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Die Wahrheit · 1904-09-02 · Heft 35 (2.9.1904) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 35 (2.9.1904)
Date
1904-09-02
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 85. .Die Wahrheit Seite 7. solchen musikalischen Versuchskaninchen gleich die Oeffentlichkeit beglückt werden? Wie wenige der.Kantor-Komponisten wissen, daß zum erfolgreichen Komponieren P h a n tasie un d Wissen ffich die Hände reichen müssen^ Phantasie ohne gründliche Kenntnis der Mnsikgesetze führt ins Verderben und selbst der tüchtigste .Kontrapunktist ohne Talent wird nur' Krüppelwerke hervorbringen, denen man es leider ansieht, daß chrst Schöpfer vermeint, etwas gesagt.zu haben, während er nur viel gespro ch en hat. Wie wahr und beherzigenswert ist auch da Her Ausspruch Mendelssohn-Bartholdys, weNn er sagt: ..Wenn die Leute nur nicht Alles veröffentlichen wollten, was ihnen -einfällt, unter hundert Einfällen gibt es kaum einen Gedanken." „Ja, wer soll und darf eigentlich komponieren?" hören wir fragen. Und wir antworten unbefangen: ..Jeder, der die für das Komponieren nötigen wissenschaftlichen Behelfe sein Zeigen nennt und sein eigenes Talent an den Schöpfungen großer Vorgänger erprobt hat, möge sich doch auf dem weiten Gefilde der Komposition herumtmmneln." Wer von uns ließe -es sich wohl gebieten, das in seinem Herzen sich regende Bedürfnis musik-schöpferischer Betätigung gewaltsam zurückdümmen Zu müssen? Alle großen Menschen haben ja einmal angefangen — doch veröffentlicht soll und. darf nicht alles werden. Trachte doch ein jeder von uns, zuvörderst ein kleines und still wirkendes Rädchen zu . werden in dem großen Triebwerke des Synagogengesanges, vielleicht wird es, wem: auch nichl die Mit-, doch die Nachwelt dankbar anerkennen, daß ohne dieses kleine aber überaus w i ch t i g e R ä dch en das große Werk samt seinen großen Rädern endlich stehen geblieben wäre. Luge man nicht phantastisch hinaus nach den Sternen in blauer Himmelshöhe, um dort oben neue Welten zu entdecken; höre man doch ans, ein Stück Symphonie, einen Teil eines Streichquartettes, oder gar eine bekannte Opernarie rc. dem Syuagogengesange einzuverleiben und sich an dem bestehenden, aber so arg verkannten Synagogengesangsstil zu versündigen; zerre man nicht gewaltsam die Oper auf len Almemor! Was hat Richard Wagner in der Synagoge zu tun? Müssen denn, weil unsere Ohren nach vielen Jahrzehnten sich endlich an die Unebenheit gewisser Dissonanzen gewöhnt haben, diese unendlichen Melodien auch beim inbrünstigen Gebete desjenigen Volkes erklingen, welches der Schöpfer derselben durch sein „Judentum in der Musik" so lieblos und schnöde behandelte? Allein, so verwerflich diese Kompositionsrichtung auch erscheint, sie könnte immerhin noch als dwar beifcto, als Zeiterscheinung geduldet werden; jedoch wie possierlich erscheint die Tatsache, wenn echt punzierte polnische Chasanim moderne Komvositionen veröffentlichen, und wiederum ultramoderne Chor- und Orgelkantoren ihre komponistische Befriedigung darin finden, sogenannte „hebräische Gesänge" in eine modern-harmonische Gewandung zu zwängen. Weshalb bleibt nicht jeder bei seiner Eigenart und arbeitet nicht mit heißem Bemühen an der möglichsten Erweiterung des ihn umgebenden