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Die Wahrheit · 1904-09-02 · Heft 35 (2.9.1904) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 35 (2.9.1904)
Date
1904-09-02
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 35. Die Wahrheit Seite 9. Ein Zeitgenosse Baruch klagt: Wir haben wohl gesündigt schwer! Zu den Brunnen läuft ein boshaft Heer, Legen uns einen Hinterhalt, Um dann zu überfallen mit Gewalt. „Gift," sie schreien, „ist im Wasser, Das habt ihr Ungläubige, Hasser, Hineingeworfen, uns zu verderben; Bleibt ihr Juden, müßt ihr sterben." Sie selber legten in die Geräte Uns, was nicht sie, was uns tötete. Und das Gift, das unfindbare, Zu einem Meer von Tränen Deinen treuen Söhnen; Israel ging durch die Flut, Die sich verwandelte in Blut, Und aus den Fluten Fiel es in die Gluten. Edle wurden angebunden, Sie sollten Gott verraten; Es ward kein Mann und keine Frau gefunden. Die eingewilligt in so verruchte Taten. (Die synagogale Poesie, S. 40.) In Polen jedoch, obwohl die Pest anch dort furchtbar grassierte, haben die Bekenner des Judentums um jene Zeit verhältnismäßig weniger gelitten als in Deutschland. Es sollen auch dort damals ungefähr zehntausend Juden umgekommen sein, allein zu der großen Menge der Schlachtopfer in Deutschland steht diese Zahl in keinem Verhältnis. Zum Glücke regierte damals Kasimir der Große, von dem die Juden milder als von den anderen Fürsten behandelt wurden. Wie Achaschwerosch nahm auch er in späteren Jahren eine schöne Jüdin, namens Esther (Esterka), sich zur Frau. Das Andenken der Königin Esterka hat sich in Polen unter Christen und Juden bis auf den heutigen Tag erhalten, und der Volksmnnd erzählt, die sicher merkwürdige Geschichte ihrer Thronerhebung in folgender Weise: „Eines Tages ging König Kasimir auf die Jagd. Es war ein bitterböses Wetter. Die Wölfe heulten und die heiligen drei Könige sangen, denn es war um Weihnachten. In einem Hause auf der Chrzanover- Straße aber sangen sie nicht, dort waren die Fenster durch keines Christbaumes Helle Kerzlein erleuchtet, denn in der Hütte wohnte Jischa Melech, der Jude. Jischa' saß in seiner Stube und studierte den Talmud, obgleich er an 80 Jahre alt war. Der König, der den Greis eine Zeit lang beobachtet hatte, pochte endlich an das Fenster, Einlaß begehrend. Der Alte öffnete, Kasimir trat in voller Jagdrüstung in die Stube und nahm nächst dem Kamine, in welchem ein helles Feuer brannte, Platz. Der Greis hatte sich aus der Stube entfernt, um einige Erfrischungen herbeizuholen, die er dem Fremden vorsetzte. Nachdem der König, der dem Mahle wacker zugesetzt, sich erquickt hatte, ließ er sich mit dem Juden in ein Gespräch ein, und war erfreut, in demselben einen grundgelehrten, erfahrenen und weltklugen Mann gefunden zu haben. Kasimir gab sich dem Juden als König zu erkennen, und lud denselben, als er sich entfernte, ein, in den nächsten Tagen ihn in seinem Schlosse in Krakau zu besuchen. Jischa leistete diesem Rufe seines Königs Folge und ward bald dessen Ratgeber und Vertrauter in allen Stücken. Der „Prophet von Chrzanow", wie das Volk bald Jischa, den es für einen Zauberer hielt, nannte, ließ sich nächst der Königsburg einen Palast von Kristall bauen, in welchem er wohnte, und mit Ausnahme des Königs nur wenig Besuche empfing. Dieser Kristallpalast war ein wahrer Wunderbau, die smaragdene mit Gold gezierte Kuppel war von himmelblauen Porphyrsäulen getragen, welche von goldenen Ephenkränzen umrankt waren. Das Wunderbarste an diesem Palaste war der Zauberspiegel, welcher dreißig Ellen hoch und fünfzehn Ellen breit war. In diesem Spiegel erblickte man überirdische Gestalten und den Abglanz des Himmels. Einst, als der König sich bei dem „Propheten von Chrzanow" befand, ließ dieser denselben in den Spiegel blicken, und ihm zeigte sich eine Jungfrau von himmlischer Schönheit, von Reiz und Anmut und dem gewinnenden Zauber der Unschuld umflossen. Anbetend