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Die Wahrheit · 1904-08-26 · Heft 34 (26.8.1904) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 34 (26.8.1904)
Date
1904-08-26
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 34. Die Wahrheit Seite 7. Marienbad. (Kai fer b esuch in BD h m en.) Als der Kaiser i hier zu Besuch des König Eduard von England weilte, empfing er zahlreiche Huldigungs-Deputationen und darunter auch die der Kultusgemeinde Marienbad. Der Monarch richtete huldvolle Worte au den Kultusvorsteher Herrn Emil Baruch, indem er diesen fragte, wie groß die Gemeinde sei und hierauf bemerkte: „Sie haben hier eure schöne Synagoge. Ich habe sie im Vorüberfahren gesehen." Der Vorsteher erwiderte: „Wir schätzen uns glücklich, Eurer Majestät huldigen zu können. Der Monarch fragte dann, wie lange der Tempel stehe, und erfuhr, daß das Haus vor zwanzig Jahren gebaut wurde. Den Rabbiner Dr. Goldberger, der noch ein junger Mann ist, fragte der Kaiser: „Sie sind wohl erst kurze Zeit hier?" „Acht Jahre, Majestät," erwiderte der Rabbiner. „Sie sind noch so jung und schon so lange im Amte?" fragte der Monarch, und dann auf die Jubiläumsmedaille blickend, die der Rabbiner an seinen Tatar geheftet hatte: „Sie waren beim Militär? Wohl als Seelsorger?" Dr. Goldberger erwiderte, er habe als Einjahrig-Freiwilliger gedient und in Bruck vor dem Kaiser defiliert. - In Pilsen hatte sich auf dem Bahnhofe Herr Kultusvorsteher Dr. Schanzen eingesunden, in Budweis. Rabbiner Dr. Wunder mit dem Kultusvorstande, und in Karlsbad empfing der Kaiser eine Abordnung der israelitischen Kultusgemeiude mit dem Rabbiner Dr. Ziegler au der Spitze. Prag. Fräulein Anna Fried, Tochter der Schriftstellerin Frau Babetta Fried ans Prag, hat sich mit Herrn Arthur Gärtner verlobt. Budapest. Der Oberkantor der Pester orth. israelitischen -Gemeinde David Hartmann, wurde von der Gemeinde „Adaß Jißroel" in Berlin zu einem Probevortrage berufen, der auch Samstag, 23. Juli, erfolgte. Herr Hartmann, der mir seinen glänzenden Fähigkeiten der -Synagoge ini Örczy'schen Hause zur Zierde gereicht, hat sich die Berliner im Sturm erobert. Anläßlich seines Vortrages war der Tempel in Berlin sehr zahlreich, darunter auch von vielen vornehmen Persönlichkeiten. besucht. Nun erwartet die Berliner Judenschaft gleichsam mit Besorgnis die Entschließung dieses Kantors, ob er nämlich die ihm angebotene Stellung annehmen werde, da dieser patriotisch fühlende Mann, der nebst feiner musikalischen und Vortragsfähigkeit auch ein ausgezeichneter Ungar ist, darüber nachdenkt, ob er seinen vaterländischen Boden der glänzenden Stellung zuliebe verlassen soll. Herr Isidor Rosenblüth, Präses der Gemeinde „Adaß-Jißroel", und die übrigen Vornehmen derselben ersuchten den liebgewonnenen Chasen, den neuen Posten je eher anzutreten. Arad. Unser allgemein verehrter Oberkautor, Herr David K o h u, Der auf eine mehr als fünfzigjährige, ausgezeichnete und allgemein anerkannte Berufstätigkeit zurückblicken kann, begeht am ersten Tag Rosod haschonoh seinen 70. Geburtstag. Die vielen Freunde und Verehrer des Jubilars, deren er hier und auswärts, weit und breit unzählige besitzt, werden diesen Tag gewiß nicht achtlos vorübergehen, lassen. Berlin. Nach Berichten aus Dünaburg in Rußland hat dort die Judenauswanderung einen noch nicht dagewesenen Umfang erreicht. In der letzten Zeit reisten täglich 10 bis 15 