Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 36 (9.9.1904)
- Date
- 1904-09-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Wahrheit Sette 5. Nr. 36. die beiden Brüder Stössel in ihrem Aerger über die ihnen in Budapest widerfahrene Unbill zum christlich-orthodoxen Glauben übertreten seien. Von dem älteren Stössel erfuhr man weiter nichts/ der jüngere, das .Singer!" wurde Soldat und soll, wie hiesige' ältere Gemeittdemitglieder, die sich der hier erzählten Vorgänge noch genau erinnern, behaupten, mit dem dermaligen General Stössel, dem heldenmütigen Verteidiger vom Port Arthur, identisch sein. Möglich ist die Sache immerhin, denn auch das Alter stimmt. Das „Singerl" war damals 16 Jahre alt, seither sind 42 Jahre verflossen und General Stössel ist nach den über ihn vorliegenden Daten genau 58 Jahre alt. * * * Die von uns so oft vertretene Ueberzeugung, daß der Antisemitismus überhaupt eine rohe Gesinnung voraussetze,' wird sicherlich durch die russische Regierungsmethode nicht widerlegt. Deren Härte trifft wohl erbarmungslos in erster Reihe die Juden, aber von ihren Segnungen werden alle im Lande betroffen. Ter verrohende und verwildernde Einfluß des Antisemitismus zeigt sich übrigens von Zeit zu Zeit auch in dem Kampfe der Antisemitenführer unter einander. Kürzlich wurde daran erinnert, wie Schönerer seinem einstigen treuesten Anhänger Bergani auf die Bitte um ein Darlehen mit dem Rate antwortete. er möge sich gefälligst einen Strick kaufen. Noch pöbelhafter und noch antisemitischer ist die Art und Weise, in welcher einer der Jünger Schönerers, der Abgeordnete Herzog, seinem Grimm gegen den von ihm gehaßten Dr. Lueger Ausdruck verleiht. Herzog hat die geradezu empörende Gefühlsroheit, in seinem Blatte den Gesundheitszustand Luegers in den düstersten Farben zu schildern und daran die SSemerfuug zu knüpfen, daß derselbe, nach Ausspruch der Aerzte, kaum zwei Jahre noch' zu leben haben werde. Es gibt kein Wort, um Herzogs häßliche, niedrige Kampfart genügend zu brandmarken; nur ein echter Antisemit kann so tief sinken, um mit solch vergifteten Waffen den Gegner anzugreifen und zu verletzen. Dr. Lueger hat neulich scherzhaft einen Schauspieler als Kollegen begrüßt. Gewiß, bei den Antisemiten mag vieles Komödie sein, aber echt und unverfälscht ist ohne Zweifel die Herzenshärte und Gefühlsroheit, die den Nährboden des Antisemitismus bilden. Unsere Jugend dein» öffentlichen Gottesdienste. Wir haben uns in der vorwöchentlichen Nummer mit dem Kapitel Jugenderziehung und Jugendbildung beschäftigt und durch einige markante Beispiele aus dem öffentlichen jüdischen Leben auf die schweren Folgen hingewiesen, die die Unkenntnis des hebräischen Urtextes bei der Jugend nach sich zieht. Da es sich iu unseren Ausführungen vorwiegend um den öffentlichen Gottesdienst handelte und die eben beginnenden hohen Feiertage vornehmlich der gottesdienstlichen Andacht gewidmet sind, sehen wir uns veranlaßt, dieses aktuelle Thema neuerdings zurückzukommen. Wenn man an den Festtagen während des Gottesdienstes seinen Blick so durch die Räume des Gotteshauses schweifen läßt, bietet sich einem in der Regel ein eigenartiger Anblick dar. Man sieht da in der versammelten Gemeinde alle Altersstufen vertreten: junge und alte Männer, jugendliche und ältliche Frauen, sümmtliche Altersklassen mit Ausnahme der Kinder, die nur sehr spärlich oder gar nicht vertreten sind, und es hat fast den Eindruck, als befände man sich in einer kinderlosen Welt, unter Leuten, denen alle Gaben des Himmels beschieden sind, nur nicht Kindersegen. Und doch scheint es, als ob im Verlaufe der Andacht in der Signatur des Gotteshauses eine Veränderung eintreten sollte. Nach und' nach tauchen sowohl in der Herrenals in der Frauenabteilung der Andachtsstätte vereinzelte jugendliche Gestalten auf.' Sie haben die heiligen Räume mit einer gewissen Scheu und Aengstlichkeit betreten. Natürlich. Sie kommen