sank Kasimir, vor dieser Engelserscheinung nieder. „Jischa, Mann Gottes, nimm Alles, was ich habe, meine Krone, mein Reich, für dieses Weib." „Die Jungfrau," sprach der Prophet, „lebt in Chrzanow und sie soll Dir gehören, wenn Du mir gelobst, daß Du sie zu Deinem Weibe machen willst." Der König versprach und gelobte es. In Chrzanow, in der Judengasse stand unweit der Synagoge ein kleines unansehnliches Häuschen, mit Stroh gedeckt und mit zwei kleinen Fenstern gegen die Gasse. In dieser Hütte wohnte Esther, das arme, aber an Schönheit und Anmut reiche Judenmädchen. An einem sonnenhellen Tage kam König Kasimir, ganz in Gold und Purpur gekleidet, auf einem reich gezierten Rosse, mit großem Gefolge nach Chrzanow und machte Hall vor der Hütte Esthers. Hundert Trompeter bliesen die herrlichsten Weisen, tausend bärtige Krieger jauchzten Jubellieder, denn der König war gekommen, um das schöne Weib zu freien. Acht Tage und Nächte dauerte das Hochzeitsfest in Chrzanow. Auf der großen Gemeindewiese bewirtete der König das Volk mit duftendem Braten und feurigen Weinen. Aber erst zu Krakau sollte das eigentliche Fest stattfinden. Das war ein Aufsehen und ein Glanz in der alten Krönungsstadt. Hundert Gräfinnen trugen die Schleppe der reizenden Königin, als sie zum Traualtar schritt. Dieser Altar war in dem großen Schloßhofe zu Krakau aufgestellt unter Gottes freiem Himmel. Fünfzig Rabbis standen rechts, alle angetan in schwarzen Talaren und weißen Betmänteln mit himmelblauen Streifen, fünfzig Kardinäle und Bischöfe des Polenreichs standen links in der Mitra und mit der Insul. Als der Großrabbi, der weise Rabbi Gamliel und der Erzbischof Stanislaus Lewikowski, dem Ringwechsel assistierten, jubelten fünfzigtausend Juden, und von dem Lärm, der dabei herrschte, kann man sich keinen Begriff machen, wenn man erfährt, daß, wie ein Chronist erzählt, von diesem Geschrei erschüttert, die hundert Glocken von Krakau von selbst zu läuten anfingen, so gewaltig war der Anstoß in der Luft. Nachdem die Festlichkeiten zu Ende waren, bewilligte der König in der Fülle seines Glückes allen Polen durch ein volles Jahr Befreiung von allen Steuern und Abgaben, was das Land mit großer Befriedigung aufnahm; die Juden aber feierten zwei Sabbathe in der Woche. Leider dauerten diese Herrlichkeiten nicht allzulange, König Kasimir war in den Krieg gezogen, der ..Prophet von Chrzanow" hatte ihm den Sieg über die Russen geweissagt. Die polnischen Edelleute, welche mißvergnügt waren, überfielen die Königin Esterka, als sie allein war, ermordeten sie, versenkten ihren Leichnam in die Weichsel, den „Propheten von Chrzanow" aber erhängten sie in seinem Kristallpalaste. Von diesem Tage an war der Spiegel in dem Palaste blind. König Kasimir ließ hundert der Rädelsführer, welche diese Schandtaten verübt hatten, rädern, Esthers Leiche wurde aufgefunden und auf dem Krakauer Friedhofe unter königlichem Pompe begraben; dann gedachte Kasimir in ein Klosteri zu gehen, besann sich jedoch eines Bessern und heiratete eine Prinzessin von Burgund, die zwar nicht so schön war wie Esther, ihm aber acht Kinder gebar." Soweit die Sage im Volksmunde; Tatsache jedoch ist, daß Kasimir eine jüdische Nebenstau namens Esther hatte, die ihm zwei Söhne (Niemerz und Pelka) und zwei Töchter geboren, und daß die Juden in Polen damals bei weitem nicht so viel gelitten, als ihre Brüder in Deutschland und Frankreich. Or. Fr. Keschäftsnolizen. Wir machen die geehrten Leser unseres Blattes aus die alte bekannte n'avms Firma Hermann Ruth, Triest, besonders aufmerksam. Wie wir von verläßlicher Seite vernehmen, finden die Ornate der bestens eingeführten Schneiderfirma Rudolf Goldstein, Wien, II.. Taborstraßc 54, allseitige Anerkennung, und können wir dieses Etablissement den p. t. Kultusgemeinden, sowie den ehrwürdigen Herren Rabbinern und Kantoren bestens empfehlen.

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