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Die Wahrheit · 1904-09-09 · Heft 36 (9.9.1904) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 36 (9.9.1904)
Date
1904-09-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 36. rechtigte Geltung zurückzuführen vermögen, und eben durch die jüdisch-nationale Bildung in ihrer gegenseitigen Ergänzung vor Vorurteilen und Verirrungen geschützt bleiben, denen die Unkenntnis bald nach der einen bald nach der andern Seite unfehlbar in die Arme fällt. Denn die Unwissenheit läßt sich leicht vom falschen Glanze blenden oder von hohlen Ansprüchen schrecken und wirst oft das Wahre und Gute der Erscheinungen zu dem Hohlen und Schlechten. Arbeiten wir daher stets an unserer Läuterung und Selbftveredelung und wir werden des guten Erfolges sicher fein, wenn mir unfern Sinn auf unfern Wandel richten. Mögen die Zeitverhältnisse noch so trübe scheinen, „es schläft nicht und schlummert nicht der Hüter Israels." Denn so wie die Sonne fest und sicher am Himmel steht, auch wenn finsteres Gewölk uns ihren Anblick entzieht, so ist Gottes Auge aus uns gerichtet, auch in den Zeiten der Leiden und der Heimsuchungen. Und so möge das neue Jahr uns zum Segen werden, daß wir mit unverbrauchter, frischer Lebenskraft uns wach halten, unsere Wege überdenken und uns den Zeugnissen Gottes zuwenden, Wahrheit, Gerechtigkeit und Frieden fördernd, und wir weiden in der tosenden Brandung der Zeitströmung felsenfest und unerschütterlich aufrecht stehen und unverletzt bleiben. Gruß den Nahen und Fernen. Rabb. Dr. Kodak. Aus der Woche. Der so oft angekündigte Erlaß des Zaren, der den von grausamen Gesetzen und von noch härteren Beamten gepeinigten russischen Juden Erleichterungen bringen sollte, ist endlich erschienen. Der Erlaß bringt nicht viel des Guten, aber die Not und das Elend unserer Glaubensgenossen in Rußland ist so groß, daß auch das Wenige mit neubelebter Hoffnung ausgenommen werden wird. Der kaiserliche Erlaß, welcher die Aufenthaltsrechte der Juden bis zu der in Vorbereitung befindlichen allgemeinen Revision der Judengesetze, in dem Sinne ändert, daß er den gebildeten und wohlhabenden Schichten eine weitere Ansässigkeitszone einräumt, ferner den Soldaten, die am Kriege teilnahmen, den Aufenthalt im ganzen Reiche gestattet, mildert die Lage der breiten, nach Millionen zählenden jüdischen Massen nicht im geringsten. Ihnen verleiht der Erlaß nur den Schimmer der Hoffnung, daß die Gnade des Zaren auch ihnen dereinst leuchten wird. Aber wann wird dieser Moment kommen? * * * Ungemein charakteristisch für das Wesen des kaiserlichen Erlasses ist der Kommentar, mit welchem derselbe in den antisemitischen Blättern, insbesondere im „Deutschen Volksblatt", versehen wird. Dieses von den rohesten und grausamsten Instinkten geleitete Antisemitenblatt bedauert zunächst mit aufrichtigem Schmerze, daß in Rußland, welches nebst Rumänien in der Verfolgung und Mißhandlung der Juden so mustergiltiges geleistet, eine Bewegung zum Durchbruche gelangt, die den Anschein hat, als ob man das System der Judenverfolgungen verlassen wollte. Das Blatt tröstet sich aber rasch mit der Betrachtung, daß die Milde des Zaren eigentlich nicht viel geändert habe: ..Es wurde nur der Stand der Dinge vor Erlassung des Jgnatiewschen Judengesetzes wieder hergestellt. Auch sonst ist das, was den Juden an Begünstigungen gewährt wird, so verklausuliert, daß der praktische Effekt der ganzen Reform wohl kein allzu großer fein dürfte," führt das Verganiblatt zu seiner und seiner Leser Beruhigung aus. Und da kann man dem Antifemitenblatt nicht einmal ganz Unrecht geben. * Auch die Gründe, die nach Ansicht des Antisemiten- Moniteurs den Erlaß herbeiführten, sind derartige, daß sie Rußland vor der blutigen Verdächtigung schützen, als ob man dort Plötzlich das schmachvolle, ungerechte System der Menschenmißhandlung erkannt und vom Respekt vor den Gesetzen der Humanität erfaßt worden wäre. Rußland braucht Geld, meint das Verganiblatt, und deshalb will es den Anschein erwecken, als ob es