Familien nach Amerika ab. Seit Jänner haben nahezu 2000 Familien Dünaburg verlassen. Augsburg. Der Lehrer und Kantor der hiesigen israelitischen Äultusgemeinde, Ernst Frankl, hat an der philosophischen Fakultät der Universität Bern das Doktorexamen magna cum laude bestanden. Seine Dissertation behandelt das Thema „Ueber Borstellungselemente und Aufmerksamkeit, ein Beitrag zur experimentellen Psychologie". Herr Dr. Frankl ist ein Schwabe und in Altenstadt a. Iller geboren. Bukarest. (Brand einer Synagoge.) Die große und schöne Synagoge in der Str. Cozia in Piatra-Neamtz, welche von den Juden dieser Stadt mit großen Kosten erbaut worden ist, wurde vor kurzem ein Raub der Flammen. Gegen 4 Uhr morgens sah der in der Straße postierte Polizeisergeant aus einer neben dem Gvtteshause befindlichen kleinen Hütte Flamnien züngeln und in dem gleichen Augenblicke brachen die Flammen auch aus der Synagoge aus. Der Polizeisergeaut schlug sofort Allarm und kurz darauf trafen die Vertreter der Behörden, sowie die Pompiers am Brandplatze ein. Mittlerweile aber hatte das Feuer große Dimensionen angenommen und hatte das Dach, sowie das ganze Innere der Synagoge ergriffen. Trotz der dringenden Gefahr aber stürzten sich einige Juden in das Innere des brennenden Gotteshauses, um die Gebetsrollen und die heiligen Gefäße zu retten, welche sie tatsächlich unbeschädigt heraustragen konnten. Gegen 8 Uhr früh endlich gelang es den vereinigten Anstrengimgen der Feuerwehr und der ausgerückten Soldaten, des Feuers Herr zu werden. Das Dach, sowie die ganze innere Einrichtung der Synagoge sind vollständig abgebrannt und von dem so stattlichen Gebäude blos die Mauer» übriggeblieben. Der Schaden ist sehr groß, und für die Kultusgemeinde in Piatra um so empfindlicher, als das Haus nicht versichert war. Die Ursachen des Brandes sind bis jetzt nicht bekannt, doch liegen Verdachtgründe vor, daß das Feuer von böswilliger Hand gelegt worden sei. Kopenhagen. Herr Rabbiner Dr. Karl Thierberger aus Komotau (Böhmen) ist als zweiter Rabbiner au der hiesigen israelitischen Gemeinde gewählt worden. New-Dork. (Fürst Uchtomski über die Zukunft der russischen Juden.) Der Herausgeber des einflußreichen Blattes „St. Petersburgskija Wjedemosti," Fürst H. Uchtomski, wurde gelegentlich eines Besuches der Ausstellung in St. Louis von einem Vertreter des New-Dorker „Amerika» Hebrew" über die Aussichten der Juden in Rußland interviewt. Der Fürst, welcher über die in den maßgebenden Kreisen Rußlands zur Zeit herrschenden An- und Absichten wohl vortrefflich unterrichtet ist, glaubt nicht, daß die gesetzliche Lage der russischen Juden in absehbarer Zeit eine nennenswerte Befferung erfahren werde. Am wenigsten aber dürfte der gegenwärtige Krieg mit Japan darin irgend eine Aenderung bringen. Eine Niederlage Rußlands werde den Juden ganz bestimmt nicht nützen (? Red.) und müssen diese daher Rußland unbedingt den Sieg wünschen. In diesem Falle werde Rußland eine neue Gruppe von Völkerschaften angegliedert werden, die sich in Sprache, Sitten und religiösen Bräuchen von dem russischen Volke so wesentlich unterscheiden, daß das den gegenwärtigen Machthabern vorschwebende Ziel, sämtliche Völker des Czareureiches zu russifiziereu, abermals in weite Ferne gerückt werden wird. Notgedrungen werde man nach der Ansicht des Fürsten Uchtomski auf die gewaltsamen Assimilationsbestrebungen verzichten und u. A. auch