Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 34 (26.8.1904)
- Date
- 1904-08-26
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. Die Wahrheit Nrb34-- eines angesehenen Generals aus K., der sich schrecklich dem Trinken und anderen Schwelgereien hingab. Sein Vater erfuhr von feines Sohnes ungeziemendem Treiben, rügte ihn sehr und drohte ihm mit der Entziehung der monatlichen Zulage; allein das alles fruchtete nichts. Eines Tages sprach mich der Fähnrich sehr bestürzt an: ..GospodinO) Karainsky! Ich bekomme richtig keinen roten Groschen vom Hause mehr. Dir schulde ich 300 Rubel, wie ich Dirs bezahlen soll, k tscliortu!7) ich weiß es nicht! Indessen heißt es heute im Tagesrapport, daß ich zum Porutschik) befördert wurde. Ich brauche zur neuen Adjustierung unbedingt ein Sümmchen von Minimum 250 Rubel. Du weißt, ich kenne in Suwalki außer den Offizieren. die selber nichts haben, niemanden und seitdem ich nicht zu blechen vermag, wenden sich selbst diese von mir ab. In Deiner Hand also, Gospodin Karainsky, liegt momentan mein Schicksal: Du borgst her, oder ich jage mir eine Kugel durch den Schädel! Poni maesch? '9) Ich überlegte nicht lange und gab ihm die gewünschte Summe. Der junge Mensch fiel mir zu Füßen, küßte mir die Hände und beteuerte anders, ganz anders zu werden. Dann ging' er. Er wurde richtig Porutschik; aber schon nach einigen Monaten zog das 6. Ülanen-Regiment, in welchem er diente, in den türkischen Krieg, und seit jener Zeit hörte ich nicht das geringste von ihm. Ich dachte, er sei im Krieg gefallen. Vor einigen Monaten nun kramte ich in meinen Briefschaften herum und fand den Wechsel des besagten Porutschik. Ich dachte, ich werde mich auf die Reise nach K. zu seinen Eltern machen, vielleicht tilgen sie die Schuld ihres Kindes. Gesagt, getan! Ich fuhr hin, erkundigte mich, wo der General Tfch. wohne, meldete mich und wurde anstandslos vorgelassen. Kaum öffne ich die Türe, da kommt mir ein junger Offizier entgegen, schließt mich in seine Arme, küßt mich und schluchzt: „Gospodin Karainsky! Gospodin Karainsky! Ich bin ein Taugenichts, daß ich an Dich vergessen!" Er erzählte mir, daß sein Vater im Kriege gefallen sei und er heute bereits die Stelle seines Vaters einnehme. Er führte mich dann in seinen Salon, wo sich feine alte Mutter und seine junge Frau befanden, stellte mich ihnen vor und hieß mich seinen Lebensretter. Hierauf wies er mir ein Zimmer an, sorgte ftir rituelle Küche für mich, legte eine Tasche Cigaretten auf meinen Tisch, bat mich hier auszuruhen und verließ mich mit den Worten: „Werde schon was ausspekulieren!" Am nächsten Morgen klopfte es an meine Türe, und mein Gönner trat ein. „Höre!" fing er an, „ich dachte lange, lange nach, was ich für Dich tun könnte, und kam endlich zum Entschlüsse : Du sollst nicht länger, verachtet und verhaßt von allen, ein Jude bleiben. Siehe, Dein Glauben ist ein vermoderter, er bringt Dir nur Leiden! Nimm die Taufe an und — sei glücklich!" Ich lächelte und sprach: „Herr General, laßt mich bei meinem Glauben, nach diesem Heile lechzt nicht meine Seele; ich war und will Jude bleiben!" „Ho, ho!" fuhr mich der Offizier barsch an, „ich dulde keinen Widerspruch! Du gehorchst, oder Du lebtest heute den letzten Tag! Ueberlege Dir's, nach zwei Stunden komme ich her, die Antwort zu holen!" Spracht, schlug die Türe zu und ging. Ich fing gottergeben an, die Widuj zu sagen und bereitete mich, ohne etwas zu überlegen, zum Sterben vor. Nach abgelaufener Frist kam der General mit dem Revolver in der Hand in mein Zimmer und sprach schroff: „Jude, was ist Dein Entschluß?" „In Deine Hand befehle ich, Herr, meine Seele!" setzte ich mein Gebet fort und streckte meine Brust dem Offizier entgegen, um den Schuß zu empfangen. Er schoß! Piff, paff! krachte es, aber — mit leerem Gewehr. Dann umarmte er mich, küßte mich und sprach: „Du bist ein glückliches Geschöpf, da Du eine Prüfung bestanden hast. Du bist in meinen Augen ein Held, der ob seines Glaubens, ob seiner Ueberzeugung mutig zu sterben - vermag!" Dies sprechend überreichte er mir eine Börse mit 15.000 Rubel, dankte mir vielmals und bat mich, ihn wieder bald zu besuchen. 6) Herr. 7) Zum Teufel. 8) Leutnant. 