Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 36 (9.9.1904)
- Date
- 1904-09-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 36. Andererseits war, wie wir gesehen haben, die jüdische Individualität an bestimmte Grenzen gebunden, die viel enger waren, als etwa die der griechischen. Vermutlich würden die Juden, wenn sie selbständig, auch heute in diese Grenzen zurückfallen und dadurch auch praktisch, also etwa auf dem Gebiete der Technik konkurrenzfähig werden Ganz gewiß aber würde dies einlreten, wenn sie in ihr altes Vaterland und nach Babylonien übersiedeln würden. Die moderne Kultur ist und bleibt an Europa und die ihm an Klima ähnlichen Länder gebunden; moderne Kultur am Rande der Wüste oder an den Usern des Euphrat ist unmöglich, und ein Volk, das sich dort niederließe, müßte mit Naturnotwendigkeit alsbald in wirtschaftliche und politische Abhängigkeit von Europa geraten, ganz abgesehen davon, daß es auch in allen übrigen Dingen die europäische Stufe nicht einhalten hönnte. Der südliche Boden hat, eben aus klimatischen Gründen, zuerst die Kultur erzeugt, er kann es aber aus denselben Gründen über eine gewisse Kultur nicht hinausbringen, und da er heutzutage, was im Altertum nicht der Fall war, mit dem Norden zu konkurrieren hat, so ist er unbedingt zur Inferiorität verurteilt. Für die Juden ist es also nicht etwa ein Unglück, sondern ein Glück, daß sie ihre Heimat verlassen mußten und daß es ihnen auf diese Weise ermöglicht wurde, mit dem Gange der Kulturbewegung mitzuwundern und sich unter die Völker zu mischen, die jetzt die Herrschaft in der Hand haben. Sie haben dies freilich mit ungeheuren Leiden erkauft; aber ausgerüstet mit der Kraft, zu hoffen, und mit der auch das beladenste Gemüt erleichternden maßlosen Klage haben sie diese Leiden getragen. Die Juden haben aber dabei nicht nur den Ort gewechselt wie ein Nomadenstamm, der vom abgegrasten Weideplatz zum frischen zieht, sondern sie haben sich durch ihre Wanderung auch in die Lage versetzt, der Kulturerhöhung teilhaftig zu werden, die seit der Zeit der orientalischen Kulturblüte stattgefunden hat, und der sie anfangs durch die Messias-Idee, dann als Schüler und Mitarbeiter im europäischen Leben ihren gewiß nicht geringen Beitrag geliefert haben. Der Sinn der jüdischen Geschichte ist also, von der orientalischen zur abendländischen Kultur mitwirkend aufgestiegen zu sein und aufzusteigen. Dies erfordert aber auch wieder eine Erweiterung der Individualität, wie ja selbst die Deutschen und die Franzosen, ja sogar diejenigen Völker, die in der modernsten Entwicklung zumeist vorangehen konnten, die Engländer und die Amerikaner, Eines vom Anderen lernen und ihre Individualität erweitern. In jedem Volk schlummern Kräfte, die, als in der Minorität befindlich, nicht zur Geltung kommen, bis sie durch fremden Einfluß und die Verhältnisse gestützt und gefördert werden. Speziell die Völker vorwiegend germanischer Abstammung dürften einander immer ähnlicher werden. Freilich behält jede Nation trotzdem ein Stück ihrer Eigenart, die nicht nur von ererbtem Temperament und Wesen, sondern auch von Wohnsitz und Sprache bedingt und geschützt wird und für die Mannigfaltigkeit des Menschheitslebens sorgt. Die Frage ist nun, ob auch die Juden, wenngleich ohne Land und ohne eigene Sprache, doch ihre Eigenart erhalten werden, ob sie als Juden fortdauern werden. Ich halte es für ausgeschlossen, daß, wenn die Ebenbürtigkeit der Juden äußerlich endgiltig anerkannt ist (das heißt wenn der einzelne Jude zur Anerkennung nicht erst nach Ueberwindung einer gegen den Juden in ihm gerichteten Präsumption gelangt), das Judentum noch fortdauere, soweit es nicht hartnäckig festgehalten wird. Diejenigen, die hartnäckig an ihm festhalten, und auch solche wird es geben, werden das Judentum als solches fortpflanzen, und dies werden hauptsächlich Juden außerhalb der Kulturländer sein. Auch in den Kulturländern wird der Prozeß nur langsam und unter Rückschlägen vor sich gehen; er wird vor sich gehen, insbesondere durch religiöse und wirtschaftliche Wandlungen. Die religiösen Wandlungen werden darin bestehen, daß einesteils eine immer größere Zahl von Menschen jede Konfession abstreift, andererseits neue Konfessionen entstehen, in welche die Juden eintreten werden, und namentlich dürfte dies in Rußland der Fall sein, wo das religiöse Bedürfnis sehr stark ist. Dort werden sich, wahrscheinlich auf christlichjüdischer Grundlage neue Relgionsformen bilden. Die wirtschaftliche Wandlung wird darin bestehen, daß