den Juden gegenüber mildere Saiten aufziehen müffen. In Rußland wird nämlich der Antisemitismus nicht vom Volke, sondern von dem Tschinowniktum und ihren Affilierte» getragen. Im Volke besteht gegen die Juden keine Abneigung und wenn es hin und wieder einen Krawall veranstaltet, so geschieht es steds, wenn es vom Beamtentume vorher dazu aufgestachelt wurde. Diese Ansicht stimmt mit der Meinung aller gewiegten Kenner Rußlands überein. FemUeton. Kine Reminiszenz aus dem russisch-türkischen Krieg. Von Armin Wiltowitsch. Fast wäre man versucht, in den vielen schweren Niederlagen, die das große und bisher so gefürchtete Rußland von dem kleinen japanischen Bölklein erleidet, einen Fingerzeig Gottes zu . erblicken, der keinen Frevel ungesühnt läßt und für die grausamen Verfolgungen, unter denen viele Tausende unschuldiger Glaubensbrüder zu leiden hatten, nunmehr gerechte Vergeltung walten läßt. Aber fürwahr nicht das arme, gutmütige russische Volk verdiente die harte Strafe, daß so viele Familien um ihre Oberhäupter, Eltern um ihre Kinder kämen, nein! Sie sollte vor allem jene Tschinowniks treffen, die das mächtige Reich aussaugen und ausbeuten, das unmündige Bauernvolk zu Hyänen .machen und gegen die unglücklichen, dem Verderben geweihten Juden immer von neuem hetzen. Wer kennt nicht das russische Sprichwort: Boch wissoko i zar daloko? (Gott wohnt hoch und der Zar ist weit.) Es ist wirklich eiu Wahrwort! Der Gouverneur kümmert sich blubwenig um die kaiserlichen Ukase, insoferne dieselben ihm nicht passen. Er schaltet und waltet in seinem Gouvernement nach eigenem Gutdünken und jeder Beamte bis zum KolodischniU) hinunter, betrachtet das Volk nur als eine Melkkuh. Was nicht melkbar, ist für ihn wertlos. Das Volk aber, das arm, elend und geknechtet ist. würde gewiß Ruhe geben, wenn es selber Ruhe hätte, es würde mit den Juden ganz friedlich Zusammenleben, wenn nicht der Unfrieden von der Obrigkeit, die, um sich der allgemeinen Kontrolle zu entziehen, ewige Trübe wünscht, diktiert würde. Ich kenne das russische Volk recht gut und muß gestehen, daß es — wenigstens nicht ärger ist, als ein xbeliebiges anderes Volk; daß es sogar Sekten im russischen Bauernvolk gibt, die mit den Juden eher sympathisieren, als mit den Prowoslawni-), oder Starowörz?). Die Graschdanins^), ja selbst die Militärs würden gegen die Juden nichts haben, wenn die Bureaukratie es wollte.. . . Aber sie hat guten Grund nicht zu wollen. Folgende wahre Begebenheit möge demonstrieren, wie ein I Offizier (freilich nicht jeder) über den jüdischen Glauben dachte:! Es war im Jahre 1685. als ich in der Gouvernementstadt Suwalki eine Talmndschule besuchte. An einem Sabbath wohnte ich in der Synagoge dem Vormittagsgottesdienste bei! und da wurde ein älterer Herr zur Thora gerufen, der nach j den üblichen Segensprüchen auch Gomel benschte?) Nach dem j Gottesdienste gingen mehrere Herren auf ihn zu, ihn um die! Ursache seines Gvmelbenschens zu befragen, worauf derselbe! Folgendes erzählte: Im Jahre 1876, vor dem russisch-türkischen Krieg, war ich, wie Ihr wißt, Besitzer des Restaurants „Palermo". Biele Offiziere zählten zu meinen täglichen Gästen, die zuweilen ganze Nächte durchzechten. Unter ihnen war ein Fähnrich, der Sohn ') Schutzmann. 2) Rechtgläubec. 3) Altgläuber. 4) Bürger. 5) Ein Spruch anläßlich des Entgehens einer Lebensgefahr.

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