vor der europäischen Kultur sich verbeuge. „Im großen und ganzen ist aber," so heißt es weiter in dem erwähnten Artikel, „die Tendenz dieses'Erlasses — und darauf kommt es hauptsächlich an — doch die, den Juden Entgegenkommen zu beweisen und das ist es, was vom antisemitischen Standpunkt sehr bedauert werden muß.... Diese Milderung der russischen Jndengesetze soll wohl eine Art von captatio benevolentiae sein, durch die man die jüdischen Milliardäre bewegen will, ihre sestperschlossenen Kassen zu öffnen." Fragt sich nur noch, ob das Antisemiteublatt vielleicht doch nur das sieht, was es wünscht, und ob nicht die russischen Machthaber durch die furchtbaren Ereignisse im Innern, wie aus dem Kriegsschauplätze erschreckt, vielleicht doch ernstlich an die Aenderung des bisher beliebten Systems denken. * * Daß in Rußland, trotz der im allgemeinen so trüben Lage der Juden, einzelne Juden und Judenabkömmlinge zu angesehenen und einflußreichen Stellungen gelangter:, ist bekannt. Immerhin verdienen gerade gegenwärtig zwei Mitteilungen eines Budapester Blattes, die uns zur Verfügung gestellt werden, besonderes Interesse. Diesen zufolge befindet sich in der russischen' Armee ein hoher Würdenträger, der ein — ungarischer Jude ist. Derselbe heißt Wahrmann und ist ein leiblicher Neffe weiland Moriz Wahrmanns, gewesenen Abgeordneten der Leopoldstadt in Budapest und langjährigem Präsidenten der israelitischen Kultusgemeinde. Der Genannte ist, wie von einem Mitgliede der Familie Wahrmann mitgeteilt wird, Oberstabsarzt in der russischen Armee. Dr. Wahrmann ist der Sohn des vor fünfzig Jahren verstorbenen Nagyvarader Rabbiners David Josef Wahrmann, ein Enkel weiland Israel Wahrmanns, des im Jahre 1826 verstorbenen, ersten Pester Rabbiners. Oberstabsarzt Dr. Wahrmann ist mithin ein Kousin weiland Moriz Wahrmanns und der Bruder der noch lebenden Mutter des bekannten Malers Adolf Fenyes, die eine geborene Wahrmann ist. Doktor Wahrmann ist bereits ein hoher Sechziger und war, so viel seiner Familie bekannt ist, bis vor kurzem im Kaukasus stationiert. Ob er noch da weilt oder auf dem Kriegsschauplätze in Ostasien, ist hier nicht bekannt. Die zweite Reminiszenz bezieht sich aus den General Stössel. Von glaubwürdiger Seite wird dem Blatte erzählt: Im Jahre 1862, also vor 42 Jahren hatte der Vorstand der Pester israelitischen Kultusgemeinde einen Konkurs ausgeschrieben auf die Stelle eines zweiten Kantors ftir den Tempel in der Tabakgaffe. Als erster Kantor fungierte damals der seither verstorbene, ausgezeichnete Moriz Friedmann. Aus die zur Besetzung ausgeschriebene Stelle eines zweiten Kantors konkurrierten damals auch mehrere Oberkantoren diverser größerer Provinzstädte, so auch der damalige, wir glauben Erlauer Oberkantor Stöffel, — Stessele, wie man ihn mit seinem petit nome nannte, wie einen solchen zur damaligen Zeit jeder Kantor führte. Kantor Stössel ging ein sehr guter Ruf voran, er galt für einen stimmlich sehr begabten und geschulten Sänger. Trotzdem geschah, es, daß der damalige Oberkantor Friedmann, als Stöffel an einem Freitag Abend den Gottesdienst leitete, respektive seinen Probevortrag hielt, während desselben in großer Aufregung aus Stöffel zuging und diesem angesichts der tausenden Gläubigen, die das hellerleuchtete Gotteshaus füllten, vor dem Altar einen Backenstreich versetzte. Man kann sich die dieser Szene folgende Aufregung denken. Oberkantor Friedmann wurde zwar in einer sofort einberuseneri Gemeinde-Ansschußsitzung strafweise für ein halbes Jahr von Amt und Gehalt suspendiert, Stöffel aber sang nie mehr in Budapest. Er reiste am nächsten Tage für immer ab. In feiner Begleitung hatte sich sein Bruder als sein ..Singerl" befunden, der damals 16 Jahre alt war. Die beiden Brüder verließen, wie erwähnt, Budapest und da Stössel nach dem Budapester Skandal auch nach Erlau nicht mehr zurückkehren wollte, vielleicht auch nicht konnte, wandten sich dieselben nach Rußland. Nicht lange darauf erfuhr man in Budapest, daß

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