Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 35 (2.9.1904)
- Date
- 1904-09-02
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8. Nr. 35. Die Wahrheit, und anderen Verwandten waren anwesend: Reichsratsabgeordneter Dr. Noske, Gemeinderat Donat Zifferer, der Vizepräsident der Kultusgemeinde fflif. Rat Hirsch, Kultusvorsteher urd Vizepräsident der Chewra Kadischa Dr. Markus Spitzer, die Chewravorsteher S. Heit, Steinerund Kann, Beamte des Hauses Rothschild, kais. Rat Lichtblau, kais. Rat Waizner, die Rabbiner Dr. David und Dr. Kaminka, I. Kantor Schiller, Redakteur Dr. Löwy u. v. A. Nachdem Oberkantor Gutmann unter Assistenz des I. Kantors Blatt und des Tempelchores das Hazur tomiro in ergreifender Weise rezitiert hatte, hielt Rabbiner Dr. Schmiedl der Verblichenen einen würdigen Nachruf, indem er mit geistvollen treffenden Worten ihr edles Walten als Tochter, Gattin und Mutter schilderte. Am Grabe sprach 'Reichsratsabgeordneter Dr. Noske als Freund des Hauses tiefempfundene und zu Tränen rührende Abschiedsworte, die der edlen Mutter galten, der Krone des Hauses, die nun zu Grabe gesenkt wurde. n'3'2t'yjr äßiett. (Verein „Tefilas-Haneorim".) Dieser Verein veranstaltet an den hohen Feiertagen einen Gottesdienst für die Heranwachsende Jugend an folgenden Andachtsstätten: I., Seitenstettengasse 2 (Religionsschule), 1L, Tempelgaffe 3 (Beth-Hamidrasch), VI., Kollergerngaffe 1, XX., Karajangasse 20 (Toynbeehalle.) Die Eintrittskarten gelangen ab 1. September d. I. täglich von 10—12 Uhr vormittags im Lokale der Religionsschule, I., Seitenstettengaffe 2, II. Stock, an brave, würdige Schüler, eventuell Lehrlinge und Praktikanten zur Verteilung. Gute Schul- oder Lehrzeugniffe sichern Vorzug. Prag. Der kürzlich verstorbene Direktor der Altstädter Knaben- Volks- und Bürgerschule, Moritz Mautner, der ein Alter von stur 54 Jahren erreichte, war der erste Jude, der die Würde eines Direktors an einer öffentlichen staatlichen Schule in Prag bekleidete, und er dürfte wohl auch der einzige Jude gewesen sein, der es in Oesterreich bis zum Direktor brachte. Der Verstorbene, der von einem seltenen Eifer für seinen Beruf erfüllt war, erfreute sich infolge seiner hervorragenden Fähigkeiten und seiner gewinnenden Charaktereigenschaften in den Kreisen der gesamten deutschen Lehrerschaft Böhmens großen Ansehens und seine Schüler verehrten ihn als strengen, aber gerechten und wohlwollenden Lehrer. Der Verblichene, der auf pädagogischem Gebiete auch schriftstellerisch tätig war, war Besitzer des goldenen Berdienstkrcuzes, Mitglied der k. k. Prüfungskommission für das Lehramt an Volks- und Bürgerschulen und nahm an allen religiösen Interessen der Prager israelitischen Kultusgemeinde lebhaften Anteil. Brünn. Der Herausgeber und Redakteur der „Jüdischen Bolksstimme," Herr Max Hickl, hat sich mit Fräulein Aurelie Reich aus Buchlowitz verlobt. Proßuitz. Herr Kantor B. Schwarz, bisher in Wal.