Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 36 (9.9.1904)
- Date
- 1904-09-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. Nr. 36. Die Wahrheit bis im» den Juden gegenüber einen einwandfreien und korrekten Standpunkt einnimmt und daß Eure Exzellenz als Leiter des Justizministeriums bei Beförderungen im Justizdienste sich von konfessionellen Momenten nicht leiten laffen. Doch leider ist diese Hochhaltung der verfassungsmäßigen Gleichberechtigung nicht in allen Ressorts bemerkbar, und so ist beispielsweise der Dienst in der politischen Verwaltung eine den Juden unzugängliche Domäne. Aufgabe einer erleuchteten und modernen Regierung wäre es aber, den öffentlichen Geist erziehlich und bildend zu beeinflussen und mit leuchtendem Beispiele auch der autonomen Verwaltung und allen Arbeitsgebern voranzugehen. Ich bin überzeugt, daß mir Eure Exzellenz in Ihrer gereiften politischen Abgeklärtheit dieses freimütige Wort nicht verübeln werden, denn es ist dies in verfassungsmäßig regierten Staaten die Pflicht aller Volksvertreter." Budapest. (Erzbischof und Rabbiner.) Anläßlich seiner jüngsten Anwesenheit in Nyiregyhaza empfing der Erzbischof. Dr. Josef Samaffa zahlreiche Deputationen, darunter auch die vom Oberrabbiner Dr. Adolf Kelemen geführte gemeinsame Deputation der Nyiregyhazaer israelitischen Status quo-®emeinbe und der autonomen orthodoxen Gemeinde. Der Sprecher der Deputation, Oberrabbiner Dr. Adolf Kelemen, hielt an den Erzbischof eine gehaltvolle Ansprache, welche auf den Ausspruch des Psalmisten: „Haben wir doch alle einen Vater, hat uns doch ein Gott geschaffen! Warum sollen wir treulos handeln. Einer an dem Anderen und den Bund unserer Väter entweihen?!" basiert war und die aufrichtigsten Segenswünsche für die neue katholische Kirche enthielt. Auf diese Rede antwortete der Erzbischof: „Die geoffenbarten Wahrheiten müssen Gemeingut der Menschheit werden; sie sind es, die die beiden geoffenbarten Religionen aneinanderknüpfen. Wohl ist es wahr, daß das Werk der Liebe noch nicht vollständig ist. Vom Berge Sinai ist die erobernde Kraft des Rechtes, des Gesetzes und der Wahrheit zum Heile des Menschengeschlechtes ausgegangen. In allen Lagern ist dagegen oft und viel gesündigt worden, aus verständlichen Gründen: die Menschen sind eben schwach! Ich selbst bin ein alter Mann, zähle 76 Jahre, 66 davon in Arbeit verbracht. Mich rann Lob nicht mehr erhöhen, Tadel und Verkennung nicht mehr schrecken. Mir gaben meine Religion und die Liebe zum Vaterlande die Kraft zum Kampfe des Lebens; wen diese beiden Gefühle beseelen, der wird diesen Kampf siegreich bestehen. Ich danke für Ihr freundliches Erscheinen, Gott segne Sie!" Zala-Egerszeg. In dem in voriger Stummer dieses Blattes enthaltenen Berichte über die Tempeleinweihung in der hiesigen Gemeinde wurde unser Oberkantor, der für diese Feier einen Chor aus 30 Mitgiedern mit vielem Erfolge einstudiert und geleitet hat, irrtümlich Seidner genannt. Es sei hiemit richtig gestellt, daß derselbe Herm. Zeichner heißt. Petersburg. (Tapferkeit zweier jüdischer Soldaten.) Die „Nowoje Wremja" erzählt aus der Schlacht bei Kiulientschön folgende Episode : Wie bekannt, hat in der Schlacht bei Kiulientschön der griechisch-orthodoxe Priester Szczerbakowski mit dem Kreuze in der Hand die russischen Truppen gegen die Japaner angeführt und wurde von einer feindlichen Kugel getroffen. Er drohte zusammenzusinken und rief um Hilfe. Da sprangen ihm zwei Hornisten bei und stützten den Priester, der, von den beiden Soldaten gehalten, das Kreuz hochhaltend, noch eine Strecke der Truppe voranging. Die beiden Hornisten waren Söhne jüdischer Familien aus dem Moskauer Gouvernement. Das genannte Blatt fügt diesem Berichte hinzu: Solche Vorkommniffe, die nicht vereinzelt sind, sollten denn doch Veranlassung sein, die maßgebenden Kreise in Rußland zum Nachdenken über die Stellung der Juden zu veranlaßen." Ier Iindting. Erzählung von Babette Fried, Prag. I. Wenn der zürnende Prophet seinem auf Abwege geratenen Volke die einstige Verwüstung des Tempels und Verödung der heiligen Städten weissagt, so gebraucht er zuweilen den Ausdruck, daß Gras im Tempelhofe und vor der Tür des Heiligtums wachsen werde. Und wirklich kann es für ein gläubiges Gemüt kaum einen traurigeren Anblick gegeben haben, als wenn die Stätte, welche sonst von Scharen frommer Pilger derart vollgedrängt war, daß sich die Menschen, wie es heißt, gegenseitig in die Luft gehoben, wenn diese Stätte jetzt verödet ist, daß darauf Gras keimen und wachsen