Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 35 (2.9.1904)
- Date
- 1904-09-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 35. Die Wahrheit Seite 5. jüdischen Einflusses, sagen sie, sei gefährlich, weil die germanische (oder überhaupt nordeuropäische) und die semitische Rasse zu weit von einander entfernt, seien und weil der semitischen die höchsten Eigenschaften fehlen. Die unwissenschaftlichen oder ungebildeten Antisemiten, das heißt diejenigen, die Antisemiten sind, weil sie sich der jüdischen Konkurrenz geistig nicht gewachsen fühlen, leugnen die sittliche Ebenbürtigkeit. Die Konsequenz, zu der die Antisemiten mit dem Gefühl der geistigen Ueberlegenheit gelangen, ist: Leben wir neben den Juden, aber nicht mit den Juden. Die Konsequenz, zu der die Antisemiten mit dem Gefühl der sittlichen Ueberlegeuheit gelangen, ist: So lang man die Juden nicht hinausjagen kann, soll man sie wenigstens beschimpfen und verläumden. Unter den Juden wiederum gibt es drei Standpunkte. Der eine ist: Wir sind innerlich ebenbürtig, wollen aber unseren Nachkommen die äußere Ebenbürtigkeit durch Assimilierung und Vermischung sichern. Der zweite ist: Wir sind innerlich ebenbürtig und wollen es auch äußerlich sein, obwohl wir Juden bleiben wollen; wir wollen, daß bei der Vergebung von öffentlichen Stellen der Jude nur nach seinen Fähigkeiten beurteilt werde, genau so wie der Christ; wir wollen, daß man in die Synagoge gehen und doch Minister sein könne, als ginge man in die Kirche. Der dritte ist der zionistische: Auf äußere Ebenbürtigkeit ist keine Hoffnung, ebensowenig wie in Rußland auf Gleichberechtigung; darum bleibt nichts anderes übrig, als einen eigenen Staat zu gründen, natürlich in Palästina; dort sind wir unter uns und erhalten unsere Individualität. Wie steht es nun mit der j ü d i s ch e n I n d i v i d u a l i t ä t und der Möglichkeit ihrer Erhaltung und Entwicklung? Wie würde sie gedeihen, wenn es tatsächlich gelänge, die Großmächte nicht nur zur Eroberung Palästinas für die Juden zu bestimmen — denn Palästina könnte nicht einmal den zwanzigsten Teil der Judenschast beherbergen — sondern auch, was unbedingt nötig wäre, zur Eroberung des zukunftsreichen Mesopotamien; wenn es gelänge, sie zu diesem Akte der Großmut und des Verzichtes zu bewegen, und wenn man überdies sich darüber hinwegsetzen würde, daß sich für diejenigen Juden, die in dem neuen Reiche keinen Platz fänden und Zurückbleiben müßten, alle Schwierigkeiten, vor denen sie jetzt in Europa stehen, verdoppeln, ja verzehnfachen würden; mit einem Worte, wenn der zionistische Traum zur Wirklichkeit würde? Daß die Judenschaft eine Individualität ist und eine starke Individualität dazu, wird niemand leugnen. Nur dadurch ist sie überhaupt, da Land und Sprache ihr längst verloren gegangen sind und stellenweise selbst die Religion abgebröckelt ist, ein Volk geblieben. Diese Individualität ist zunächst gegeben durch die Rassengemeinschaft des Volkskernes, der semitisch ist und dessen Grundzüge sich dem ganzen Volke mehr oderweniger aufprägten, und in zweiter Reihe durch die well mehr als zweitausendjährige Gemeinsamkeit des geistigen Lebens, der Schicksale, der Sprechweise, eine Gemeinsamkeit, die immerhin so tief wirkte, daß nicht nur Juden, welche die, wie man glaubt, semitische Gesichtsbildung und Färbung haben, sondern fast alle Juden schon an ihrem physiognomischen Ausdruck als solche zu erkennen sind. Die Grundzüge der jüdischen Individualität sind das hartnäckige Hoffen und das Nebeneinanderwohnen von Phantastik und nüchterner Verstandesmäßigkeit. Mit ihrem hartnäckigen Hoffen, dessen Kehrseite das leidenschaftliche Klagen ist, haben die Juden der Welt die Psalmen und den Messiasglauben gegeben, der den Mittelpunkt des Christentums bildet. Die Juden haben früh aufgehört, sich unter natürlichen Bedingungen zu entwickeln; das geistige Produkt ihrer von Kämpfen erfüllten Naturzeit sind die ebenso kunstlos wie lebensvoll erzählten Bibelgeschichten mit ihren typischen Gestalten und die Liebeslyrik; das geistige Ergebnis ihrer Untergangszeit ist die Verinnerlichung der Religion. Ob die Liebeslyrik, die