8) Verstanden? Im Monate August sind bei der israelitischen Kultusgemeinda Wien folgende Stiftungen zu verleihen: Klara Krasnopolski’sche Gebet- und Wohltätigkeits-Stiftung per K 100 au mehrere Arme. Heinrich Stern’sche Heirats-Ausstattungs-Stiftung 1 Platz per El 260 an ein armes, braves, jüdisches Mädchen (vorzugsweise an ein solches, welches mit dem Stifter verwandt ist.) Adam Herzfeld’sche Ausstattungs- Stiftung per X 220 an ein mit dem Stifter verwandtes, armes, sittsames Mädchen. Josef und Cäcilie Adler-Stiftung für Wohnungsmiete, Beiträge vorzugsweise an Witwen und alleinstehende weibliche Porsonen per K. 240 in Beträgen von EL 40 bis X 60 an arme Personen israe-, litischer Religion. Heinrich S. Reitlinger’sche Wohltätigkeits Stiftung per X 200 an eine verarmte, würdige, israelitische Familie, die in Wien wohnhaft ist und in deren Mitte Sinn für die Religion herrscht. Von dem Magistrate zu verleihen : Theobald Uffenheimer’sche Gewerbe-Stiftung. Zwei Stiftplätze für Gewerbsleute Israel. Xonfession mit dem Bezüge von je X 200. Die näheren Bestimmungen über diese Stiftungen sind aus den vollständigen, in Nummer 31 u. 32 unseres Blattes enthaltenen Ausschreibungen sowie an den Xundmachungstafeln der Xultusgemeimlebethäuser zu ersehen Josef und Cäcilie Adler-Stiftung für Wohnungsmiete, Beiträge vorzugsweise an Witwen und alleinstehende weibliche Personen Am 26. Oktober 19i>4 gelangen bei der israelitischen Kultusgemeinde Wien die lj2 jährigen Zinsen der obigen >tiftuug pr. X 240 in Beträgen von K 40—60 an arme Personen israelitischer Religion behufs Bezahlung der Wohnungsmiere zur Verteilung. Die Bewerber haben die mit dem Nachweise ihrer Armut versehenen Gesuche bis 31. August 1904 im Einreichuhgsprotokolle der israelitischen Kultusgemeinde Wien, I., Seitenstettengasse 4,1. Stock, von 9 bis 12Uhr vorm., woselbst auch Gesuchsblanketie unentgeltlich zu beheben sind, zu überreichen. Arme Verwandte der Stitterin, Frau Cäcilie Adler, sodann Witwen mit unversorgten Kindern, ältere hilfslose Frauen und Mädchen, die sich durch Handarbeit ernähren, endlich dem Lehrfache an gehörige Personen werden in erster Linie berücksichtigt. Auszüge aus den Matriken der israelitischen Kultusgemeinde Wien sind als Gesuchsbelege nicht erforderlich und genügt die genaue- Angabe der betreffenden Daten. Nicht entsprechend belegte oder verspätet überreichte Gesuche werden nicht berücksichtigt. Wien, 1. August 1904. Der Vorstand der Israel. Xultusgemeinde Wien. Heinrich 5. Reitlinger’sche Wohltätigkeits-Stiftung. Am 26. Tischri (6. Oktober 1904) als am Sterbetage des sei. Herrn Heinrich 8. Reitlinger gelangen die Zinsen aus obiger Stiftung im Betrage von K 200.— an eine ,verarmte, würdige, israelitische Familie, die in Wien wohnhaft ist und in deren Mitte Sinn für die Religion herrscht*-, zur Verleihung. Bewerber um diese Stiftung haben ihre mit einem Armutszeugnisse belegten Gesuche bis-31. Auqust 1904 im Einreichungsprotokolle der israelitischen Xultusgemeinde, I. Seitenstettengasse 4, zu überreichen, woselbst auch Gesuchsblankette während der Amtsstunden von 9—12 Uhr vormittags unentgeltlich zu beheben sind. Auszüge aus den Matriken der isr. Xultusgemeinde Wien sind als Gesuchsbelege nicht erforderlich und genügt die genaue Angabe der betreffenden Daten. Auf verspätet überreichte oder nicht gehörig belegte Gesuche wird keine Rücksicht genommen. Wien, 1. August 1904. Der Vorstand ■ der Israel. Kultusgemeinde Wien. Theobald Uffenheimer’sche Gewerbe-Stiftung. Am 28. November 1904 gelangen aus dieser Stiftung für verarmte oder arbeitsunfähige wohlverhaltene Gewerbsleute zwei Stiftplätze für Gewerbsleute israelitischer Konfession mit dem Bezüge von je K 200.— zur Verleihung. Bei der Verleihung dieser Stiftplätze gemessen ein Vorrecht: 1. Verwandte des Stifters, 2. nach Wien zuständige oder in den Bezirken Leopoldstadt oder Brigittenau in Wien oder in Wien überhaupt geborene Bewerber. Die diesfälligeu Gesuche sind längstens bis 24. September 1904 im Einreichungsprotokolle de-- Magistrats-Abteilung XIII oder bei den Bezirksvorstehern des II. und XX. Wiener Gemeindebezirkes, bezw. bei der Vorstellung der israelitischen Kultus»emeinde Wien zu überreichen und denselben die Geburtsscheine, der Ausweis über die Zuständigkeit, ein Armuts- oder Mittellosigkeitszeuguis, ferner der Ausweis über die Mitgliedschaft einer» Genossenschaft, eventuell die Bestätigung der Genossenschaft, dass Bewerber sein Gewerbe wegen Arbeitsunfähigkeit zurücklegen musste, sowie Ausweise über die Verwandtschaft mit dem Stifter beizulegen. Auf nicht gehörig belegte oder verspätet einlangende Gesuche wird keine Rücksicht genommen werden. Nur die mit einem legalen Armutszeugnisse versehenen Gesuche sind stempelfrei. Vom Magistrate der k. k. Reichshaupt- und Residenzstadt Wien, 22. Juli 1904. CSESk? jMPgmuEr*mcMa!fE3"j■»«■wmiuwi