-Meseritsch, wurde als Oberkantor in die hiesige Gemeinde berufen und hat sein Amt bereits angetreten. Budapest. Dem hiesigen Primarius und Spitalsdirektor Professor Berthold Stiller ist der Titel eines königlich ungarischen Hofrates verliehen worden. Seine Tätigkeit als Arzt und als Fachschriststeller hat feinen Namen weil über die Grenzen Ungarns bekannt gemacht. Nenstetti«. (Ein Rabbiner als Lebensretter.) Durch ihre Waghalsigkeit setzten sich dieser Tage hier zwei junge Leute der Gefahr aus, ihren Tod im Wasser zu finden. Trotz des strengen Verbotes seitens der Badeaufsicht schwammen der Schreiber Otto I. und der Kellnerlehrling eines hiesigen Hotels von der Badeanstalt aus über den Streitzigsee. Bei ihrer Rückkehr verließen letzteren die Kräfte und da er nahe am Versinken war, schrie er laut um Hilfe. Zu seinem Glück fuhr nicht allzuweit entfernt ein Boot vorüber, in dem Herr Rabbiner Dr. Lövit und Herr Heinrich Heinemann sich befanden. Diese ruderten auf den Ertrinkenden zu und zogen ihn ins Boot, dort liehen sie dem Nackten Kleider und spedierten ihn dann aufs Trockene. Ohne diese Hilfe wäre der junge Mensch unzweifelhaft ertrunken, denn die Unfallstelle war mitten auf dem See, und ehe das Rettungsboot der Badeanstalt, wo man die Hilferufe vernommen hatte, herankommen konnte, wäre es zu spät gewesen. Nagyvarad. In der hiesigen orthodoxen Gemeinde wurde Herr Emanuel Riff aus Miskolcz einstimmig zum Oberkantor gewählt. Zalaegerszeg. Donnerstag, den 1. September, fand hier die feierliche Einweihung des neuerbauten herrlichen Tempels statt. Die kantoralen Funttionen versah auf Einladung des Vorstandes Herr Oberkantor Bela Guttmann aus Wien unter Assistenz des hiesigen Kantors Seidner mit Chor und Orgelbegleitung. Die Festreden hielten Herr Oberrabiner Engels mann und Herr Rabbiner Dr. B ü ch l e r aus Keszrhely. Baden-Baden. Das Mitglied des großherzoglich badischen Verwaltungshoses. Geheimer Regierungsrat Dr. Mayer, bekanntlich zugleich Mitglied des Gr. Oberrats der Israeliten, ist zum Vorsitzenden Rat der ersteren Behörde befördert worden. Es ist dies seit der Ministerschaft Moritz Elstätters das erstemal, daß — selbst in Baden — ein Jude in eine leitende Stellung berufen wurde. Amsterdam. Der hier abgehaltene internattonale Sozialistenkongreß hat vor seinem Allseinandergehen noch folgende Resolutton Bebel- Keir, Hartie-Anseele und Genoffen angenommen: „Der Kongreß spricht den in den Städten des Niederlaffungsgebietes zusammengepferchten Millionen russischer Juden, die verfolgt und getötet werden, besonders weil die Sozialdemokratie unter ihnen Boden findet, Sympathie aus und erhebt gegen die aller Kultur spottende Behandlung der russischen Juden öffentlichen Protest." Petersburg. (Ein kaiserlicher Gnadenakt.) Am 20. August wurde die Entschließung des Zaren veröffentlicht, durch die die lang erwartete Bewilligung zur Anlage einer Judenkolonie in Bessarabien. erteilt wird. Die Mittel, aus denen diese Ansiedlung bestritten werdensoll, rühren aus den Ueberschüffen der Sammlungen für Kischinew her. Bialystok. (Eine Hundert dreißigjährige.) In der russischen Fabrikstadt Bialystok starb am 13. August im Alter voir 130 Jahren eine Frau Rachael Stein geborene Goldowska. Ans den Büchern der jüdischen Gemeinde Bialystok geht das hohe Alter unzweifelhaft hervor. New-Dork. Der Direktor des jüdischen Windsortheaters, Herr M. Haurwitz, wird demnächst hier eine jüdische Oper ins Leben rufen. Seit einigen Wochen weilt er in Wien, um ein Operetten-Ensemble für sein Unternehmen zu gewinnen. Unter den bereits engagierten Mitgliedern sind Namen von gutem Klang, wie die Primadonna Frl. Rosa Duce, die in Frankfurt a. M. künstlerisch tätig war, Koloratursängerin Frl. Sophie Braun vom Hoftheater in Koburg und die Mezzosopranistin Frl. Amalia- Windholz von Brünn; ferner