kann; wenn da, wo es als wahres Wunder galt, daß in diesem menschenübersüllten Raume am Versöhnungstage überhaupt ein allgemeiner Kniefall möglich war, jetzt solche Ruhe herrschte, daß Pflanzenwuchs sich ungehindert ausbreiten konnte. Wer die Kultusgemeinde in dem böhmischen Dorfe Hlinov früher gekannt hatte und nach einer Abwesenheit von mehreren Jahren vor die dortige Synagoge kommt, muß vom gleichen Gefühle bewältigt werden. Wohl stehen noch die grauen Mauern des altertümlichen Gebäudes der Synagoge, doch sind überall die Spuren des Verfalles zu bemerken. Der geräumige Platz davor, welcher sonst von den zahlreichen Synagogenbesuchern und Schulkindern belebt war, ist jetzt ein öder, grasbewachsener Ort geworden; ja selbst zwischen den steinernen Stufen, welche zur Synagoge führen, sprießt das- Gras und drängt sich Blätterwerk hervor. Die Kultusgemeinde von Hlinov wurde vom gleichen Schicksal betroffen, wie unzählige andere Gemeinden Böhmens — sie ging raschen Schrittes ihrer gänzlichen Auflösung entgegen. Vom Jahre 1848 an, in welchem die Freizügigkeit den Juden gestattet wurde, hat ein Wegzug der Vermögenden aus ihrem bisherigen Heimatsorte begonnen. Sie verließen die Dörfer, in denen sie bisher gelebt, wo sie sich ernährt hatten, wo sie reich geworden sind, um sich in den größeren Städten einzusiedeln — ihrer Kinder wegen, um diesen Gelegenheit zur weiteren Ausbildung zu verschaffen, lautete gewöhnlich die Ausrede. Zurück blieben nur diejenigen, welche ein an den Ort gebundenes Geschäft oder Handwerk hatten, oder welche die Uebersiedelungskosten nicht aufbringen konnten, endlich die Armen, die Witwen und Kranken, welche auf die Unterstützung ihrer Heimatsgemeinde angewiesen waren. Infolge dieser Auswanderung mußten auch die Gemeindeangestellten reduziert werden. Früher wurde das an die Synagoge angebaute niedere Gemeindehaus von mehreren Familien bewohnt. Es lebte daselbst ein talmudisch und philosophisch gebildeter Rabbiner, ein geprüfter Lehrer, ein guter Chasen, welcher in der Schule beim Unterricht mithals, dann ein Schammes. Die Stelle eines Rabbiners, Lehrers und Kantors versah jetzt eine einzige Persönlichkeit, der Schaz Maz — eine Abbreviatur von Scheliach Zibur und More Zedek — Reb Schlome Teinitz, ohne daß diesem jedoch eine dreifache Entschädigung, für seine bedeutende körperliche und geistige Anstrengung von Seiten seiner Gemeinde geivorden wäre. An dem Tage, an welchem unsere Erzählung beginnt, schritt Reb Schlome in Begleitung des Schammes in früher Morgenstunde der Synagoge zu. Er war es gewöhnt, täglich als Erster dort zu sein; einesteils, um seiner Gemeinde mit gutem Beispiele voranzugehen, andernteils, um im löblichen Pflichteifer noch vor Beginn des Morgengottesdienstes einen Perek Mischnajos zu lernen, und dann ein Kadisch Derabonon zu sagen. Denn darauf hielt er, sein höchster Ehrgeiz ging dahin, Rabbiner genannt und als solcher behandelt zu werden. Während Jajkew Schammes den Schlüssel aus der Tasche zog, um die schwere eichene Türe der Synagoge zu öffnen, blickte Reb Schlome umher und atmete mit vollen Zügen die frische Luft des köstlichen Sommermorgens ein. Da mit einemmale rief er im Tone des höchsten Entsetzens aus: ..Kommen Sie geschwind her, Reb Jajkev! Hier liegt etwas im Grase, ich glaube, es ist ein Kind!" „Chas wechulile, Gott soll schomer und — mazil sein,, das gäbe ein Bilbul!" Der Rabbiner — wir wollen ihm den Titel, den er erstrebt,- gerne gönnen und ihm in Laufe der Erzählung so benennen — der Rabbiner hatte sich inzwischen zu dem im Grase liegenden Gegenstand niedergebeugt und ihn aufgehoben. „Gott Lob, das Kind lebt," sagte er mit erleichtertem Herzen, ..da wird man uns wenigstens nichts anhaben können." Eine genauere Untersuchung ergab, daß man ein zartes,, etwa zwei Monate altes Knäblein vor sich hatte, welches bereits in den Bund Abrahams ausgenommen war. „Boruch Haschern, es ist ein Judenkind," bemerkte voll innerer Befriedigung der Schammes. „Sie können gut reden," fuhr ihn der inzwischen mit anderen Männern hinzugekommene Roschhakohol (Gemeindevorstand) an, ..was wird es Sie kosten, wenn der Gemeinde mit diesem Funde wieder eine neue Last aufgebürdet wird? Die Reichen sind fortgezogen und kümmern sich nicht weiter um die Gemeinde, und wir paar zurückgebliebenen Vermögenden," dabei warf er sich stolz in die Brust, „wir Vermögenden müssen die ganze Gemeinde erhalten; und. jetzt noch diese Last dazu!" (Fortsetzung folgt.) -*7SXSm 1-n~nrn im-rrm-in—L~n r~i~~ i i~ i n ui minininii m’ umm\