im Hohen Lied dramatisierende Formen annimmt, sich mit der Zeit zum Drama hätte entwickeln können, läßt sich weder behaupten, noch verneinen; daß die Juden auch bei längerer selbständiger Existenz keine nennenswerte bildende Kunst erzeugt hätten, müssen wir trotz der Leistungen der verwandten Babylonier und Assyrier als wahrscheinlich anseheu. Lust und Begabung zum Technischen scheint gefehlt zu haben. Die umgebende Natur machte auf die Juden freilich einen großen Eindruck; überall spiegelt er sich in der Bibel wieder, viel stärker als im griechischen Epos. Sie wissenschaftlich zu betrachte:,, dazu war der Jude zu subjektiv und zu sehr auf die Menschenwelt und das Moralische gerichtet; selbst die Logik um ihrer selbst willen lag ihm zu fern. So war das jüdische Volk, als es aus dem Boden gerissen wurde, auf dem es dann vorübergehend wieder eine selbständige Existenz versuchte, die es, nachdem es noch dem Christentum das Leben gegeben hatte, endgiltig verlor. (Schluß folgt.) Ans der Vergangenheit nnd Gegenwart Ungarisch-Krods. (Fortsetzung.) Es bot einen imposanten Anblick, die Juden von ganz Ungarn nach Brod wallfahren zu sehen, wo über die Zeit der Feiertage aus Mangel an Wohnräumen Hütten errichtet wurden. Wer nicht gekommen war, erlegte 100 Dukaten Strafe. Als ein Jude einige Jahre nicht nach Brod zurückkehrle und der Herrschaft die Gebühren nicht entrichtete, da erwirkte sich Maximilian Ulrich von Kaunitz das Mandat an den Vizegespan des Neutraer Komitates, daß dieser den Juden so lange in Haft behalte, bis er ihn durch seine Büttel holen werde. Der Fürst wachte mit Eifersucht darüber, daß ihm kein Titel der Alleinherrschaft über die Juden entzogen werde. Ersah nicht gern, daß der Graf von Beczko laut Urkunde a dato 11. Juli 1689 von den dort.und in Neustadt wohnenden Broder Juden 60 Gulden Schutzgeld forderte. Er fürchtete die Verkürzung seiner Autorität und Einnahme; denn er betrachtete die Broder Juden als ein ausschließlich ihm gehöriges Rupfobjekt. Noch weniger wollte er von der Bestrafung der Broder Juden in Ungarn hören. So stieß der Graf Maximilian Ulrich von Kaunitz mit dem Grafen Pallfy zu Bojnitz zusammen, weil derselbe dem Broder Josef Hirschel ein Pönale von 100 Dukaten auferlegt hatte. Er tauschte mit diesem brieflich einige Höflichkeiten aus, deren Kosten der gerupfte Jude trug. Bei seiner Rückkehr nach Brod mußte er von neuem eine hohe Geldsumme zahlen. Besonders strenge behandelte er die Broder Juden, welche Neigung zeigten, sich von der Muttergemeinde loszusagen. Er gestattete ihnen wohl ihre Funktionäre, als Rabbiner und Schächter zu bestellen, doch die Vorsteher der Gemeinde Verbov, Neustadt und Trencsin mußten in Brod gewählt werden; nur sollte ihnen die Zeit der Wahl und die Namen der Gewählten laut fürstlicher Bestimmung durch Boten bekannt gegeben werden. Die Gewühlten mnßten geloben, sich allen Befehlen der Broder Gemeinde zu unterwerfen. Im Jahre 1730 wählten die Werbauer selbst ihre drei Vorsteher. Darüber herrschte große Entrüstung in Brod. Doch um des Friedens willen kassierte man die Wahl nicht, sondern wühlte blos einen vierten zu den dreien. Als sich aber die Werbauer dagegen sträubten, wurden sie vor das Broder Gericht gefordert. Sie leisteten aber keine Folge und verhielten sich gleichgiltig gegen die Drohung, daß sie von allen Gemeinden Mährens und Ungarns mit dem Banne belegt werden. Daraufhin schickte Graf Kaunitz ein Schreiben an den Grasen Erdödi, daß die Widerspenstigen nach Brod geschickt werden sollten. Reumütig kamen sie und erklärten sich zur Zahlung von zwölf Dukaten an die Herrschaft und sieben an den Vizegespan bereit. Auch die Juden Neustadls wollten sich, gereizt von dem oft genannten Rabbinerssohn Ch. Kohn und dessen Schwiegervater Moses, von Brod losreißen. Auch sie leisteten der Einladung keine Folge. Als aber der fürstliche Befehl kam, daß ihre Frauen sofort nach Brod gebracht werden sollten, erst dann fügten sie sich der alten seit Jahrhunderten bestehenden Verordnung, erkannten die Oberhoheit der Gemeinde Brods an und trugen sowohl zur Beköstigung der durchreisenden Armen, als auch zur -.tim-wwfW.