Horizontes, anstatt sehnsüchtig nach jenen, ach für ihn gar so fernen Gefilden auszublicken, die trotz allem Bemühen niemals eine erfolgreiche Stätte seiner Wirksamkeit bleiben können. Ja, blieben diese zweifelhaften Kompositionen unter uns, so wäre schließlich der Schaden nicht so groß, allein diese mit auffallender Ausstattung und prunkvollen Titeln (denn ohne Oberkantortitel geht es ja heutzutage selbst auf dem kleinsten Neste nicht mehr) versehenen minderwertigen Musikprodukte werden in Gesellschaft Sulzerscher und Lewandowskyscher Werke in Schaufenstern ausgestellt und erregen demnach die Neugierde Andersgläubiger, die doch auch einmal erfahren möchten, was diese sogenannten jüdischen Kantoren eigentlich produzieren. Daß sich Gott erbarme, in welchem Lichte die jüdisch-kantorale Kompositionskunst da erscheint. Und fragen wir, wenn Herr Oberkantor X oder X, lediglich zur Befriedigung eines ihm nicht gebührenden Ehrgeizes in leichtfertiger Weise feine komponistische Bedeutungslosigkeit der Oeffentlichkeit anheimstellt, wie kommen diejenigen, die sich redlich und ehrlich jahrzehntelang mit der wissenschaftlichen Vorbereitung fiir ihren Beruf abgeplagt, dazu, durch die Unwissenheit derjenigen, die sich aus eigener Machtvollkommenheit Oberkantor nennen, an den Pranger gestellt zu werden? Auch hier ist nur dann Wandel zu schaffen, wenn unsere Kantoratsjünger, gleich den RabbinatskaNdidaten, an einer öffentlichen Lehranstalt durch erfahrene und fachlich bedeutsame Lehrer künstlerisch und allgemein herangebildet werden, und zwar nicht allein zur Handhabung eines h o h e n o d e r starken Tones, sondern auch zur Erlangung eines „guten Tones". Dieser letztere wird dann der beste Ratgeber sein, wer die Berechtigung habe, als Komponist der Oeffentlichkeit gegenüber aufzutreten und dürfte auch endlich die interessante Deutung erbringen, weshalb beispielsweise Wien nur einen Oberrabbiner besitzt, jeroch mit einer Legion von „Oberkantoren" gesegnet ist. (Schluß folgt.) Uerschiedene Nachrichten. Wien. Montag, den 5. d. M., präzise J/25 lU)r, findet int Tempel, VIEL, Neudeggergasse 5, die feierliche Einhüllung der Gedenktafel für weiland Ihrer Majestät Kaiserin Elisabeth statt. Wien. Der t. k. n.-ö. Landesschulrat hat an die Direktionen der Mittelschulen nachstehenden Erlaß gerichtet: „Die Direktion wird aufgefordert, bet Eröffnung des Schuljahres 1904/5 dem Umstande Rechnung zu tragen, daß am 19. September d. I. der israelitische Bersöhnungstaa fällt, an dem die Schüler israelitischer Konfession vom Schulbesuche und jeder Art von Prüfungen freizuhalten sind. Dieser Erlaß ergeht an die Direktionen sämtlicher Mittelschulen (Gymnasien und Realschulen) in Niederösterreich, dann der k. k. Lehrerbildungsanstalt in Wien und Krems und der k. k. Lehrerinnenbildungsanstalt in Wien. Vom k. k. n.