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Die Wahrheit · 1904-09-16 · Heft 37 (16.9.1904) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 37 (16.9.1904)
Date
1904-09-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Redaktion u. Sldmiiiistralion: Wien, I1/i Novaragasse 27. > Telephon Nr. der Druckerei 15302. Inserate 20 Hell, per Nonpareille-Zeile. Abonnementsu. Jnserrions» beträge sind in Wie» zahlbar und klagbar. Zeitschrift für Mische Interessen. Krscheinl jeden Isreilag. Uotto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ Bezugspreis: Ganzjährig . . K. t2.— Halbjährig . . K. 6.— Für Cultusbeamte: Ganzjährig . . . K. 10 — j Für Ausland:! Ganzjährig . . . s Mark. 6 Rubel oder l« Fcs. Ur. 3^. Wien, 16. September 1964. Inhalt: Ans der Woche. —: Die Stellung des Judentums innerhalb der Entwicklungsgeschichte der Menschheit. — Aus der Bergangeilheit und Gegenwart Ungarisch-Brods. — Jüdische Kantoren in Deutschland und in Oesterreich-Ungarn. — verschiedene Nachrichten. — Moritz Heule. Iie geehrten Kerren Abonnenten werden um umgehende Erneuerung des Abonnements für das am 1. Mtobrr beginnende 4. Huartat ersucht, damit die regelmäßige Zusendung des Mattes keine Ilnterbrechung erleide. Abonnements-Bedingungen: Vierteljährig Kr. 3.—, halbjährig Kr. 6.—, ganzjährig Kr. 12.—. Probenummern stehen zur Verfügung. Die Wsöaktion. Ans der Woche. Der Internationale Preßkongreß, welcher diesmal in Wien tagte, har ein bezeichnendes Licht auf die bei uns herrschenden Verhältnisse geworfen. Die Meinungen über die Presse, die man, Schlagworten folgend, im großen und ganzen als eine Art „jüdische" Institution zu betrachten anfing, haben sich allmälig geändert. Der Papst hat ja sogar kürzlich den Beruf Und die Aufgabe der Journalistik als die idealste gepriesen. Erzherzog Rainer, der als Vertreter des Kaisers bei der Eröffnung des Kongresses erschien, hat mit herzlichen und bedeutungsvollen Worten der Anerkennung die Presse gewürdigt und der Hoffnung Ausdruck verliehen, daß sie die ihr gebührende Stellung im internationalen Verkehre erringen werde. Der Ministerpräsident Dr. v. Koerber hat mit der ihm eigenen schwungvollen Beredtsamkeit, als ein von den modernen Ideen des Fortschrittes erfüllter Staatsmann, geradezu ein begeistertes Loblied der Presse gesungen. Der Ministerpräsident ehrte nicht nur die Presse sondern auch sich selbst, als er ihren Anteil an den Errungenschaften der Kultur, ihren Einfluß aus die fortschreitende Gesittung und Bildung, ihre Förderung des Friedensgedankens feierte. Die Worte des Ministerpräsidenten: „Der größte Welteroberer und der mächtigste Weltbeherrscher ist die Presse," übten eine tiefe und nachhaltige Wirkung. Die ans allen Weltgegenden nach Wien gekommenen, hervorragenden Vertreter der Journalistik hatten den Eindruck, daß der leitende Staatsmann eines modernen Staates zu ihnen gesprochen habe. * ❖ * Nach dem Ministerpräsidenten sprach der Bürgermeister von Wien, Dr. Lueger, und sofort wurde die schöne Illusion verscheucht. Man erkannte wieder, daß Wien noch immer die Hauptstadt des Antisemitismus ist. Die banale Wirtshaus- Rhetorik, mit welcher der Freund und Gesinnungsgenosse der Schneider, Bielohlawek und Geßmann seine Triumphe errang, kam auch in der Begrüßungsrede des Bürgermeisters zur Geltung. Der höhnische, „srozzelnde" Ton des Bürgermeisters, der verletzend für jeden vornehmen Geschmack ist, verleugnete sich auch diesmal nicht. Dr. Lueger glaubte, weiß Gott welche Huldigung er der Presse darbringe, wenn er für diese eine Stunde erklärte, er frage niemanden nach seiner politischen Meinung, niemanden nach der Geburt, er drücke beide Augen zu und rufe Allen einen Willkommgruß zu. Freilich Dr. Lueger zögerte nicht zu erklären, weshalb er die Gnade habe, vorübergehend eine solche Vorurteilslosigkeit gegenüber den internationalen Vertretern der Presse zu bekunden. Er wollte, so sagte er, für Wien Reklame machen. Die Journalisten aus der ganzen Welt sollen sehen, daß es in Wien nicht so gefährlich sei, daß es eine Lüge sei, wenn man berichtet, daß in Wien sich Wüteriche finden. * Der Herr Bürgermeister Dr. Lueger hatte wirklich die Verwegenheit, so cynisch zu bekennen, weshalb er bei seiner Begrüßung der Fremden nicht um deren Glauben sich kümmere. Sollte eraber, so fragen wir denBürgermeifter der Stadt Wien, nicht lieber diese Vorurteilslosigkeit gegenüber allen Bewohnern Wiens, gegenüber den Beamten, Lehrern, Gewerbetreibenden re. rc. an den Tag legen? Er würde, unseres Erachtens, dann viel mehr seiner beschworenen Pflicht entsprechen als durch eine geschmacklose captatio benevolentiae, mit der er das Urteil der Fremden zu fälschen sucht. . . . * * * Oberflächliche, urteilslose und gesinnungslose Menschen mögen sich vielleicht — vorübergehend — von der zweideutigen, schillernden Beredtsamkeit des Herrn Dr. Lueger täuschen lassen. Aus die Dauer wird es dem Herrn Bürgermeister doch nur gelingen, die herzliche Zustimmung des Vergani und Konsorten zu gewinnen. Diese sei ihm vom Herzen gegönnt. Einer der witzigsten deutschen Journalisten, Blumenthal, hat in einem treffenden Epigramme bemerkt, daß wenn Lueger bei der Begrüßung der Preßleute die Augen zudrücke, diese wieder bei

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