die Herren Julian Wilenski-Linz, Emil Krause-Berlin, Leo Goldhirsch-Lemberg und Sigmund Urich-Ägram. Sowerden jüdische Künstler in New-Dork für ihr erfolgreiches Wirken eine neue Heimstätte finden. Als erste Oper wird Halevys Meisterwerk „Die Jüdin" in Szene gehen. Eine neue Oper „Hiob," Text von M. Haurwitz, an deren Vertonung ein hervorragender Komponist arbeitet, wird in glänzender Ausstattung ausgeführt werden. New-Aork. Einem Kongreßbeschlusse gemäß ist der amerikanische Botschafter in Petersburg angewiesen, bei Rußland eine andere Behandlung, der amerikanischen Bürger jüdischen Glaubens durchzusetzen, als Rußlandsie den jüdischen Bürgern anderer Nationen zuteil werden läßt. Die Bundesregierung besteht auf einer radikalen Aenderung der bisherigem russischen Praxis gegenüber amerikanischen Juden. Feuilleton. Kastmir der KroHe und ßsterka. „Wenn es eine Stufenleiter von Leiden gibt, so bat Israeli die höchste Staffel erstiegen; wenn die Dauer der Schmerzen und die Geduld, mit welcher sie ertragen werden, adeln, sonehmen es die Juden mit den Hochgeborenen aller Länder auf; wenn eine Literatur reich genannt wird, die wenige klassische Trauerspiele besitzt, welcher Platz gebührt dann einer Tragödie, die anderthalb Jahrtausende währt, gedichtet und dargestellt vom den Helden selber?" (Zunz, „Die synagogale Poesie des Mittelalters", S. 9.) Ja die größten Helden der Welt waren unstreitig die Juden im Mittelalter. Ihre Geschichte enthält nichts anderes als eine ununterbrochene Erzählung von furchtbaren Leiden, Qualen und Trübsalen, die im vierzehnten Jahrhundert ihren Kulminationspunkt erreicht hatten. Bekanntlich brach im Jahre 1349 der ..schwarze Tod" aus, der alle Welt in Angst und Schrecken versetzte. Genuesische Kaufleute hatten die Pest aus dem Oriente nach Europa verschleppt. Unwissenheit der Aerzte, verkehrte Maßregeln der Regierungen, waren die größten Bundesgenossen der verheerenden und vernichtenden Seuche. In Wien starben an einem Tage 1200 Menschen an der Pest. Auch unter den Juden hatte der schwarze Fürst der Schatten reiche Ernte gehalten. Da sie jedoch ihres mäßigen, moralischen und sittlich reinen Lebenswandels wegen, verhältnismäßig weniger als die Christen von der Pest ergriffen wurden, so kamen letztere auf den unglückseligen Gedanken, die Juden hätten die Brunnen und Quellen vergiftet, um das Christentum zu vernichten. Dieses und ähnliche törichte^ lächerliche Märchen überall, besonders von raubsüchtigen Unholden, verbreitet, und eine allgemeine Judenschlächterei war die natürliche Folge derselben. Ganze Gemeinden haben faktisch zu sein aufgehört. In Wien entleibte sich die ganze Gemeinde in der Synagoge aus Anraten des Rabbiners R. Jona. In Krems rottete sich der Pöbel der Stadt und der benachbarten Orte zusammen, erschlug die Juden, erbrach die Häuser und plünderte nach Herzenslust. Nur die wenigen, die sich in die Burg, wo der Befehlshaber von Meissen ihnen Schutz gewährte, flüchten konnten, entgingen der Gefahr. Am meisten haben in jenen traurigen, verhängnisvollen Tagen die Juden Deutschlands gelitten. Sie wurden in allgemeinen Blutbädern hingeschlachtet. Nur denjenigen, die sich zur Annahme der Taufe entschlossen hatten, war man geneigt, das Leben zu schenken, allein von der Taufe wollten nur die allerwenigsten hören. Tausende und abermals Tausende zogen das Feuer dem Wasser vor.