nur äußerst selten hieher und fühlen sich hier fremd. Erst nachdem ihnen aus trgenb einer Bankreihe ein freundliches Gesicht entgegenwinkt, athmen sie freier auf und fühlen sich am Platze. Wer diese jugendlichen Gestalten sind? Es ist die leibliche Nachkommenschaft der versammelten Gemeinde, es sind Kinder beiderlei Geschlechtes, darunter auch solche, die bereits der Schule entwachsen und ins ernstere Jünglings- oder Mädchenalter getreten sind. Sie sind blos zu Besuch zu den Eltern gekommen, keineswegs aber, um über die Dauer des Gottesdienstes im Gotieshause zu verweilen. Beim erstbesten wichtigen Gebete bestreben sich die andachtsbeflissenen Eltern auch den s Liebling zum Mittun zu verhalten. Er tut dies, indem er das betreffende Pensum mühselig aus dem Gebetbuche herausbuchstabirt, oder falls er dies nicht im Staude ist, indem er das Gebetstück Wort für Wort dem Vater oder der Mutter nachfli'lstert. Damit ist aber auch schon in den meisten Fällen bei dem jugendlichen Glaubenshelden die Teilnahme am Gottesdienste erschöpft und er kann alsbald, ohne sich des Weiteren in dem Sidnr oder dem Machsur versuchen zu müssen, mit Erlaubnis der Eltern das Gotteshaus verlassen. Wir haben dieses Bild, wie es sich in unserer Zeit leider nur zu oft in den Gotteshäusern vor unseren Augen entrollt, ohne jedwede Ausschmückung getreu wiedergegeben und sehen uns nun zu der Frage gedrängt: Wo soll denn das Judentum glanbenstreue und glaubensfeste Bekenner hernehmen, wenn der Nachwuchs, wenn die Jugend im Glauben so schwach ist oder ihn fast gar nicht kennt? Wo sollen unsere Kinder den öffentlichen Gottesdienst kennen und schätzen lernen, wenn nicht im Gotteshause, und von wem sonst sollen sie die Anleitung hiezu erhalten, wenn nicht von den Eltern? Oder sollte man in den betreffenden Kreisen der Ansicht sein, daß es auch ohne jüdischen Nachwuchs, ohne daß sich die Jugend am öffentlichen Gottes- > dienste beteiligt, und ohne daß unsere Kinder das jüdische Leben I kennen, ein Judentum, jüdische Körperschaften und jüdische Ge-! meinschaften geben würde? Unmöglich! Wer solchen Theorien | huldigt, der verstoßt gegen den gesunden Menschenverstand, der i spricht dem Judentums die religiöse und nationale Existenz-! berechtiguna ab. der zieht ihm den Boden unter den Füßen! weg und raubt ihm jede Hoffnung auf die verheißungsvolle j Zukunft. Wir stehen soeben ant Beginn der hohen Feiertage und! werden uns an denselben in gewohnter Weise mit Leib und I Seele, mit Herz und Gemüt der Andacht hingeben. Weil aber j diese Andacht nur dann ihrem idealen Zweck voll und ganz entspricht, wenn auch die Jugend zu derselben herangezogen wird, nur dann ihren Wert hat, wenn auch unsere Kinder regen Anteil an derselben nehmen, darum wewoneira nbiwnosserm nelech wollen wir fürderhin nur gemeinsam mit unseren j Söhnen, gemeinsam mit unseren Töchtern ins Gotteshaus gehen, l auf daß auch sie frühzeitig die Heiligkeit erkennen, die diesen i gottgeweihten Räumen innewohnt, frühzeitig mit uns beten, j Gott dienen und lieben und seinen großen Namen verehren und I verherrlichen lernen. _ Daniel Skutezky. Ist die Indenfrage lösbar? (Schluß.) Den Juden vorzuhalten, daß sie seither bei aller geistigen Geschäftigkeit und unter vielen Talentproben keine geniale Leistung außer der Spinozaschen Philosophie hervorgebracht haben, ist lächerlich. Das Große in Kunst und Literatur erwächst immer nur auf der Grundlage des Volkslebens; selbst was die begabtesten jüdischen Dichter heute schreiben, entbehrt dieser Grundlage; es ist nicht echt jüdisch und nicht echt germanisch, und auch die Naturen der Dichter und Künstler selbst sind nicht ungebrochen. Heine war insoweit genial, als er echt jüdisch war. Vielleicht werden geniale Leistungen in Russisch-Polen entstehen, wo das Judentum noch ungebrochen ist; aber jetzt zu erklären, daß den Juden von vornherein die Möglichkeit zur Genialität fehle, ist eine Ueberhebung.