine Vorstellungs- und Glaubenswelt entsprechend der sich stetig erweiternden Erkenntnis und der dadurch bedingten Veränderung und Ausgestaltung des religiösen Empfindens ebenfalls ausgestaltete und entwickelte, ein solches war nicht nur befähigt, sondern geradezu berufen, die Entwicklung der Menschheit zu beeinflussen. Nur was absolut unveränderlich und vollkommen zu sein behauptete, hatte sich mit eben dieser Behauptung selbst sein Urteil gesprochen und sich aus den Reihen des Lebenden, weil stetig sich Entwickelnden, selbst ausgeschlossen. Aber auch ein die Entwicklung hemmender konnte der Einfluß des Judentums nicht sein. Denn, wie sein Entstehen und feine ursprüngliche Gestaltung selbst wieder nur das Ergebnis einer vorausgegangenen, heute vorläufig bis auf Hammurabi zurückgeführten Entwicklung war, so zeigt sein ganzer geschichtlicher Lauf das Bild einer steten, wenn auch über Um- und Abwege führenden Vorwärtsentwicklung, in der es die Keime, die in dem mit allen Vorzügen und Schwächen übernommenen Erbe seiner Vorgänger enthalten waren, in überraschend kurzer Zeit zu Wahrheiten, zu heiligen, mit Lehre und Leben, mit Wort und Tat geschirmten Wahrheiten aus.gestaltete, und das in einer Weise, die diese mit Recht das Ureigentum des Judentums erscheinen lassen, zu Vortrag, gehalten auf dem H. internationalen Kongresse für allgemeine Religionsgeschichte in Basel am 30. August 1904.