durch die allgemeine Entwicklung die geschäftliche Ueberlegenheit der Juden dort, wo sie vorhanden ist, schwindet. In Osteuropa wird sie vermutlich noch lange fortdauern, und in Osteuropa erfüllen die Juden, indem sie die kapitalistische Entwicklung beschleunigen helfen, eine allgemeine Kulturmifsion, mag sich die Mission im einzelnen oft auch in Formen vollziehen, die sehr unangenehm ins Auge fallen. Ueberhaupt erfüllen sie allenthalben, wo der Wille zum Fortschritt wegen der Schwere der Verhältnisse und Ueberlieferungen zu schwach ist, eine Mission durch die Stärke ihrer Kraft, zu hoffen, die ihnen die Zähigkeit des Strebens verleiht, das notwendig nach freieren Zuständen verlangt. Assimilierung von Juden hat es übrigens immer gegeben. Wenn wir bedenken, daß sich ihre Zahl seit Christus höchstens verfünffacht hat (die der Germanen dürfte sich verfünfzigfacht haben), so gelangen wir zu dem Schlüsse, daß in den Adern der meisten europäischen Völker auch jüdisches Blut fließen muß. Es wird ihnen also nicht schaden, wenn einmal ein neuer Strom davon in sie eindringt. Bismarck, ein ziemlich guter Germane, war der Ansicht, daß es sogar nützlich wäre. Selbstverständlich ist innere Annäherung die Voraussetzung der äußeren. Der Nutzen des Zionismus liegt darin, daß er Juden, die in Ghetto-Anschauungen lebten, die Fähigkeit verleiht, ein Staalsideal zu.verfolgen und sie den Wert der Wehrhaftigkeit schützen lehrt; auch dies ist eine Annäherung. In den Kulturländern wird das Judentum einst verschwinden; es wird seinen Lebenslauf vollendet, seine Aufgabe erfüllt haben. Und das jüdische Volk wird nicht, wie die anderen alten Völker des Orients, in der Wüste versickert, sondern in den Nationen, die stark genug sind, um so zu hoffen, wie es selbst gehofft hat, zum Mitleben aufgegangen sein. M. Die Inden in Rußland. (Revision der Aufenthaltsrechte.) Petersburg, 4. September. Ein kaiserlicher Erlaß ändert die Bestimmungen über die Aufenthaltsrechte der Juden bis zur allgemeinen Revision der Judeugesetze folgendermaßen ab: Das Verbot, innerhalb der Ansässigkeitszone sich außerhalb der Städte und Flecken anzusiedeln, findet keine Anwendung auf Juden mir höherer Bildung nebst ihren Frauen und Kindern, auf Kaufleute der ersten Gilde und deren Familien, auf Kaufleute, die 15 Jahre lang zur ersten Gilde zahlten, auf Handwerker, so lange sie ihr Handwerk treiben, und auf verabschiedete Untermilitärs. Allen diesen Juden wird gestattet, außerhalb der Städte und Flecken Immobilien zu mieten, sowohl zum Wohnen als auch zum Betreiben von Handel und Gewerbe. Juden, die höhere Bildung erhalten haben und unbescholten sind, dürfen überall Handel und. Gewerbe treiben und können, ohne vorher fünf Jahre hindurch innerhalb der Ansässigkeitszone zur ersten Gilde gezahlt zu haben, außerhalb dieser Zone der Kaufmannschaft beitreten. Jüdische Kaufleute erster Gilde, die nicht volle 10 Jahre als solche gezahlt haben, dürfen ihr in den inneren Gouvernements wieder beitreten, ohne abermals fünf Jahre lang in der Ansässigkeitszone für die erste Gilde gezahlt zu haben. Juden, die, wenn auch mit Unterbrechung, zehn Jahre außerhalb der Ansässigkeitszone als erste Gilde besteuert gewesen sind, erwerben das Recht, in den inneren Gouvernements den Stadtgemeinden beizutreten und samt ihren Familien im ganzen Reiche zu leben. Juden mit dem Titel Kommerzienrat oder Manufakturrat dürfen mit ihren Familien im ganzen Reiche, auch die Dörfer der Ansässigkeitszone nicht ausgeschlossen, leben. Juden, welche au dem Kriege im fernen Osten teilgenommen, Auszeichnungen erhalten und sich im aktiven Dienste tadellos aufgeführt haben', erhalten das Recht, im ganzen Reiche zu leben. Jüdische Kaufleute erster und zweiter Gilde erhalten das Recht, alle Städte der inneren Gouvernements zu Handels¬ und Gewerbszwecken ohne Beschränkung zu besuchen, jedoch darf ihr Aufenthalt dortselbst sechs, beziehungsweise drei Monate im Jahre nicht übersteigen. Auch können sie sich dort im Krankheitsfalle durch Kommis oder Bevollmächtigte vertreten lassen. Frauen von Juden mit höherer Bildung und von solchen mit dem Titel Kommerzienrat oder Manufakturrat erhalten lebenslänglich das Recht, im ganzen Reich zu leben, die Söhne bis zur Volljährigkeit oder Beendigung ihrer Hochschulstudien, die Töchter bis zu ihrer Verehelichung. Alle Verfügungen der Kontrollhöfe über den Beitritt der Juden zum Kaufmanns- und Kleinbürgerstande in den Städten der inneren Gouvernements bleiben in Kraft, .selbst wenn sie gesetzwidrigerweise erfolgt