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Die Wahrheit · 1904-09-09 · Heft 36 (9.9.1904) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 36 (9.9.1904)
Date
1904-09-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
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akr-hsit Redaktion u. Administration : Wien, H/j Novaragaffe 27. . Telephon Nr. der Druckerei 15302. Inserate Sv Hell, per Nonpareille-Zeite. Abonnementsit. Jnsertionsbeträge sind in Wien zahlbar und klagbar^ Unabhängige Aertschnft für Mische Interessen. Krscheinl jeden Ireitag. Molto : „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ Ke;ngsp^ers-: Ganzjährig . . ’ft. 12.— Halbjährig ft. 6.— Für Cultttsbeaittte: Ganzjährig . . . ft. iv — Für Ansland: I Ganzjährig ... 8 Mark. I 6 Rubel ober it> Fcs. §ti*. 86. Wien, 9. September 1904. Inhalt: Zur Jahreswende. — Aus der Woche. — Unsere Jugend beim öffentlichen Gottesdienste. — Ist die Judenfrage lösbar? — Die Juden in Rußland. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton. — Oberkantor David Kohn, Arad. — Die Vorlesung aus der Thora. Unseren geehrten Herren Abonnenten und Mitarbeitern, sowie allen Freunden und Gönnern unseres Blattes entbieten wir zum Jahreswechsel die aufrichtigsten Glückwünsche. Die Redaktion. Zur Jahreswende. Zu ernster Zeit geziemt wohl ein ernstes Wort. Das Jahr geht zu Ende und in den jüdischen Gotteshäusern ertönt täglich die Posaune, mahnend und anregend zu ernster Betrachtung. Was sind wir und was ist unser Leben? dürfen wir füglich uns fragen. Worin besteht unsere Kraft und unsere Stärke, wo befindet sich unsere Hingebung, unsere Rücksicht und unser Heil? W i e findet uns unser Herr und Vater und w o findet er uns, da er kommt und uns sucht, die wir uns verloren in Nacht und Nebel der Zeit, in Sturm und Wetter des grollenden Geschickes, oder wenn wir, verlockt und geblendet vom Sonnenschein und den reizenden Blumen des Genusses, uns der Führung unseres teuern Erziehers entzogen? Sind wir denn stets unserer Aufgabe eingedenk gewesen? Haben wir stets die Mittel benützt, die uns der Allgütige in seiner heiligen Lehre zur Verwirklichung des Sittengesetzes anvertraut hat? Haben wir unser Herz auf unfern Wandel gerichtet? Nun zittert das Gefühl unserer Hinfälligkeit und Ohnmacht jetzt hörbar in uns und wir können — vom Wirbel der Zeit erfaßt — das Beben unseres Herzens nicht unterdrücken. Die ewig beweglichen Wellen der Lebenstäuschungen ließen uns nicht festen Fuß fassen und die Wettkämpfe der Eitelkeit hinderten uns oft, die Hohlheit und Nichtigkeit derselben zu bemerken. Wie Nachtwandler gingen wir dahin, ohne Bewußtsein über Bestimmung und Ziel unseres Weges. Und jetzt erkennen wir die Gefahr, in der wir uns befanden. Unser Genuß gewährte uns keine Befriedigung. Unser Streben rvar erfolglos und was wir ersehnten, ging spurlos an uns vorüber. Mächtig ergreifende und tief erschütternde Gedanken bewältigen unser Gemüt, wenn wir unsere Wege überdenken, die Hand aufs Herz legen und ernstlich uns fragen, ob wir unsere Pflicht ganz und voll getan, ob wir unsere Lebenskraft dazu angewendet, um immer auf der Bahn der Sittlichkeit zu bleiben und im volkstümlichen Kreise zu verharren, sowie bei unserem Tun und Lassen deutliche Spuren unserer Gottähnlichkeit zurückgelassen, so daß Erwerb und Genuß den Anforderungen der Gerechtigkeit und Menschenliebe entsprochen haben. Können wir mit der altjüdischen Weisheit sagen, „was geworden ist, das soll nochmals werden"? Mit anderen Worten, können wir mit Fug und Recht behaupten, daß wir nicht mit selbstzufriedener Genügsamkeit auf das von uns Errungene und Geschaffene zurückblicken, sondern daß das Gewordene nur Bürge ist dafür, daß etwas werden wird? Gut, ja notwendig ist es, wenn wir die Unzulänglichkeit unserer Leistungen einsehen und uns vornehmen, immer vorwärts zu schreiten von Kraft zu Kraft, von Vollkommenheit zur Vollkommenheit. Und wenn wir des Wahren gedenken, das wir erkannt, und des Guten, das wir geübt, so soll es nur geschehen, daß wir in uns die Bürgschaft haben, bis zur vollen Erkenntnis der Wahrheit durchdringen und Gutes üben zu können. Und wenn wir das Jahr vollbracht, so soll uns das n ä ch st e Jahr — wie der hebräische Sprachgeist es im Worte na» andeutet — eine „Wiederholung" sein, zur nochmaligen Bestrebung, zur immer größeren Vollendung verhelfend, daß wir nochmals mit neuer Kraft und frischem Mut, sowie mit frischer Freudigkeit darangehen, das Alte immer neu zu beginnen. Treten wir an das neue Jahr nicht mit der unbilligen Frage, was es uns bringen werde, sondern mit dem Bewußtsein, daß wir demselben etwas bringen können. Rusen wir einander mutig zu: ptnnai prn, nur fest und stark vorwärts! Das Judentum soll uns — wie die Weisheit unserer Alten lautet — nicht sein wie ein altes Dekret (nor WMons), mit dessen Inhalt sich nicht jeder vertraut machen kann (n.-iirr p:EnD brn prw), sondern uns immer ein neues bleiben (.in-in? x'vrr), zu dem jeder eilt, es kennen zu lernen (nnmpb pan bsrw). Begrüßen wir das neue Jahr am Schluffe des alten mit der von unseren Weisen stereotyp gebrauchten Formel beim Abschied von einem durchstudierten Traktat: pm, „Wir kommen wieder zu dir." Lasset uns nicht täuschen durch die welkenden Kränze des Leichtsinnes und des Wahnes; lasset uns nicht beirren von den stolzen Plänen des Dünkels; lassen wir die Verzweiflung dumpf am Wege sitzen und überdenken wir, was wir geworden sind im Laufe des Jahres und w i e haben wir die Aufgaben gelöst, für welche das Jahr uns geworden. Das herankommende Neujahrsfest, welches zu uns durch den Schall der Posaunen redet, mahnt uns auch gebieterisch, als tüchtige und wackere Juden hinter der allgemeinen Bildung in keiner Weise zurückzubleiben; daß wir die geistigen und sittlichen Erscheinungen der Zeit in ihrem wahren Werte — weder überschätzend noch unterschätzend zu würdigen und auf ihre be-

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