-ö. Landesschulrate: Bienerth m. p." Wien. (DerStadtrat und die israelitische Kultusgemeinde.) Die Vertretung der israelitischen Kultnsgemeinde hatte sich an den Stadtrat gewendet zum Zwecke der käuflichen Erwerbung des an die Realität Nr. 4 in der Seitenstettengasse (das Tempelgebäude) grenzenden Arrondierungsstückes. Der Stadtrat hat nun auf den Antrag des Herrn Bielohlawek beschlossen, der Kultusgemeinde bekannt zu geben, daß die Kommune Wien derzeit nicht in der Lage sei, in Verhandlungen über die an das Tempelgebäude angrenzenden Grundteile einzutreten. Wien. (F ün fun dzw a n z i g j ä h r i g e s Amtsjubiläum.) Der I. Kantor der Wiener Kultus gemeinde und II. Vizepräsident des österreichisch-ungarischen Kantorenvereines, Herr Moriz Blatt, vollendet am nächsten Sabbath Bereschith, d. i. am 8. Oktober, das 25. Jahr seiner Amtstätigkeit bei der Wiener Kultusgemeinde. Bei den mannigfachen Sympathien, deren sich Herr Blatt infolge seiner musterhaften und tadellose» Amtsführung in der Gemeinde erfreut, wird sein Jubiläumstag sicherlich in gebührender Form begangen werden, und auch seine Kollegen werden ihm gewiß bei diesem Anlasie ihre Dankbarkeit für sein langjähriges aufopferndes Walten im österr.-ungar. Kantorenverein zum Ausdruck bringen. Wien. In der heutigen Zeit, wo der Abfall vom Judentum namentlich in den höher» Kreisen der jüdischen Gesellschaft so oft zu Tage tritt, ist es eine doppelt erfreuliche Erscheinung, wenn in einem vornehmen Hause der Sinn für jüdische Sitte und Tradition rege erhalten und die Zugehörigkeit zum Judentum offen betätigt wird. Diese Erscheinung bot sich am letzten Samstag im Tempel in der Seitenstettengasse, als der Sohn des Freiherrn Alexander von Popper de Podhragy, Freiherr Ernst von Popper, seine Barmizwa beging. Der Konfirmand rezitierte die Segenswünsche und die Haftora mit vielem Verständnis und der von Herrn Öberkantor Singer vorgetragene Mischeberach, sowie die Ansprache des Herrn Oberrabbiner Dr. Güdemaun machten auf ihn sichtlichen Eindruck. Baron Alexander von Popper, der die rühmliche Hochherzigkeit seines sei. Vaters, Baron Leopold von Popper, für wohltätige Zwecke bei jeder sich darbietenden Gelegenheit zu widmen, nachzustreben sucht, spendete aus diesem Anlasse für die Armenanstalt 1000 K, Versorgungsanstalt 1000 K, Kinderbewahranstalt 1000 X, Frauenhort 600 K, Theresien Kreuzer-Verein 400 K, Blindeninstitut 500 K, israelitischen Hand lungsaugestellten 300 .K, Taubstummeninstitut 200 K und bei dem Mischeberach für die Tante Frau Josefine von Popper zur Verteilung an Arme der Heimatsgemeinden Hlinik und Kotescho in Ungarn 600 K. Dem feierlichen Akte wohnten außer den Familienangehörigen der Prokurist des freiherrlichen Hauses, Herr Paul Keller, der langjährige überaus verdienstvolle Disponent, Herr Ernst Ungar, der in nächster Zeit sein 25 jähriges Jubiläum im Hause Popper begeht, und Herr kais. Rat Becher bei. Wien. Samstag, den 27. August ist in Ebensee Frau Amalia Horner, die Mutter des Prokuristen des Hauses Rothschild und Vorstehers der Wiener Kultusgemeinde, Herrn Emil Horner, nach kurzem Leiden im 77. Lebensjahre gestorben. Die Verblichene, eine Tochter des berühmten Rabbi Ascher Lamberg, war eine edle Frau von seltenen Tugenden und ihr Heimgang wird nicht nur von ihren Kindern, die sie vergötterten, beweint, sondern auch von einem großen Freundes- und Berwandien-Kreise und allen Jenen, die ihr im Leben näoer zu treten Gelegenheit hatten, tief schmerzlich empfunden. Die Leiche wurde nach Wien überführt und hier Mittwoch, den 31. August auf dem Zentralfriedhofe unter zahlreicher Teilnahme zur ewigen Ruhe bestattet. Außer den Söhnen, Schwiegersöhnen

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